30 November 2015

30. November, 2015


Die neue NBA-Saison ist gut unterwegs. Bei so viel irrsinniger Action pro Woche macht es nicht immer Sinn, traditionell zu berichten. Nicht weiter schlimm: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Cory Joseph in Crunchtime und versorgt euch wöchentlich mit artgerechten Häppchen zur NBA-Spielzeit 2015/16.

von NBACHEFSQUAD

Wizards of Lozz
Seb Dumitru @nbachefkoch ... "Wir haben absolut keine Ahnung was wir hier eigentlich machen" - das ist oder ist nicht ein aktuelles Statement eines oder mehrerer Washington Wizards Spieler. Die Nerven in der Hauptstadt liegen blank.

Nicht weil das Team von Head Coach Randy Wittman vier Partien in Folge verloren hat und auf kumulative 6-8 Siege zurück gefallen ist - schlecht genug für Rang zwölf in der Eastern Conference. Sondern weil Washington heutzutage in der Tat keine Ahnung zu haben scheint, wer oder was es eigentlich ist.

Auf der Suche nach mehr offensivem Punch verwendete Wittman einen Großteil - John Wall zufolge sogar volle 100 Prozent - des Trainingscamps auf das Einstudieren modernerer Angriffssets. Tatsächlich spielen die Wizards in der neuen Saison viel schneller, schossen in den Pace-Rankings unter die Top-5 ligaweit...

Allein, es bringt nichts, denn auf der Suche nach Speed bewegen sich Spieler und Ball zwar viel mehr als früher, aber die Verwirrung ist größer denn je. Washington hat seine Identität verloren. Dass Nene zu Saisonbeginn auf die Bank musste, um für Kris Humphries Platz zu machen, hat die vor einem Jahr fünftbeste Defensive der Liga ins Bodenlose stürzen lassen (Rang 23).


Wenngleich Wittman seine Startformation mittlerweile verändert hat, dort Humphries durch Jared Dudley ersetzte: Marcin Gortat ist meist der einzige echte Big Man auf der Platte und damit im Interieur maßlos überfordert. Es ist kein Zufall, dass Washington nicht nur defensiv, sondern auch beim Rebounding starke Einbußen verzeichnet. Gegner kommen permanent zu zweiten, dritten Wurfgelegenheiten und treiben Washington damit zur Verzweiflung.

Nicht nur Gortat, der im Camp einer der großen Proponenten des schnelleren Balls war, bettelt mittlerweile öffentlich förmlich um eine Rückkehr zur altbekannten Identität und Nenes Reinstallation in die Starting Five. Auch John Wall, der bisher die schwächste Saison seiner Karriere spielt, scheint mehr als irritiert zu sein.

Der Coach macht den Einsatz der Spieler verantwortlich, Wall macht das neue System und eine Abkehr vom defensiven Selbstverständnis verantwortlich, Gortat macht die "zu hohen Erwartungen, ohne dass wir uns im Sommer auch nur ansatzweise verstärkt hätten" verantwortlich...

Fakt ist: ein Team, das nach zwei konsekutiven Conference Semifinal Teilnahmen schnell auf die nächste Stufe wollte, ist bisher auf dem Weg, eines seiner beiden Ziele (Titel & Speed) zu erreichen... Für Wizards-Fans bedauerlicherweise nur zweiteres, irrelevanteres...


Godstaps! 
Johannes Hübner @Joe_Huebner ... Es ist noch früh, doch Kristaps Porzingis deutet ein Gesamtpaket an Fähigkeiten an, das die NBA verändern kann. Langsam erahnen Knicks-Fans, was für einen talentierten Spieler die Franchise an Position vier des diesjährigen Drafts auswählte. 2,21 Meter groß, fungiert er in der Triangle Offense auf sämtlichen Positionen.

Er trifft den Dreier bei drei Versuchen pro Partie zu 31 Prozent. Trotz seiner Größe fügt er Guard Moves in seine Handwerkskiste, genau wie Bewegungen mit dem Rücken zum Korb. Frank Kaminsky ist immer noch schwindelig vom Dream-Shake des Letten. Er kann als Big Man den Stretch Fünfer geben, oder als Vierer neben einem Brettcenter wie Robin Lopez agieren.

