28 Dezember 2015

28. Dezember, 2015


von AXEL BABST @CoachBabst

Der Name Maodo Lo sollte jedem halbwegs gut informierten Basketball Fan nach dem vergangenen Jahr ein Begriff sein. Nach einer starken Junior Saison führte er die A2-Nationalmannschaft im vergangenen Sommer bei der Universiade zum zweiten Platz, schaffte anschließend auch noch den Sprung in den EM-Kader der A1 und wird mittlerweile sogar von Draft Experten wie Fran Fraschilla (ESPN) oder Jonathan Givony (Draft Express) als möglicher Pick im kommenden Draft gehandelt. 

Der Einstieg in die neue College Saison fiel jedoch sowohl für Lo persönlich als auch für die Lions als Team mehr als enttäuschend aus. Zum Auftakt spielte man gegen Kansas State und Northwestern und hatte damit ein relativ schwieriges Auftaktprogramm. Dennoch hätten beide Spiele durchaus erfolgreich bestritten werden können. Gegen Kansas State fehlte jedoch die Toughness und gegen Northwestern die Abgeklärtheit. Auch Lo sah in beiden Spielen nicht so souverän aus, wie man es von ihm gewohnt ist.

Viel schlimmer waren jedoch die Niederlagen gegen Fairfield und Longwood. Mit vier Niederlagen aus den ersten sieben Spielen misslang der Start in die Saison folglich vollkommen. Immerhin konnten zuletzt Lo und damit die Lions als Kollektiv besser in Tritt kommen: Fünf der letzten sechs Partien konnte Columbia gewinnen und Lo scorte in all diesen Spielen zweistellig. Zuletzt stellte er mit acht getroffenen Dreiern gegen Robert Morris sogar einen neuen Schulrekord auf.

Doch woran lag dieser schleppende Beginn? Nun zum einen war Lo eine gewisse Müdigkeit nicht abzusprechen, was nach einem so vollgepackten Sommer auch durchaus verständlich ist. Einen noch größeren Effekt hatte aber sicherlich die Rückkehr von Alex Rosenberg und Grant Mullins, die beide ihre Junior Saison verletzungsbedingt verpassten und nun zurückkehrten. Beide sind starke Scorer und sollen dieses Jahr dafür Sorge tragen, Lo zu entlasten und das Spiel der Lions unberechenbarer erscheinen zu lassen.

Gerade mit Mullins haben die Lions nun einen zweiten Guard im Team, der auch mal den Ball nach vorne bringen kann und sich viele Aufgaben, die Lo letzte Saison noch in Personalunion durchführen musste, nun mit dem Deutschen teilt. In den ersten Saisonspielen fehlten oft noch das Timing und die Abstimmung in verschiedensten Aktionen.


Besonders bei einer Read-and-React-Offense, wie sie Columbia läuft, sind aber präzise Cuts, Pässe und die Bewegung aller fünf Spieler auf dem Feld unerlässlich für gelungene Angriffe. Sobald es da hapert, wird die Offense schnell berechenbar. In den ersten Spielen wirkte es daher auch so, als seien alle Beteiligte vorrangig darum bemüht, die richtigen Rollen zu finden. 

Nun sollten sich aber pünktlich zum Beginn der Ivy League Saison alle Spieler auf einer Wellenlänge befinden. Da es in dieser Conference kein eigenes Tournament gibt, sondern der Tabellenerste nach der Regular Season direkt für das NCAA Tournament qualifiziert ist, dürfen sich die Lions auch keine Startschwierigkeiten mehr erlauben, wenn sie beim großen Tanz dabei sein wollen.

Besonders an Lo wird auch in dieser Saison viel hängen. In der Offensive ist er weiterhin der einzige Spieler, der sich im Eins-gegen-Eins konstant einen eigenen Wurf kreieren und bis in die Zone vordringen kann. Das ist eine wichtige Fähigkeit in der Ivy League und noch wichtiger, wenn ein Team mit so vielen Catch-and-Shoot-Spielern besetzt ist, wie es die Lions sind. Abgesehen von Lo gibt es noch fünf bis sechs weitere Spieler im Kader, die den offenen Wurf treffen können. Die Würfe sind aber nur dann offen, wenn Lo konstant in die Zone gelangt und die Aufmerksamkeit der gegnerischen Verteidigung auf sich zieht. 

