08 Dezember 2015

8. Dezember, 2015


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

„Andre Drummond holt 20 Rebounds“... „Drummond sichert sich 27 Rebounds“... „Wieder 20/20 für Drummond!“... Headlines, an die sich jeder NBA-Begeisterte mittlerweile gewöhnt hat, so ungewöhnlich die Zahlen auch sind. Andre Drummond dominiert die NBA an den Brettern wie kein Zweiter. 

Er griff sich in der laufenden Saison bereits fünf Mal 20 Rebounds oder mehr. Die komplette Liga schaffte das bisher nur vier Mal. Drummond spielt eine Karriere-Saison und bildet mit Reggie Jackson eines der interessantesten Duos der Liga. Dass Drummond diesen Schritt nach vorne machen konnte, war keine sichere Sache.  

Ultraathlet/Projekt 
Sein Körper war schon immer seine größte Waffe: 2,11 Meter groß, gut 130 Kilogramm schwer. Damit besitzt er absolutes Gardemaß für die Center-Position. Dabei ist er für seine Länge und sein Gewicht sehr explosiv und befindet sich mit seiner Athletik auf absolutem Top-Niveau. Wie bei vielen ultraathletischen Jungs leiden die Basketball-Skills darunter. 

Gegen Verteidiger in der Highschool und am College rettet die Athletik vieles und kaschiert die fehlenden technischen Skills. Von der eventuellen Zusammenlegung aus Ultraathletik und waschechten Basketball-Fähigkeiten träumen alle Front Office Funktionäre der Liga. 

Diese Vision wird auch  Joe Dumars, einst General Manager der Pistons, im Kopf gehabt haben, als er Drummond an neunter Stelle im Draft 2012 zog. Im Nachhinein betrachtet ein absoluter Glücksgriff für die gebeutelte Stadt und ihre gebeutelte Franchise. Dass Drummond so spät im Draft noch verfügbar war, hatte viele Gründe. 

Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass Drummond basketballerisch absolut roh aus dem College kam - ein Offensivspiel hatte der Connecticut Huskie überhaupt nicht zu bieten. Erbärmliche 32% seine Würfe aus dem Post fanden in seinem einzigen Jahr an der Uni den Weg in den Korb. Solide Post Moves fehlten gänzlich, selbst am Ring hatte er keinen guten Touch. Drummond musste fast immer den Ball dunken, um effektiv zu sein. Die Pistons wussten, dass sie mit Drummond ein unausgereiftes Projekt gedraftet hatten, das viel Aufmerksamkeit und Training erfordern würde. 


Auch in Drummonds Einstellung und Professionalität sahen viele Scouts ein potentielles Problem. Zu phlegmatisch und desinteressiert wirkte der junge Center auf viele Außenstehende. Ob Drummond überhaupt Bock hätte, über einen längeren Zeitraum an seinem Spiel zu arbeiten, wusste niemand. Drummond zu picken war also kein goldenes Los in eine glorreiche Zukunft. Drummond brachte mehr offensichtliche Schwächen und Fragezeichen mit, hatte talenttechnisch an Position neun aber nichts mehr zu suchen.

Fokus & SVG
Die Pistons kamen in seinen ersten NBA-Jahren nicht in ruhige Fahrgewässer. Drummond erlebte drei Trainer in zwei Jahren. Die Franchise schien im Niemandsland zwischen Playoff-Kampf und Lottery gefangen: zu mies für einen guten Draftpick, zu schlecht für die Playoffs. 

Bis Stan van Gundy 2014 in Michigan auftauchte und nicht nur den Head Coach Posten neu besetzte, sondern auch das Amt des Präsidenten übernahm. Joe Dumars, der 14 Jahre die Geschicke der Franchise leitete, nach erfolgreichen ersten acht Jahren inklusive Titel aber später keine glücklichen Entscheidungen mehr traf, musste gehen.

Van Gundy hielt zunächst am zum Scheitern verurteilten Modell Drummond, Josh Smith und Greg Monroe fest - dieses Trio hatte er neben vielen anderen Problemen von Dumars geerbt. Nach katastrophalem 5-23 Start konnte auch er nicht mehr hinsehen und entließ Smith per 'Stretch Provision'. 

Da sich Greg Monroe obendrein nicht auf eine Vertragsverlängerung einlassen wollte, rückte Andre Drummond immer mehr in den Vordergrund. Van Gundy richtete sein Spiel immer mehr auf den erst 21 Jahre alten Center aus. Mit Reggie Jackson kam per Trade ein kongenialer Aufbauspieler, der mit Drummond auf Anhieb harmonierte. Drummond bekam mehr und mehr Spielzeit, seine Wurfversuche, Quoten, Punkte und Rebounds pro Abend stiegen drastisch an. 