Der Code der Smallball-Formation der Golden State Warriors mit Draymond Green ist noch nicht entschlüsselt. Ein Spieler mit 2,21 Metern, der bis an die Dreierlinie verteidigt und durch seine Größe kleine Formationen vor Probleme stellt, ist genau der Typ, dem so etwas eines Tages gelingen kann. 


Statt ihn auszubuhen wie am Draft-Abend, liegen ihm die Fans schon nach vier Wochen zu Füßen. Mit 13,4 Punkten, 9,1 Rebounds und 1,8 Blocks pro Spiel katapultiert er sich in die Konversation für den Rookie des Jahres. „MVPorzingis“ hallt es durch den Madison Square Garden. Seine Trikots sind vergriffen, der Teamshop der Knicks musste nachbestellen. Der scheinbare weiche, weiße Europäer verkörpert die Werte, die die Knicks-Fans mit New York verbinden: Er ist hart, arbeitet, gibt nicht auf. Seine Putbacks mit purem Willem symbolisieren diese Eigenschaften. 

Hinten lässt er sich manchmal herumschubsen, weil einfach noch die Kilo für den Zonenkampf fehlen. Trotzdem schickt er 1,8 Würfe pro Abend zurück zum Absender. Seine Spannweite paart Porzingis mit der Intelligenz, bereits die Vertikalitäts-Regel verstanden zu haben. Pro Partie wirft er sich in 6,1 Abschlüsse in Korbnähe und erlaubt nur eine Trefferquote von 45,9 Prozent – fast die identischen Werte stehen für Anthony Davis zu Buche. 

Die Kritiker vor dem Draft hatten Recht. Kristaps ist ein Projekt, das erst in mehreren Jahren an seinem Zenit kratzt. Nur: Porzingis ist heute, mit seinen 20 Jahren, schon viel weiter als alle dachten, weil sie ihn - wie Stephen A. Smith - beurteilten, ohne ihn je spielen gesehen zu haben.


MVPG
Onur Alagöz @LakersParadigm ... Es gab mal Zeiten, da war es nicht so leicht wie jetzt, schnell an Informationen über die NBA zu kommen. Keine täglichen Top Ten, keine Echtzeitinfos auf Twitter.
Deswegen ist es auch wenig verwunderlich, dass Paul George in der kollektiven Wahrnehmung nur noch in den hinteren Teil des Cerebrums gerutscht ist. Während er ackerte, um wieder zurück an die Spitze zu kommen, nahmen andere seinen Platz ein.

Fast Forward ein Jahr: zurück nach seiner Horrorverletzung spielt PG-13 als wäre er nie weg gewesen. Korrektur: Er spielt besser als vorher. „Besser“ wie in „In-der-MVP-Diskussion“-besser.
Nicht nur nimmt er in der überraschend stabilen Offensive der Pacers eine noch größere Rolle ein und scort versatiler als vorher, er führt auch eine der besten Defensiven der Liga an. 


Wenn man heute von den besten Two-Way-Playern der Liga sprechen will, muss George genannt werden. Der Kerl ist überall. Ein 6-9/6-10 Small Forward mit spektakulärer Athletik, sensationeller 1-on-1-Defense und einem immer besser werdenden Arsenal an Offensivwaffen ist ein wandelndes Mismatch auf zwei Beinen. 

MVPG. Top 10 Player und DPOY-Kandidat. Erst 25 Jahre alt und scheint die Verletzung komplett und ohne erkennbare Langzeitfolgen weggesteckt zu haben. Viel Spaß, Fans. Viel Spaß, Liga. Don’t call it a comeback! Paul George war schon immer hier.


Das verlorengegangene D
Torben Adelhardt @Torben41 ... Die noch immer recht jungfräuliche NBA-Spielzeit 2015/16 hat bereits eine ganze Reihe an negativen Schlagzeilen geliefert: die degressive Proportionalität zwischen den Wurfversuchen Kobe Bryants und dem „Erfolg“ der L.A. Lakers, das degenerierte Offensivspiel der Philadelphia 76ers, der defensive Output der Milwaukee Bucks...

