20 November 2015

20. November, 2015


Kobe, Timmy, Dirk: Ikonen der NBA gehen auf die 40 zu und stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere. In einer Serie begleitet NBACHEF die Oldies auf dem Weg in den Sonnenuntergang und erzählt ihre unterschiedlichen Geschichten. Heute: Jason Terry.

von MATTIS NOTHACKER

Jason Terry ist ein Basketball-Spieler, der manchmal etwas schwer zu durchschauen ist. Zum einen ist da dieser Terry, der sich als zutiefst dankbarer, gläubiger und demütiger Typ gibt, der sich im klaren ist, dass er in seinem Leben viel Glück gehabt hat. Zum anderen ist da aber auch der Terry, der weiß, dass er sehr gut Basketball spielen kann und dies auch seinem Gegenüber wissen lässt. Ein Mann, der keinen Konflikt mit Mitspielern oder Gegenspielern scheut und seinen ganz eigenen Kopf hat.

Terry, 37, spielt nun seit 16 Jahren in der NBA. Er ist NBA-Champion und Vater von fünf Kindern. Doch er ist noch immer einer, der aneckt und mit seinem nach außen getragenen Glauben an sein Können und seine Ziele oft belächelt wird. Er ist der ewige Underdog. 

Die Aufschrift „Underdog“ hat er sich tätowieren lassen. Denn Terry pflegt dieses Gefühl, immer beweisen zu müssen, dass er hier hingehört, in die NBA – auch mit 38. Er macht die Dinge ein bisschen anders als die meisten, er zieht seine Socken nach oben, breitet seine Arme aus, wenn er feiert, und es ist ihm egal, ob das gut ankommt oder nicht. Terry ist 1,88 groß und spielt trotzdem Shooting Guard, bis heute muss er gegen sein Tweener-Image ankämpfen. Ein Spieler, so die Kritiker, der als Point-Guard kein Team führen könne, als Shooting Guard jedoch zu klein sei, um seinen Gegenspieler zu verteidigen. 


Terry wagt Dinge, die andere nicht wagen – manchmal wird er dafür gefeiert, manchmal kritisiert. Als er sich während seiner vorletzten Saison bei den Mavericks ein Tattoo der Larry O'Brien-Trophäe stechen lässt und dann entgegen der meisten Vorhersagen tatsächlich die Meisterschaft gewinnt, wird er für die Aktion von allen Seiten gelobt. Als er bei den Celtics das gleiche tut, in Boston aber ohne Titel bleibt, gilt er plötzlich als größenwahnsinnig.

Nachdem er bei den Mavericks gemeinsam mit Dirk Nowitzki, seinem engen Freund, den Titel gewinnt, ist Terry lange auf der Suche nach einem Team, das ihn so braucht, wie er ist: unberechenbar, risikofreudig, aber auch äußerst selbstbewusst und abgezockt. Er benötigt zwei Jahre, um es zu finden: ironischerweise ist es der große Rivale seiner ehemaligen Mannschaft: die Houston Rockets.

Jason Terry war schon immer ein hervorragender Dreierschütze, er rangiert direkt hinter Ray Allen und Reggie Miller als Dritter in der ewigen Dreipunkte-Rangliste. Was Terry dorthin gebracht hat, ist zum einen sein Wurf, den er sehr weit hinten loslässt und deshalb extrem schwer zu blocken ist. Vor allem aber ist es seine Fähigkeit zu wissen, wann er wo auf dem Spielfeld zu stehen hat. Es ist diese seltene Fähigkeit, die die sehr guten von den guten Dreierwerfern trennt und die nur wenige besitzen: J.J. Redick, Danny Green, Jason Terry.

Das System der Houston Rockets braucht Spieler wie Terry, die die Pässe von James Harden verwerten können. Und die Mannschaft braucht Erfahrung, jemand, der anführen und motivieren kann und Dinge, die schlecht laufen, sofort anspricht. Alles Qualitäten, die Terry schon immer ausgezeichnet hat. Als die Rockets in ihrem ersten Spiel der neuen Saison mit 30 Punkten weggefegt werden, staucht er seine Mitspieler regelrecht an. „Ich sage nicht genau, was ich ihnen gesagt habe, aber ich fasse es mal mit „kämpft!“ zusammen“, beschreibt er die Situation. 


Terry bekleidet nun wieder eine ganz andere Rolle, als er es in den Playoffs der vergangenen Saison tun musste. Dort war Patrick Beverley verletzt, und Terry musste als Point-Guard starten. Keine ideale Rolle, doch seine Auftritte in der Postseason flößten ligaweit Respekt ein. Nun ist er wieder der Joker, der reinkommt, wenn diese gewisse Energie fehlt, die eine Mannschaft manchmal braucht. „Es macht mir nichts aus“, sagt Terry. „Ich bin immer in der Trainingshalle. Meine Routine verändert sich nie. Manche Spieler meinen: 'Ich spiele nicht, also werde ich nicht meine täglichen Workouts machen'. Dann wirst du aber auf dem falschen Fuß erwischt. Du wirst gebraucht, aber du bist nicht bereit“.

Terry vergleicht seine Rolle mit einem Ersatz-Quarterback im Football, der immer wieder  aus dem völligen abseits ins große Scheinwerferlicht gerückt wird und dann auf der Stelle seine Leistung bringen muss. Terry weiß, wie sich das anfühlt, er hat schon bei den Mavericks lange als Sixth-Man agiert, wurde als bester Ersatzspieler geehrt. Es hat ihm nicht geschadet – bis heute ist er einer der beliebtesten NBA-Spieler in Dallas.