24 November 2015

24. November, 2015


Während bekannte Top-Talente wie Victor Oladipo, Giannis Antetokounmpo, Nerlens Noel und Jabari Parker die angesagten Breakout-Kandidaten sind, fliegen andere Youngster ein bisschen tiefer unter dem Fan-Radar. Noch. NBACHEF stellt euch in unserer 'Don't Sleep' Reihe eine Handvoll Spieler vor, die in dieser Saison einen großen Leistungssprung machen werden. 

von CLEMENS BOISSERÉE @bvboisseree

Spieltag. Die Trainingswoche ist rum, der sportliche Höhepunkt steht an – dann die Enttäuschung. Der Coach hat wieder dem grobmotorischen Backsteinwerfer, dem pummligen Defensivlegastheniker den Vorzug in der Starting Five gegeben. Und das hat nur einen Grund: Den eigenen Sohnemann setzt Coach nicht auf die Bank. 

Kanntet ihr diese Kids und ihre Väter auch? Doug McDermott hätte sie gehasst. So wie er jede Form von Sonderbehandlung oder Aufmerksamkeit hasst. Wahrscheinlich genau deshalb ist der 22-Jährige heute Small Forward in der besten Basketballliga der Welt und zählt momentan zu den aufstrebenden Sophomores der Liga.  

2009 ist Doug, Sohn des Basketball-Coach Greg McDermott, im letzten Jahr an der Ames High School im Bundesstaat Iowa. Sein Vater coacht hier das Basketballteam der Iowa State University,  während Dougs Schulmannschaft das mit Abstand beste im ganzen Staat ist. Dieser Erfolg hat einen Namen: nein, nicht Doug McDermott. An dessen Seite steht ein gewisser Harrison Barnes – der große Star des Teams. 

Doug selbst läuft lediglich als Sixth-Man auf. „Niemand hätte erwartet, dass Doug irgendwann mal professionell Basketball spielen wird“, erzählt Vater Greg ESPN. Keine der großen Unis interessiert sich  nach seinem Schulabschluss für den 2,03 Meter-Shooter, doch immerhin die „Locals“ bieten ihm eine Uni-Karriere als Basketballer an. Die Northern Iowa will ihn, außerdem könnte Doug in der Mannschaft seines Vaters unterkommen, an der größeren Iowa State. 

Creighton
All das wäre dem 18-Jährigen zu einfach. Er sucht nach Alternativen und besucht die Creighton University in Omaha, der Hauptstadt Nebraskas. Nach einigen Drills und Gesprächen wollen die Bluejays den Forward, können ihm aber kein Stipendium mehr anbieten – Doug akzeptiert trotzdem und zahlt die Gebühren aus der eigenen Tasche. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Seine Freshman-Saison wird auch die erste Spielzeit von Greg McDermott in Creighton. Sein Vater wird Head Coach der Jays. 


Begeistert ist sein Sohn davon zunächst nicht. Gleich im ersten Training gibt er seinen Mitspielern eine Anweisung: „Ich möchte nicht, dass ihr mich schont, nur weil ich der Sohn des Coaches bin.“ Er möchte dieselbe Behandlung wie alle, möchte es allen mit ehrlicher Arbeit zeigen. Dennoch gibt es anfangs Reibereien, Greg und Doug geraten während des Trainings aneinander. Ein schiefer Blick reicht damals, und eine Seite attackiert die andere. 

„Die beiden brauchten ein wenig, um ihre Rollen zu verstehen, dass sie auf dem Feld nicht Vater und Sohn, sondern Coach und Spieler sind“, erinnert sich Dougs Mutter Theresa. Als das erst mal klappt, drehen die Bluejays auf – angeführt von Doug McDermott, der in seinem zweiten Jahr vom High School-Bankspieler zum Anführer und Star eines Big East Conference Teams wird. 

Senior-Year: Zweimal hat Doug die Bluejays in den Big Dance, das NCAA Tournament, geführt (beide Male ist in Runde zwei Schluss), zweimal wird er zum First-Team All-American berufen und MVC Player of the Year. Die Krönung seiner College-Karriere folgt schließlich im vierten Jahr.

Living Legend
26,7 Punkte, sieben Rebounds und eine Dreierquote von 45 Prozent machen ihn zum 'Big East Player of the Year'. In seinem letzten Heimspiel stehen 18000 Fans im CenturyLink Center von Omaha und feiern McDermotts 3000. Punkt – in der gesamten NCAA-Geschichte haben dies vor ihm gerade mal sieben Spieler geschafft. 

McDermott ist eine College-Legende, die Menschen lieben und bejubeln ihn, der ehemalige Basketball Direktor der Iowa State, Jeff Rutter, beschreibt Doug für „eine der besten Geschichten in der Historie des College-Basketballs“... Doch wer Dougs Gesicht nach seinem Rekord-Wurf sieht, erkennt, wie unangenehm ihm diese ganze Aufmerksamkeit ist. „Es fühlt sich bizarr an“, gibt der Gefeierte unumwunden zu. 

Nie hatte ihm jemand ernsthafte NBA-Chancen ausgerechnet, jetzt berichteten ESPN, ABC und Fox plötzlich über den weißen Jungen vom Lande. Plötzlich taucht er auch in den Mock-Drafts auf. Sogar als potenzieller Erstrunden-Pick. „Werd' nicht übermütig“, warnt ihn sein Vater. Keine zu großen Erwartungen jetzt, lieber weiterhin ehrliche, harte Arbeit.  


