18 November 2015

18. November, 2015


Die Houston Rockets haben ihren Cheftrainer Kevin McHale entlassen. Nach zuletzt indiskutablen Auftritten der Mannschaft zog das Management um Besitzer Les Alexander und GM Daryl Morey heute die Reißlinie, in der festen Überzeugung, McHale habe den Draht zur Mannschaft verloren.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

"Ich musste etwas tun"
"Ich habe mein Team nie so dürftig und träge spielen sehen", so Alexander. "Ich musste etwas tun." McHale ist das neueste Beispiel, wie schnelllebig und erbarmungslos der Sport sein kann. Der dreifache NBA-Champion führte die Rockets im vergangenen Sommer zum ersten Mal seit 1997 in die Conference Finals.

Dazu hält er die beste Siegesbilanz aller Rockets-Coaches der Geschichte. Jedoch zogen die aufeinanderfolgenden deutlichen/peinlichen Niederlagen gegen allerhöchstens mittelmäßige Teams aus Brooklyn, Denver, Dallas und Boston dem ehemaligen Celtics-Forward innerhalb einer Woche den Boden unter den Füßen weg.

"Das Team hat nicht auf Kevin McHale angesprochen, deshalb mussten wir eine schwere Entscheidung treffen. Wir mussten dies schnell tun, die schwierige Western Conference lässt dir keine Zeit, auf eine Kehrtwende zu warten", kommentiert Morey die Entlassung des Coaches, der seit 2011 an der Seitenlinie in Houston gestanden hat.


Nicht die Niederlagen selbst seien ausschlaggebend gewesen, sondern die Art und Weise. McHale räumt selbst ein: "Es hat nicht funktioniert." Dass er entlassen wird, obwohl er erst letzten Winter einen neuen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, zeigt, dass es die Rockets ernst meinen. Sie sind der festen Überzeugung, mit diesem Team jetzt gewinnen zu können... oder zu müssen. Keine Zeit für Experimente.

Vorerst übernimmt der bisherige Assistent J. B. Bickerstaff das Team. Der 36-Jährige, Sohn des langjährigen NBA-Coaches Bernie Bickerstaff  (Sonics, Nuggets, Wizards, Bobcats), kam 2011 zusammen mit McHale von den Timberwolves nach Houston.

Erfahrungen als Cheftrainer kann er zwar nicht aufweisen, gilt aber schon länger als möglicher Kandidat für eine Beförderung. Aufgrund der angespannten Lage in Houston, verbunden mit den Titelansprüchen, wird Bickerstaff dennoch aller Voraussicht nach nur eine Übergangslösung sein, maximal bis zum Sommer.

Die Nachfolgekandidaten
Die erwähnte Schnelllebigkeit und Erbarmungslosigkeit des Sports verlangt außerdem, über mögliche Nachfolger zu spekulieren, noch bevor der frisch Entlassene seinen Spind geräumt hat. Folgende Kandidaten werden in Houston gehandelt.

Tom Thibodeau: Der Schleifer
Wenngleich Thibodeaus Abgang in Chicago im vergangenen Sommer eher unrühmlich ablief, bringt der Coach des Jahres 2011 zumindest auf dem Papier alles mit, um den Erfolg wieder zurück ins Toyota Center zu bringen. Als Assistent unter Jeff Van Gundy zwischen 2003 und 2007 sind ihm Stadt und Organisation bestens bekannt.

Houstons Franchise Player James Harden lobte den Defensivspezialisten aufgrund ihrer gemeinsamen Arbeit beim Team USA. In fünf Jahren bei den Chicago Bulls gewann der 57-Jährige mit seinem Team drei Mal 50 Spiele oder mehr.

Allerdings ist nicht alles Gold was glänzt: Unbeliebt machte sich Thibodeau in der Windy City vor allem durch seine Minutenverteilung. Für Jimmy Butlers, Joakim Noahs und Luol Dengs ausgedehnte Spielzeit wurde 'Thibs' harsch kritisiert.

Nachtragende Bulls-Fans geben Thibodeau in diesem Zusammenhang sogar die Schuld an der schweren Verletzung des einstigen Franchise Players Derrick Rose, weil er den angeschlagenen Aufbauspieler in einem quasi schon entschiedenen Playoff-Spiel nochmals aufs Parkett schickte.

Trotzdem ist der als Schleifer berüchtigte Thibodeau Favorit auf den Posten, weil er der – vorsichtig ausgedrückt – strauchelnden Defensive Beine machen würde. In seiner Zeit als Assistent gehörten die Rockets durchweg zu den Top-5 Defensiven der Liga. Offensiv lastet ohnehin die ganze Verantwortung auf James Hardens Schultern.

Scott Brooks: Der Ehemalige
Nach sieben durchaus erfolgreichen Jahren in Oklahoma City wurde Scott Brooks im Sommer freigestellt. Schon lange werfen ihm Kritiker offensive Monotonie vor, Witze über sein dünnes Playbook sind Alltag. Dennoch genießt Brooks in Fachkreisen einen ausgezeichneten Ruf, war er doch maßgeblich daran beteiligt, dass bei den Thunder Kevin Durant, Russell Westbrook, Serge Ibaka – und eben auch James Harden – zu ihrer Qualität reiften.

