28 November 2015

28. November, 2015


von ANNO HAAK @kemperboyd

Es hatte was von Al Pacino, der seine größte Performance auf der Gemeindebühne von Buxtehude gibt. Das, was der Retrofan Bradley Center nennt, hatte das Schicksal als Schauplatz für etwas ausgesucht, das niemand je getan hatte. Russell und seine Elfen so wenig wie Magic und seine Showtimebande. 70 Siege in einer Saison. Am 16.04.1996, in einer dieser Wochen, in denen auch LP-Kunden der heutigen Ära lieber für die anstehenden Playoffs vorschlafen als sich das Austrudeln der regulären Saison anzugucken, wurde Geschichte geschrieben. „70 has become a reality.“ In Milwaukee. Humor ist, wenn die Kleinstadt weint.
 


Wer Quervergleiche nicht mag, hat den Basketball nie geliebt…oder so

Dann gingen sie. 20 Jahre. Die Beatles waren aus dem Gebäude. Sie waren fünf. Fabulöse fünf und ein Supporting Cast zum Niederknien. Die greatest Show on Parkett. Das Beste, das Größte, das Undenkbarste. Unantastbar, unverwundbar, unschlagbar. Unbeatabulls. 95/96. 72 Siege. Zwei Dekaden, null Herankommen. Jetzt reden wir von Quervergleichen. Das blau-gelbe Wunder hebt den schwarz-rot-weißen Schleier, der über der Liga lag wie Opas süßliches Aftershave. An die kommt niemand heran. Niemals. Oder wie der Mann, der Buntwäschemittel als Shampoo benutzte, in der ihm eigenen Logik sagte: „They can go 81-1, man. We did it first.“ Nah, you didn’t, Dennis.

Es ist die Zonenverteidigungsära. Würde Curry angepackt  wie der handgecheckte GOAT, würde er Quoten schießen wie Lance Stephenson in türkis. Ihr könnt auch sagen, Quervergleiche machen keinen Sinn. Es macht aber auch keinen Sinn, für Portland gegen Sacramento um drei Uhr nachts aufzustehen und den LP anzuschmeißen. Hand hoch, wer es trotzdem schon mal gemacht hat. Es macht Spaß. Manchen zumindest.

Rodman ist nicht der einzige Wächter über die Unantastbarkeit der Hörnertiere Ausgabe 1996. „Reinste Blasphemie“, schreit die MJ-Sekte, wenn man zu Parallelen auch nur anhebt. Ob die Warriors 2016 das bessere Offensivteam sind oder lockdowniger verteidigen, könnt Ihr selbst nachgucken. Hier geht es um den Swag.

Die Bilder aus den mittleren 90ern sehen aus wie aus einer anderen Epoche. Sind sie ja auch. Nicht schwarz-weiß-Chucks anders. Aber anders. „Impossible to compare“ (O-Ton Steve Kerr)? Wollen wir mal sehen.

Kategorie 1: Sexappeal

Das Startrio an der Spitze der Bulls war zusammengestellt wie eine Boyband jener Zeit. Der Wilde mit den Tätowierungen, der aus jedem langweiligen Unterstützungspart (Rebounds) eine Menagerie machte. Der Stille, der die Songs schreibt und die wenigsten Stoffhasen aufsammeln muss, der irgendwie alles kann, aber nichts überragend und der Charismatiker, den sie den Größten nennen.

Niemand schlägt Rodman-Pippen-Jordan. Für den Empfang am Flughafen brauchte man mehr Sicherheitspersonen als Gregg Popovich Spielzüge im Arsenal hat. Hallen, in denen Ratten sich über das Interieur beschwert hätten, waren voll, nur weil Leute sehen wollten, welche Farbe die Haare über der 91 hatten. Wenn der Zirkus in der Stadt war, durften Kinder nicht allein vor die Tür. Die Bulls 1996 sind keine Sportmannschaft, sie sind Zeitgeschichte. Keiner wird das je erreichen. Auch nicht ein Kleinkind, das mit Vornamen wie der NBA-Pate mit Nachnamen heißt. Punkt Bulls.

Kategorie 2: Das Kaman-Paradox

Jede Schönlingsboyband braucht einen Nerd, der aus dem Rahmen fällt. Anders als der Beste aus der Schulschach-AG sind sie nicht besonders gut, zumindest nicht in dem, was sie tun. Aber sie gehören dazu wie das hässliche Logo zum schönen Team aus Oklahoma. Sie sind nicht wegzudenken aus den ballettartigen Ensembles, die neben dem Tanzen noch orangene Bälle durch weißes Nylon segeln lassen. Hüftsteif, aber mit auf der Fläche. Unmusikalisch, aber Teil der Symphonie.

Bill Wennington war der Anti-Bulle. Immerhin war er schon Kanadier in der NBA, bevor Andrew Wiggins geboren wurde. Er trug noch Vokuhila, als sich das in Duisburg keiner mehr getraut hätte. Er hatte einen Klobrillenbart, lange bevor Stromberg ihn zum No-go machte. Er trug Holzfällerhemden, als man in Osnabrück schon wusste, dass die nicht mehr wiederkommen. Er hätte kaum auf das Telefonbuch von Oakland springen können, aber er sah Minuten. Er war Durchschnitt, aber Teil von etwas Besonderem. Der vergessene Teil.

