08 Dezember 2015

8. Dezember, 2015


Die ersten drei Wochen der NCAA-Saison 2015/16 stehen in den Büchern. In Monmouth wird wundervoll gejubelt, in Indiana weiterhin unterirdisch verteidigt, in Louisiana regiert „King Simmons“ und Sparty Denzel Valentine kratzt am Triple Double-Rekord von Magic Johnson. Torben Adelhardt und Axel Babst schlemmen sich in 'Cream Puff Delight' durch die College-Highlights des Monats.

von AXEL BABST @CoachBabst & TORBEN ADELHARDT @Torben41

Torben Adelhardt: Wir hatten vor der Werbepause in Teil eins unseres Talks bereits Mannschaften wie Oregon und Washington erwähnt. Lass uns doch über ihre Conference reden. Die PAC-12 ist in diesem Jahr meiner Meinung nach ungemein schwierig zu bewerten. Viele potentielle "Dark Horses" wie Oregon, Oregon State oder Washington, vermeintlich sichere Tournament-Picks wie Utah, UCLA oder California, dazu dann noch der Primus der letzten Jahre - "deine" Arizona Wildcats... Ich habe wirklich keine Ahnung, wer nach der Regular Season von der Spitze der Tabelle grüßen wird, da ich bei jeder Mannschaft auch signifikante Schwachpunkte ausmachen kann, die ihnen im Verlauf der Saison zum Verhängnis werden könnten. Was denkst du über die PAC-12 in diesem Jahr? 

Axel Babst: Mir geht es da sehr ähnlich. Vor der Saison hätte ich eventuell noch von einem Dreikampf um die Krone der PAC-12 zwischen Arizona, Utah und California gesprochen. Doch mittlerweile bin ich geneigt zu sagen, dass auch Oregon in diesen Kreis gehört und die anderen aufgezählten Teams diesem Quartett ein Bein stellen werden. "Meine" Wildcats haben fast die komplette Startformation verloren und sind zusätzlich vom Verletzungspech gebeutelt. 

Ray Smith, der nächste potentielle Lottery-Pick, riss sich in der Vorbereitung das Kreuzband, nachdem er 15 Monate zuvor bereits dieselbe Verletzung im anderen Knie zu verkraften hatte. Kaleb "Zeus" Tarczewski knickte beim Wooden Legacy Turnier um und fällt mehrere Wochen aus. Dazu ist die Defense enttäuschend schwach. Selbst Coach Miller scheint in dieser Hinsicht ein wenig ratlos zu sein, wenn man sich seine Mimik der letzten Interviews anschaut und auf den Ton achtet. 

Utah und Cal waren bisher allerdings auch sehr wankelmütig in ihren Leistungen. Utah lebt dieses Jahr noch mehr vom Dreier und ist noch extremer darauf angewiesen, dass sich Jakob Pöltl keine dämlichen Fouls einhandelt. Seine offensive Entwicklung ist beeindruckend und es wäre schade, wenn er sein Skillset nicht zeigen dürfte. 

Bei California überzeugen bisher Tyrone Wallace und Ivan Rabb. Jaylen Brown bleibt bis dato ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Gegen die schwachen Gegner konnte er dominieren, doch er lebt noch sehr von seiner Physis und kann weniger durch Ballkünste bestechen. Das war schon zu seinen Highschool-Zeiten ein Manko und ich bin daher nach wie vor skeptisch, ob er wirklich ein Top Five-Pick wert ist. Diese Schwächen werden an guten Tagen von Oregon und UCLA mit Sicherheit bestraft. 

Und wie bereits beschrieben traue ich den Washington Huskies eine Menge zu. Gegen Ende der Saison könnten sie unangenehme Spielverderber darstellen. Kann dein neutrales Auge mir Mut für meine Wildcats und eine Titelverteidigung zusprechen? 


Adelhardt: Du hast dir die Arizona Wildcats sicherlich genauer angeschaut als ich es bislang getan habe, doch ich kann dir tatsächlich etwas Mut zusprechen. Zuerst die schlechten News: Arizona hatte bislang einen der leichtesten Schedules aller NCAA-Teams und konnte gegen die schwachen Kontrahenten trotzdem in der Offensive nicht wirklich überzeugen. Sie scheinen Probleme zu haben, in einen offensiven Rhythmus zu kommen.

