20 Januar 2016

20. Januar, 2016


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Eigentlich hatten die Raptors im Draft 2011 keinen eigenen Erstrundenpick. Der Pick wurde 2009 für – unter anderem – Shawn Marion nach Miami abgegeben. Erst als Chris Bosh die Entscheidung traf, sich mit Dwyane Wade und LeBron James bei den Miami Heat zusammenzuschließen, kam der Pick zurück nach Kanada. Per Sign & Trade ging Bosh nach Miami und so das Wahlrecht wieder nach Toronto, mit dem dann Jonas Valančiūnas gepickt wurde. Als Toptalent gepriesen, wartet die Basketballwelt nun sehnsüchtig auf den absoluten Durchbruch des Litauers.

Hoffnungsträger Litauens 
In Litauen sind alle verrückt nach Basketball. So war und ist es auch bei Jonas Valančiūnas. Schon früh erkannten die lokalen Trainer - und mit ihnen der litauische Basketballverband - sein enormes Talent. In den Jugendnationalmannschaften spielte er nicht nur gut mit, sondern war der beste Spieler seiner Mannschaft. In jeder Altersklasse konnte er die Auszeichnung zum MVP eines internationalen Turniers mitnehmen. In den Jugendklassen dominierten die Litauer, angeführt von Valančiūnas holten sie sich Titel um Titel. 

Spätestens nach der U-19 Weltmeisterschaft in Lettland, als er sein Team zu einem deutlichen Finalerfolg über die Serben führte, wurde Valančiūnas als einer der größten Nachwuchsstars in Europa gefeiert. Knapp einen halben Monat zuvor war er von den Toronto Raptors an fünfter Stelle des NBA Draft 2011 gezogen worden. Der Center wurde schnell zum Hoffnungsträger des basketballverrückten Heimat und sollte außerdem ein elementarer Stützpfeiler der Raptors werden. 

Warten auf Valančiūnas
Die Raptors wussten, dass Valančiūnas erst noch ein Jahr in seiner Heimat Litauen verbringen würde, bevor er den Sprung über den großen Teich wagt. Denn ein Ein Jahr vor dem Draft unterschrieb das Megatalent beim litauischen Topclub Vilnius Lietuvos Rytas, mit der Option, nach dem zweiten Jahr in die NBA wechseln zu dürfen. Die einzige kanadische Franchise war vom Skillset des Big Man begeistert und daher bereit, ein Jahr auf Valančiūnas zu warten. 


Valančiūnas wurde 2011/12 mit Auszeichnungen geradezu überschüttet: MVP in der Liga, All-Star, litauischer Spieler des Jahres, zwei Mal Bester junger Spieler der FIBA und ein Platz im All-Eurocup First Team durfte sich der Center auf seine Awards-Liste schreiben. 

Rookie
Dementsprechend groß waren dann die Erwartungen bei den Toronto Raptors an den 20-jährigen, als er 2012 in seine erste NBA-Saison ging. Doch die Voraussetzungen war nicht ideal. Das Team war relativ kompetitiv und kämpfte um die letzten Playoffplätze. Erfolgreiche Jahre waren in Toronto selten, die Erfolge damit wichtiger als die Entwicklung der jungen Spieler. Head Coach Dwane Casey setzte auf die Veteranen im Team. Obwohl Valančiūnas startete, sah er im Schnitt nur 23,9 Minuten pro Spiel in seiner Premierensaison. 

Wirklich überzeugen konnte der Center seinen Head Coach auch in den nächsten Spielzeiten nicht. Als Starter war er gesetzt, aber seine Minuten auf dem Parkett veränderten sich kaum. Deshalb blieb und bleibt auch seine Produktion auf ähnlichem Niveau. 


Head Coach Casey schnitt das Spielsystem der Raptors lieber auf sein Guard-Duo aus DeMar DeRozan und Kyle Lowry zu, anstatt größere Teile der Offensive über seinen Center laufen zu lassen.

Die Usage Rate des Centers liegt auch 2015/16 weit hinter der der beiden All Star-Kandidaten zurück. Dem Head Coach jedoch die Alleinschuld an der Stagnation des Litauers zu geben, wäre falsch. Valančiūnas hat seine Probleme vor allem in der Defensive und sein Head Coach ist bekannt dafür, viel Wert auf eben diese zu legen. 

