30 Dezember 2015

30. Dezember, 2015


von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Robert Louis Stevensons Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde gehört zu den Texten der Weltliteratur, deren grobe Handlungszüge den Allermeisten wohlbekannt ist, selbst wenn sie das Buch nie gelesen haben. Das liegt vornehmlich daran, dass die beiden Namen im Titel aufgrund der kulturellen Bedeutung des Werks und ihrer Relevanz für die Psychoanalyse zu Synonymen für Zwiespältigkeit und Doppelgängertum gewachsen sind.

Die Referenz auf Stevenson ist folglich auch bei schwankenden Leistungen im Sport gängig und trifft derzeit nur allzu passend auf die Houston Rockets zu, die um den Jahreswechsel den eigenen Ansprüchen deutlich hinterherhinken.

Die Texaner, die im Frühsommer noch die Conference Finals erreichten, kämpfen derzeit um eine ausgeglichene Bilanz und das obwohl es der Spielplan bisher gut mit dem Team um Vize-MVP James Harden meinte. Houston hat bereits drei Mal gegen die tief im Rebuild steckenden Denver Nuggets verloren, zwei Mal gegen das tabellarisch zweitschlechteste Team des Ostens, die Brooklyn Nets. Demgegenüber stehen Erfolge über die Elite des Westens: Die Oklahoma City Thunder, die Los Angeles Clippers gleich zwei Mal und zuletzt die San Antonio Spurs hatten gegen die Raketen das Nachsehen.

Besonders der Sieg über das bisher grandiose agierende Team aus San Antonio, das nur aufgrund des noch beeindruckenderen Laufs der Golden State Warriors nicht die angemessene Beachtung findet, steht sinnbildlich für die Persönlichkeitsstörung von Harden und seinen Gefolgsmännern. Die sonst löchrige Defensive der Rockets stand bombenfest und erlaubte Gregg Popovichs Mannen, die zu den offensiv besten der Liga (Offensive Effizienz: 106,6 / Rang 3) zählen, in 48 Minuten sage und schreibe 84 Punkte.

Ob Tim Duncan, Kawhi Leonard, Tony Parker & Co. nur einen schlechten Tag hatten sei dahingestellt und wird sich in den noch bevorstehenden drei Begegnungen der beiden Mannschaften zeigen, dennoch war die Art und Weise, wie die Rockets dem fünffachen Meister und texanischen Rivalen mit der bisher so schmerzlich vermissten Leidenschaft am Ende den Zahn zog, imposant.

Imposant und befremdlich zugleich, war doch die Defensive der Houstoner im bisher enttäuschenden Saisonverlauf oftmals die Achillesferse und zeitweise wegen Nachlässigkeiten und mangelndem Einsatz nur mit gutem Willen noch als professionell zu bezeichnen.


Wer den Sieg über die Spurs nun als Initialzündung verstand, womöglich als Wendepunkt, der die Saison der Raketen in eine bessere Richtung lenkt, sah sich schon am nächsten Abend getäuscht. Gegner: Die 2015/16 überwiegend mageren New Orleans Pelicans – mit erst zehn Siegen Letzter der Division und Vorletzter der Western Conference. 

Obwohl ihre Defensive im Vergleich zum Vorabend wieder einige Mängel aufwies, schienen die Rockets zumindest gefestigt genug, diesen Pflichtsieg einzufahren. Zwar hatten sie wieder einmal einen größeren Vorsprung aus den Händen gegeben, mit noch knapp acht Minuten auf der Uhr jedoch bei einer Führung von 103-94 gute Aussichten.

In der restlichen Zeit zeigten die Texaner allerdings ihr hässlichstes Gesicht, erzielten nur noch kümmerliche fünf Punkte bei 1-10 Treffern aus dem Feld und standen am Ende vor einer geradezu unerklärlichen 108-110 Niederlage, die ihren Höhepunkt darin fand, dass die Roten mit 1,7 Sekunden auf der Uhr und Ballbesitz nach einer Auszeit nicht einmal mehr einen Verzweiflungswurf abfeuerten, sondern der Inbound Pass zu einem Turnover verkam.

Entsprechend erbost zeigte sich (Interims?) Coach J.B. Bickerstaff: „Wir haben das Spiel nicht respektiert. Unsere Prioritäten müssen klar sein. Ich muss besser darin werden, Spieler aufzustellen, deren Prioritäten klar sind.“ Auf wen sich dieser Wink mit dem Zaunpfahl bezieht ließ Bickerstaff unkommentiert, dennoch zeigt dieser verbale Ausfall deutlich, dass es intern noch immer nicht stimmt und aus den Fehlern nicht gelernt wird.

So auch zu sehen bei der Heimniederlage gegen die Atlanta Hawks. Wie schon in New Orleans starteten die Raketen furios und erzielten im ersten Viertel 41 Punkte, waren im dritten Abschnitt noch mit 19 vorne und durften entspannt zusehen, wie Atlantas Scharfschütze Kyle Korver einen Distanzwurf nach dem nächsten an den Ring setzte (0-10 Dreier).

