23 Mai 2015

23. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Nach einem überaus erfolgreichen Freshman Jahr in Durham entschied sich Tyus Jones für die Anmeldung zum Draft. Im Nachhinein scheint dieser Entschluss in Anbetracht seiner beeindruckenden Vita und der höchsterfolgreichen College Saison mit Titelgewinn und Auszeichnung als MOP (Most Outstanding Player des Final Fours) pro forma gewesen zu sein. Doch so offensichtlich war die Sache dann doch nicht, da es immer noch Zweifel daran gibt, inwiefern seine Spielweise kompatibel mit dem Alltagsgeschehen der NBA ist. 

Während der frühen Highschoolzeiten war der Guard schon bekannt wie ein bunter Hund. Er galt früh als das größte Talent der Geschichte Minnesotas und staubte beständig Titel und Auszeichnungen ab. Im Laufe seiner vier Jahre an der Highschool führte er seine Mannschaft zu zwei Staatsmeisterschaften und stellte diverse Rekorde (u.a. meiste Punkte und Assists der Schulgeschichte) auf. Folglich waren auch AAU Turniere und internationale Wettbewerbe mit den Jugendnationalmannschaften der USA fester Bestandteil der Sommergestaltung des spielintelligenten Guards. 

Bereits im Grundschulalter lernte Jones Jahlil Okafor kennen. Die beiden entwickelten während der gemeinsamen Zeit in den vielen Sommermonaten eine enge Freundschaft. Doch nicht nur privat verstanden sich die beiden hervorragend, speziell auf dem Feld entwickelten die beiden sehr schnell eine unglaublich gute Harmonie und agierten wie ein eingespieltes Gespann im Pick & Roll. Daher entstand in den Köpfen der beiden Teenager schnell der Gedanke, zukünftig nicht nur im Dress der USA Seite an Seite zu spielen, sondern auch während der Saison im selben Team zu spielen. 

Als dann die ersten Unis um die Dienste der beiden buhlten, machten diese den Colleges klar, dass sie nur im Paket zu haben sein würden. Das größte Verhandlungsgeschick bewies letzten Endes Coach K und lotste das Duo ins Cameron Indoor Stadium. Wie groß die Anziehungskraft dieses Gespanns war, bewies die anschließende Entscheidung pro Duke seitens Justise Winslow. Es wurde eine sehr erfolgreiche Saison. Abgesehen von einer kurzen Schwächephase führte das Freshman Trio die Devils zur Meisterschaft. 

Jones zeigte sich immer wieder als der tonangebende Lenker, der in den wichtigsten Spielen der Saison die besten Leistungen abrief. So hatte er maßgebenden Anteil am Titelgewinn. Im Finale traf er mehrere wichtige Würfe und gab der Mannschaft einen sicheren Rückhalt. Die Ehrung zum MOP war die logische Konsequenz.



Das größte Plus des Aufbauspielers ist seine Fähigkeit, das Tempo eines Spiels nach seinem Geschmack diktieren zu können. Damit war er für Coach K ein wichtiger Schlüsselspieler. Denn so oft wie selten zuvor variierte der Trainerfuchs von Spiel zu Spiel im Tempo. Je nach Gegner sollten die eigenen Vorteile sehr bewusst ausgespielt werden. Jones bekam die verantwortungsvolle Aufgabe zugetragen, die Tempowechsel nach den Vorstellungen seines Lehrmeisters umzusetzen. Diese Hürde nahm der Spiritus Rector bravourös. 

Jones trifft fast immer die richtige Entscheidung, wenn es darum geht, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Damit baut er sehr viel Druck auf die Defense auf, denn wenn sich die Verteidiger nicht rechtzeitig auf die Absicherung des eigenen Korbes besinnen, bestraft Jones dies in der Regel. Dabei kann er entweder selber abschließen oder mit einem guten Pass für leichte Punkte seiner Mitspieler sorgen. 

So oder so kommt ihm sein exzellentes Auge, sein hervorragendes Ballhandling und sein gutes Gefühl für die richtige Situation zu Gute. Er weiß genau, wie er den Ball so abschirmen muss, dass kein Gegenspieler in je erreichen kann. Dabei schiebt er sich in die richtigen Räume, um die Defense zu schwierigen Entscheidungen zu zwingen. 

Gleichzeitig behält er stets den Kopf oben und hat das gesamte Feld im Blick. Je nach dem wie sich die Defense entscheidet, kontert Jones die Szenarien ausgezeichnet. Seine Mischung aus eigenem Abschluss und passgenauem Assist ist bemerkenswert für einen Aufbauspieler seines Alters. 

Neben seinen Qualitäten in Transition Situationen besticht der Guard im Setplay als klassischer Spielmacher, der seine Nebenleute zu den richtigen Spots sortiert, Plays einleitet und exzellente Lösungen im Pick & Roll parat hat. Besonders seine Fähigkeiten im Blocken & Abrollen können ihn für einige NBA Teams sehr interessant machen, da er genau weiß, wie er den Blocksteller bedienen muss. Seine Pässe sind sehr präzise und erreichen den Big Man im richtigen Moment. Zusätzlich behält Jones aber auch die Weakside im Blick und ist in der Lage dort die Schützen in Szene zu setzen.

