05 Dezember 2015

5. Dezember, 2015


Die ersten drei Wochen der NCAA-Saison 2015/16 stehen in den Büchern. In Monmouth wird wundervoll gejubelt, in Indiana weiterhin unterirdisch verteidigt, in Louisiana regiert „King Simmons“ und Sparty Denzel Valentine kratzt am Triple Double-Rekord von Magic Johnson. Torben Adelhardt und Axel Babst schlemmen sich in 'Cream Puff Delight' durch die College-Highlights des Monats.

von AXEL BABST @CoachBabst & TORBEN ADELHARDT @Torben41

Torben Adelhardt: Was sind für dich bislang die spannendsten Storylines der jungen Spielzeit?

Axel Babst: Du hast ja da oben schon eine ganze Menge angerissen und einen guten Querschnitt der ersten Saisonwochen geliefert. Was mich persönlich erfreut, sind die vielen Upsets und das Schwächeln vieler vermeintlicher Titelkandidaten. Ich denke, dieses Jahr wird es eine sehr spannende „March Madness“ mit vielen Upsets und ohne klaren Favoriten geben. Daher werden auch viele Teams, die momentan noch unter dem Radar fliegen, gegen Ende der Saison groß aufspielen. Siehst du das auch so? Oder täuscht mich da mein Gefühl? 

Adelhardt: Absolut. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in den letzten Jahren soviel Uneinigkeit über die vermeintlichen Top-Titelkandidaten herrschte wie in diesem. Klar, mit Kentucky, Duke, North Carolina und Kansas befanden sich auch die prominentesten College-Basketball-Programme in den Preseason-Rankings weit vorne. Doch diesen einen, glasklaren Contender, wie letztes Jahr z.B. die Kentucky Wildcats, gibt es in dieser Spielzeit nicht.

In den ersten Wochen haben so gut wie alle designierten Top-Teams ihre Schwachstellen offenbart und mussten teilweise sogar empfindliche Niederlagen einstecken. Mich haben zum Beispiel die Miami Hurricanes mit ihrem Auftreten bei dem Turnier in Puerto Rico äußerst positiv überrascht. Wie sie Mississippi State in ihre Einzelteile zerlegt und ein wahres Offensiv-Feuerwerk abgefackelt haben - das war schon beachtlich.

Für mich sind Teams wie Miami oder auch die Florida State Seminoles definitiv die Gewinner der ersten Wochen, weil sie uns gezeigt haben, dass sie aufgrund ihrer Scoring-Potenz an guten Tagen jede Verteidigung des Landes in Bedrängnis bringen können. 
Neben den Seminoles und 'Canes: welche Teams haben dich positiv überrascht? 

Babst: Diesen beiden Teams haben auch mich vor allem mit ihrer offensiven Stabilität in den ersten Auftritten überzeugt. Neben den beiden würde ich die Liste noch um Washington, Oregon und Xavier erweitern. 

Washington hat einen riesigen Umbruch zu verkraften und mit Andrew Andrews lediglich einen einzigen Senior im Kader. Doch die Freshmen sind hochtalentiert und haben keine Angst vor der großen Bühne. Wenn sie nun im Laufe der Saison noch lernen ihre Anlagen richtig zu entfalten, ist das Team in der PAC-12 nicht zu unterschätzen.

Ein weiteres Team, das ebenfalls im Westen beheimatet ist und bisher beeindruckt hat, sind die Oregon Ducks. Obwohl mit Ennis und Bell noch zwei Starter verletzt fehlten, konnten sie die Baylor Bears aus der Halle schießen und zeigen sehr ansprechenden Basketball. Als dritte Uni ist Xavier noch unbedingt eine Erwähnung wert. Die X-Men sind super tough, haben Größe und spielen mit Tempo. Gegen dieses Team will wahrscheinlich kein "großes Team" antreten. 

Adelhardt: Bei den Oregon Ducks bin ich nur mäßig überrascht, dass sie mit sechs Siegen in die neue Saison gestartet sind. Wir reden hier über eine Mannschaft, die mit Joseph Young zwar ihren letztjährigen Top-Scorer und offensiven go-to Mann verloren hat, aber weiterhin über genügend fähige Scorer verfügt, um eine der variabelsten Offensiven der Nation zu stellen. Tyler Dorsey, Dillon Brooks, Elgin Cook - das sind allesamt Jungs, die meiner Meinung nach den höchsten NCAA-Division-I Ansprüchen genügen.

