26 Dezember 2015

26. Dezember, 2015


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Sixers-Fans haben in den letzten Jahren wenig Gründe, ihr Team genauer zu verfolgen. Rookie Joel Embiid verpasste nicht nur die letzte, sondern auch die aktuelle Saison. Dario Saric spielt lieber noch ein Jahr in der Türkei, anstatt sich den 76ers anzuschließen. Wenigstens ein Spieler machte in der letzten Saison auf sich aufmerksam: Center Nerlens Noel.  

Die Erwartungen für Noel waren extrem groß. Neben Michael Carter-Williams war er der einzige fitte Lottery-Pick der 76ers und sollte den Fans neue Hoffnungen für die Zukunft geben. Die Ansprüche schienen zu hoch für Noel zu sein. Wegen eines Kreuzbandrisses verpasste er eineinhalb Jahre wichtige Entwicklungszeit – Erst im College, dann in der NBA. 

Die Colleges rissen sich einst um den jungen Center. Jeder wollte den High Schooler für eine Saison "ausleihen", bevor er sich zum NBA Draft anmeldete. Noel ließ sich das Logo der Kentucky Wildcats in seine Haare rasieren und verkündete damit seine Wahl. Die Fans und die Medien verglichen ihn wegen der ähnlichen Spielweise und Statur schnell mit Anthony Davis, der die Wildcats in der Saison zuvor zum College-Titel geführt hatte und dann seine Zelte in Lexington abbaute, um der nächste Superstar in der NBA zu werden.

Es ist ein Vergleich, dem Noel nicht standhalten kann, vor allem offensiv kann er nicht mit dem NBA-Superstar mithalten. Defensiv hingegen verteidigt Noel schon immer auf hohem Niveau und schickte 4,4 Blocks in 31 Minuten pro Spiel für die Wildcats zum Absender zurück. Im Januar stellte er eine neue Bestmarke für sein College auf: Gegen Ole Miss blockte er 12 Würfe, fünf davon mit vier persönlichen Fouls. Dass er in der Offensive nur zwei Punkte erzielte, fiel nicht weiter auf.


Verletzung & Draft
Die beeindruckende Freshman-Saison fand im Spiel gegen die Florida Gators ein jähes Ende. Noel ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach und riss sich dabei das Kreuzband im linken Knie. Trotz seiner Verletzung meldete sich der Wildcat zum NBA-Draft 2013 an. 

Vor der Verletzung galt Noel als unumstrittener Nummer-1-Pick. Doch nicht nur seiner Draftposition schadete die Verletzung immens. Offensichtlich ist ein Kreuzbandriss für einen (Profi-) Sportler immer eine der schlimmsten Verletzungen, aber gerade einen jungen Big Man, dessen Spiel auf Schnelligkeit und Athletik ausgelegt ist, trifft die Verletzung noch härter. 

Hinzu kommt, dass Noel durch die Verletzungen wichtige Trainingseinheiten verlor, um an seinem Spiel zu arbeiten. Die physischen Eigenschaften sind zwar beeindruckend, aber seinem Spiel fehlt es an jeglicher Feinjustierung. 

Die ersten fünf Teams entschieden sich gegen eine Selektion Noels. Gerüchte, er würde die komplette folgende Saison verpassen, hielten sich hartnäckig. Gerade Teams in der hohen Lottery wollen Spieler, die sofort einsatzbereit sind und den Fans plus der Franchise neue Hoffnung geben. Klubs haben keine Zeit zu warten, bis der Spieler endlich einsatzbereit ist. 

An Position sechs zogen dann schließlich die New Orleans Pelicans Noel, nachdem mit Alex Len und Cody Zeller zwei weniger talentierte Big Men vor ihm weggingen. Die Pelicans hatten mit Davis und Noel plötzlich ein hochinteressantes Duo auf den großen Positionen, aber die Entscheidungsträger in Louisiana schickten ihn für Aufbauspieler Jrue Holiday nach Philadelphia zu den 76ers, die damit offiziell den Rebuild ausriefen. 