Durchbruch
Nachdem im Sommer beschlossen wurde, den Vertrag von Drummond aus Cap-technischen Gründen nicht zu verlängern, dürfte er das als Extramotivation verstanden haben, um an seinem Spiel zu arbeiten und den Maximalvertrag zu rechtfertigen. Den Pistons gab dieser Schritt einerseits die Möglichkeit, mehr Cap Space für Free Agents im kommenden Sommer zu horten, andererseits Drummond zur Höchstform zu treiben.

Dessen Arbeit über den Sommer scheint sich auszuzahlen. 18,0 Punkte und 16,5 Rebounds im Schnitt bringt der 2,11 Meter-Mann pro Spiel aufs Parkett. Die historischen Zahlen sind kein Zufall: van Gundy hat das Spielsystem der Pistons stark auf seinen jungen Center zugeschnitten, der zahlt das in ihn gesteckte Vertrauen mit statistischen Fabelwerten zurück. Der größte Unterschied zur vergangenen Saison ist, dass seine Mitspieler besser zu seinem Spielstil passen und seine Stärken hervorheben.

Mit dem Abgang von Greg Monroe ist Drummond nun der fokale Angelpunkt im Frontcourt. Mit dem Türken Ersan Ilyasova und mit Marcus Morris kamen zwei solide Schützen, die Drummond Platz unter dem Korb verschaffen. Keine elitären Verstärkungen, aber die Spielidee scheint aufzugehen.  

Die Idee dahinter ist unmissverständlich: Drummond sollen große Wings zur Seite gestellt werden, die auch von der Dreierlinie treffen. Eine ähnliche Strategie nutzte van Gundy bereits in Orlando, als er Dwight Howard mit Schützen umstellte und die Magic damit sogar bis ins NBA-Finale führte.

Offense & Reggie Jackson
Die bisher wichtigste Neuverpflichtung für van Gundys neues System heißt jedoch weder Ilyasova noch Morris, sondern kam zur Trading Deadline 2014 aus Oklahoma City: Reggie Jackson. Das Pick & Roll von Jackson und Drummond ist der Lieblingsspielzug der Pistons. Drummond stellt einen Block für Jackson, rollt danach hart zum Korb ab. Durch die Geschwindigkeit von Jackson muss der Verteidiger von Drummond aushelfen, idealerweise erzwingen die Pistons so ein Mismatch, entweder der unter dem Korb oder am Perimeter.


Erhält Drummond den Ball im Low Post, wird er meist isoliert, die anderen vier Mitspieler positionieren sich dann auf der Weakside, um ein eventuelles Doppeln der Verteidigung bestrafen zu können. Im Post hat Drummond ein respektables Spiel mit dem Rücken zum Korb entwickelt.

Konnte er in seinen ersten Jahren kaum etwas mit dem Basketball in den Händen anfangen, hat er mittlerweile seinem Repertoire ein paar Offensivbewegungen hinzugefügt, die er mal effektiver und mal weniger effektiv einsetzen kann. Vieles hat bei ihm noch mit seinem Vertrauen in seine Fähigkeiten zu tun.

„Ich dachte er ist ein Spieler mit unglaublichen physischen Fertigkeiten und ein sehr guter Rebounder, der aber offensiv noch sehr unausgereift ist. Er war gerade einmal 21 Jahre alt, als ich ankam, also hat mich das nicht überrascht. Er war sehr inkonstant. Auf überragende Momente folgten noch zu häufig Aussetzer“, sagt sein Head Coach über ihn.

Bei kaum einem anderen Spieler ist die Qualität der Bewegungen so unterschiedlich. Hier ist Drummond tatsächlich noch zu sprunghaft und muss weiter an seinen Moves arbeiten. Auf eine wunderschöne Bewegung - wie im Video unten - folgen immer wieder miserable Post ups. Dennoch: die kleinen Schritte in die richtige Richtung sind unübersehbar. Der Hakenwurf mit der rechten Hand ist seine Lieblingsbewegung, die er mit 44 % aus dem Feld trifft. Auch aus der Drehung mit anschließendem Hookshot ist Drummond gefährlich.


Bekommt er den Ball weiter weg vom Brett, kann er durch seine Explosivität und Masse viele Verteidiger mit dem ersten Schritt schlagen. Am wohlsten fühlt sich Drummond aber direkt am Korb. 141 seiner insgesamt 320 Wurfversuche kommen von dort, entweder per Dunking oder Korbleger und mit fast 60-prozentiger Treffsicherheit.

Interessant ist, dass nur der Hälfte seiner Versuche am Korb ein Assist vorausgeht. Die andere Hälfte holt sich Drummond meistens nach einem offensiven Rebound, was direkt zu seiner stärksten Fähigkeit überleitet. 