Dass Ex-Villanova Wildcat Dylan Ennis und Sophomore Jordan Bell noch gar nicht dabei sind, finde ich irgendwo fast schon beängstigend. Ich habe bei den zwei Spielen der Ducks, die ich bislang gesehen habe, sogar das Gefühl gehabt, dass Coach Altman noch gar nicht so recht weiß, welche Systeme er in der Offensive primär laufen lassen soll und wie er das Inside-Out-Spiel effektiver forcieren kann. Wenn die Ducks erst einmal alle Mann an Bord haben und ihre Offensive noch klarer strukturiert wird, dann haben wir es hier mit einem potentiellen PAC-12-Champion zu tun.


Die Musketeers fliegen ja traditionell etwas unter dem Radar. Dabei haben sie mit Trevor Bluiett und Jalen Reynolds nicht nur zwei Top-Jungs in ihren Reihen, sondern wissen auch mit Chris Mack einen der unterbewertetsten NCAA-Head Coaches an der Seitenlinie. Dass Eingespieltheit und taktische Reife individuelle Qualität schlagen können, zeigen die X-Men seit ein paar Jahren in schöner Regelmäßigkeit.

Babst: Vielleicht noch als kleiner Nachsatz zu den Ducks: Genau was du ansprichst, überrascht mich so. Das Team ist noch in der Findungsphase, die Rollen sind noch nicht klar verteilt, der geplante Topscorer und der beste Rimprotector fehlen, und trotzdem sind sie jetzt schon in der Lage andere Top-25 Teams aus der Halle zu schicken. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.


Adelhardt: Wo Licht ist, da ist auch Schatten nicht weit entfernt. Mir fallen spontan die Wichita State Shockers, LSU Tigers und Indiana Hoosiers ein, die aus unterschiedlichen Gründen bislang den eigenen Ansprüchen hinterher hecheln, sei es aufgrund von Verletzungen oder fehlender Eingespieltheit. Wo hakt's bei diesen Teams? Und hast du noch andere Mannschaften auf dem Schirm, die dich in den ersten Tagen aus spielerischer Sicht enttäuscht haben?

Babst: Ja, wo es Gewinner gibt, gibt es auch immer Verlierer. Die drei angesprochenen Teams gehören definitiv zu Letzteren. Bei den chronisch erfolgreichen Wichita State Shockers hat leider das Verletzungspech mit voller Breitseite zugeschlagen. Floor General Fred VanVleet war beim Turnier in Orlando verletzt und konnte nicht mitwirken. Sein Backup, und das vielleicht größte Talent hinter VanVleet und Ron Baker, Landry Shamet fällt nach einer Operation mehrere Wochen aus. Shamet gefiel mir ausgesprochen gut und ist mit Sicherheit der beste Athlet, den Gregg Marshall bisher trainieren durfte (einschließlich Tekele Cotton).

Dazu prallte Anton Grady dann auch noch im Laufe des dritten Spiels gegen einen Gegenspieler und musste benommen vom Feld getragen werden. Grady ist der beste Offensiv-Big Man der letzten Jahre bei den Shockers. Das sind dann Verluste, die die Shockers einfach nicht auffangen können. Zudem hat Marshall noch nicht die richtige Lineup gefunden, mit der er Gegner besiegen kann. Es fehlt ein fünfter verlässlicher Spieler neben Baker, VanVleet, Grady und Bodyguard Evan Wessel.

LSU lebt bislang von Ben Simmons. Es ist erkennbar, dass Coach Jones ihm die Zügel in die Hand geben will. Doch ein bisschen Unterstützung wäre nett. Denn defensiv sind die Tigers noch sehr anfällig und das Setplay ist nicht wirklich existent. Simmons muss alles selber kreieren und darauf stellen sich die Gegner so langsam ein.


Und Indiana? Nun ja, ein wenig Defense wäre nicht schlecht. Indiana hat keinen Stopper in den eigenen Reihen und kann im Eins-gegen-Eins niemanden vor sich halten. Deckt sich das mit deinen Eindrücken? 

Adelhardt: Dass die Shockers im November 2015 bereits ein Spiel mehr verloren haben (vier) als im gesamten Zeitraum des Kalenderjahres 2014 (drei) liest sich besorgniserregend. Ist der Run von Coach Marshall und seinen Shockers beendet? Ich will da noch etwas vorsichtig sein. Du hast die vorliegenden Probleme aufgezeigt und ausführlich erklärt. Einen Spieler wie VanVleet kann kaum eine NCAA-Mannschaft adäquat ersetzen - erst recht kein Mid-Major-Team, das die Shockers streng genommen weiterhin sind. Wenn Wichita State im kommenden März wieder an der großen NCAA-Tanzveranstaltung teilnehmen möchte, dann müssen sie definitiv MVC-Champion werden. Ihr Resume haben sie sich innerhalb der ersten Saisonwochen so kräftig versaut, dass es mit einem 'at-large-bid' schwer werden dürfte.

