24 November 2015

24. November, 2015


von TIAGO PEREIRA @24Sekunden

Die Krankheit nach mehr
25. November 2014, die Golden State Warriors schlagen in Florida die erstmals LeBronlosen Miami Heat, 114-97. Es ist der sechste Sieg in Serie für die Krieger, zehn weitere werden folgen, ehe die Siegessträhne in Memphis reißt. Später reitet das Team von Steve Kerr noch einmal auf einer 10-Spiele andauernden Siegeswelle, bevor der Ernst der Playoffs beginnt. 

Summa summarum zählen die Warriors 67 Siege am Ende der regulären Spielzeit 2014/15, die nach jedem Maßstab zu einer der besten aller Zeiten zählt. Der Titelgewinn scheint den endgültigen Abschluss einer einzigartigen Saison in Oakland zu markieren. Geschichte wurde geschrieben, von nun an, so hieß es, beginnt der Abstieg vom Berg Olymp. Aber warum?

Michael Jordan gewann mit seinen Chicago Bulls in der Saison 1991/92 zum ersten Mal 67 Spiele. In der folgenden Spielzeit, dem Jahr des ersten Threepeat, gelangen den Bullen um MJ "nur noch" 57 Siege in der regulären Saison. Auch die acht übrigen Teams, die das Kunststück einer 67+ Siege Saison vollbrachten, scheiterten im Folgejahr an ihrer eigenen Bestmarke - oftmals deutlich.

Pat Riley gibt diesem Phänomen in seinem Buch „Showtime“ einen Namen – die Krankheit nach mehr („Disease of more“). Erfolg sei der erste Schritt in Richtung einer Katastrophe, schreibt 'Riles'. Der Gottvater unzähliger ruhmreicher NBA Teams weiß wovon er spricht... schließlich wurde Riley fortwährend Zeuge jener Krankheit und weiss, dass Erfolg vergänglich ist.


Das Herz eines Meisters
„Wir liegen hinten aber uns geht es gut. Lasst uns unsere Championship Defense spielen und wir gewinnen!“ ruft Draymond Green seinen Teamkameraden in der Auszeit zu. Die Intensität der letzten Wochen hat merklich an den Kräften der Warriors gezehrt, doch die Köpfe im Huddle blicken allesamt auf den emotionalen Anführer der Krieger. 

Es gibt keine Diskussionen oder hängende Schultern im Team von Interimscoach Luke Walton, nur ein paar müde wirkende Beine. Der fulminante Start der Warriors scheint heute seinen Tribut zollen zu müssen. Der Meister liegt nach 20 gespielten Minuten mit 23 Punkten im Staples Center zurück. Angeführt von einem entfesselten Chris Paul (35 Punkte, 8 Assists) wittern die angestachelten L.A. Clippers ihre Chance, die bisher ungeschlagenen Warriors von ihrem historischen Pfad zu stürzen.

Ganz so einfach lassen sich Stephen Curry und Co. dann aber doch nicht aus der Bahn werfen. Während die Clippers wieder einmal den Schongang einschalten, dezimieren die Warriors den Rückstand im zweiten Spielabschnitt. Sechs Zähler befinden sich nur noch zwischen beiden Teams, als die Spieler beider Mannschaften sich für die letzten 12 Minuten aufs Parkett begeben. 


Die Gemüter der Clippers sind zu diesem Zeitpunkt längst übergekocht. Doc Rivers hatte bereits früh sein obligatorisches technisches Foul abgeholt und kann nur noch Zähne knirschend dem kommenden Wahnsinn ins Gesicht sehen, während Luke Walton seinen Trumpf ins Spiel sendet. 

Death Squad
„Todesaufstellung“ oder „Die Vollstrecker“... Es kursieren aktuell einige Namen für die Formation Stephen Curry, Klay Thompson, Andre Iguodala, Harrison Barnes und Draymond Green. Mit einem finalen 25-8 Schlusssprint fegte die Small Ball Aufstellung der Warriors die Clippers an besagtem Abend aus dem Staples Center. 

Auch im zweiten Aufeinandertreffen dieser Saison fand Los Angeles keine Antwort auf das beste Quintett der Liga. Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem jene Aufstellung die Krieger zur ihrer ersten Meisterschaft seit vierzig Jahren führte. Dennoch scheint die Liga weder ein Heilmittel noch eine Idee gefunden zu haben gegen die ultimative Formation der Warriors. 

In bisher zwölf Partien ließ Luke Walton sein „Death Squad“ aufs Parkett und richtete damit verheerende Schäden an. 200 Punkte erzielte die beste Fünf der Warriors gemeinsam auf dem Hardwood, in gerade einmal 56 Minuten. Dies entspricht einem völlig entrückten Offensiv-Rating von 161 (EINHUNDERT-EIN-UND-SECHZIG)!!! 


Neben dem nuklearen Bombardement der gegnerischen Korbanlage lässt der Trumpf der Warriors obendrein noch die wenigsten Punkte in der Verteidigung zu (Defensiv-Rating: 90). Kurz und knapp gesagt erzielen die Warriors 71 Punkte pro 100 Ballbesitze mehr als ihre Gegner, wenn die „Todesaufstellung“ aufläuft. Es müsste schon verboten werden, diese fünf gemeinsam spielen zu lassen, wenn der Rest der Liga noch eine Chance auf die Meisterschaft erhaschen möchte.

Ultimate Warrior
Der Erfolg des Quintetts fußt auf mehreren Säulen. Die erste und wichtigste hört dabei auf den Namen Wardell Stephen Curry. Er ist die primäre Bedrohung in der „Aufstellung des Todes“. Auf ihn muss sich die Verteidigung konzentrieren, sobald Steph mit dem Spalding die Mittelfeldlinie überquert hat. 