Sommer 2014: Die Bulls laden Doug zum Probetraining ein. Chicago könnte McDermott im Draft an Position 16 ziehen, sie sehen in ihm die optimale Ergänzung zu Mike Dunleavy und Jimmy Butler auf dem Flügel. Ein paar starke Leistungen später sind sich die Bulls einig: den Kerl wollen wir. 

Der Marktwert des Trainersohns ist aber mittlerweile durch die Decke gegangen. Bevor die Bulls ziehen dürfen, schlagen die Denver Nuggets bereits an Position elf zu. Es kostet Chicago zwei Erstrunden-Picks (und Anthony Randolph), um doch noch den Rookie ihrer Wahl zu bekommen. Die Erwartungen sind groß, aber wie immer in seinem Leben muss McDermott für seinen Erfolg eines tun: hart arbeiten.

Doug McDermott bringt neben einem heißen Händchen von außen auch einen absolut NBA-tauglichen Körper mit: 102 Kilos und 203 Zentimeter sind eine feine Kombination aus Kraft und Länge, um auf dem Flügel sowohl in der Defensive seinen Mann zu stehen, als auch vorne nicht nur als Shooter zu agieren. Soweit die Theorie. 

Denn in der Realität kann der beste Distanzschütze der Creighton-Geschichte zwar auch durchaus passabel am Ring abschließen, in der Defensive ist er für Bulls Head Coach Tom Thibodeau aber eine Zumutung. Kein anderer Bulle weist 2k15 ein so hohes Defensiv Rating auf (107,6). Auch deshalb darf er in seiner Rookie-Saison kaum länger als neun Minuten pro Partie aufs Feld. Eine Knieverletzung behindert seine Entwicklung zusätzlich. „Er hat sich selbst zu viel Druck gemacht. In der NBA gibt es 82 Spiele und er trainiert zusätzlich extrem viel. Deshalb muss er lernen, dass er nicht in jedem Spiel oder in jedem Training perfekt sein kann“, analysiert sein Vater Greg.

Reset
Also alles auf Neustart. „Es war ein hartes Jahr für mich. Aber ich habe eine Menge gelernt“, sagt der Gescholtene und tut, was er am besten kann: hart an sich arbeiten. Den Sommer nutzt er, um in Absprache mit dem neuen Bulls-Coach Fred Hoiberg – der von der Iowa State University in die NBA kam – an seinem Spiel zu arbeiten. 

Mit Erfolg, wie die ersten Spiele der Saison 2015/16 vermuten lassen. Schon zum Ende der vergangenen Spielzeit präsentierte sich ein deutlich verbesserter und vor allem selbstbewussterer Doug McDermott. Zu Beginn dieser Spielzeit strotzt der mittlerweile 23-Jährige nur so vor Spielfreude und Sicherheit.


Pro Partie nimmt er durchschnittlich fast vier Dreier – und trifft dabei unglaubliche 51,2 Prozent. Grundsätzlich nutzt McDermott seine Minuten – und davon bekommt er unter Hoiberg mittlerweile mehr als 20 pro Spiel (20,7 MPG) – in der Offensive unglaublich effektiv. Sein True Shooting liegt nach zwölf absolvierten Partien bei 64 Prozent, von der Bank bringt der Sophomore 10 Punkte pro Spiel.

Zuletzt legte er gegen die Philadelphia 76ers mit 18 Punkten eine neue Karrierebestleistung auf. Dabei verlässt er sich nicht nur auf seinen Distanzwurf, sondern hat den Floater als Abschluss in Korbnähe fest in sein Spiel integriert. Immer nur aus der Distanz draufhalten – das wäre zu einfach. 

„Es fühlt sich so an, als sei ich endlich zurück. Ich habe den Glauben an meinen Wurf wiedergefunden“, sagt der aktuelle Sixth Man der Chicago Bulls, der unter Hoiberg allerdings auch schon dreimal von Beginn an aufs Parkett durfte. „Coach ist eine große Hilfe für mich. Wenn ich einen Wurf nicht treffe, lässt er mich trotzdem auf dem Feld. Er vertraut mir“, beschreibt McDermott den Anteil des neuen Seitenlinienchefs in der Windy City an seinem wieder gefundenen Selbstvertrauen. 

Bliebe noch das Problem mit der Verteidigung. Hierauf legte Doug seinen Fokus bei der sommerlichen Arbeit – mit ersten Erfolgen. „Doug hat sich schon verbessert“, lobt sein Coach. Doch auch Hoiberg dürfte es nicht entgangen sein, dass sein Schützling noch immer ein schwaches Rating hinten auflegt, in den Rotationen zu spät schaltet oder in Mismatches gesteckt wird, in denen er dann entweder zu schmächtig oder zu langsam ist, um die Superathleten der NBA angemessen vor sich zu halten. 

Und so bleibt dem jungen Flügelspieler nur das zu tun, was Doug McDermott in seiner Basketballkarriere bislang stets tat, wenn etwas nicht so lief, wie es sollte: weiter hart an sich arbeiten. Coach Hoiberg: „Er ist ein intelligenter Junge, trainiert viel und guckt ohne Ende Film. Er will hinten besser werden.“ Die Bulls-Verantwortlichen waren und sind von Doug McDermott nach wie vor überzeugt. Der hat in dieser Saison begonnen zu zeigen, warum.