01 Dezember 2015

1. Dezember, 2015


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Hassan Whiteside war unbestritten die Entdeckung bei den Miami Heat in der vergangenen Saison. Wahrscheinlich sorgte er ligaweit für die größte Verwunderung bei Scouts und Fans. In einer enttäuschenden Saison für die Franchise aus Miami war er der einzige Lichtblick.

Sein Aufstieg in die Center-Elite der Liga war umso bemerkenswerter, da eigentlich nichts darauf hindeutete, dass Whiteside den Sprung zurück in die NBA schaffen könnte, nachdem er bei den Sacramento Kings und den Memphis Grizzlies scheiterte.

Dass er mittlerweile zum legitimen All-Star-Kandidaten geworden ist, haben wohl nicht mal die Fans mit einer riesigen rosa Heat-Brille für möglich gehalten. Doch die NBA schreibt immer wieder solche Geschichten - sicherlich mit ein Grund warum die Basketballliga so ungemein attraktiv ist. 

Unter dem Radar
Whitesides Weg in die NBA war untypisch und voller Gelegenheiten, die Basketballkarriere frühzeitig zu beenden. Das begann bereits in der High-School. Whitesides erste Schritte beim Basketball waren von Inkonstanz geprägt.

Er wechselte drei Mal die High-School in nur zwei Jahren. Trotz der vielen Wechsel waren seine Statistiken in Ordnung. Dennoch wurde er von den meisten Scouts als gemieden, landete in den hinteren Rängen der High-School-Klasse von 2009.

Dementsprechend fiel auch das Interesse der Colleges sehr gering aus, Whiteside ging an die kleine Marshall University in West Virgina. Es brauchte nicht lange, bis er die erste nationale Aufmerksamkeit erregte, indem er in der Saison drei Triple Doubles auflegte und die Block-Rekorde an der Uni brach. Nach 13.1 Punkten, knapp 9 Rebounds und 5,4 Blocks pro Spiel meldete sich Whiteside schließlich für den NBA-Draft an. 


Verschenkte Rookie-Saison
In der ersten Draftrunde sicherte sich niemand die Rechte am Center - wenig überraschend. Und so schlugen die Sacramento Kings an 33. Stelle zu. Zuvor hatten die Kings an fünfter Stelle bereits einen Center gedraftet: DeMarcus Cousins.

Whiteside war zu Beginn sichtlich überfordert. Er war groß und athletisch, hatte aber keine Ahnung davon, wie er seine Größe einbringen konnte, geschweige davon, wie in der NBA verteidigt wird.

Er hätte eine spezielle Förderung und viel Einsatzzeit gebraucht, doch Whiteside saß meistens nur auf der Bank. Erfahrungen sammeln konnte er nicht, denn die Rollen bei den Kings waren klar verteilt: Rookie Cousins als neues Gesicht der Franchise, für Whiteside blieb nur ein Platz auf der Bank.

Samuel Dalembert, Carl Landry und Jason Thompson wurden allesamt dem 21-jährigen Talent vorgezogen. Magere zwei NBA-Minuten sah Whiteside in seiner ersten Profisaison, in denen er sich ebenso viele Fouls abholte. 2 Minuten, 2 Fouls... So liest sich Whitesides erstes Jahr in der NBA.

Schon früh in der Saison schickten die Kings Whiteside in die D-Leauge zu den Reno Bighorns, um ihm mehr Spielzeit zu ermöglichen. Doch nicht einmal in der Entwicklungsliga lief es für den Center, der über zehn Minuten pro Partien nicht hinaus kam.

Er wurde mehrmals in die NBA zurückberufen, doch Whiteside pendelte zwischen Kings-Ersatzbank und Mini-Einsätzen in der D-Leauge. Um einer Saison, die kaum schlechter hätte verlaufen können, noch die Krone aufzusetzen, beendete eine Knieverletzung das Kapitel Rookie-Jahr vorzeitig.  

Libanon, China, Libanon, China
Auch 2011/12 konnten die Kings nichts mit Whiteside anfangen und schickten ihn erst in die D-League, nur um ihn kurz darauf zu entlassen. Nach kurzen Aufenthalten in der D-League bei den Sioux Falls Skyforce und den Rio Grande Valley Vipers, beendete er die Saison im Libanon. Die Karriere des Centers schien im Sand zu verlaufen, aber er bekam eine weitere Chance.