Die Kaltblütigkeit des MVPs von nahezu überall auf dem Feld zu werfen forciert den gegnerischen Flügelverteidiger, weit über die Dreilinie hinaus aufzurücken. Tut er dies nicht, oder weicht er bei einem herannahenden Block unter diesen, klappt Curry ohne zu zögern das Handgelenk in Richtung Korbanlage ab - und trifft. 11.5 Dreipunktwürfe nimmt der Aufbau der Warriors in dieser Saison pro Partie, das sind drei mehr als in der vergangenen Spielzeit. Dennoch trifft Curry gewohnt zielsicher und atemberaubende 44.1 Prozent von Downtown.

Randnotiz: Stephen Curry ist gerade dabei, seinen eigenen Saisonrekord (286) um 130 Dreier zu überbieten. In konkreten Zahlen wären das mehr als 400 Dreier in einer Saison! 


Schafft es die Verteidigung, den Aufbau ins Innere der Dreierlinie zu zwingen, bleibt Curry weiterhin im Angriffsmodus. Aus dem Pick & Roll heraus greift Curry den Korb an und zieht dabei ungewohnt viele Fouls. Während sich Draymond Green als Rollman an der Dreierlinie positioniert, tauschen die Verteidiger ihre Zuweisungen, sodass sich Curry dem fußlahmen Center gegenüber sieht. Bis zu sieben Freiwürfe pro Partie nimmt der MVP, trifft fast alle mit chirurgischer Präzision (93.8% FT), weil kein Riese es schafft, ihn ohne Foul zu stoppen.

Viele gegnerische Teams, deren Starspieler sich auf den großen Positionen befinden, wie z.B. die L.A. Clippers oder Memphis Grizzlies, passen ihre Aufstellung nicht an den Small Ball der Warriors an. Die dadurch entstehenden Mismatches erlauben es den Warriors, den Ball schneller zu bewegen und gezielte Stellen in der Verteidigung zu attackieren. 

Von hier an zwingen die Warriors ihre Gegner in eine „Pick your poison“ Situation: entweder kreieren sich Stephen Curry und Klay Thompson jedes erdenkliche 1-gegen-1 Match Up, oder die Verteidigung forciert mit aggressiven Doppeln der Splash Brothers die Rollenspieler der Warriors zu freien Würfen. Leider befindet sich in der Center-losen Aufstellung der Warriors kein einziger Spieler, der schlechter als 36% von der Dreierlinie trifft. Wenn selbst ein Andre Iguodala 45% seiner Distanzwürfe verwandelt (Karriere: 33% Quote), was bleibt einem dann noch übrig?


Ein möglicher Knackpunkt wäre es, den Ball in die Hände derjenigen Spieler zu zwingen, die nicht für ihre Mitspieler kreieren können. Dies würde bedeuten, den Fokus der Verteidigung sofort auf Stephen Curry oder Draymond Green zu legen, um Passtaffeten von Beginn an zu unterbinden. Leichter gesagt als getan. 

Denn der Power Forward fungiert im Angriff der Krieger, besonders während Andrew Boguts Abwesenheit (ein weiterer exzellenter Passer von der Big Man Position), als Schaltzentrale und Ballverteiler. Wenn Green auf dem Feld steht, gehen 70% der assistieren Warriors-Körbe auf sein Konto. 

Besonders Curry profitiert von Greens Passgeberqualitäten (6.7 APG). Nimmt der MVP einen Wurf, dem ein Pass von Draymond Green vorausging (was sehr häufig der Fall ist, denn 42.6% der Pässe auf Curry stammen von Green), machen Currys Wurfquoten einen gewaltigen Sprung nach oben. Der beste Schütze der Welt trifft dann astronomische 52.4% aus dem Feld und 50% von der Dreierlinie. Um den Warriors-Angriff zumindest ein bisschen einzudämmen, müsste der Ball also so oft und lange wie möglich aus den Händen der beiden gefährlichsten Spielmacher genommen werden.


Fröhliche Weihnachten
All diese Theorien sind jedoch leichter gesagt als getan. Bisher ist jede einzelne dieser Gedankenspielchen, die „Todesaufstellung“ zu knacken, fehlgeschlagen. Die Warriors sitzen aktuell mit 15 Siegen und 0 Niederlagen unangefochten auf dem Thron der Liga. 

Nebenbei haben sie fast alle Startrekorde gebrochen, die es zu brechen gab. Gewinnen sie heute gegen die Los Angeles Lakers auch ihr 16. Spiel, sind sie alleinige Rekordhalter für den besten Saisonauftakt aller Zeiten. 

Es zeigt sich Abend für Abend, dass es in der Praxis fast unmöglich ist, die Warriors ins Schwitzen zu bringen. Las Vegas rechnet den Kriegern sogar eine 2-prozentige Chance aus, bis Weihnachten weiterhin ungeschlagen zu bleiben. Dann stünden sie schon bei 30-0 Siegen. Dieser Prozentsatz mag zwar auf den ersten Blick gering erscheinen, doch alleine die Tatsache, dass er greifbar wirkt, zeigt, wie aberwitzig gut diese Golden State Warriors sind.

Der Griff nach Unsterblichkeit und dem 72-10 All-Time Siegesrekord der Chicago Bulls 1995/96, scheint in diesen Tagen näher gerückt zu sein als jemals zuvor. Dessen sind sich Stephen Curry und seine Mitstreiter bewusst. Denn auch sie kennen die Rekorde... und wissen, wie viele gute Mannschaften auf dem Weg dorthin gescheitert sind.