Während die ersten beiden Punkte so überraschend daher kommen wie ein erfolgreicher Dreipunktewurf von Wardell Stephen C., wirft die Defensive der Bucks viele Fragezeichen auf. In der letzten Saison stellten die jungen Hirsche aus Wisconsin noch die zweitbeste Verteidigung der gesamten Association und beeindruckten mit ihrer dynamischen und flexiblen Art der Mann-gegen-Mann-Verteidigung.

Head Coach Jason Kidd machte sich die Athletik und langen Extremitäten seiner Schützlinge zunutze und ließ bei der Verteidigung der gegnerischen Blöcke konsequent switchen. Eine Strategie, die sich in schwachen gegnerischen Trefferquoten niederschlug (34.2% Dreier; 47.6% Zweier).

Fast Forward: 21. November. 2015, Bankers Life Fieldhouse zu Indianapolis. Die Bucks mussten  sich soeben den Indiana Pacers tmit 123-86 geschlagen geben. Bereits zum dritten Mal in dieser Saison wurden sie mit einer Differenz von mindestens 25 Punkten verprügelt, was ihnen in der Vorsaison genau ein einziges Mal passierte. Autsch.

Um einen ersten Eindruck von der vollkommen dysfunktionalen Bucks-Defense zu erhalten, hier ein paar Zahlen: 46.2% gegnerische Feldwurfquote (Platz 26), eine defensive Rebound-Percentage von 68% (Platz 30), 27.2 gegnerische Freiwürfe pro Partie (Platz 30).

An dieser Stelle könnten noch einige weitere statistische Werte aufgezählt werden, doch sie alle kumulieren in einer bedeutenden Kennzahl – 109.4. Das ist das Defensiv-Rating der Bucks. Dass sie hiermit die bisher schlechteste Defensive der Liga stellen – noch hinter den defensiven Bollwerken aus Los Angeles und Denver – ist absolut besorgniserregend.


Was oder wer steckt hinter diesem immensen Leistungsabfall? Verletzungspech? Der Verlust von Zaza Pachulia? Die verbesserte Vorbereitung der gegnerischen Offensiven auf die Bucks-D? Die fehlenden Rimprotector-Skills von Monroe? Die Illuminaten?

Es ist sicherlich ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Wer sich die Spiele der Bucks anschaut, der erkennt, dass ihre Verteidigung immer dann implodiert, sobald ein gegnerischer Spieler seinen Kontrahenten am Perimeter schlägt und den Drive durch die Mitte anbringen kann... Ein Todesurteil für jede Defensive.

Das Erfolgsrezept aus der letzten Saison – die defensive Variabilität der Guards und Flügelspieler – schlägt ohne einen verlässlichen Ringbeschützer (Henson ist momentan quasi ein Non-Faktor) kaum an. Darüber hinaus kommen noch schwerwiegende Problemfelder, wie das Verhindern von Offensivrebounds (Ausboxen, bessere Kommunikation, anyone?) und der eigene Drang zu leichtsinnigen Fouls hinzu. 

Vor der Saison wäre die Offensive der Bucks als Problemkind Nummer Eins deklariert worden, doch plötzlich muss sich Head Coach Kidd überlegen, wie er seine Verteidigung wieder auf ein akzeptables Niveau hebt. 


Eine andere Lakers-History
Pascal Gietler @PascalCTB ... Die Los Angeles Lakers waren einst das Maß aller Dinge und haben bekanntlich mehr als einen Rekord inne. Vergangenen Dienstag wurde erneut Geschichte geschrieben, aber anders: Zum ersten Mal konnte kein Lakers-Spieler mehr als zehn Punkte in einer Partie scoren.

Damit Stats-Blogger etwas Zahlenmaterial für ihre Algorithmen bekommen: Seit 1948, also in 68 Spielzeiten und 5.301 absolvierten Partien, ist so etwas bei den Lakers noch nie passiert. Immerhin konnten Lou Williams, Julius Randle und Rookie Larry Nance Jr. exakt zehn Punkte beisteuern, aber dennoch las sich der Boxscore so traurig wie das Ende eines jeden Game of Thrones-Bandes: 83 Würfe, 77 Punkte und satte 7,1% FG (1-14 aus dem Feld) von Kobe Bryant.

