03 Mai 2015

3. Mai, 2015  |  Anno Haak & Seb Dumitru @kemperboyd @nbachefkoch


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Weiter geht's mit den Conference Halbfinals im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
Die Atlanta Hawks, bilanzbestes Team der Eastern Conference, machten es in Runde eins gegen Brooklyn spannender als nötig, setzten sich dank eines historischen Blowouts in Spiel sechs aber letztendlich ungefährdet durch und stehen dort, wo sie alle mindestens erwartet hatten: im Conference Halbfinale.

Washington ist der Gegner, der überraschend deutlich gegen die schwachen Toronto Raptors triumphierte und mit einem 4-0 Sweep in Runde zwei einzog. Es ist das erste Mal seit 1978 und 1979, dass die Wizards/Bullets zwei Mal in Folge die Auftaktserie überstanden haben. Schaffen sie den Einzug ins Conference Finale - es wäre ihr erster seit 1979.

So einfach wird das natürlich nicht, vor allem gegen eine Hawks-Mannschaft, die den Osten fast sechs Monate lang dominierte und drei von vier direkten Duellen während der regulären Saison für sich entschieden hat. Der einzige Sieg für Washington kam im vierten Aufeinandertreffen zustande - als Atlanta alle wichtigen Spieler schonte.



Warum Atlanta gewinnt
Ich mag diesen semi-esoterischen Bereich eigentlich nicht, aber ich verstehe, was man meint, wenn man sagt, die Hawks wirkten in Spiel 6 gegen die Nets wieder wie sie selbst. Gerade noch rechtzeitig hat Atlanta die Identität wiedergefunden, die zwischen Discogate und Zombieanschlag in Runde eins verloren gegangen zu sein schien. Die ersten fünf Spiele gegen das Team, das ihnen Joe Johnson abnahm, sahen teilweise aus wie ein Spiel von Jungs, die vergaßen, dass ihre Unbekümmertheit und Flinkheit der große Vorteil gegen alte Männer ist.


Ansonsten scheint Washington den Falken halbwegs zu liegen. 3-1 Saison Serie. Verglichen mit dem Rest des Ostens überdurchschnittlich gutes zugelassenes Shooting, überdurchschnittliches ORtg, unter dem Strich überdurchschnittliches NetRtg (9,0 zu 6,2). Entführen sie die vergleichsweise tiefe big man combo der Zauberer wie gewohnt nach downtown oder wenigstens aus der Zone, sollte das laufen.

Was mich sorgt, ist, dass Sportsfreund Wall gegen die Hawks seriell komplett freidreht. Nahezu 50/47/95 (!) über vier Spiele sehen aus wie Steve Nash mit gesundem Rücken und Athletik. Will man das halbwegs eindämmen, werden Teague und Schruuuder (ähem) Kraft am eigenen Ende des Feldes lassen, die für die lebenswichtigen Drives vorne fehlen könnte.

Man mag jetzt nach Carroll rufen, nur sollte irgendjemand auch noch ab und an dem wiederauferstandenen Paul Pierce das Händchen unters Stirnband halten; Sefolosha bevorzugte ja leider hautenge Verteidigung von Polizeibeamten und fällt aus. Dann noch der Leichtbau-Big gegen den polnischen Hammer… Je länger ich nachdenke, desto mehr sieht die Falkonia wie ein Schiff aus, das mehr Löcher hat als die Besatzung Hände.

Aber ich sollte ja sagen, warum sie gewinnen: Toronto ist kein Maßstab. Die 2015-Wizards stinken. Dann bitte die Urviecher aus Polen und Brasilien (wenn fit) sowie Kanye Wests Bettwarmlieger aus der Komfort-ZONE (Wortspiel, whohaaa) holen. Optimaler Weise hält Millsap hierzu seine fast 48% Dreierquote aus Runde eins. Gegen Wall hilft die alte Celtics-Jordan-Taktik. Soll er Maskenball spielen und sich als Gott verkleiden. Lass Wall einen guten Mann sein. Wanna beat us? Do it on your own!