Wie viele untaugliche NBA-Jungs ging er nach China, zu den Sichuan Blue Whales. Dort dominierte Whiteside nahezu nach Belieben, wurde Defensive Player of the Year, Center des Jahres und führte die Blue Whales zur NBL Meisterschaft. Außerdem wurde er zum MVP der Finalserie gekürt.

Wer glaubte, Whiteside hätte seine sportliche Heimat gefunden, wurde eines besseren belehrt. Er wechselte zurück in den Libanon, wo er fünf Monate später erneut entlassen wurde. Nächster Halt: wieder China. Auch dort war nach 17 Spielen wieder Schluss.

Der Traum von der NBA schien für Whiteside weit, weit weg zu sein, eine Karriere als Globetrotter in der Basketballwelt eher wahrscheinlich. Bis sich die Memphis Grizzlies meldeten, ihn unter Vertrag nahmen... und einen Monat später wieder entließen. Dann wieder D-Leauge, wieder Vipers, Iowa Energy, wieder Memphis, wieder die Entlassung... ein schier unendlicher Kreislauf.


Bienvenido a Miami
„Alles wie immer“, wird sich Whiteside gedacht haben, der sicherlich geschockt war, als die Miami Heat zugriffen und den gewohnten Zyklus durchbrachen. Die Heat waren bereits beim Draft 2010 an Whiteside interessiert gewesen, entschieden sich damals jedoch für Dexter Pittman. 

Miami verpflichtete Whiteside für 1,75 Millionen Dollar über zwei Jahre, was sich schon bald als absoluter Steal herausstellen sollte. Nicht nur die Heat profitierten von dem Signing, sondern auch Whiteside selbst.

Miami benötigte Hilfe und Tiefe im Frontcourt, Whiteside wurde also dringend gebraucht. Er erkannte seine erste echte Chance und wollte diese nutzen. Eine Entscheidung, die seine professionelle Laufbahn veränderte. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit startete er Anfang 2015 endlich durch.

Am 25. Januar kommt Whiteside endgültig in der NBA an. Beim 96-84 Auswärtssieg der Heat über die Chicago Bulls gelingt ihm ein Triple Double mit 14 Punkten, 13 Rebounds und 12 Blocks - in gerade einmal 25 Minuten Spielzeit. Es ist die persönliche Coming Out-Party des Hassan Whiteside, die Medien stürzen sich auf ihn.

Seine Geschichte mit Profisport im Libanon ist höchst interessant, aber Whiteside wirkt bescheiden, fast schüchtern. Im Interview nach besagtem Spiel sagt er, dass er "eigentlich nur sein NBA 2K-Rating verbessern" wollte.

Stärke: Defense
Seine beste Fähigkeit ist offensichtlich die, dass er ein sehr guter Ringbeschützer ist. Mit seinen 2,13 Metern, den langen Armen und seiner Athletik kann Whiteside fast ein komplettes Garagentor abdecken. Die gegnerischen Spieler sind quasi immer damit beschäftigt, zu schauen, wo sich Whiteside gerade aufhält, um den Ball nicht aus der zweiten oder dritten Zuschauerreihe zurückholen zu müssen.

Diese Fähigkeit musste Whiteside erst noch entwickeln. Er war zwar schon immer ein sehr guter Shotblocker, das Timing auf absolutem Top-Niveau musste er sich aber erst noch aneignen. Hier ist auch ein Sprung von seiner Breakout-Saison zur aktuellen Saison zu beobachten: So schickt er über zwei Blocks mehr an den Sender zurück als noch im Vorjahr. "Er hat ganz spezielle Fähigkeiten", sagt etwa Dwyane Wade. "Er ist ganz wichtig für uns. Er setzt den Gegner alleine mit seiner Erscheinung unter Druck.  


Dazu ist Whiteside ein enorm guter Rebounder und reboundet auch gegen mehrere Gegenspieler. In der aktuellen Saison holt sich Whiteside 8,1 Rebounds am eigenen Brett. Trotz seiner Größe ist Whiteside auch flink auf den Beinen, kann auch beim Pick & Roll notfalls switchen, ohne das er zur Belastung wird.

Diese schnellen Beine helfen ihm ebenso, von der Weakside zu verteidigen, da er schnell zur Hilfe kommen und mit seiner Spannweite fast alle Würfe oder Korbleger blocken oder zumindest verändern kann.