Warum die Hoosiers vor der Saison so gehypt wurden, war mir ohnehin ein Rätsel. Das Magazin Lindy's Sport hatte die Hoosiers in ihrem Preseason-Ranking gar an Position vier gesetzt! Absurd. Mit Freshman Thomas Bryant konnte zwar ein talentierter Spieler für das Interieur rekrutiert werden, doch damit haben die Hoosiers nur eine der letztjährigen Schwachstellen geschlossen. Es mangelt Indiana weiter einfach an brauchbaren Verteidigern. Yogi Ferrell und James Blackmon Jr. mögen in der Offensive zu den besten Backcourt-Duos des Landes gehören, in der Defensive sind  beide heillos überfordert und bekommen den Perimeter nicht verteidigt. Ich sehe auch keine Möglichkeit, dass sie defensiv in irgendeiner Weise besser als Durchschnitt agieren. Die Hoosiers können durch ihre offensive Firepower durchaus für Forure sorgen, doch ohne eine funktionierende Team-Defense gehören sie für mich nicht zur NCAA-Spitzenklasse.

Was die Tigers betrifft: Puh. Die ersten drei Spiele waren vielversprechend, aber zwischen McNeese State/Kennesaw State und NC State/Marquette liegt dann doch ein großer qualitativer Unterschied. In den ersten Spielen konnten die Tigers ihre athletischen Vorteile konsequent ausnutzen und die Low-Major-Teams praktisch überrennen. Marquette und NC State haben dann die Schwächen des diesjährigen Tigers-Team schonungslos offenbart: die Offensive ist aus taktischer Sicht ein ziemliches Armutszeugnis. Dass das Setplay noch nicht wirklich existiert, ist noch etwas untertrieben. Wenn LSU nicht durch Steals oder Defensiv-Rebounds das Spiel schnell macht und sein Transition-Game aufzieht, wird es düster. Die Halbfeld-Offensive der Tigers beschränkt sich auf Dribble-Drives und vereinzelten Pick&Rolls. Off-ball-Aktionen, die das Offensivspiel komplexer machen und der gegnerischen Defensive das Leben erschweren würde, stehen bislang nicht auf der Tagesordnung. Viele schnelle - und schlechte - Abschlüsse prägen das offensive Bild. Superstar-Frosh Simmons ist der einzige Grund, warum wir an dieser Stelle überhaupt über LSU reden, oder? 


Babst: Definitiv. Hier rächt sich der schwache Non-Conference-Spielplan. Die restlichen Aufgaben bis zum Beginn der SEC-Saison bieten kaum beachtenswerte Duelle. Wake Forest ist da die einzige Ausnahme. Und sollte sich LSU weitere Aussetzer wie gegen Charleston leisten, ist die Bilanz nur noch schwerlich zu retten. Es wäre eine Schande, wenn wir Simmons nicht im März auf dem Parkett bewundern dürften. Dafür macht das Zusehen einfach zu viel Spaß. Allerdings muss Coach Jones eine Möglichkeit finden, Simmons zu entlasten. Das ist alles sehr durchsichtig, und auf kurz oder lang werden Gegner die Lieblingspässe scouten und Simmons' Gedankengänge durchblicken. Bereits einfachste Pick&Rolls, wie Jones sie letztes Jahr laufen ließ, würden vermutlich schon Abhilfe schaffen.


Babst: Hey, abseits dieser offensiven Trauerweide gibt es auch noch Mannschaften, die ihre offensive Handwerkskunst verstehen. Welche Teams kommen dir da spontan in den Sinn?

Adelhardt: Neben den eingangs erwähnten Teams aus dem Süden (Miami und Florida State), die Wildcats aus Villanova und ihre Namensvetter aus Kentucky. Ich habe die Villanova Wildcats gegen Farleigh und Georgia Tech gesehen und mir gefällt ihr Small-Ball-System, welches die Wildcats-Offense schon seit zwei Jahren auszeichnet. Jalen Brunson, Ryan Arcidiacono und Josh Hart formen ein formidables Backcourt-Triumvirat und bilden im Zusammenspiel mit Shooter Kris Jenkins und Big Man Daniel Ochefu ein unfassbar gefährliches Offensiv-Team. Eine Vielzahl potentieller Ballhandler, Spacing en Masse - die Wildcats werden in diesem Jahr wieder eine der ansehnlichsten Offensiven stellen.