Lo schlägt viele Gegenspieler mit seinem schnellen ersten Schritt. Dabei muss er noch nicht mal richtig an seinem Kontrahenten vorbeiziehen. Selbst wenn der Verteidiger noch an Los Hüfte klebt, hindert das den Guard in der Regel nicht daran, am Korb zu finishen. Im Verhältnis zu seinen Gegnern ist Lo einfach zu groß und zu kräftig, weshalb er auch mit Kontakt abschließen kann. Zumindest in der Ivy League, wo es auch kaum nennenswerte Rimprotectors gibt, ist das kein Problem. Gegen Northwestern und Kansas State hätte Lo allerdings eine gewisse Explosivität beim Absprung gut getan. Seine Finishes unter Ringniveau waren für die Bigs leichte Beute.

Generell kommt es in der Offense aber nur zu sehr wenigen direkten Eins-gegen-Eins-Duellen. Hin und wieder wäre es sogar wünschenswert, wenn Lo etwas mehr auf den eigenen Abschluss achten und auch mal aus dem Setplay aussteigen würde, da er die nötige Qualität dazu besitzt und sich die Schemata auf Dauer zu oft wiederholen. 

Pick & Roll Situationen mit Lo sind da eine sehr willkommene Abwechslung. Lo ist in solchen Momenten kaum zu stoppen und kann auch gegen variierende Verteidigungsmaßnahmen seinen Willen durchsetzen. Gegen schlichtes Hedge-and-Recover attackiert Lo den Verteidiger des Blockstellers so lange, bis sich dieser nur noch durch ein Foul zu helfen weiß oder komplett switchen muss. Gegen den langsameren Gegner hat Lo dann meist keine Probleme einen guten Wurf zu erspielen.



Daher gehen andere Mannschaften nun zum Großteil dazu über, Lo direkt zu doppeln. Doch auch diese Variante kann der Senior mittlerweile ausspielen. So manches Doppelteam überlistet Lo mit trickreichen Split Dribblings und lässt die beteiligten Verteidiger in einem ganz schlechten Licht dastehen. Sein verbessertes Ballhandling und sein gestiegener Mut im Vergleich zum Vorjahr sind markante Unterschiede im Spiel des jungen Point Guards. Allerdings muss er ab und zu sorgfältiger mit dem Ball umgehen und früher eine Entscheidung treffen. Er manövriert sich noch zu oft mit leichtsinnigen Fehlern in Schwierigkeiten.

Neben den eigenen Abschlüssen in der Zone und den Kickouts zu den anderen Dreierschützen ist Los Distanzwurf seine größte Waffe. In den ersten Saisonspielen fiel der Wurf aber nicht so sicher wie gewohnt. Es fehlte der Rhythmus und das letzte Quäntchen Entschlossenheit. Viele Würfe wirkten verkrampft und in ihrer Bewegung nicht so flüssig, wie sie es schon mal waren.

Zuletzt konnte Lo seine Quote wieder steigern, was angesichts der Qualität der Würfe auch nur eine Frage der Zeit zu sein schien. Denn bereits in den ersten Saisonwochen fand sich Lo überraschend häufig ungedeckt an der Dreierlinie und hatte teils sogar die Zeit, sich nochmal in Ruhe zu sammeln, ehe er abdrückte (was manchmal auch ein Nachteil ist). Von diesen freien Dreiern ließ Lo viele Gelegenheiten zum Punkten aus. Trifft er diese Würfe fortan konstant, was normalerweise der Fall ist, wird er in der Ivy League kaum zu stoppen sein.

Ein netter Nebeneffekt der Columbia Offense ist zudem, dass Lo viele Layups durch einfache Backdoorcuts einstreuen kann. Da Lo seinen Gegenspielern individuell meist überlegen ist, geht die Marschroute oft dahin, Lo erst gar nicht an den Ball kommen zu lassen und mit harter Deny-Defense aus dem Spiel zu nehmen. Da aber alle Spieler im Kader der Lions gute Passgeber sind und das Spacing exzellent ist, kann Lo sich oft mit einer schnellen Körpertäuschung seinen Bewachern entziehen und leichte Punkte erzielen.

