01 Dezember 2015

1. Dezember, 2015


Kobe Bryant kündigte am Sonntag in einem Schreiben an, seine Karriere nach der Saison 2015/16 - seiner 20. und letzten in der National Basketball Association - zu beenden. Zum bevorstehenden Abtritt des 37-jährigen Elite-Scorers: ein paar ausgewählte Stimmen aus unserer Redaktion.

von NBACHEFSQUAD

Black Mamba Down
Anno Haak @kemperboyd ... Wenn er gehen würde, würde ein Stück meiner Kindheit und Jugend mitgehen. Wieder ein Stück. Soviel war immer klar. Als das dritte Karrierejahrzehnt in Sichtweite geriet, reifte der Gedanke, dass er schaffen würde, was niemandem je gelang.

Die Mutter zu schlagen, die keiner je schlagen würde. Mutter Zeit. Mit jedem neuen Vertrag, mit jedem neuen Comeback nach Verletzung schien er die Uhr zurückzudrehen. Einen Deut nur. Gerade genug, um die Illusion zu nähren, ein Stück der eigenen Jugend bleibe für immer.

Ich war nie ein großer Lakers Fan, aber ich war Bischof in der Kobe-Kirche. Immer schon. Ich bin ein älterer Herr verglichen mit den meisten Lesern dieser Seite. Ich weiß, dass viele, die heute in die Oberstufe gehen, eine NBA ohne ihn gar nicht kennen. Wer heute 17 Lenze zählt, kennt nicht einmal ein All Star Weekend, bei dem er nicht in die erste Fünf gewählt wurde.


So lange ist er schon dabei. So lange besetzt er einen Platz im Olymp. Aber wahr ist auch: Wer heute 16 oder 17 ist, kennt ihn bewusst eigentlich nur noch als mehr oder minder abgehalfterten Ex-Star. Die wirklich großen Zeiten liegen eine halbe Dekade zurück. Seine Karriere war flüchtig wie die eigene Jugend.

Am Ende war sein herzloses Geballere wie die fitted Cap auf dem Kopf eines 40-jährigen. Er hielt an etwas fest, das unwiederbringlich verloren war. Die Jugend ist vorbei, auch wenn man sich 20 Jahre jünger anzieht als man ist. Seine Relevanz für die Basketballwelt war perdu, auch wenn er warf, als sei das anders.

Es sind viele „Was-wäre-wenn“-Geschichten über ihn geschrieben worden. Was, wenn er mit Shaq wenigstens einen Burgfrieden erhalten hätte? Was, wenn er früher den Zen-Master in Jackson erkannt hätte? Was, wenn er sich im Herbst seiner Karriere auf einen Rollenspieler hätte reduzieren lassen und Geld im Safe der Lakers liegen gelassen hätte?

Was, wenn er rechtzeitig eingesehen hätte, dass es vorbei ist? Den richtigen Zeitpunkt hat er verpasst, soviel scheint klar. Die neueste „Was-wäre-wenn“-Story ist die traurigste. Auch für mich. Die Rücktrittsankündigung für April 2016 im November 2015 ist nur die Fortsetzung des verpfuschten letzten Viertels einer einzigartigen Karriere mit anderen Mitteln.


Von jetzt an wird jeder Abend der letzte sein. Am Dienstag in der alten Heimat in Philadelphia fängt es an. Das letzte Mal da, wo alles anfing. Das letzte Stadtduell mit L.A.s anderem Team, das letzte Mal Garden, das letzte Kabineninterview in Memphis. Er wirft 2/17 FG in Milwaukee? Warum lachen, ist doch das letzte Mal. Der größte Spieler seiner Generation als wandelndes Museum, als Wärter, ein unfähiger Trainer und ein völlig chancenloses Team.

Er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte sein, dem sie nachrufen: „Gott sei Dank haut er endlich ab“ statt „Schade, dass er schon geht“. Aber bei ihm tut das mehr weh als bei anderen. Wenn ich einem Spieler den Abgang auf dem Höhepunkt zugetraut hätte, dann ihm. Dem Ehrgeizling, der zur Not den eigenen Körper besiegen würde. Dabei ist das Ende nur konsequent.

Er wollte der Größte werden. Er hatte keine Hemmungen, es zu sagen. Zweifel waren nur ein weiterer Verteidiger, dem es die Knöchel zu brechen galt. Mit 17 zu jung für die NBA? Wollen wir doch mal sehen. Ohne Shaq gewinnst Du nicht mal die Pacific Division? Yeah, I do. Das ist jetzt Dwight’s Team? Ohne mich. Die sechste Meisterschaft kommt nie?