Obwohl die bisherigen Jahre nicht optimal für den Litauer und die Raptors verlaufen sind, einigten sich die beiden Parteien auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung im Sommer 2015. Mit dem 64 Mio. $ Vertrag über vier Jahre machten die Verantwortlichen rund um General Manager Masai Ujiri in Toronto den Litauer zu einem Stützpfeiler in der Zukunft der Raptoren. 

Post Up Big
Valančiūnas ist einer der besten Spieler mit dem Rücken zum Korb. Über den Sommer hat er einiges an Muskelmasse auf seinen Körper gepackt. Vor allem seine Schultern sind in diesem Jahr nochmal ein gutes Stück breiter geworden. Schmächtigere Spieler kann er inzwischen einfach wegdrücken und mit den stärkeren Jungs kann er im Gegensatz zu den vergangenen Jahren physisch mithalten. 

Am meisten kommt er durch Layups direkt am Korb zu Punkten, die er mit 58.8% sicher abschließt. 54.2% seiner Korbleger geht kein Assist voraus. Meistens wird Valančiūnas im Low Post isoliert und kann seine Moves ausspielen. Sein Lieblingsmove ist der Hakenwurf, den er mit der linken und rechten Hand einsetzen kann und hochprozentig trifft. Valančiūnas hat ein kleines, aber feines Arsenal an Post Moves und setzt diese effektiv ein. 


Außerhalb der Zone ist der Litauer keine Gefahr. 79.3% seiner Wurfversuche kommen innerhalb der Zone. Hier besteht also noch enormes Entwicklungspotenzial. Seine 75% Quote von der Freiwurflinie geben Hoffnung, dass er sich noch ein akzeptables Midrange-Game aneignen kann.

Der Wurf ist sauber und ein annähernd im Ligaschnitt getroffener Jumpshot aus der Mitteldistanz würde das offensive Spiel des Centers viel effektiver machen. Auch an seinen Finten sollte er noch weiter arbeiten. Für seine vielseitigen Bewegungen unter dem Korb geht er noch zu selten an die Freiwurflinie. 

Auch das Pick & Roll mit Lowry oder DeRozan wird Valančiūnas noch zu selten eingesetzt. Der breite Körper des Centers ist eigentlich wie geschaffen, um einen sauberen Block zu stellen. Spielen die Raptors das Pick & Roll, sucht aber meistens der Ballhandler den Abschluss am Korb. Durch die fehlende Schnelligkeit kann „JV“ nicht schnell genug zum Korb abrollen. 

Head Coach Casey setzt Valančiūnas fast ausschließlich durch Post Ups ein. Doch Casey scheint ohnehin nicht das größte Vertrauen in seinen Schützling zu haben. Die Minuten- und Wurfanzahl des Center haben sich in den letzten Jahren kaum verändert. Oft wird Valančiūnas vor allem im Anfangsviertel genutzt, dann aber im weiteren Verlauf des Spiels vernachlässigt. In der Crunch Time steht er selten auf dem Feld. Dann werden ihm Bismack Biyombo oder Patrick Patterson vorgezogen. 

Problemzone Defense
In der Defensive hat Valančiūnas die größten Baustellen. Die Raptors hatten in der vergangenen Saison eine der fragwürdigsten, weil schlechtesten Defensiven in der NBA. Mit dem Center auf der Platte waren sie dabei noch schlechter als ohnehin schon. Dies ist in der aktuellen Saison anders. Es ist zu erahnen, dass sich Valančiūnas in der Verteidigerrolle wohler fühlt und sich langsam an das Verteidigen in der NBA gewöhnt.

Durch seinen breiten, massiven Körper ist Valančiūnas relativ fußlahm und hat Mühe, das Pick & Roll effektiv zu verteidigen. Ebenso kann er sich nur sehr langsam über den Court schleppen und ist daher auch als Help Defender wenig effektiv. 

Da Valančiūnas bisher nur die dritte oder sogar vierte Option im Angriff ist, muss er sich defensiv mehr anstrengen, um sich beim Trainingsstab für mehr Spielzeit zu empfehlen. Die Verteidigungsleistung muss aber nicht für immer schlecht sein.

Aufgrund seiner Statur wird leicht vergessen, dass „JV“ gerade einmal 23 Jahre alt ist. Junge Spieler brauchen einfach Zeit, um sich an das Verteidigen in der NBA zu gewöhnen. Mit wachsender Erfahrung können manche Bälle besser erahnt und auf bestimmte Situationen adäquater  reagiert werden. 