Brooks wäre in Houston kein Unbekannter. Er spielte von 1992 bis 1995 für die Rockets, wurde 1994 an der Seite von Hakeem Olajuwon Champion. Zudem hat der Coach des Jahres 2010 immer noch bei besagtem Kevin Durant, der im kommenden Juli Free Agent werden wird, einen Stein im Brett.

Jedoch ließ der einst Ungedraftete zuletzt kein Interesse an einem Trainerposten verlauten, möchte vielmehr Abstand vom Basketball gewinnen - zumindest in der laufenden Spielzeit. Ein Engagement in Houston käme trotz genannter Faktoren jetzt wahrscheinlich zu früh. Im Sommer sähe die Situation natürlich anders aus.


Mark Jackson: Der Feind
Nicht wenige behaupten, dass Mark Jackson das Fundament für den Titelgewinn der Golden State Warriors gelegt hat und wahrscheinlich würde keiner seiner ehemaligen Spieler dieser These widersprechen. Auch sein Nachfolger Steve Kerr nicht.

Allein dieser Umstand bringt Jackson überall dort ins Gespräch, wo ein Trainerstuhl vakant wird. Der Rookie des Jahres 1988 gilt als 'Player's Coach', der für eine verschworene Gemeinschaft in der Umkleide sorgt – also etwas, das unter McHale zuletzt mutmaßlich fehlte.

Überschneidungen mit Houston gibt es zwar – Jackson spielte sein letztes aktives Jahr im Rockets-Trikot. Dieses Jahr ging aber eher unrühmlich vonstatten, Jackson hatte längst an Dynamik verloren und agierte auf dem Parkett bestenfalls lethargisch, wurde bald schon eine wandelnde Zielscheibe für Rockets-Fans.

Dies haben beide Seiten nicht vergessen: In seiner Zeit bei den Warriors kam es zu mehreren giftigen Duellen, die ihren Höhepunkt im Februar 2013 fanden, als Jackson seine Warriors in einem bereits entschiedenen Spiel absichtlich und überhart foulen ließ, um zu verhindern, dass die Rockets den Rekord der meisten erzielten Dreier in einem Spiel übertreffen.

In Houston hätte Jackson folglich von Anfang an einen schweren Stand. Nicht gerade die beste Voraussetzung, um die dringend benötigte Ruhe ins Umfeld zu bringen.

Jeff Van Gundy: Der Altbekannte
Warum in Thibodeau den ehemaligen Assistenten holen, wenn man doch gleich auf den früheren Cheftrainer zurückgreifen könnte? Van Gundy arbeitet seit seiner Demission in Houston im Jahr 2007 als Fernsehexperte und ist aufgrund seiner Kombination aus Fachwissen und Unterhaltungstalent aus den landesweiten Übertragungen kaum noch wegzudenken.

Zweifler sagen, der 53-Jährige sei zu lange aus dem aktiven Geschehen weg, um sofort mit dem heutigen Basketball klar zu kommen. Als Trainer der alten Schule ist es in der Tat zumindest fraglich, ob Van Gundy mit dem Zahlenfanatiker Morey an einem Strang ziehen würde. Von den Fähigkeiten her ist der Bruder von Detroits Stan Van Gundy über jeden Zweifel erhaben.

An Angeboten hat es ihm in all der Zeit abseits der Seitenlinie nie gemangelt, erst im Sommer wurde über ein Engagement bei den New Orleans Pelicans spekuliert. Es müsste schon ein extrem reizendes Angebot kommen, um ihn vom Kommentatorenpult wegzulocken. Diese Rockets sind das gegenwärtig nicht.

Shane Battier: Der Geheimkandidat
Shane Battier? Ganz recht. Der von 2006 bis 2011 bei den Rockets aktive Karaokestar war in Umfragen nach dem Spieler, der später mal einen guten Head Coach abgeben werde, stets obenauf.

Seit seinem Rücktritt vom aktiven Sport arbeitet der einstige Duke Blue Devil (Coach K, anyone?) als TV-Experte beim College-Basketball. Battier spricht die Sprache der Spieler und war als Teamkamerad und Lockerroom Leader äußert beliebt.

Seine Freundschaft mit Morey ist wohlbekannt, zudem gilt er als einer der Intelligentesten seines Fachs. Ein sofortiger Wechsel auf die Trainerbank in dieser Situation käme jedoch dem sprichwörtlichen Sprung ins eiskalte Wasser gleich – ein Risiko, das die Rockets zu diesem Zeitpunkt nicht eingehen werden. Sollte Battier allerdings Bereitschaft signalisieren, werden die Rockets früher oder später zumindest einen Platz als Assistenztrainer oder Analysten für ihn frei machen.