Rebuild mit den Sixers
In Philadelphia gingen sie extrem behutsam mit Noel um. Druck, sofort aufzulaufen bekam er nicht. Um kurzfristige Erfolge geht es in Philadelphia nicht und das Front Office wollte kein Risiko eingehen, Noel früher als nötig aufs Feld zu schicken. Noel lief 2013/14 keine einzige Minute auf. Die Sixers waren an der langfristigen Gesundheit des Centers interessiert. 

Die Erwartungen und die Vorfreude waren riesig. Nach guten Leistungen in der Summer League und dem Ausfall von Rookie Joel Embiid war Noel 2014/15 der neue Hoffnungsträger. Im Oktober 2014 vergangenen Jahres gab er dann endlich sein lange erwartetes Debüt in der NBA. Noel blockte drei Würfe, holte sich zehn Rebounds und traf zwei von elf Wurfversuchen aus dem Feld. Offensiv war sein unausgereiftes Spiel kaum zu übersehen. Außerhalb der Zone war Noel praktisch nicht gefährlich.

Zu Beginn der Saison war Noel am offensiven Ende des Parketts völlig verloren. Das Tempo in der NBA war noch zu hoch, seine fehlende Spielpraxis durch die knapp eineinhalbjährige Pause nach seiner Verletzung war ihm deutlich anzumerken. Post-Moves hatte er auch keine. Seine Offensive bestand fast ausschließlich aus Dunkings oder nach Rebounds am offensiven Brett. 


Doch defensiv war Noel der Anker der miesen 76ers und für die unerwartet gute Verteidigungsleistung des tankenden Teams hauptverantwortlich. Noel weiß, wie er defensiv zu stehen hat. Die Highlight-Videos von seinen Blocks lenken die Fans aus Philadelphia von ihrem ansonsten tristen Fandasein ab. 

Je länger die Saison dauerte, desto wohler fühlte sich Noel auf dem Feld. Doch das Wichtigste an der Saison passierte nicht auf dem Feld: Er gab Sixers-Fans Hoffnung und konnte die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen. Mit Rookie Joel Embiid verpasste wieder ein Sixers-Rookie die Saison, während der amtierende Rookie des Jahres Michael Carter-Williams während der Saison nach Milwaukee getradet wurde.

Noel konnte kein „normaler“ Rookie sein, sondern war stattdessen das Aushängeschild der 76ers - viel Last für die schmalen Schultern von Noel. Mit Verletzungen hatte der Rookie hingegen keine Probleme. Sein operiertes Knie hielt den hohen Belastungen einer NBA-Saison stand, er verpasste nur sieben Spiele. Im Rennen um den Rookie of the Year Award musste sich Noel nur Andrew Wiggins von den Minnesota Timberwolves geschlagen geben. 

Das Experiment Okafor & Noel 
Das Front Office der Sixers wählte im vergangenen Draft Center Jahlil Okafor von der Duke University. Wie das Duo Noel/Okafor zusammen auf dem Feld effektiv sein könnte, war im Sommer das wichtigste Thema bei Sixers-Fans und Experten zugleich. 

Anders als Noel ist Okafor offensiv sehr variabel und hat eine Vielzahl an Post Moves, die er einsetzen kann. Dafür hat Okafor extreme Schwächen in der Defensive - in dem Beriech also, in dem Noel brilliert. 

Nach über einem Viertel der Saison ist das Projekt nahezu gescheitert. Die beiden spielen meistens nur noch wenige Minuten miteinander. Ansonsten wird auf die Spielsituation reagiert, Head Coach Brett Brown entscheidet spontan, wer wann auf die Platte darf. Während Okafor gute individuelle Statistiken auflegen kann, verschlechtern sich Noels Zahlen. 


Gerade einmal 44,5 Prozent trifft Noel aus dem Feld, nahezu all seine Statistiken sind rückläufig. Er reboundet und blockt weniger, seine Assist-Quote hat sich halbiert, sein Net Rating ist bei miesen minus 16,5. 

