17 November 2015

17. November, 2015


Die Cleveland Cavaliers sind furios in die neue Saison gestartet -  damit war nicht unbedingt zu rechnen. Verletzungen, Thompson-Saga und die Frage nach dem System hingen wie das Damoklesschwert über der Quicken Loans Arena. Nach zehn Matches kann gesagt werden: Der Beginn war historisch gut.

von ANDRÉ NÜCKEL @andrenueckel

Der 8-2 Auftakt, er ist seit 40 Jahren der beste im Herzen Ohios. In der Eastern Conference bedeutet diese beachtliche Bilanz den ersten Rang, der vermutlich auch über die vollen 82 Spiele gehalten wird. Außer den Golden State Warriors kann den Cavaliers aktuell wohl niemand das Wasser reichen.

Mit einer defensiven Effizienz von 97,9 macht Cleveland genau da weiter, wo das Team von David Blatt in den Playoffs aufgehört hat. Die siebtbeste Verteidigung der Association (letztes Jahr nur Rang 20) spricht eine deutliche Sprache, aber Achtung: Der Sprung ist nicht so gigantisch, wie der Wert vielleicht andeuten mag. Und noch läuft nicht alles rund.

No D in Love
Kevin Love ist am eigenen Brett weiterhin ein Minusfaktor. Während seine Gegenspieler normalerweise 41,8 Prozent ihrer Würfe treffen, sind es gegen den Power Forward 55,6 Prozent. Gerade gegen physisch oder athletisch überlegene Baller verzichtet Love auf eine entsprechende Verteidigungsarbeit. Das machte sich insbesondere am Wochenende gegen die Milwaukee Bucks bemerkbar, als Greg Monroe ihn in der Zone dominierte.

Generell erinnert der farblich hervorgehobene Teil des Parketts in Cleveland oft an einen Hühnerstall. Timofey Mozgov ist hüben wie drüben überhaupt noch nicht in der Spielzeit angekommen, was sein Net-Rating von -0,6 wiederspiegelt. Auch der Rest des Rosters muss sich teilweise kritische Fragen gefallen lassen. Das Spacing ist schlecht, nach Blöcken wird zu selten geswitcht.

Dennoch ist eine defensive Entwicklung bemerkbar. Bedenkt man zudem, dass mit Iman Shumpert der beste Flügelverteidiger immer noch verletzt ist, können sich die Werte sehen lassen – vor allem wenn Matthew Dellavedova, Tristan Thompson und LeBron James auf dem Parkett stehen. Die wichtigsten Cavs-Akteure der NBA Finals 2015 sind bisher die besten Defender dieser Mannschaft und verleihen jeder Lineup viel Stabilität.

Brotherhood
Ein weiterer Kritikpunkt ist die early offense des Gegners, die gegen Cleveland oft und gut funktioniert. Die New York Knicks und Philadelphia 76ers sind jeweils früh mit einem 32-18 über „Wine & Gold“ hinweggezogen. Was letzte Saison lange eine klare Niederlage gewesen wäre, ist heuer aber eine Zusatzmotivation. Beide Begegnungen entschieden die Schützlinge von Blatt noch für sich, und insgesamt spürt man am Verhalten der Player, dass hier etwas zusammenwachsen ist. 

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Auch auf dem Court sieht das teilweise ziemlich dufte aus. Zwar ist Cleveland weiterhin nicht für seine Pace bekannt (Rang 26), aber dafür wird sich in der Offensive viel mehr bewegt, insbesondere durch Handoffs. Phasenweise wird der Iso-LeBron-Ball, der letztes Jahr fast nonstop zu sehen war, im Locker Room gelassen. 24 Assists per Game (letztes Jahr nur 22) sind die viertmeisten in der NBA, das Assist-to-Turnover Verhältnis mit 1,69 das sechstbeste.

Dass der Angriff so flutscht, liegt an Mo Williams. Der Point Guard spielt mit 5,1 Vorlagen die drittmeisten im Team (LeBron 6,4, Dellavedova 5,3) und sorgt auch selbst immer für Scoring-Gefahr. Allabendliche 15,6 Zähler, bärenstarke 55,5 Prozent aus dem Feld und 37,5 Prozent von Downtown sind alles Werte über seinem Karriereschnitt – und das als eigentlicher Backup für Kyrie Irving.