Auch Top-Freshman Allonzo Trier wirkt für mich noch zu häufig wie ein Fremdkörper. Es ist ganz klar zu sehen, dass die lenkende Hand und die Playmaking-Fähigkeiten eines T.J. McConnell fehlen. Ich bin gespannt, wie Coach Miller im Verlauf der Saison seiner Offensive mehr Struktur verleihen wird. Hoffnungen sollte dir jedoch die Defensive machen. Du findest sie enttäuschend schwach, ich sehe dort in diesem Jahr den größten Hoffungsschimmer.

Trotz der Abgänge von McConnell, Stanley Johnson oder Rondae Hollis-Jefferson ist immer noch genügend defensives Potential vorhanden, um die Spiele am hinteren Ende des Feldes zu gewinnen. Insgesamt ist das Talentlevel der Wildcats dennoch das niedrigste seit drei Jahren, weshalb es nicht auszuschließen ist, dass sie sich in diesem Jahr nicht die PAC-12 Krone schnappen werden. 

Als wir gerade über die Offensive von Vanderbilt gesprochen haben, musste ich zwangsläufig auch an die Utes denken, die seit dem Abgang von Ballhandler Delon Wright ebenfalls auf verstärktes Perimeter-Ballmovement, Spacing und dem Low-Post-Scoring ihres Big Man (Pöltl) vertrauen. Utah sehe ich als den vermutlich gefährlichsten Gegner für Arizona an. 


Tyrone Wallace, Jabari Bird, Jordan Mathews, Ivan Rabb, Jaylen Brown - an individueller Qualität mangelt es den California Golden Bears wahrlich nicht. Doch passen die Puzzleteile wirklich zusammen? Auch mir gefällt Brown mit seinem stürmischen und eindimensionalen Spielstil bislang nicht so recht. Nur kurz zur statistischen Illustration: von allen fünf Rotationsspieler, die nach den ersten sieben Spielen mehr als 150 Minuten auf dem Parkett standen, weist Brown das mit Abstand schwächste Offensiv-Rating auf (104.1). Die Zahlen belegen also den Eye-Test. Der Flügelspieler ist ein ineffizienter Scorer, der zu oft die falsche Lösung in der Offensive sucht. Anders sieht die Sache bei Rabb aus, der sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung vielversprechende Ansätze zeigen konnte. Es wird auf alle Fälle eine spannende - und ausgeglichene - PAC-12-Saison werden. 


Adelhardt: Genug der Worte über die Teams von der Westküste - ab nach Michigan State und zu den von mir favorisierten Spartans. Obwohl wir noch nicht März haben, sind die Spartans schon auf voller Betriebstemperatur. Ich hatte es in meiner Team-Preview auf dieser Webseite gesagt und jetzt sieht es die gesamte (College-Basketball-) Welt: Diese Spartans sind tiefer, variabler und gefährlicher als letztes Jahr, als sie bekanntermaßen bis ins Final Four vordringen konnten. Denzel Valentine feiert momentan seine persönlichen Festspiele und zaubert im Schnitt 19.9 PPG, 8.9 RPG, 8.6 APG aufs Parkett. Uli Hoeneß sagte mal, dass der Nikolaus noch nie ein Osterhase war, und auch ich weiß, dass es nach acht Spielen noch keinen Grund zur vollkommenen Ekstase gibt. Aber Hand auf's Herz - diese Spartans sind "for real", oder? 

Babst: Wenn ich schon jetzt mein Bracket ausfüllen müsste, würde ich die Spartans wahrscheinlich als erstes bis ins Final Four durchmarschieren lassen. Das Team ist tief besetzt, kann verteidigen, werfen und rebounden. Das sind alles Tugenden, die vergangene Tom Izzo Teams durch den März getragen haben. Dass die Spartans bereits jetzt schon jeden Gegner in Grund und Boden spielen, obwohl die letzten Blätter gerade erst von den Bäumen gefallen sind und die heiße Phase der Saison noch weit entfernt ist, sollte den anderen Championship-Contendern die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. 