Dennoch brachten sie diese Führung, parallel zur Pleite in New Orleans, nicht über die Schlussuhr, ließen im letzten Viertel 36 gegnerische Punkte zu und agierten besonders in den finalen Minuten offensiv wie defensiv unbegreiflich kopflos und uninspiriert, als hätten sie wieder einmal ihre guten und schlechten Seiten strikt getrennt und die schlechten zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt an die Oberfläche gelassen. 

Sei es nun Gleichgültigkeit, fehlende Einstellung, mangelnde Chemie wegen Verletzungsproblemen oder interne Zwistigkeiten, zumindest eine leichte Verbesserung seit Kevin McHales Demission Mitte November ist feststellbar. Im Monat Dezember haben nur drei Teams ein besseres Net Rating aufzuweisen. Die Bilanz ist mit 9-6 Siegen angesichts der Umstände gerade noch hinnehmbar.

Die sich über die ganze Spielzeit ziehende Unbeständigkeit bereitet aber Sorge, denn die Gegner werden nicht einfacher werden. Einzig weil große Teile der weiteren Western Conference überraschend ähnlich fahrig agiert, ist Houston trotz Mühens um eine ausgeglichene Bilanz noch auf einem Playoff-Platz. Weil das aber nicht der Anspruch in Osttexas ist und sein kann, sind Veränderungen unausweichlich.


Um der dürftigen Zwischenbilanz Rechenschaft abzulegen, mehren sich die Stimmen, die einen Trade von Houstons zweitbestem Spieler Dwight Howard vorschlagen und fordern. Gerüchte um einen Deal mit den Miami Heat kursierten Mitte Dezember, wurden aber bald schon ins Reich der Fabeln zurückgewiesen.

Die anhaltende Kritik an Howard ist nicht unberechtigt: Das Spiel der ersten Picks im 2004er Draft hat sich seit seiner Ankunft in Houston nicht weiter entwickelt. Er bleibt offensiv limitiert, verliert zu häufig den Ball und ist selbst mit seinen nun 30 Jahren stets für dumme Fouls oder Goaltendings zu haben. Für das leider immer noch nicht verbotene Hacking ist er mit seinen Freiwurfquoten um die 50% ein gefundenes Fressen. 

Demgegenüber darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die Rockets ihren Center in der laufenden Spielzeit zu selten ins Offensivspiel integrieren. Seine Schwächen im Low Post Spiel sind bekannt, dennoch kann Dwight, richtig eingesetzt, auch am gegnerischen Korb immer noch ein echter Faktor werden. Gegen die Clippers am 16. Dezember wurde er früh in der Zone gefüttert und tat mit DeAndre Jordan, was er eben seine ganze Karriere lang mit seinem Pendant von den Clippers tat – er schubste in herum wie auf dem Schulhof. Auf dem Spielberichtsbogen standen 8-11 Treffer aus dem Feld hinter Howards Namen, die zu 22 Punkten und 14 Rebounds führten. Zahlen, die seinem Potential entsprechen. Bei erwähnter Schlappe gegen die Pelicans hatte Howard trotz 31 Minuten auf dem Parkett nur vier Versuche aus dem Feld vorzuweisen. Jekyll und Hyde.

Fraglos sind die Rockets mit Dwight auf dem Parkett wesentlich besser als ohne. Bickerstaffs Maßnahme, Jungspund Clint Capela an der Seite des achtfachen All-Stars starten zu lassen, hilft nachweislich, diese Kombination macht die Rockets besser: Gemeinsam legen sie teamintern das beste Net Rating unter Big Men auf (5,8 – vor den Niederlagen gegen New Orleans und Atlanta lag der Wert noch bei knapp 10). 



Warum also den 2,11 Meter Veteranen traden? Während der Saison ist für einen Spieler dieser Qualität kein passender Gegenwert zu erwarten, die Rockets müssten tendenziell einen Rückschritt vornehmen, was aufgrund der ohnehin spärlichen Leistungen von Besitzer bis hin zu den Spielern nicht zur Debatte steht. Auch das Argument der Free Agency – Howard kann und wird im Sommer aus seinem laufenden Vertrag aussteigen – und eines drohenden Abgangs greift aufgrund beidseitiger mangelnder Alternativen nicht.

Für die Rockets bleibt die Hoffnung, dass der dreifache Defensive Player of the Year mit zunehmender Gesundheit – inzwischen ist er wieder für back-to-backs freigegeben – annähernd der Spieler aus besseren, dominanteren Tagen werden wird und zumindest dann, wenn es wirklich darauf ankommt, sein bestes Gesicht zeigt.

Gleiches gilt für das ganze Team. Ein Sieg gegen die übermächtig erscheinenden Warriors am Silvesterabend würde in Houston genau so wenig überraschen wie eine Niederlage gegen die debakulösen Philadelphia 76ers. Extreme Abgründe – ganz wie bei Stevenson.