Wenn 'Uncle Drew' sich vollkommen von seiner gebrochenen Kniescheibe erholt hat, wird die Bank noch gefährlicher. Die zweite Garde um Richard Jefferson, Dellavedova und Thompson steuert bisher 28,9 Zähler pro Abend bei (letzte Saison mieseste Bank mit 23,8 PPG).


Die wichtigste Addition ist jedoch eine andere. Kevin Love ist offensiv endlich ein elementarer Faktor – Coach Blatt hat seine größte Herausforderung bisweilen prima gemeistert. Love - sein gutes Rebounding kaschiert seine miese Defense - legt im Schnitt mit 17,2 PPG und 12,5 RPG das zweitbeste Double-Double der Liga auf; nur der alles dominierende Andre Drummond toppt diese Werte. 

Blatt lässt manchmal Spielzüge laufen, die nur auf Love geschneidert sind. So kommen seine Stärken im Shooting oder im Post wesentlich besser zur Geltung als noch vor wenigen Monaten. Sein Dreier fällt mit 32,4 Prozent noch nicht allzu verlässlich, aber von Downtown muss das gesamte Team zulegen. 33,8 Prozent sind für starke Schützen wie Jefferson, Smith, Love und/oder Delly einfach zu wenig. Hier herrscht noch viel Luft nach oben.

The Bron
Last but not least: King James. Bevor die Lobeshymnen auf den vierfachen MVP und besten Basketballer auf diesem Planeten erklingen, erstmal eine saftige Kritik: Junge, was ist los mit dir von der Linie? Nur 60,5 Prozent seiner Freiwürfe trifft James aktuell – der mit Abstand mieseste Wert in seiner Karriere. Hätte er gegen Chicago und die Bucks besser von der Charity Stripe genetzt, stünde jetzt eine Bilanz von 10-0 zu Buche.

26,2 Prozent von hinter der Dreierlinie machen ihn ebenfalls nicht zum Kassenschlager. Gegen Milwaukee traf James zuletzt fünf seiner Threepointer. Inwieweit seine miesen Wurfquoten mit seinen anhaltenden Rückenproblemen zusammenhängen, kann nicht erörtert werden.

Dafür stimmt wenigstens der Rest. 27 Punkte, 6,8 Rebounds, 6,4 Assists und 2,0 Steals verdeutlichen die geballte Power seines Allround-Games. Wenn immer nötig, übernimmt er – vor allem im letzten Viertel. Gegen die Knicks oder Jazz entschied er mit zwölf und 17 Punkten in der Crunchtime quasi im Alleingang. Ansonsten schafft er alleine durch seine Präsenz viele Räume für Love und Williams, die effizient scoren.

James' Verteidigungsrating wurde weiter oben schon angerissen. Natürlich nimmt er sich mitunter noch Auszeiten bei gegnerischem Ballvortrag, aber mit 36,3 Minuten steht er aktuell sogar noch länger auf dem Parkett als vergangenes Jahr (36,1). Spätestens mit der Rückkehr von Shump und Kyrie wird sich auch dieser Wert nach unten korrigieren.

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Also? Also!
Was bleibt zu sagen? Die Cavs sind in einer bestechenden Frühform. Natürlich war das Auftaktprogramm kein Knochentrip, aber die Eastern Conference hat ihre Topmannschaft. Die Cavs-Defense agiert für ihre Verhältnisse sehr gut, die Offense schießt mit einem Differential von 7,2 die Gegner aus der Halle – nur die Warriors und Spurs sind besser – und wird mit der Rückkehr von Irving noch ein paar Schippen drauflegen.

Wirkliche Kopfschmerzen bekommen die Anhänger der Cavaliers eigentlich nur beim Blick auf die Center-Rotation. Mozgov jagt in seinen Gedanken noch Bären im Kaukasus, Anderson Varejao ist einfach zu soft, und Sasha Kaun? Er ist wahrscheinlich der Bär, den Mozgov jagt... Der 31-jährige Rookie ist kein Faktor.

Two Cents
Eins soll zum Schluss zumindest noch gesagt sein: War die ganze Posse um Tristan Thompson nur Show? Es wirkt beinahe so. Der Bank-Energizer liefert, als hätte er keine Einheit in der Preseason verpasst, er ist perfekt integriert. Alles also nur eine Inszenierung, um den Medienrummel von der Mannschaft fernzuhalten? Why not.