18 Mai 2015

18. Mai, 2015  |  Tiago Pereira & Daniel Schlechtriem @24Sekunden @W14Pick


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Der Siedepunkt ist fast erreicht, mit den Conference Finals im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
In den diesjährigen Western Conference Finals treffen die Golden State Warriors auf die LA … CUT! Neuer Versuch.... Im Halbfinale der NBA Playoffs empfangen die Krieger aus Oakland die Clippers… CUT!!.... Ok ein letztes Mal.... Den Kampf um den Einzug in das Finale bestreiten Stephen Currys Golden State Warriors und James Hardens Houston Rockets! UND ACTION! 


Wow. Die Houston Rockets stehen im Finale der Western Conference. Wer irgendwann zwischen „Austin Rivers rettet die Clippers“ und „Josh Smith wirft Houston eine Runde weiter“ nicht ganz den Boden der Tatsachen erblickte, sollte sich jetzt besser festhalten. Was sich für eine einwöchige Aneinanderreihung der unglaubwürdigsten Basketballüberschriften dieses Jahres zu handeln schien, ist nichts anderes als die nackte Wahrheit: Die Rockets stehen im Halbfinale.

Weil die Clippers den erdenklich schlechtesten Zeitpunkt erwischten, um eine 19 Punkte Führung zu Hause verspielen. Weil Doc Rivers mehr Komplexe vor Entscheidungsspielen hat, als Isiah Thomas Beschwerden wegen sexueller Belästigung. Und weil der liebe Basketballgott Chris Paul einfach nicht mag.

Golden State? Die Warriors bekamen gegen die Memphis Grizzlies zum ersten Mal in dieser Saison ein bisschen Gegenwind ins Gesicht geblasen, lagen nach drei Partien ihrer Zweitrundenserie 1-2 zurück. Da sie in der Bucht vor San Francisco eine frische Brise aber gewohnt sind, ließen sich die Mannen um MVP Stephen Curry nicht irritieren und folgten artig ihrem Chef. Der ballerte seine Farben mit drei famosen Leistungen in den Duellen vier bis sechs zu drei lockeren Siegen in Folge und einem letztlich ungefährdeten 4-2 Erfolg gegen Memphis. Das Sparringsprogramm vor dem letzten Schritt Richtung NBA-Finale... es brachte das beste Team der Liga kaum ins Schwitzen. 



Warum Golden State gewinnt
Das uns nun bevorstehende Aufeinandertreffen der beiden besten Teams des Westens könnte polarisierender nicht sein. Denn Golden State ist sexy. Der Spielstil in Oakland ist der Inbegriff von Basketballästhetik. Als wäre diese Sportart gemacht worden, damit Stephen Curry Fastbreak Dreier wirft und wir im Erstaunen unsere Hände über den Kopf schlagen. Die Warriors und ihr MVP sind der Honig und Ambrosia des Basketballs. 

Houston hingegen ist der visuelle Besuch beim Zahnarzt. Ohne Betäubung ergeben wir uns einer schier endlos langen Hack-a-Dwight Behandlung. Bei jedem verwandelten Dreier von Corey Brewer oder Josh Smith fängt das Zahnfleisch an zu bluten und erst nach dem zwanzigsten James Harden Freiwurf können wir uns von dem Leiden befreien.

Houston ist anders. Die Rockets sind ein aus Veteranen und James Hardens Barthaaren zusammengeflicktes Monster, welches unermüdlich attackieren wird. Die ganze Saison über leben die Raketen davon, dass keiner von ihren aufgegabelten Frührentnern und Totgeglaubten etwas erwartet. 

Doch dass die Resterampe der Liga eine fulminante Startbahn zu bieten scheint, mussten die Mavericks und Clippers am eigenen Leib erfahren. Die Reinkarnation von Josh Smith und Dwight Howard ist in den Händen von James Harden gefährlicher denn je. Erst wenn am Ende der vierte Sieg zu Buche steht, können die Kaliforner sich im Finale sehen, denn Frühbucherrabatt gibt es gegen Clutch City nicht. 


Golden State kann und wird diese Serie trotzdem dominieren. Die Warriors sind nicht an ein Spieltempo gebunden, sondern können sowohl mit Hochgeschwindigkeitsbasketball als auch im langsameren Ausharren brillieren. Die individuelle Klasse der Warriors erlaubt es ihnen, jedes Matchup ohne Nachteile aufzunehmen, egal mit welcher Line Up Houston ankommt. 

Ob Curry und Thompson also vom uralten Rockets-Backcourt (Terry/Prigioni) oder von Houstons besten verbliebenen Verteidigern (Ariza/Brewer) gedeckt werden - Coach Kerr hat unzählige Möglichkeiten, die mangelhafte defensive Zuordnung des Gegners dann an anderer Stelle zu bestrafen. Außerdem haben die Dubs gezeigt, dass ihr Spielermaterial auch gegen physischere Teams nicht klein bei gibt. Nach der Feuerprobe im Grindhouse gegen die ruppigen Grizzlies sind Green und Bogut gewappnet für Dwight Howard & co… 

Auch defensiv sind die Dubs eine monströse Aufgabe, an der sich Houston im Gegensatz zu Dallas und Los Angeles die Zähne ausbeißen wird. Neutralisiert Golden State Harden - was bereits während der Saison sehr gut gelang - werden die Texaner große Schwierigkeiten haben, konstant Punkte zu erzielen und mit den Kaliforniern mitzuhalten. Wieder spricht alles für die Warriors, wieder ist ein Sieg nur noch Formalie und die Rockets nur der letzte Boxenstopp vorm Titel.