I must admit, we were pretty good together.
Posted by Shaquille O' Neal on Friday, June 12, 2015

Ich war mit 17 nicht zu jung, ich habe ohne Shaq Ringe gewonnen, guckt, wo Dwight heute ist. Er merkte wohl gar nicht mehr, wie die Neinsager immer öfter Recht behielten. Er konnte es wohl gar nicht mehr merken, weil er sie einmal zu oft wiederlegt hatte. Am Ende war er Gefangener des eigenen Anspruchs, Opfer der selbst oktroyierten Grenzenlosigkeit. Er hatte das Maß und die Mitte und die Selbstdistanz verloren.

Wahrscheinlich war all das nie da. Ohne den zügellosen Ehrgeiz hätte er die Fallhöhe nie erklommen, die den Sturz der letzten drei Jahre so bodenlos erscheinen lässt. Er wird gehen als der drittbeste Scorer der NBA-Geschichte, fünffacher Champion, (wahrscheinlich) 18-facher All Star, einer der größten zehn, die je einen Ball in der Hand hatten.

Aber er wird eben auch gehen als einer, der so lange nicht begriff, wann es genug ist, bis er zu einer fast Iverson-artigen Karikatur seiner selbst geworden war. Er selbst hat das mit seiner blindwütigen Liebe zum Basketball zu erklären versucht. Das Bild gefiel mir, auch wenn es eine Selbstinszenierung war.

Er war gar kein von Ambition zerfressener Misanthrop. Er war einfach nur ein Besessener, der wenig Skrupel hatte, jeden spüren zu lassen, dass ihm kein Mensch geben kann, was ihm der Sport gab, den er liebte. Ein bisschen geht da auch ein ewig Missverstandener.

Und wenn er dann geht im April im Jahre des Herrn 2016, dann wird das hypothetische Szenario Realität. Dann nimmt er ein Stück auch meiner Jugend mit. Ich wandle ihn selbst ab und sage:

„Ball in seine Hände
5…4…3…2…1…swish“

…und dann ist auch der Basketballfan in mir erwachsen. Und die Jugend wird fehlen wie er der Liga fehlen wird.

Kobe Bean out.


Wenn die Mamba singt...
Roman Schmidt @sch_rom ... Es ist vorbei wenn die schwarze Mamba singt - Ihr alle habt mir für eine kurze Zeit sehr viel Angst gemacht. Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich gedacht, es wäre bereits Mitte April. Wo ist der Winter hin? Wo sind meine Weihnachtsgeschenke?!

Beruhigt euch. Die Season ist noch lange nicht vorbei. Klar, diesem Kobe Bryant bei den restlichen 60+ Spielen zuzusehen, wird fernab vom Prädikat „Supergeil“ sein. Aber, Mann, selbst die blindesten der Blinden haben es kommen sehen müssen.

Jetzt hat jeder von uns ein halbes Jahr Zeit zu reüssieren, wie nah oder fern ihm es am 13. April 2016 gehen wird, wenn einer der besten Spieler aller Zeiten und definitiv der prägendste Spieler des Milleniumbasketballs aus der Halle schreitet und sie nicht mehr in Basketballschuhen betreten wird. Er wird sicherlich Slippers haben, die teurer sind als mein erstes Auto.

Man verabschiedet niemanden, den man noch ein halbes Jahr zu Gesicht bekommt. Seid nicht so negativ. Enjoy the ride. Schnappt euch ein Jersey aus dem Store, gönnt’s euch. Auf Youtube kann Kobe jeden Tag 23 sein. Lasst ihn gehen. Feiert jeden Korb als wäre Neujahr. Seht euch um. Die Liga hat so viele talentierte, junge Spieler. Kobe hat sich doch schon längst seinen Liebling unter ihnen ausgesucht...



Vino Out
Onur Alagöz @LakersParadigm ... Was kann man über Kobe sagen, was noch nicht gesagt wurde? Man könnte Statistiken bemühen. Analysieren, wieso er nicht so clutch sei, wie einen sein Ruf es lange glauben ließ.

Man kann behaupten, dass Shaq ihn getragen habe, später Pau, talentierte Trainer und Manager, und und und... Man kann sogar sagen, er schade mittlerweile seinem Team, sowohl mit dem monströsen Gehalt als auch mit seiner enormen Wurffrequenz.

Am Ende des Tages zählt für mich nur eins: Legacy. Wie viele Menschen hast du inspiriert? Wie lange wird man an dich denken, wenn du weg bist?

Ich bin Lakers-Fan wegen Kobe Bryant. Ich war Lakers-Fan als L.A. gegen Detroit in den Finals   verlor. Als es hieß, Kobe sein ein Vergewaltiger. Als er lächerlich 81 Punkte gegen Toronto auflegte. Als die Lakers die Celtics im Rematch 2010 bezwingen konnten.