Auf den großen Positionen sind die Raptors defensiv auch in dieser Saison nicht gut besetzt. Außer Biyombo ist kein überdurchschnittlich guter Verteidiger im Frontcourt vorhanden. Biyombo ist aber offensiv zu limitiert, um neben Valančiūnas spielen zu können.

Luis Scola hat zwar immer noch ein sehr feines Offensivspiel parat, ist aber defensiv viel zu langsam und ein Ringbeschützer war er ohnehin noch nie. Auch Patrick Patterson ist keine defensive Hilfe für den Litauer. Die Raptors müssen also darauf hoffen, dass Valančiūnas sich defensiv immens verbessert, wollen sie erfolgreich sein - in der aktuellen Saison, aber auch in der Zukunft. 

Mit seinen 2,13 Metern muss „JV“ ein besserer Ringbeschützer werden. In der vergangenen Saison gehörte er schon zu den besseren in dieser Statistik. In dieser Saison hat er sich wieder enorm verschlechtert. Die Gegner treffen 56.8 % am Ring, wenn sie vom Litauer verteidigt werden. Mit diesem Wert steht er auf einer Stufe mit Al Jefferson, Enes Kanter und Brook Lopez. 

Der Pivot hat dafür im Rebounding enorme Stärken. Dort kann er seine Größe und seinen breiten Körper ausnutzen, um sich eine vorteilhafte Position unter dem Korb zu erarbeiten. Auf den ersten Blick lesen sich seine 9,0 Rebounds pro Spiel (NBA-Rang 18) nicht elitär, aber er holt sich 19% aller verfügbaren Rebounds und befindet sich damit unter den besten Reboundern der Liga. Sollten seine Minutenzahl weiter steigen, könnte Valančiūnas zu einer Double-Double Maschine werden.  

Längerfristig in Toronto?
Idealerweise wird sich Valančiūnas zu einem Offensivcenter entwickeln, der mehrere Bewegungen auf Lager hat, um effektiv zu scoren und so seine bisher eher schwache Leistung in der Defensive auszugleichen. Valančiūnas‘ Offensive ist bereits auf einem sehr hohen Niveau und kann die Raptors über weite Strecken tragen – zumindest länger, als ihn sein Head Coach machen lässt. 

Insgesamt scheint er nicht perfekt ins System der Raptoren zu passen. Die sehr auf Isolationen und das Attackieren des Korbes von Lowry und DeRozan ausgerichtete Offensive bringt seine Stärken nur mäßig zur Geltung - er kann eben (noch?) nicht wie Patrick Patterson ein paar Schritte nach außen machen und von dort abdrücken. 

Die meiste Arbeit jedoch steht für ihn in der Verteidigung an. Head Coach Casey ist dafür bekannt, Spieler für gute Defensivleistungen zu belohnen und länger auf dem Feld stehen zu lassen.


Die On-/Off Court-Statistiken sprechen sich dabei klar für Valančiūnas aus. Mit ihm auf dem Parkett sind die Raptors 5,1 Punkte besser pro 100 Ballbesitze, während sich die Defensive nur um 0,6 kassierte Punkte verschlechtert. Soll das Ziel der zweiten Playoffrunde erreicht werden, brauchen die Raptoren Valančiūnas‘ Präsenz unter dem Korb, offensiv wie defensiv. 

Bis jetzt haben sich „JV“, aber auch die Raptors bestimmt mehr erhofft. Obwohl sie den Vertrag vorzeitig um mehrere Jahre verlängert haben, scheinen beide Seiten nicht wirklich glücklich zu sein. Auch deswegen kommen immer wieder Trade-Gerüchte um den Litauer auf. Als Valančiūnas im Dezember mit einer Handverletzung mehrere Wochen ausfiel, machte sein Vertreter Biyombo einen sehr ordentlichen Job. 

Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich das Front Office in Toronto verhalten wird. Was machen sie, wenn zum Beispiel ein Marc Gasol angeboten wird, der dem Team sofort helfen würde? Setzen sie darauf, dass sich Valančiūnas schnell verbessern und seine Schwächen ausmerzen kann? Wie lange wird sich „JV“ noch ruhig verhalten, wenn er in der Crunch Time sitzen muss? 

Vieles wird davon abhängen, ob der zum Saisonende auslaufende Vertrag von Head Coach Dwane Casey verlängert wird. Nichtsdestotrotz wird Valančiūnas in seiner dritten Saison weiter unter Beobachtung stehen. Die Raptors haben viel in ihn investiert. Ob und wie sich das lohnen wird, muss sich noch zeigen.