Valentine spielt im Moment in einer anderen Liga als alle um ihn herum. Seine Performance gegen Boise State, als er in wenigen Minuten zwölf Punkte in Folge erzielen und dabei die irrwitzigsten Dreier versenken konnte, ließ wahrscheinlich nicht nur mir die Kinnlade herunterklappen. Auch seine Schlussphase gegen die Kansas Jayhawks gehörte zu den stärksten individuellen Performances der vergangenen fünf Jahre. Dazu kommen die beiden Freshmen Matt McQuaid und Deyonta Davis, die mich durch ihren direkten Input positiv überraschen. Im Moment wird der Wein noch durch die mageren Leistungen von Transfer Eron Harris und der Verletzung von Gavin Schilling verwässert, aber sobald auch die beiden sich im Teamgefüge einfinden, wird es wirklich schwer, die Spartans zu schlagen. Allerdings müssen sie aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr auf Valentine verlassen. Gerade die Halfcourt-Offense wirkt gelegentlich noch ideenlos, wenn Valentine mal das Feld verlässt. 


Adelhardt: Denzel Valentine ist momentan der NCAA-Gegenentwurf zu Stephen Curry. Er trifft Dreier über die andere Spieler gar nicht erst nachdenken würden, er bedient seine cuttenden Mitspieler mustergültig und nimmt jede Defensive im Pick&Roll auseinander. Dass Frosh-Big Davis zu so einem frühen Zeitpunkt der Saison schon einen beachtlichen Impact auf die Spartans-Defensive nimmt, hat mich ebenfalls positiv überrascht. Off-Guard Bryan Forbes knippst aktuell von jenseits der Dreierlinie konstant die Lichter aus und stellt auf der Weakside das primäre Ziel der Kick-out-Pässe von Valentine dar. Lebt die Halbfeld-Offensive der Spartans von der individuellen Klasse eines Denzel Valentine? Bestimmt. 

Doch mit Travis Trice hat sich ein anderer drivestarker Ballhandler aus East Lansing verabschiedet und Sophomore Lourawls Nairn Jr. ist (noch) nicht so weit, um die Offensive seiner Mannschaft über einen längeren Zeitraum zu orchestrieren. Die Mischung aus Spot-up-Shootern wie McQuaid, Forbes, Harris (er wird noch kommen, glaub mir) und den Playmaking-Skills von Star-Flügelspieler Valentine macht die Spartans-Offense zu der gefährlichsten seit Jahren. Dass da eine gewisse Abhängigkeit zu dem Output von Valentine besteht, ist angesichts seines aktuellen Leistungsstands nicht weiter verwunderlich. 

Du hast mit McQuaid und Davis zwei Freshmen erwähnt, die bislang positiv überraschen konnten und einen erheblichen Einfluss auf die guten Ergebnisse ihres Teams haben. Welche anderen College-Frischlinge sind dir in den ersten Saison-Wochen positiv aufgefallen und können eventuell sogar als Sleeper-Talente für die NBA gelten? 


Babst: Besonders Davis hat es mir nach den ersten Spielen angetan. Wenn er sich im Laufe der Saison entwickelt, kann ich mir sogar vorstellen, dass so manches NBA-Team bereit wäre einen späten Erstrundenpick in ihn zu investieren. Er ist lang, athletisch, hat phänomenale Hände, gute Instinkte und auch einen soften Touch. Auf lange Sicht ist er daher ein interessanter Mann. 

Ansonsten gefallen mir die beiden Wings der Florida State Seminoles sehr gut. Von Dwayne Bacon konnte ich bereits das ein oder andere Highschool-Spiel sehen und was er dort fabriziert hat, konnte er in den ersten Saisonwochen Eins-zu-Eins in die NCAA mit hinüberretten. Er ist ein athletischer Flügelspieler mit guter Länge und sehr vielseitigem Offensivpaket. Er kann werfen, den Break laufen oder auch als Ballhandler im Pick&Roll agieren. Kontrolliert er seine Emotionen, beweist er Konstanz und hält er sein momentanes Defensivniveau, ist er für mich ein Lottery-Pick. 

Auch Kollege Malik Beasley besticht bislang als Scorer, obwohl er eigentlich als Defensivfanatiker gilt und sich viel lieber dort austobt. Seine physische Erscheinung ist jetzt schon NBA tauglich. Auf seine spielerische Entwicklung bin ich gespannt. Wen hast du noch auf der Liste... vielleicht auch aus älteren Semestern? Immerhin wird diese Saison oft unter der Überschrift "Year of the Senior" tituliert. 