Warum Houston gewinnt
Zum ersten Mal kein Homecourt, zum ersten Mal der klare Außenseiter. Keiner, fast keiner (der Autor natürlich ausgenommen) hatte nach Spiel vier, selbst nach Spiel fünf in der Serie gegen die Clippers noch einen Pfifferling auf das Team aus Houston gesetzt.

Nach der bemerkenswerten Aufholjagd und dem Einzug in die Conference Finals geht es genau so weiter: Keiner glaubt an die Rockets. Und womöglich ist exakt das ihre große Chance. Die Favoritenrolle liegt bei den Warriors, das ist nicht immer ein Vorteil. Auch Houstons letzter Gegner wurde schon sicher eine Runde weiter geredet und geschrieben, das Ergebnis ist bekannt. Die Rockets haben sich mit der Rolle des Underdogs arrangiert und beziehen sogar ihre Stärke daraus.


Die Warriors haben zwar die längere Pause gehabt, jedoch rechneten auch sie – wie die gesamte Medienlandschaft – innerlich mit den Clippers als Gegner und haben sich womöglich schon auf Chris Paul und Blake Griffin eingestellt. Zwei Tage vor Beginn der Serie sämtliche Gedankenspiele und Pläne über den Haufen werfen zu müssen und nun auf ein ganz anders aufgestelltes Team zu treffen ist schwer. Und überhaupt: Die Clippers gewannen Spiel eins in Houston, angetrieben vom Rückenwind des emotionalen Triumphs über die Spurs. Warum sollten den Rockets im Auftaktspiel im Oracle nicht ähnliche Flügel wachsen?

Bei aller vermeintlichen Übermacht der Warriors darf man nicht vergessen, dass sie in der Serie zuvor sehr von den verletzungsbedingten Ausfällen von Mike Conley und Tony Allen profitiert haben. Besonders letzterer hat vor seiner unfreiwilligen Pause eindrucksvoll bewiesen, dass die Kalifornier durchaus Schwächen offenbaren, wenn man sie auf die Art und Weise angeht, wie es „Mr. First Team All Defense“ insbesondere in Spiel zwei und drei tat. Ariza, Brewer, zuletzt sogar Terry und Prigioni können ähnlich aggressiv und zäh verteidigen, sodass es nicht auszuschließen ist, dass auch sie Golden States Backcourt entnerven.

Die vier Siege in der regulären Saison werden gerne als Argument herangezogen. Die Warriors haben die Rockets vier Mal geschlagen, warum sollten sie nun Probleme haben? Ganz einfach: Sie kennen Houston in aktueller Truppenstärke überhaupt nicht. Dwight Howard fehlte in zwei der Begegnungen komplett, in den zwei restlichen war er weit von seiner aktuellen Form entfernt. Die ersten beiden Partien fanden außerdem statt, bevor sich die Rockets signifikant mit Brewer und Smith verstärkten. Terrence Jones musste in allen vier Begegnungen passen. Das letzte Duell fand am 21. Januar, also vor vier Monaten statt. Die Rockets von damals sind nicht mit den heutigen Rockets zu vergleichen.


Houston hatten die ganze Saison über mit Verletzungen zu kämpfen. Sie sind es gewohnt, immer wieder improvisieren zu müssen. Die Warriors kennen das kaum – und umso schwerwiegender kann der Ausfall von Marreese Speights ins Gewicht fallen. Dessen Ersatz David Lee hat zuletzt kaum gespielt und egal welchen Rockets Big er verteidigen wird – selbst Clint Capela wird gegen ihn punkten. Sollten die Rockets es darüber hinaus schaffen, Andrew Bogut in Foulprobleme zu zwingen, wird die Zone der Warriors zu einem offenen Scheunentor und einer Spielwiese für Smith und Howard.

Weil jeder die Implosion der Clippers in den Vordergrund stellt, wird gerne vergessen, dass neben James Harden auch Coach Kevin McHale in der laufenden Spielzeit einen signifikanten Schritt nach vorne gemacht hat. Josh Smith in die Starting Five zu stellen war der richtige Zug, ebenso muss man ihm riesigen Respekt zollen, dass er im legendären Spiel sechs gegen die Clippers in erwähntem Harden seinen besten Spieler auf der Bank und die funktionierende Rotation den Sieg eintüten ließ. McHale hat im Lauf der Saison immer wieder die korrekten Schlüsse gezogen und hat den ein oder anderen Kniff parat, um seinen Gegenüber – Rookie-Coach Kerr – zu überraschen.

Wie schon in den Serien zuvor bleibt die Vielseitigkeit Houstons stärkste Waffe. Ariza, Smith, Brewer, Terry, Jones, Prigioni – jeder kennt und erfüllt seine Rolle und alle hatten sie ihre Momente in der Serie gegen L.A. Jedem von ihnen ist in jedem Spiel ein besonderer Abend zuzutrauen. Selbst wenn einer der großen Namen nicht liefert, springt einer der genannten Namen in die Bresche. Was dann passiert, hat das Staples Center in Los Angeles am vergangenen Donnerstag erlebt.



Die Rechnung bitte!