Bei Kentucky bin ich froh, dass die "Schreckensherrschaft" der Harrison-Twins endlich beendet ist. Während mir bei Villanova eher der Teambasketball und das uneigennützige Ballmovement zusagt, ist es bei Kentucky die individuelle Klasse der einzelnen Akteure. Jamal Murray sorgt mit seinen offensiven Entscheidungen zuweilen noch für Wutausbrüche bei Coach Calipari, doch der Junge strotzt nur so vor spielerischem Talent. Und dazu gesellen sich noch Isaiah Briscoe und Tyler Ulis. Jeder der drei Jungs kann seinen Gegenspieler am Perimeter im One-on-One schlagen und den Drive anbringen.

In Wellen brechen die ständigen Dribble-Penetrations auf die gegnerischen Verteidigungen herein, es ist unfassbar schwierig die ständig auftretenden Löcher in der Defensive durch die richtigen Rotationen auszugleichen. Achja, einen Neuling im Frontcourt haben die Cats aus Lexington ebenfalls, der offensiv mit seiner Mixtur aus Athletik und Wurfgefühl recht brauchbar ist. 
Ich könnte jetzt auch noch Boise State, Michigan State, Indiana (ja, Offense können sie), Valparaiso oder Butler aufzählen, die mir allesamt in dieser Saison in Sachen Offensiv-Performance bereits gefallen haben. Wie schaut's bei dir aus? 

Babst: Da hast du dir mit Kentucky und Villanova zwei interessante Teams rausgepickt. Gerade bei Kentucky lohnt sich das Einschalten in dieser Saison für Freunde rhythmischen Angriffsspiels wieder mehr. Auch ich ertappe mich in dieser Saison dabei, dass ich nicht alleine aus einem Pflichtgefühl heraus einschalte, sondern auch interessiert daran bin, wie die Dribble Drive Motion Offense umgesetzt wird. Mit Ulis und Murray haben die Cats natürlich zwei Spieler, die perfekt in dieses Schema passen und von denen ich eine Menge halte.


Meine persönlichen Favoriten sind jedoch andere. Zwei davon hast du bereits genannt: Butler und Vanderbilt. Butler hat eine Ansammlung von Spielern beisammen, die in vielen konventionellen Collegesystemen vermutlich keine Chance erhalten würden. Doch bei den Bulldogs wird ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Tyler Lewis inszeniert momentan den unvergesslichen "White Chocolate" neu und erstaunt mit seiner fabelhaften Courtvision. Dazu gesellen sich mit Scharfschütze Kellen Dunham und Allrounder Roosevelt Jones zwei kongeniale Unterstützer im Backcourt. Die drei Jungs spielen dermaßen ungewöhnlich, dass es den Zuschauer zum Schmunzeln verleitet, wenn sie ihre Gegner mit Bewegungen düpieren, die bei den meisten Spielern einfach nicht einprogrammiert sind und sie daher völlig perplex dastehen lassen.

Vanderbilt ist hingegen ein taktisch sehr diszipliniertes Team, das mit Spacing und einer tödlichen Mischung aus Inside-Outside-Game aufwarten kann. Doch es geht nicht um die reine Spielanlage der Commodores, sondern viel mehr um die Art und Weise, mit der sie ihre Stärken ausspielen und ihren Kopf durchsetzen. Viele Misdirection-Sets, clevere Screen-the-Screener Aktionen und der Wille zum Extrapass sind Grundlagen für das fabelhafte Teamspiel. Da Head Coach Kevin Stallings nach langer Zeit auch endlich das Personal hat, mit dem sich diese Form des Basketballs praktizieren lässt, ist Vandy eine wahre Punktemaschinerie.

Zu guter Letzt möchte ich auch die Georgetown Hoyas lobend erwähnen. Ihre Pick&Roll-Action ist nur schwer zu verteidigen, da jederzeit variable Ballhandler auf dem Feld stehen und es schwer vorherzusehen ist, wer den entscheidenden Pass in die Zone spielt. Dazu kommen viele harte Backdoorcuts, die Druck auf die Defense ausüben, und viele potente Scorer, die an guten Tagen problemlos zehn oder mehr Zähler auflegen können. Diese ausgewogene Offense ist sehr beachtlich. 

Adelhardt: Ich sehe schon, dass wir mit unserer Vorliebe für variable Offensiv-Teams hier auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Von den Commodores erwarte ich insgeheim sogar noch ein bisschen mehr als das bisher gezeigte. Damian Jones muss im Low-Post zuweilen noch dominanter agieren und Stretch-Big Luke Kornet seine Dreier treffen. Die "Four-Out, One-In"-Offense von Vanderbilt kann aufgrund des diesjährigen Spielerpersonals in Sachen Offensiv-Effizienz zu den besten Angriffsreihen der NCAA gehören.