Die Warriors haben so einen Spieler nicht. Rein von der Statur her: Bogut. Aber dessen sportlicher Wert verhält sich zu Bill Wennington wie ein Dreier von Stephen Curry zu einem…nunja, einem Dreier von Josh Smith. Selbst der kniekaputte Livingston wurde unter Kerr zu einem wertvollen Mitglied eines NBA-Champions. Lee ist getradet und Gerald Wallace, der kam und ging, bevor er eine Trainingseinheit mitmachte, zählt nicht. Golden State spielt ohne „White-men-can’t-jump“-Handicap. Ist ja kein Wunder, dass sie dominieren. Punkt Bulls.

Kategorie 3: Der „Ich habe eine Familie zu ernähren“-Faktor

Fahnenträger für den aktuellen Champion ist Harrison Barnes. 64 Mio. $ für vier Jahre sind recht viel Geld dafür, dass man ohne impressive Karrierestatistiken Stephen Curry aus einem Logenplatz beim Basketball spielen zugucken kann. Nicht genug für Harrison „Latrell“ Barnes. Der Salary Cap steigt, B***h! (Immer wenn ich mich frage, wie weit der Salary Cap steigt, mache ich mir klar, dass Harrison Barnes 64 Mio. $ abgelehnt hat. Barnes sollte eine mathematische Kategorie werden. Der Cap steigt um das Barnes-fache. Ein Barnes sind 0,8 Tristan Thompsons usw. Aber ich schweife ab.) Curry verdient übrigens 23 Mio. $. Von heute an. Bis 2017 (!). *heulend ab*

In der roten Ecke: der Allmächtige. Michael Jordan himself. Wenn heute eine Wohltätigkeitsorganisation zu Jerry Reinsdorf kommt und um Spenden bittet, ist Reinsdorfs Antwort: „Ich stottere noch Michaels letzte zwei Jahresgehälter ab und jetzt raus!“ 1996 fing es an.

Jordan: „Ich hätte gerne 35 Mio. $.“
Reinsdorf: „Zehn Jahre spielst Du nicht mehr.“
Jordan: „Ich weiß.“
Reinsdorf: „Schau, Magic Johnson hat in seiner ganzen Karrier…“
Jordan: „Siehst Du mich lächeln?“

Deal! Okay, Jordan lebte von der Gnade der frühen Geburt und damit des fehlenden Maximalvertragssystems. Aber, um Guy Ritchie zu paraphrasieren: „Ich liebe Barnes, aber es ist Jordan!“ Punkt Bulls.

Kategorie 4: Boogie yoogie

Womit wir beim „retarded“-Faktor sind. Eine Liga, in der Cousins als das wildeste gilt, was es gibt, ist eine Liga, in der ein Team aus harmlosen Jungs Meister wird. Die Krieger-Brigade ist so nett, sie ginge nicht mal als Schwiegermutters Liebling durch. Weil jeder aussieht, als sei er ohnehin verheiratet. Wenn Draymond Green öffentlich darüber klagt, dass es den Herren Kollegen ein wenig an der notwendigen Intensität gebreche, ist das schon ein Aufreger.

Auf der anderen Seite: Der Mann der Guy Ritchies Ex-Frau, als sie sich noch zehn Jahre älter anzog als sie war und nicht umgekehrt…Ach komm: DENNIS! RODMAN! Punkt Bulls.

Kategorie 5: THE HEAVYWEIGHT CHAMPION OF THE WOOOOOOOOOOOOOOORLD

Drehbücher haben Intros. Basketballteams haben Intros. Chicago hatte damals irgendwas anderes. Ein Intro 2.1. Die lächerliche Sim-City-Animation von Chicagos Skyline, Alan Parsons Project, ein Sprecher, der obskure Colleges wie Central Arkansas, Southeast Oklahoma State und noch obskurere Orte wie Miami, Ohio (sic!) herausbrüllt, als wären sie eine Art Prärieperle…

Was auch immer für ein Trap-Unfug da bei den Warriors gespielt wird…Punkt Bulls.

Kategorie 6: Zwei Funktionen, ein Kopf

Stephen Douglas Kerr hatte für mich einen klaren Spitznamen. Ein Leben lang. Steve „I’ll be ready“ Kerr. Könnt Ihr übrigens mal googlen, Mitglieder der „Jordan-hätte-nie-den-letzten-Wurf-Ray-Allen-überlassen-Gemeinde“! In weniger als sechs Monaten wird er Steve „Der-einzige-Mensch-, der-Teil von-zwei-70er-Teams-, die-nicht-in-den-Siebzigern-spielten,-Teams-war“ Kerr genannt werden müssen. Bindestrichentzündung?

Als Spieler war Kerr einer, den sich RC Buford im Keller zusammenbauen würde. Fundamentals wie Tim Duncan, ein Wurf wie Ray Allen, Spielintelligenz wie LeBron James, nur leider ein Körper wie der Minime von Bill Wennington. Ein Trainer auf dem Platz, der seine Bestimmung erst in Oakland fand. Trainer Kerr über Spieler Kerr, jeden einzelnen Tag. Punkt Warriors.

Kategorie 7: End Game

Die Beatles sind aus dem Gebäude. Die neuen Beatles sind da. Die Warriors sind aber eben immer nur die „neuen“. Und sie sind mehr Coldplay als Beatles. Aber wenn Coldplay „Yesterday“ geschrieben hätten, wäre es immer noch „Yesterday“. Vielleicht glaube ich nur wirklich, dass früher alles besser war. Vielleicht bringen Quervergleiche nichts. Vielleicht ist es nur der Bonus. Der Bonus aus dem Schwachsinnszitat von oben. Ich liebe die Warriors. Groß, undenkbar, unverwundbar, unantastbar. But them bulls, they did it first.