07 Dezember 2015

7. Dezember, 2015


Wenn irgend ein Spieler in der heutigen NBA mehr polarisieren würde als Rajon Rondo, dann wäre sein Name Rajon Rondo II. von Rondo. Für die einen ist er ein verkanntes Spielmacher-Genie, für die anderen der Point Guard mit dem nutzlosesten Boxscore-Swag der Liga. Der 29-Jährige scheint in Sacramento seine Karriere revitalisiert zu haben - aber macht er sein Team wirklich besser? Die Wahrheit ist genauso kompliziert wie Rajon Rondo selbst. 

von PASCAL GIETLER @PascalCTB

Franchise-Rekorde, spektakuläre Pässe, Triple Doubles... dennoch scheint Rajon Rondo auch in diesem Jahr keinen positiven Impact auf sein Team zu haben. Der Point Guard der Sacramento Kings hat eine ereignisreiche Woche hinter sich: Nachdem er seinem ehemaligen Arbeitgeber aus Dallas 21 Punkte einschenkte, flog er in Mexiko gegen sein Ex-Ex-Team aus Boston vom Platz, bevor er zwei Tage später gegen die Houston Rockets fulminante 19 Assists auflegte.

Rondo befindet sich im ersten und letzten Jahr seines aktuellen Vertrages und scheint nach seinem kurzen Gastspiel in Dallas wieder den Weg zurück in die Point Guard-Elite gefunden zu haben - oder doch nicht?!

Aktuell führt Rondo die NBA in Assists pro Spiel an (10,9 APG) und punktet so gut wie seit Jahren nicht mehr (12,3 PPG). Sein Team jedoch, das steht trotz Rondos Klasse, Rudy Gays Scoring, DeMarcus Cousins All-Star Niveau und einer soliden NBA-Bank mit sieben Siegen bei 15 Niederlagen im Keller der Western Conference. 


Ist Rondo vielleicht doch nicht der Schlüssel zum Erfolg für die Kings? Diese Frage ist komplex. Zumindest läuft es für die Kings ohne ihn auf dem Parkett statistisch besser, als mit ihm. Sobald Rondo das Spielfeld betritt, sinkt das Net Rating der Kings von minus-1,0 auf minus-5,4. Auch bei den Ballverlusten ist ein negativer statistischer Einfluss zu erkennen: Mit Rondo auf dem Feld geht den Kings der Ball in 17,4 Prozent aller Angriffe flöten, sobald er sitzt sinkt diese Zahl auf 14,1 Prozent. 

Diese statistischen Spielereien können natürlich nur ein blöder Zufall sein und in diesem vergifteten Kings-Team nur eine bedingte Aussagekraft haben... oder?! Naja, eine Sache steht zumindest nachweisbar fest: Seit der Saison 2011/12 hat keines seiner Teams ein besseres Net-Rating, wenn Rajon Rondo auf dem Parkett steht. Dieser Trend, der sich in den letzten Jahren etabliert hat und bei jedem seiner Stops hartnäckig fortsetzt, spricht eine andere Sprache als seine oft grandiosen Boxscore-Stats, Highlight-Pässe und spielerische Leichtigkeit.


Rondos Boxscore-Statistiken sind für neutrale Fans regelmäßig Grund für Luftsprünge, denn kaum ein Aufbauspieler findet seine offenen Mitspieler so gut und holt sich derart viele Rebounds. Apropos Rebounds: Was sind das eigentlich für Rebounds? Immer krallt sich Rondo fast sieben Rebounds pro Spiel. Ist er wirklich so ein starker Rebounder, oder profitiert er in der Regel von der oft sehr guten Arbeit seiner Nebenleute vor dem Abpraller?

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen den Extremen. Natürlich ist für jeden Fan ersichtlich, dass Rondo über ein hohes Maß an Basketball-IQ verfügt, der ihm nicht nur beim Spielaufbau hilft. Er weiß oft, wohin ein Fehlwurf abprallen wird und positioniert sich clever. Hart ackern muss er für die meisten Rebounds jedoch nie. Laut nba.com sind von seinen 6,8 Rebounds pro Spiel genau einer „contested“ - um die restlichen Rebounds muss Rondo nicht wirklich kämpfen.

Um das noch einmal in Zahlen auszudrücken (ich weiß doch, wie sehr ihr Maschinen aus der Matrix nur mit Zahlen funktioniert): 85% von Rondos Rebounds sind meist lange Abpraller, bei denen er von niemandem gestört wird - oft nach gegnerischen Dreipunktversuchen. Inwieweit man bei Diskussionen um Rondos vermeintlich elitäres Level also mit Rebounds argumentieren möchte, muss jeder selbst wissen.


