05 Dezember 2015

5. Oktober, 2015


Sobald in der NBA ein Trade über die Bühne geht, sind alle schnell an ihrer Tastatur, um ihre Sicht der Dinge zu Papier zu bringen. Dies ist nicht weiter verwerflich, denn multiple Blickwinkel, unterschiedliche Zukunftsszenarien und Anregungen an den Leser, sich seine eigene Meinung zu bilden, sind sowohl wichtig als auch interessant. Das Problem an der Geschichte: Inhaltlich mögen diese Analysen oft durchaus interessant sein, faktischen Mehrwert enthalten sie jedoch nicht, sondern sind immer rein spekulativ.

von PASCAL GIETLER @PascalCTB

Im Februar 2015 entfaltete sich eine Drei-Team-Transaktion, deren Details wie folgt aussahen: Philadelphia erhielt einen geschützten Erstrundenpick der Los Angeles Lakers, Phoenix erhielt Brandon Knight und Kendall Marshall, Milwaukee erhielt Michael Carter-Williams, Tyler Ennis und Miles Plumlee.

Sieht man von den Randfiguren Ennis, Plumlee und Marshall ab, kann man den Trade auf ein Geschäft zwischen den Phoenix Suns und den Milwaukee Bucks beschränken: Phoenix holte sich damals einen Borderline-All-Star für einen Draftpick, die Milwaukee Bucks sicherten sich einen ehemaligen Rookie des Jahres und Gehaltsspielraum für die anstehende Free Agency.

Hintergrund: Brandon Knight wurde im Sommer 2015 Restricted Free Agent und war aufgrund seiner Leistungen im Bucks-Trikot ein Kandidat für einen Maximalvertrag. Trotz seiner guten Leistungen (17,8 Punkte und 5,4 Assists bei 40,9% von der Dreierlinie) waren die Verantwortlichen in der Bierstadt nicht überzeugt von seinen Qualitäten. Er wurde häufig kritisierte, zu sehr auf den eigenen Abschluss bedacht zu sein. Neu-Coach und Point Guard-Legende Jason Kidd konnte mit einem solchen Spielmachertyp offenbar nur bedingt etwas anfangen.

Währenddessen spielte Michael Carter-Williams im Trümmerhaufen Philadelphia in einem derart kaputten Offensivsystem, dass auch nach anderthalb Profijahren niemand recht wusste, ob MCW ein legitimer NBA-Starter war/ist oder nicht. Seine Effizienz ließ schon in Philly zu wünschen übrig, doch viele objektive Beobachter bescheinigtem dem amtierenden Rookie des Jahres verbesserte Spielmacherqualitäten und eine gute Defensivarbeit... Dinge, die offensichtlich auch Kidd in Carter-Williams sah.


Quelle Surprise
Milwaukee war zum Zeitpunkt des Trades wohl die Überraschungsmannschaft der Saison. Mit einer Bilanz von 31-23 flirteten die Bucks sogar mit Heimvorteil in den Playoffs. Trotz des Dramas um den einstigen Defensivanker Larry Sanders hatte Coach Kidd die statistisch zweitbeste Defensive der Liga zusammengestellt (DRtg: 99,0 via nba.com).

Die Defensive sollte das neue Prunkstück in Milwaukee werden: Zaza Pachulia überzeugte als Sanders-Vertreter und ist wohl bis zum heutigen Tage stark unterbewertet. Giannis Antetokounmpo machte Fortschritte. Khris Middleton gelang neben Knight als Three-And-D-Spieler der Durchbruch. Die Überlegung, sich von Knight zu trennen, kam also nicht von ungefähr: er war nur ein Durchschnittsverteidiger ohne herausragende physische Eigenschaften, dazu kein echter Spielmacher.

Wollte ein Klub, der zu den ärmsten der Liga zählt, einem solchen Spieler in der Free Agency das große Geld hinterher schmeißen? Die Antwort war nein. Letztendlich entschieden sich die Bucks dafür, das Kapitel Knight zu schließen und Carter-Williams nach Wisconsin zu holen.

Viele Experten sahen das Schüler-Mentor-Verhältnis zwischen MCW und Coach Jason Kidd als optimal an. Auch Kidd hatte zum Beginn seiner Karriere Probleme mit seinem Wurf, entwickelte sich aber dennoch zu einem der besten Aufbauspieler aller Zeiten.

Zudem passten MCWs physische Voraussetzungen - insbesondere seine Größe und Spannweite - exzellent ins Defensivsystem von Kidd. Gegner sollten unter Druck gesetzt und Turnovers forciert werden. Der Trade machte zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich eine Menge Sinn - doch es kam anders, als die meisten Experten gedacht hatten.

Natürlich ist es risikobehaftet, seinen Starter auf der Point Guard-Position mitten in der Saison auszutauschen, denn schließlich hat der Aufbauspieler viel den Ball in der Hand und muss sich in einem neuen Umfeld erst mal zurecht finden. Auf jedes positive Beispiel für eine schnelle Eingewöhnung folgen gefühlt zwei negative.

Michael Carter-Williams war letzteres. Den versprochenen positiven Einfluss in der Verteidigung brachte MCW nicht mit. Das Defensivrating verschlechterte sich zwar nur marginal (um 0,4 auf 99,4) - aber es veränderte sich nun mal in die falsche Richtung.

Was jedoch viel schlimmer war: Nach 31 Siegen aus den ersten 54 Spielen konnten die Bucks nur noch elf ihrer verbliebenen 29 Spiele gewinnen. Für die Playoffs reichte es zwar, doch die Entwicklung war bedenklich und für viele Experten nicht wirklich nachzuvollziehen. MCWs Leistungen in der Postseason gegen Chicago gaben weiteren Grund zur Sorge.