Ein Basketball-Shirt, das ich besitze, sagt in großen, dicken Lettern auf der Brust „You Can’t Teach Heart“. Du hast es oder du hast es nicht.

Man kann ihn lieben oder hassen, die Nummer 24 der Lakers, aber wenn man Basketball ernst nimmt, kann man ihn nicht ignorieren. Man muss ihn respektieren für seine bedingungslose Hingabe und Besessenheit, Perfektion zu erreichen. Um das Spiel so zu spielen, wie es sein sollte: So gut man kann. Immer. Überall. Und um jeden Preis. 

Vino Out.


Haterade
Marc Lange @godzfave44 ... Die schwarze Mamba hat die Basketballwelt eigentlich immer in zwei Lager gespalten: Fanboys, die in ihm mehr als „nur“ den großartigsten Laker aller Zeiten sehen und Hater, die direkt mit den Zähnen knirschen, wenn sie seinen Namen nur hören.

Aber wer will es Zweiteren auch verdenken? Bryant hat einfach das perfekte Feindbild abgegeben: Ein unglaublich talentierter Spieler, der gleichzeitig hochgradig arrogant ist und mit teilweise unreifer Borniertheit für Kopfschütteln sorgt. Auch eine ganz bestimmte Nacht in Denver hat ihm bis heute noch viele Feinde gemacht.


Doch Kobe hat das nie interessiert. Was andere über ihn denken. Was seine Ex-Trainer in Büchern über ihn schreiben. Was Shaq in Radiointerviews sagt. Wenn Tausende von Menschen sich nachts vor einen verpixelten Stream gesetzt haben, um ihn endlich verlieren zu sehen, hat Kobe jahrelang das gemacht, was er am besten kann: Gewinnen.

Das muss jeder respektieren. Mögen muss man ihn deswegen jedoch nicht. Auch nicht, wenn diese lebende Legende am 13. April 2016 zum letzten Mal seine Basketballstiefel schnürt und sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.


Prost
Torben Siemer @lifeoftorben ... „Wir sollten den Vino genießen, solange er noch ausgeschenkt wird.“ Mit diesem Satz beschloss ich vor etwas mehr als einem Jahr einen meiner ersten Texte für diese Webseite, direkt nachdem Kobe Bryant sein Idol Michael Jordan in der Rangliste der besten NBA-Punktesammler überholt hatte.

Niemand spielte und spielt länger als die Black Mamba für ein und dieselbe Franchise, seit 1996 trug und trägt er die Nummer 8 und dann die 24. Im Frühling 2016 nun wird er zum letzten Mal Lila und Gold tragen.


Sein Körper kann die Belastungen einer kompletten Spielzeit nicht mehr aushalten. Es ist in meinen Augen passend, dass Kobes Limit in der Physis liegt: Nicht die Liebe zum Spiel, die mentale Stärke oder die Arbeitseinstellung sind das Problem.

Nach über 55.000 Minuten in knapp 1250 regulären Saison- und Playoffspielen sowie ungezählten Extraschichten in leeren Turnhallen ist der Tank schlicht leer. Die schweren Verletzungen der letzten Jahre ließen dies bereits vermuten, jetzt also hat Kobe die Einladung zur Abschiedstournee in Gedichtform verschickt.

Ich war nie ein großer Fan seiner Spielweise, aber der fünffache Champ gehört für mich zum Inventar meiner NBA-Erfahrung, steht fast synonym für diese Liga. Ohne Kobe, das wird komisch.

Deshalb wiederhole ich meinen Appell: So lange genießen, wie der gute Vino noch auf der Karte steht – auch, wenn er an manchen Abenden vielleicht etwas abgestanden schmecken mag. Wer weiß, wann solch ein edler Tropfen jemals wieder ausgeschenkt wird.


Früher
Jan Wiesinger @WiesiG ...  6. Klasse Gymnasium. Wussten wir eigentlich, dass es Basketball überhaupt gibt? Von Amerika hatte man sicher schon mal gehört, von der NBA hörten wir damals das erste Mal. Warum der Virus uns genau damals befiel, ist mir bis heute nicht klar.

Finals 2001 - Die übermächtigen Lakers gegen die chancenlosen Sixers. Mit drei Tagen Verspätung die Agenturmeldungen in der Lokalzeitung verschlungen und dann in der Schule so getan, als ob man Ahnung hätte. Gab es damals eigentlich Samstagsmorgens schon NBA auf DSF?