Das vergangene Jahr hat zudem in Ansätzen bewiesen, dass Jones auch abseits des Balls ein effektiver Spieler sein kann. Hier sahen Kritiker vor der College Saison noch Konfliktpotential, da Duke zwei potentielle Point Guards im Kader hatte (Jones und Senior Quinn Cook), die beide eigentlich eher Organisatoren des Spiels sind. Doch beide verwandelten die Spotups, die die Defense ihnen gab, sodass das Guard-Gespann nebeneinander koexistieren konnte. 

Sein Wurf ist mittlerweile eine ernstzunehmende Waffe. Dabei ist es egal, ob Jones blitzschnell aus dem Dribbling zum Jumper ansetzt, um beispielsweise Fehler in der Bekämpfung des Pick & Rolls auszunutzen, oder aber bereit für den Kickout an der Dreierlinie lauert. Neben der verbesserten Quote weist der Wurf technisch mittlerweile kaum nach Makel auf. Speziell was die Schnelligkeit des Release angeht, konnte der Guard sich im Verlauf der Saison deutlich steigern.



In der Defense ist Jones ein bissiger Gegenspieler, der sich seinen niedrigen Körperschwerpunkt, seine gute Fußarbeit und seine Reaktionsschnelligkeit zu Nutze macht. Im 1-1 schafft er es so meistens seinen Gegenspieler in Schach zu halten. Er versucht vorzugsweise den Angreifer unter Druck zu setzen und zu mehreren Handwechseln zu zwingen, um bei den Crossovern mit seinen Händen schnell den Ball zu stehlen. 

Lediglich bei körperlich überlegenen Spielern hat Jones hier gelegentlich das Nachsehen, steckt jedoch bis zuletzt nicht auf und gibt keinen Ball verloren. In der Teamdefense macht seine Übersicht wieder bemerkbar. Er rotiert sehr früh und ist meistens clever genug ein Offensivfoul anzunehmen oder einen Pass abzufangen. 

Auf der Gegenseite gibt es zwar nur wenige Kritikpunkte, die man gegenüber Tyus Jones anführen könnte, allerdings sind diese dann doch derart abschreckend für viele General Manager, dass der frischgebackene Champ aus der Lottery fallen dürfte. Da ist zum einen seine Körpergröße. Zwar ist er im Verhältnis zu früheren Auftritten mit den Auswahlmannschaften der USA nochmal deutlich gewachsen, allerdings ist Jones selbst für einen Point Guard noch recht klein. Seine 1,88m sind mit viel Wohlwollen gemessen, jedenfalls scheint er auf dem Feld wesentlich kleiner zu sein. 


Die fehlenden Zentimeter machen ihn in der Verteidigung angreifbar, da sich gegnerische Coaches schnell dazu entschließen können, physisch stärkere Guards gegen ihn aufposten zu lassen. Zwar ist seine vehemente Bissigkeit in solchen Momenten lobenswert, gleichzeitig aber kräftezehrend und keine Garantie für einen glimpflichen Ausgang der Situation. 

Auf College Ebene konnte er im Angriff seine fehlende Größe noch mit Schnelligkeit und Spielwitz ausgleichen. Ob ihm diese Eigenschaften auch auf dem nächsten Level helfen können, darf in Zweifel gezogen werden. Besonders beim Abschluss am Ring wird sich der Unterschied zwischen NBA und NCAA bemerkbar machen. 

Zwar war er selbst auf NCAA Ebene kein solider Finisher in der Zone, allerdings gab es dennoch viele Situationen, in denen er beim Schnellangriff oder gegen schlafmützige Verteidigungen sehr sicher beim Abschluss in Erscheinung trat. Solche Glücksmomente sollten im NBA Geschehen Mangelware sein. Hier kann es sogar passieren, dass Jones bei zu häufig auftretenden Missgeschicken Drives bis ans Brett komplett als Option verwirft. 

Generell stellt sich die Frage, ob ein so teamdienlich agierender Aufbauspieler, der seine Position im klassischen Sinne interpretiert, wirklich noch eine gewichtige Rolle im Kader eines bedeutenden NBA Teams spielen kann. Viele sehen in dem Floor General ein klassisches Exemplar, der Sorte Spieler, die am College überragend spielen, aber aufgrund ihrer Spielweise in der NBA kein Bein auf den Boden bekommen.

Ein Vorbild für Jones könnte Kyle Lowry sein. Auch Lowry kam als junger Aufbauspieler vom College, wo er nach einer soliden Sophomore Saison Interesse einiger Talentspäher hervorgerufen hatte. Ähnlich wie Jones ist Lowry etwas kleiner als der durchschnittliche NBA Guard, hat dafür aber ein gutes Auge für den Mitspieler, weiß seine Nachteile durch Schnelligkeit und Spielintelligenz auszugleichen und hat sich mittlerweile einen guten Dreier antrainiert. 

Sollte Jones den letzten Aspekt verfeinern können und körperlich in ähnlichem Maße an Robustheit gewinnen, wie Lowry es tat, stehen die Chancen des ehemaligen Blue Devil auf eine solide NBA Karriere gut. Allerdings scheint eine Allstar-Nominierung dann doch zu hoch gegriffen - was Jones von Lowry separieren würde.