Identität
Milwaukee legte im Sommer Wert darauf, etwas für seine Offensive zu tun - in der Defensive standen die Bucks schließlich gut da. Im Draft holten sich die Bucks Rashad Vaughn von der UNLV, der perspektivisch Scoring von der Bank bringen soll. Jabari Parker kehrte wieder fit zurück, und die eingesparten Millionen aus dem Brandon Knight-Trade investierte General Manager John Hammond großzügig in Middletons Vertragsverlängerung und die Neuverpflichtung von Big Man Greg Monroe.

So weit so gut. In der Theorie hat Kidd die komplette Vorbereitung, kann sich MCW zur Brust nehmen, die Neuzugänge einbeziehen, die Abgänge von Pachulia und Jared Dudley dürften eh keine große Rolle spielen, oder?! Leider nein.

Die Milwaukee Bucks vermissen besonders Pachulia in der Zone, der so ganz nebenbei einen guten Job bei den Dallas Mavericks macht, crashten im Defensivrating bis ans untere Ende der Liga, rangieren dort nur noch auf Platz 27 (DRtg: 106,7).

Muss man bei den Bucks differenzieren? Zieht die Bank das Rating runter? Zumindest die Line-Ups mit den langen Antetokounmpo und Carter-Williams werden doch funktionieren, oder?! Leider nein, leider gar nicht: In rund 18 Minuten pro Spiel lässt der angedachte Kern aus Monroe, Carter-Williams und Antetokounmpo sage und schreibe 109,4 Punkte auf 100 gegnerische Ballbesitze zu - die defensiv schlechteste 3-Mann-Line-Up der Bucks, die signifikante Minuten sieht.


Das wird doch nicht alles nur an MCW liegen, oder?! Naja, sagen wir mal so: Zumindest die Zahlen sagen was anderes. Carter-Williams fällt nicht nur beim Augentest unangenehm auf, auch in den meisten defensivschwachen Bucks Lineups findet man MCWs Namen.

Sobald der einstige Rookie des Jahres  auf der Bank sitzt, läuft es sowohl defensiv als auch offensiv für das gesamte Team besser. Natürlich wäre es unfair, Michael Carter-Williams zum Sündenbock der Bucks-Misere zu machen, doch er funktioniert aktuell (noch) nicht in Milwaukee.

Mit viel Wohlwollen könnte man die Schuld auch in der Akquisition von Greg Monroe suchen. Monroe hat zwar immerhin einen positiven statistischen Impact - besonders in der Offensive. Aber seine Bewegungen am defensiven Ende im Vergleich zu Zaza Pachulia sind nicht wirklich effektiv, um Passwege zu schließen, Cuts zu verhindern oder seinen Mitspielern auszuhelfen.

Milwaukee hat definitiv mit mehreren Problemen zu kämpfen und ist momentan meilenweit von der Form entfernt, die das junge Team zu einer der großen positiven Überraschungen der Vorsaison machte. Sollte Kidd nicht bald eine Lösung finden, um das verirrte Schiff wieder auf Kurs zu bringen, rücken sogar die Playoffs in unerreichbare Ferne.

All-Star/No-Star
Was macht derweil Brandon Knight in der Wüste Arizonas? Knight spielt nicht mehr länger auf Borderline-All-Star-Level, nein! Er stellt mittlerweile mit Eric Bledsoe einen der dynamischsten Backcourts der Liga, legt pro Abend 21,8 Punkte, 5,4 Assists, 4,4 Rebounds und 39% von der Dreierlinie auf. Das sind keine Zahlen eines Borderline-All-Star, sondern eines tatsächlichen All-Stars. Punkt! Auch Knight musste sich erst in Phoenix zurecht finden, doch im Gegensatz zu Carter-Williams konnte er sich dem Spiel der Suns anpassen.


Die Zahlen von Knight sollte man als Bucks-Fan besser nicht mit denen von MCW in dieser Saison vergleichen. Das es aber bekanntlich keine Bucks-Fans gibt, ein paar nackte Zahlen: 9,6 Punkte, 4,9 Assists, 3,6 Rebounds und 29% Dreier...

Carter-Williams gehört somit in der aktuellen Saison zu den ineffzientesten Spielern der gesamten Liga. Die einzigen Starting Point Guards mit einem noch schwächeren Offensivrating waren Derrick Rose und Nuggets-Rookie Emmanuel Mudiay.

Wieso waren? Weil Kidd Carter-Williams vergangene Woche ob seiner schlechten Leistungen auf die Bank verbannte. Wenn sogar der Degradierte selbst zugibt: "So, wie ich aktuell Spiele, würde ich mich auch nicht in die Starting Five aufstellen", dann ist zu MCWs derzeitiger Verfassung - körperlich und mental - eigentlich alles gesagt. Milwaukee kann zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch hoffen, dass der 24-Jährige irgendwann wieder in Tritt kommt und seinen Biss wiederfindet.

Zurück in die Zukunft?
Abschließende Gretchenfrage: Hätte Bucks-GM Hammond urplötzlich einen DeLorean in der Garage stehen, würde er ein knappes Jahr zurück fahren, um den Trade rückgängig zu machen? Würde er im Sommer 2015 seinen gesamten Gehaltsspielraum für Monroe und Middleton verbrauchen? Diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten.

Vielleicht ist es nach nur einem Saisonmonat und dem schwachen Start noch immer zu früh, um den Trade für Carter-Williams aus Sicht der Milwaukee Bucks abschließend negativ zu bewerten. Doch zum aktuellen Zeitpunkt wäre es höchst verwunderlich, wenn Hammond nicht zumindest zurück in die Vergangenheit reisen und alle Überlegungen noch einmal in aller Ruhe anstellen würde.