Hinzu kommen immer wieder kleinere Verletzungen, die den Center zurück werfen. Nach Schmerzen im Knie und im Handgelenk bekam er auch noch einen Ellenbogen von Kyle Lowry direkt ins Gesicht und verpasste daraufhin weitere Spiele. 

Miese Offensive 
Die Sixers-Offensive ist ohnehin die schlechteste in der kompletten Liga, doch wenn Noel auf der Platte steht, ist sie besonders grausam. Gerade einmal 85,8 Punkte schaffen die Sixers pro 100 Ballbesitze mit Noel. Die Hoffnung war, dass Noel an seine guten Monate vor Saisonende anknüpfen und seine Leistungen noch verbessern kann. Ab Februar 2015 lieferte er immerhin 12,4 Punkte pro Spiel und traf 48,7 Prozent aus dem Feld.  

Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Nach anfänglich guten Leistungen fiel Noel in ein Loch, aus dem er sich nur langsam zu befreien scheint. Da auch die Mitspieler von Noel nicht das offensive Talent haben, ist es schwer, Noels Leistungen objektiv zu beurteilen. Wie deutlich und hemmend wären Noels offensive Defizite, wenn er mit talentierten Spielern umgeben wäre? 

Noel wird niemals ein potenter Offensivspieler werden. Dennoch muss er den einen oder anderen Move in sein Repertoire packen. Auch an der Freiwurflinie hat er sich verschlechtert. Im Vorjahr erreichte er das vom Trainerstab vorgegeben Ziel von über 60% knapp mit 60,1 Prozent. In der aktuellen Saison sind es nur noch 55 Prozent Trefferquote.  

Auch am defensiven Ende des Feldes hat Noel vieles an Effektivität verloren. Es ist sicherlich nicht hilfreich, wenn Noel auf der für ihn ungewohnten Power Forward Position neben Okafor spielen muss. Noel wird seiner größten Stärke - das Beschützen des Rings - durch die vielen Small Ball Vierer heutzutage beraubt. Dass dadurch die Blockzahlen rückläufig sind, überrascht keineswegs. 


Doch auch wenn Noel auf der Centerposition eingesetzt wird, sind seine Statistiken rückläufig. Seine Verteidigung am Ring ist deutlich schlechter, er befindet sich häufiger in schlechten Positionen. Doch selbst wenn Noel in Position ist, beeinflusst er deutlich weniger Würfe als im Vorjahr. Woran liegt es also? 

Was ist los, Nerlens?
Warum spielt Noel eine miese Saison? Vermutlich ist es zum einen die Paarung mit Okafor und der damit verbundenen Spielzeit auf der Power Forward Position, aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass Noel mit kleinen Verletzungen zu kämpfen hat. Wegen Schmerzen im Knie (dem rechten, nicht dem operierten linken) und am Handgelenk verpasste er schon mehrere Spiele. 

Als Außenstehender den Einfluss der Verletzungen auf seine Leistung zu bewerten ist nahezu unmöglich, aber ein Zusammenhang ist deutlich zu erkennen. Es bleibt ihm zu wünschen, dass ihn die kleineren Verletzungen nicht die ganze Saison über begleiten. 

Auch die Frage, ob Okafor und Noel zusammen funktionieren können, ist nicht abschließend zu beantworten, wenn er nicht bei 100 Prozent ist. Bisher behindern sich die beiden Big Men gegenseitig, da keiner der beiden einen effektiven Sprungwurf hat. Die Zone ist mit Noel und Okafor total verstopft. 

Noel kann ein fester Bestandteil in den Zukunftsplänen der 76ers werden. Wenn alle drei Big Men fit sind, wird sich das Front Office der Sixers auf einen einigen müssen, den sie per Trade wegschicken. 

Noels Defensive ist (auch wenn er sie in dieser Saison nicht vollends abrufen kann) auf einem hohen Niveau. Ringbeschützer werden in der Liga immer gefragt sein. Offensiv hat er jede Menge Lücken, die er einigermaßen schließen muss, wenn er in den Premiumbereich der NBA Big Men vordringen will.