Elitäres Rebounding 
Die Mischung aus Athletik und Größe machen Drummond zu einem sehr guten Rebounder. Viele andere Big Men machen sich erst gar nicht mehr die Mühe, gegen Drummond um den Rebound zu kämpfen. 9,4 seiner 16,5 Rebounds pro Spiel sind "uncontested", der Gegenspieler ist also knapp einen Meter von Drummond entfernt und lässt ihn gewähren.

Doch auch bei den Rebounds gegen Gegenspieler führt Drummond die Liga mit 7,2 pro Spiel an. Im Rebounding befindet sich der Hüne in einer anderen Liga. Am defensiven Brett holt er sich 67% der verfügbaren Rebounds - Ligabestwert.


Da die Pistons meistens mit vier Spielern außen spielen, kommt Drummond zu vielen Möglichkeiten in Eins-gegen-Eins Situationen. Durch seinen Körper kann sich Drummond bereits früh eine gute Position unter dem Korb erarbeiten, dank seiner Länge und Sprungkraft ist das Abgreifen der Abpraller dann meist nur noch Formsache.

Seine Rebounds sind aber auch das Ergebnis harter Arbeit. Durch die verbesserte Fußarbeit kommt Drummond schnell in gute Rebound-Positionen, und durch seine Explosivität hat er offensichtliche Vorteile. Mit Assistenztrainer David Hopla arbeitet er immer weiter an seinen Fähigkeiten - laut Aussagen seiner Teamkollegen und des Trainingstabs immer hochmotiviert und gewissenhafter denn je.

Backsteinmaschine
Drummonds größte Schwäche ist die offensichtlichste: Er trifft miserabel von der Freiwurflinie. Welchen Spieler würdest du auswählen, wenn dein Leben von einem verworfenen Freiwurf abhängen würde? Vermutlich Andre Drummond. Nur 37 Prozent seiner Versuche von der Freiwurflinie gehen durch den Ring (in den letzten fünf Spielen sogar nur 29 Prozent). Die meisten Bälle knallen hart auf Eisen.

Das haben natürlich auch die Gegner längst erkannt und schicken den 22-Jährigen sieben Mal pro Spiel an die Linie. Diese Prozentzahlen laden natürlich förmlich dazu ein, ihn absichtlich zu foulen. Fallen dann die Freiwürfe nicht (was fast immer der Fall ist), ist van Gundy gezwungen seinen Big Man aus dem Spiel zu nehmen. Doch ohne Drummond auf dem Feld sind die Pistons deutlich schlechter. Sein Net-Rating ist das drittbeste der Pistons. 

Ein weiteres Problem hat Drummond mittlerweile viel besser in den Griff bekommen. Er holte sich in seinen ersten Jahren oft vermeidbare Fouls ein, die zu weniger Spielzeit führten. Hier ist der Center mittlerweile cleverer geworden und mit einer steigenden Reputation als guter Verteidiger holt er sich immer weniger fragwürdige Pfiffe ab als noch zu seinen Anfangsjahren. 


Der beste Center der NBA? 
Statistisch gehört Drummond schon heute zu den besten Centern der Liga. Dabei darf nicht vergessen werden, dass er gerade einmal 22 Jahre alt und immer noch dabei ist, das Spiel überhaupt erst zu verstehen. „Das interessanteste an ihm ist, dass er eigentlich noch ein Basketball-Baby ist“, sagt sein Frontcourt-Kollege Joel Anthony über ihn.

Drummonds offensives Potenzial beginnt sich gerade erst zu entfalten Vieles wird davon abhängen, ob er nach seinem Zahltag im kommenden Sommer weiter an seinem Spiel arbeiten oder sich erst einmal zurücklehnen wird. Sein Drop-Step und sein Spin-Move mit Abschluss am Ring müssen weiter verfeinert werden, können aber zu einer mächtigen Waffe werden. Drummond wird sicherlich nie ein natürlicher Post-Scorer wie ein Al Jefferson, aber er muss mehr Konter in sein Spiel einbauen, da gute Verteidiger ihn im Eins-gegen-Eins relativ leicht bremsen können, wenn sein Repertoire an Moves so klein ist. 

Das größte Fragezeichen bleibt natürlich hinter seinen Freiwürfen stehen. Eine Steigerung auf knapp 60 Prozent von der Linie wäre ein großartiger Schritt für ihn und die Pistons. Wie erfolgreich die Pistons in den kommenden Jahren sein können, hängt allen voran von der Entwicklung von Andre Drummond ab.

Das Team ist nach einem kometenhaften Start in die neue Spielzeit zurück auf den Boden gekommen, wird aber, so scheint es, im ausgeglichenen Osten bis April an den Playoff-Plätzen schnuppern. Sollte Head Coach Stan van Gundy die mit einem höchstens durchschnittlichen Roster erreichen, wäre das ein exzellentes Zeichen für die Motorstadt - und den kommenden Superstar-Status von Andre Drummond.