Offensiv sollte Lo also wieder mit individuell hervorragenden Statistiken glänzen können, obwohl er mit Rosenberg und Mullins in dieser Saison zwei weitere potente Offensivspieler an seiner Seite weiß. 


Gleichzeitig ist Lo auch ein überdurchschnittlich guter Verteidiger, auch wenn er in so manchem Spiel bisher nicht den besten Eindruck hinterließ. Gegen Northwestern handelte er sich schnelle Fouls ein und musste gerade gegen Ende der Partie mit erhöhter Vorsicht zu Werke gehen, weshalb sein Gegenspieler Bryant McIntosh einen Großteil seiner 32 Punkte gegen Lo erzielte. Oft schlug er den Senior der Lions schon mit dem ersten Schritt. Das wirkte nüchtern betrachtet viel zu einfach.

In der Regel ist Lo aber ein sehr bissiger Verteidiger. Mit seinen langen Armen, aktiven Händen und guter Fußarbeit nimmt er seinen Gegenspieler oft schon beim Ballvortrag auf und versucht dort ersten Druck zu erzeugen. Verhältnismäßig häufig ist Lo hier schon erfolgreich und krallt sich einen laschen Crossover seines Pendants. Doch selbst wenn der Gegenspieler die Mittellinie überquert und die Offense initiieren kann, lässt Lo nicht locker. Allerdings muss Lo hier aufpassen, sich keine unnötigen Fouls einzuhandeln und sich damit aus dem Spiel zu nehmen. Diese Tendenz lässt er bisweilen erkennen.

Abseits des Balls verteidigt Lo ebenfalls sehr engagiert und hat immer eine Hand im Passweg. Dank seiner langen Arme und seiner guten peripheren Sicht landen viele Pässe in seinen Händen.

Eine weitere Qualität ist Los Pick & Roll Verteidigung. Er kämpft sich sehr entschlossen um den Block des gegnerischen Bigs herum und besticht dabei mit guter Fußtechnik und schnellen, präzisen Bewegungen. Seine langen Arme helfen ihm dabei, stets den Wurf des Ballhandler zu erschweren, sofern dies nötig sein sollte. Die Kombination aus Fußtechnik, Schnelligkeit und Spannweite ermöglicht es Lo häufig sogar unter dem Block her zu gehen und dennoch einen offenen Wurf zu verhindern.

Neben seinen reinen spielerischen Qualitäten, die Lo schon zur Genüge demonstriert hat und in der ganzen Conference bekannt sind, überzeugt Lo bislang auch als Leader. Er wirkt entschlossener in seinen Ansagen bei Mitspielern und scheut keine Verantwortung. Diese Eigenschaft wird in den engen Spielen gegen Harvard und Yale noch von großem Wert sein.

Auch wenn die Statistiken Los auf den ersten Blick einen leichten Rückgang gegenüber den Vorjahreszahlen aufweisen, agiert Lo mindestens auf einem ähnlich guten Niveau. Die Kaderneuerungen mussten erst mal auf dem Feld verarbeitet werden. Doch mittlerweile scheint das Team seinen Rhythmus gefunden zu haben und Lo ist wieder auf einem guten Kurs. Und auch wenn Lo vielleicht noch nicht das gezeigt hat, was sich so mancher Beobachter von ihm erwartet hat – seine Saison war bisher keineswegs schwach. Er ist der einzige Spieler der NCAA, der bislang mindestens 200 Punkte, 40 Dreier und 25 Steals verbuchen konnte. Nicht schlecht für einen Spieler, der in der öffentlichen Wahrnehmung noch unter seinen Möglichkeiten bleibt. 

Zudem ist das Team das stärkste in seinen vier Jahren bei Columbia und bereit für den Angriff auf das NCAA Tournament und Conference Krösus Harvard. Allerdings sollte man den Seriensieger der Ivy League trotz der scheinbar schwachen Bilanz nicht so schnell abschreiben. Zena Edosomwan ist der beste Big Man der Conference und ein starker Athlet, der den eigenen Korb beschützt. Zudem verfügen die Crimson mit Agunwa Okolie über einen guten Verteidiger, der Lo athletisch und physisch das Wasser reichen kann. Die beiden Matches werden entsprechend hart umkämpft sein.