Das eigentlich Absurde waren die Aussagen, die nach der Klatsche geäußert wurden: „Ernsthaft, Leute: Ich bin nicht wirklich über mein Shooting besorgt. Das wird wieder besser. Ich hätte da draußen 80 Punkte auflegen können und es hätte keinen Unterschied gemacht“ von Kobe Bryant war eines der Highlights der Woche. 


„Wir müssen Kobe besser in Position bringen und bessere Würfe ermöglichen“ von der Nummer 31 der aktuellen Coaching-Rangliste, Byron Scott (Ja. 31! Natürlich zählt Luke Walton, ihr ignoranten Spinner in der NBA-Zentrale), toppte alles. Scotts Coaching, seine blinden Zugeständnisse an Kobe Bryants sterbliche Überreste und seine Rotationen sind mittlerweile an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten.

Als ob das nicht genug wäre: Anstatt sich ausnahmsweise mal auf den eigenen Job zu konzentrieren, wollte Scott in der vergangenen Woche noch unbedingt anmerken, dass die „Showtime“ Lakers auf jeden Fall die aktuellen Golden State Warriors in einer „Best of Seven“-Serie schlagen würden. 

Wenn am Ende des Tages selbst Musterprofi, Swag-Champ und Basketball-Einstein Nick „Swaggy P“ Young vor die Mikrofone tritt und trällert: „We can’t let one guy determine everything“, dann sagt das schon fast alles über die Los Angeles Lakers 2015/16 aus. 


Fahrlässig
Mattis Oberbach @MattisOb ... Die Philadelphia 76ers sind ein Desaster. Nicht nur sportlich, denn da haben sie, als diese Zeilen geschrieben werden, bereits 17 Mal in Folge verloren. Die Niederlagen aus der vergangenen Saison lassen wir mal außen vor, sonst wären es noch einen ganzen Batzen mehr.

Hinzu kommt noch eine weitere, ernüchternde Niederlage abseits des Courts: Scheinbar scheint die Franchise nicht in der Lage zu sein, ihr eigenes Kapital zu schützen. Der Aufreger der Woche aus Sixers-Sicht: natürlich Jahlil Okafor. Center, 3. Pick im Draft, Hoffnungsträger. 


Außerdem erst 19 Jahre alt, viel Geld im Portemonnaie. Nach der Niederlage gegen die Celtics, bereits die 16. in Folge, wollten die Sixers in Boston nächtigen – um den Schlafrhythmus der Spieler nicht noch mit einem Heimflug zu belasten. 

Dieses Memo war aber nicht bei allen Spielern angekommen, Okafor machte bis in die frühen Morgenstunden in Bostons Nachtleben die Runden. Dass er dann auch noch verbal mit einem Fan aneinander geriet, ihn später zu Boden power-schubste und mit einem beachtlichen rechten Haken K.O. schlug, kann seiner fehlenden Erfahrung mit derlei Situationen zugeschrieben werden. Denn dass so eine Szene per Handy gefilmt wird und prompt im Netz auftaucht, ist klar.

Schade nur, dass dies nicht der erste Vorfall war, bei dem der fehlende Schutz durch die Sixers auffiel. Spätestens nachdem Okafor im Oktober per Waffe bedroht worden war, ebenfalls vor einer Bar, hätte die Franchise ihm einen permanenten Begleiter zur Seite stellen sollen. Nicht, wie in Boston, Teamkollege Christian Wood (20 Jahre alt), sondern einen professionellen Bodyguard. Einen mit Muskeln, Autorität und einer Ausbildung, genau solche Fälle und weiteren Schaden zu verhindern. 

Was die obere Etage in Philly anstellt, ist schon länger zumindest fragwürdig. Ihren wohl besten Spieler so auf sich alleine gestellt zu lassen, grenzt an fahrlässig. Die Frage, was mit einem weniger guten oder wichtigen Spieler passiert wäre - ob Phillly ihn suspendiert oder gar entlassen hätte - mag man gar nicht stellen. Tatsächlich wird es langsam eng in der City of Brotherly Love. So wie dort gearbeitet wird, kann das nicht mehr lange gutgehen. Auf dem Court. Und auf der Straße.