Magere Offensive
So gut Whiteside in der Verteidigung das Spiel positiv beeinflussen kann, so begrenzt ist sein offensives Repertoire. Seine Post-Moves sind nicht ausgereift, kaum ein Heat-Angriff läuft über den Center. Whiteside kommt oft nur durch Dunks zu seinen Punkten (Knapp jedes vierte Field Goal ist ein Dunk), entweder per Durchstecker der Guards oder nach offensiven Rebounds. 

3,1 Abpraller holt sich Whiteside pro Spiel am offensiven Brett. Auch sein Sprungwurf ist ein unterentwickeltes Projekt, was sich vor allem an der Freiwurflinie wiederspiegelt, da er sonst keine Würfe nimmt, die nicht direkt am Korb sind. In der aktuellen Saison trifft er nur 54 Prozent seiner Freiwürfe und gibt so anderen Teams die Chance, ihn ohne Konsequenzen an die Linie zu schicken.

Trifft er seine Freiwürfe nicht, ist Head Coach Erik Spoelstra dazu gezwungen, ihn aus dem Spiel zu nehmen. Wie bei den anderen Big Men DeAndre Jordan und Dwight Howard ist die Freiwurfschwäche ein ernstes Thema in engen Partien. Eine Verbesserung seiner Freiwurfquote ist eine Facette in Whitesides Spiels, die ihn noch wertvoller machen und in die Elite schießen kann.

Whiteside hat zudem immer wieder mentale Aussetzer, die ihm schnell Technische Fouls oder sogar Ejections einbringen. Hier muss er weiter an seiner Professionalität arbeiten, denn die Undiszipliniertheiten standen ihm schon früher in seiner Karriere oft im Weg. Die starke Teamkultur bei den Miami Heat hat bereits und wird ihm auch künftig dabei helfen.

Kommender All-Star, Zahltag
Hassan Whiteside hat seine Leistung aus dem Vorjahr in der aktuellen Saison weiter gesteigert und sich zu einem der produktivsten Big Men der NBA entwickelt. Kaum ein Center hat an beiden Enden des Parketts einen ähnlich hohen Einfluss. 

Seine 4,7 Blocks pro Spiel führen die Liga mit großem Abstand an (DeAndre Jordan mit 2,7 BPG, Rudy Gobert und Serge Ibaka mit jeweils 2,6 BPG folgen mit weitem Abstand). Auch Whitesides Effizienzrating von 25,96 plaziert ihn unter den Top-10 ligaweit, noch vor absoluten Superstars wie Anthony Davis, James Harden oder Chris Paul. 


Der 7-Footer gehört also statistisch schon jetzt zur Premiumklasse der NBA und definitiv auch in die Konversation um eine All-Star Nominierung. Von den Fans sicherlich nicht berücksichtig, wird sich Whiteside über die Trainerstimmen eine All-Star Nominierung erarbeiten müssen. Ob diese Vorhaben noch ein Jahr zu früh kommt - immerhin ist die Liste seiner Errungenschaften noch recht kurz - oder er die Übungsleiter überzeugen kann, werden die nächsten acht Wochen zeigen.

Große Jungs mit einem vielseitigen Center-Skillset wie Whiteside sind eine Rarität in einer Liga, die vermehrt auf Stretch-Bigs setzt. Entsprechend gefragt ist einer wie er. Sein aktuelles Gehalt von 980.000 Dollar in dieser Saison ist absolut lachhaft, jedoch obigem, schwerem Werdegang verschuldet.

Whiteside wird im Sommer Free Agent und einen lukrativen, neuen Vertrag unterschreiben. Ob in Miami oder anderswo hängt eigentlich nur von ihm ab. Dass die Heat ihn verlängern möchten, ist bekannt. Whiteside ist mit 25 Jahren noch längst kein fertiges Produkt. Sollte er die Defensive besser lesen lernen, wird er als Verteidiger und Shotblocker noch gefürchteter werden. 

Mit Alonzo Mourning und Assistant-Coach Juwan Howard haben die Heat zwei respektiere ehemalige All-Star Big Men im Trainerstab, die auch weiterhin mit Whiteside an seinem Spiel arbeiten werden. Ein oder zwei verlässliche Post Moves werden ihn auch in der Offensive so respektabel machen, dass sich spätestens dann jedermann fragen wird, wieso es so lange gedauert hat, ehe Hassan Whiteside sich in der NBA etablieren durfte.