Sein Playmaking ist nach wie vor über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn man kritisieren kann, dass er sich oft erst spät vom Ball trennt und trotz ordentlicher Assist-zu-Turnover-Rate den Ball an manchen Abenden einen Tick zu häufig verzockt, können nur ganz wenige Aufbauspieler in der NBA solch geniale Pässe spielen wie Rajon Rondo. Er hatte in dieser Saison bereits sechs Spiele mit 15 oder mehr Assists - eine Leistung, die den Rest der NBA alt aussehen lässt. Außer bei Rondo notierten die Boxscore-Menschen nur vier Mal mindestens 15 Assists in dieser Saison. 

Dennoch ist es schwierig, Rajon Rondos Leistung zu beurteilen. Für den Rondo-Pessimisten wirkt diese Saison erneut so, als würde der Point Guard primär auf sich selbst schauen und versuchen, den Boxscore in allen Kategorien auszufüllen. Das mag verständlich sein, immerhin hat er schon immer so gespielt. Zudem steckt er in einem 'Contract Year'. Aber selbst dort, wo sein Name oft hell strahlt, nämlich im Boxscore, verstecken sich kleine aber feine Dinge, die Fans skeptisch machen müssten.

Zum einen seine Minuten: Rondo reißt aktuell 35,2 Minuten pro Spiel ab. Laut 'Adam Ries' kommt er somit auf 775 gespielte Minuten in dieser Saison - Platz drei ligaweit. So viele Minuten bedeuten in der Regel, dass er mehr Möglichkeiten hat, den Boxscore zu füllen, als andere Spieler, mit denen Rondo gerne verglichen wird. Inwiefern man also mit diesem Kontext und dem Wissen, dass Sacramento aktuell den schnellsten Ball der Liga spielt, mit „xyz pro Spiel“-Statistiken argumentieren will, bleibt erneut jedem selbst überlassen.


Beweissstück zwei ist diese hässliche Zahl: 42,5%! Verdammte Hacke! Zweiundvierzig-Komma-Fünf-Prozent. Das ist nicht etwa Rajon Rondos Feldwurfquote, sondern seine weiterhin unterirdische Bilanz von der Freiwurflinie. Angenommen, die Kings würden in einer weit, weit entfernten Zukunft tatsächlich mal die Playoffs erreichen und bis zu sieben Spiele gegen ein gut gecoachtes Team ran müssen: Wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit des „Hack-A-Rondo“? Selbst wenn ihn nicht „hacken“ würden: Bei wie vielen seiner starken Drives käme Rondo ohne ein blaues Auge zum Korb? Die Freiwurfschwäche ist nach wie vor ein riesengroßes Problem, das er nie in den Griff bekommen hat.


Wie beurteilt man abschließend also die Leistungen von Rajon Rondo? Falls die Zahlen nicht lügen, sind die Kings ohne ihn besser dran. Das ist ein gewichtiges Anti-Rondo Argument. Er zieht das Spiel auf wie kaum ein Zweiter, dennoch sind seine Effizienzwerte irgendwo im Ligamittelfeld.

Er reboundet gut - doch wie hart muss er für den Großteil seiner Rebounds arbeiten? Er klaut dem Gegner 1,9 Mal den Ball pro Spiel, ein elitärer Wert. Macht ihn das zu einem super Verteidiger? Eben erwähnte Gegner treffen überdurchschnittliche 50,2% ihrer Würfe aus dem Feld, wenn Rondo sie verteidigt. Die Kings funktionieren defensiv viel besser, wenn er sitzt. Auch hier wieder: die invidivuellen, oberflächlichen Werte des Point Guards machen dieses Team keinen Deut besser. Zumindest helfen sie nicht, Spiele zu gewinnen.

Unter der Woche erhielt Rajon Rondo große Unterstützung von Sacramentos Franchise-Player DeMarcus Cousins, der über Rondos anstehende Free Agency sagte: “He ain’t going nowhere. I will kidnap him myself.” Ist sich Boogie wirklich sicher, dass er das will?

Aktuell kommen die Kings auch mit dem vermeintlich elitären Point Guard, der auf einen Maximalvertrag schielt, nicht richtig vom Fleck. Wessen Schuld das ist? Diese Frage bleibt an dieser Stelle weiterhin offen. Rajon Rondo scheint zumindest eher Teil des Problems als Teil der Lösung zu sein.