Adelhardt: Denzel Valentine, Buddy Hield, Jake Layman, Taurean Prince, Caris LeVert - es gibt da durchaus so einige Seniors, denen ich zutraue, dass sie ihre basketballerische Zukunft in der NBA verbringen könnten. In der modernen NBA werden variable Spielertypen, die in der Defensive und Offensive durch Polyfunktionalität glänzen, wertgeschätzt. Alle von mir genannten Spieler mögen nicht über das absolute High-End-Talent verfügen, dafür können sie jedoch einer Mannschaft auf verschiedene Arten zum Sieg verhelfen. 


Über Valentine haben wir schon das ein oder andere Wort verloren. Layman und Prince sind zwei weitere multifunktionale Flügelspieler, die im richtigen Umfeld und der passenden Rolle immer funktionieren können -  auch in der NBA. Ansonsten fallen mir bei den College-Neulingen noch die Namen Henry Ellenson und Tyler Dorsey ein, wobei ich mir erst einmal noch die nächsten zwei, drei Wochen anschauen möchte, bevor ich ein finales Urteil über das Potential der beiden Youngster fälle. 

Babst: Richtig. Gerade Dorsey birgt eine Menge Potential in sich. Ich bin gespannt, wie konstant er das als Freshman abrufen kann und ob NBA-Scouts auf ihn aufmerksam werden. Bei deinen Seniors würde ich eventuell Jake Layman mit einem Fragezeichen versehen. Er ist mir bislang noch zu inkonstant und ehrlich gesagt würde ich ihn lieber als wandelndes Missmatch auf der Vier in den Ligen Europas durch die Gegend streifen sehen. 

Ein Spieler, den ich persönlich noch weiterverfolgen werde, der aber insgesamt noch nicht gut genug ist, um wirklich als NBA Kandidat durchzugehen, ist AJ Davis von den UCF Knights. Ein „Point Forward“, der ein wenig die Miniversion von Ben Simmons abgibt: Linkshänder, athletisch, unstoppable im Schnellangriff, kann das Pick & Roll laufen und jeden Ball rebounden.


Adelhardt: Okay, dann lass uns mal zum Abschluss noch etwas hypothetisch werden. Angenommen du müsstest auf der Basis der ersten drei Wochen heute schon deine vier Favoriten auf den Einzug ins Final Four 2016 tippen. Welche Teams würdest du da nehmen? Favoriten wie Kentucky, Duke und UNC, oder auch ein, zwei Geheimtipps wie Miami, Vanderbilt, Valparaiso oder Oregon? 


Babst: Das ist eine gute Frage. Mit Sicherheit wird es dieses Jahr mindestens ein vermeintlicher Underdog ins Final Four schaffen. Momentan würde ich da Xavier die größten Chancen zurechnen, die ich ja bereits zu meinen größten Überraschungen der jungen Saison gezählt habe. Denen traue ich eine Menge zu. Kentucky und Michigan State scheinen nach den ersten Wochen gesetzt zu sein. Das vierte Team ist dann sehr schwer auszumachen. Maryland, Kansas, UNC? Oder doch eine gänzlich andere Mannschaft? Schwierig. Ich denke, ich würde mit Kansas gehen. Wie siehst du das? 

Adelhardt: Ähnlich. Michigan State ist bei mir gesetzt, Kentucky eigentlich auch. Wir haben über die Qualitäten in der Kentucky-Offensive geredet, dabei stellen die Wildcats aktuell laut der Metrik von Kenpom.com schon wieder die effizienteste Defensive der NCAA. Mit Humphries, Lee, Willis, "Skal Lab" und Poythress als Smallball-Vierer, sind die Wildcats auch im Frontcourt tief genug besetzt. Ich weiß selbst nicht genau warum, aber irgendwie glaub ich in diesem Jahr an einen tiefen Run von Valpo. Ich mag Stretch-Big Alec Peters als offensiven go-to guy und ihre starke Verteidigungsarbeit. 

Als viertes Team würde ich dann die Villanova Wildcats nennen. Auch wenn Villanova sich in den vergangenen beiden Jahren beim NCAA-Turnier nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, glaube ich, dass sie im kommenden Jahr ihrer Favoritenstellung endlich gerecht werden. Irgendwelche Einwände? Ich werte das als Nein. Dann behalten wir unsere heutigen Tipps doch im Hinterkopf und werfen in vier Monaten nochmal einen Blick zurück...