Auf dem Court dominierten Shaq und seine Mannen. Auf dem Schulhof wurden die Finals runtergebrochen auf das Lila-Gelb gegen Schwarz mit der coolen 76. Iverson gegen Kobe. Mit der 8. Ich war einer der Iversons und trug die 3. In Schwarz. In Weiß. Und im unfassbar hässlichen hellblau.


Wir trugen die Trikots auch noch nach den Finals. Gefühlt jeden Tag, bis Mama das Ding heimlich in die Wäsche schmiss und die Trikots irgendwann verblichen. Der Virus blieb bis heute.

Genau wie Kobe, der bei NBA99 auf dem Nintendo 64 ebenso treffsicher war wie 2014 auf der PS4. Was hat sich nicht alles verändert in all den Jahren? Einfacher gefragt: Was ist überhaupt geblieben? Die Antwort: Kobe.


Im Olymp
Harald Mainka @Harrystocats ... Spätestens als die Mamba zu Beginn der Saison das funktionsarme Arm-Sleeve gegen das gute alte Schweißband rund um den Bizeps eintauschte, hätte man es wissen können.

Dass da einer auf subtile Art versucht, seine derzeitigen Leistungen und seine Karriere ins große Bild zu rücken. Dass die wiederkehrenden sieben-von-21-Wufquoten heuer nicht mehr sind als trübes Wasser auf die erbärmlichen Mühlen seiner Kritiker, deren Blick über den ach so tellerartigen Boxscore geht.

Natürlich tut es weh, Kobe Bryant 2015 spielen zu sehen. Wie er verbissen zu beweisen versucht, dass ein Basketballer im höchsten Alter auch eine Serie gegen den eigenen Körper gewinnen kann. Dabei konnte man Bryant nie mit bloßen „Analytics“ beschreiben.


Was er hatte, war „Attitude“. Gewinnen um jeden Preis. Natürlich wirkten andere sympathischer, fügten sich der oberflächlichen, trügerisch glatten Welt des weichgespülten NBA-Kosmos. LeBron James lässt sich die Basketball-Uniform eng schneidern, Stephen Curry nimmt seine Tochter mit zur Pressekonferenz.

Kobe überragt sie doch. Fünf Meisterschaften. 81 Punkte in einem Spiel. Ein Saisonschnitt von 35,4 Punkten pro Abend. Die Leute, die mit dem Zeigefinger auf Bryants Kadaver zeigen, merken halt nicht, dass ihr eigener Mittelfinger auf sie zeigt. Nicht jeder kann Tim Duncan sein.

Kobe Bryant ist das Gesicht einer ganzen Basketball-Generation und ein Champion. Als größter Laker aller Zeiten wird er dennoch als Zweiter vom Basketball-Parkett abtreten. Aber zur linken Seite der Nummer 23 ist auf dem Basketball-Olymp sicherlich ein Platz für ihn frei. 


Scheinwerfer
Mattis Oberbach @MattisOb ... That’s it. Sein Herz will. Sein Kopf will. Aber sein Körper kann nicht mehr. So hat Kobe Bryant seinen Rücktritt angekündigt, nach dieser Saison ist es soweit. Seine Leistungen, nach mehreren von Verletzungen geprägten Jahren, haben einen so starken Schlag nehmen müssen, dass viele fordern, Kobe müsse auf die Bank.

Er ist schlicht nicht mehr der dominante Kobe von früher. Viele sagen, er wäre eigensinnig, würde den Ball nicht passen, zu viel selber werfen. Das stimmt. Lange Zeit war er aber auch einfach so viel besser als alle um ihn herum. Wieso also passen?


Nach einem Monat dieser Saison hat er es eingesehen. Er musste erst damit klarkommen, meint er. Dass er nicht mehr der beste ist. Nicht mehr unschlagbar. Vielleicht doch nur ein Mensch.

Die einzige Franchise, für die er je spielte, die Los Angeles Lakers, können sportlich von seiner Entscheidung nur profitieren. Er ist zu einem Hindernis geworden. Die Lakers hätten ihm sicherlich auch keine Steine in den Weg gelegt, hätte er sofort aufhören wollen.

Doch so konnte Kobe nicht gehen. Er will den Rest seiner Karriere im Schweinwerferlicht verbringen. Bei jedem Spiel, ob zu Hause oder auswärts, Sieg oder Niederlage, er wird von den Fans gefeiert werden. Er möchte gehen wie ein Derek Jeter von den New York Yankees, der bei seiner Abschiedstournee überall Geschenke bekam, sogar von rivalisierenden Teams und Fans bejubelt wurde.

Anders könnte Kobe Bryant seine Laufbahn als Profi-Basketballer gar nicht beenden. Für ihn gibt es nur einen Platz. Im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt allen Trubels. Im Scheinwerferlicht.