Ansonsten würde gesund werden/bleiben von Horford und Teague sicher nicht schaden. Plus die Hoffnung, dass Atlanta einfach mal dran ist. Es wären die ersten Conference Finals der modernen Franchise-Historie. Bleibt also noch den Kreis zum esoterischen Beginn zu schließen: Seid Ihr selbst und geht in die Geschichte ein!



Warum Washington gewinnt
Die Wizards hatten nicht nur eine komplette Woche länger Zeit, um kleine Wehwehchen auszukurieren und sich auf das Duell gegen Atlanta vorzubereiten, sondern präsentierten sich gegen Toronto in der besten Verfassung der Saison. Washington spielt seinen besten Basketball - genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Schalter, den es nicht gibt - er ist umgelegt.

Das werden auch die Atlanta Hawks zu spüren bekommen, die nicht nur unzählige Verletzungen zu verkraften haben - etwa den schmerzlichen Ausfall von Verteidigungsspezialist Thabo Sefolosha, aber auch Blessuren der All-Stars Horford, Millsap und Teague - sondern auch viel von ihrer Midseason-Magie eingebüßt haben. Für alle, die's noch nicht gemerkt haben sollten, ein kurzer Reality Check: das Nummer eins Team im Osten ist seit Monaten höchst anfällig und längst nicht mehr das Nummer eins Team im Osten.

All-Star Point Guard John Wall schenkte den Hawks in vier regulären Partien durchschnittlich 21 Punkte und 10 Assists ein - bei 49 Prozent aus dem Feld und 47 Prozent von der Dreierlinie. Ihn wird Atlanta zu keinem Zeitpunkt dieser Serie in den Griff bekommen - auch nicht mit Teague, der kleiner und langsamer ist als der elektrische Wall. Dessen Fähigkeiten als Antreiber, vor allem im Transition-Spiel, aber auch mit dem Dribbling im Halbfeld, wird die Hawks-D durcheinander wirbeln.

Kommt Wall, der bekanntermaßen illegale Turbo-Booster benutzt, erst einmal nach innen, steckt der Gegner in der Bredouille. Washington ist gefährlich, wenn es sich einen kleinen Vorteil vor der Verteidigung erspielen und den Ball dann laufen lassen kann. Die Wizards zeigten gegen Toronto, dass sie nicht mehr viel mit ihrer Identität aus der regulären Saison gemein haben: die Lineups sind kleiner, mobiler und treffsicherer von außen. "An a**hole like Paul Pierce" und Drew Gooden standen jeweils mehr als 20 Minuten im Schnitt auf dem Parkett - und trafen gegen die Raptors mehr als die Hälfte ihrer Versuche von Downtown.


Das gibt Washington einen entscheidenden Vorteil: im Gegensatz zu Atlanta kann das Hauptstadt-Team ebenso gut 'Smallball' laufen, wie traditionellere Sets mit zwei echten Big Men in Marcin Gortat und Nene. Deren Reboundstärke wird den an den Brettern chronisch schwachen Hawks zusetzen - nicht nur auf der einen Seite, wo für ATL wohl kaum zweite Wurfchancen zu holen sein werden, sondern auch drüben, wo Washington durch Offensivrebounds zu vielen einfachen Punkten kommen kann.

Als wären Wall und ein klarer Frontcourt-Vorteil noch nicht genug, spielen auch noch die beiden Youngster Bradley Beal (20.8 PPG) und Otto Porter (9.5 PPG und 7.3 RPG) in den Playoffs wie die Top-3 Picks, die sie eigentlich waren. Washingtons Top-5 Defensive und eine 7-1 Postseason-Auswärtsbilanz in den vergangenen zwei Jahren lässt das Pendel endgültig in Richtung Wizards schwingen, die hier exzellente Chancen auf's Conference Finale haben.



Stat-Salat
Die Hawks sind mit 21.4% OREB% auf Platz 30 der Liga. Die Wizards greifen sich mit 77.3% die drittmeisten Rebounds am eigenen Brett. Atlanta sollte demnach möglichst im ersten Wurfversuch treffen.

Good Wall vs. Bad Wall: Eine True Shooting Percentage von 60.9% gegen die Hawks sind ein sehr guter Wert für John Wall. Das Effizienz-Abzeichen bleibt ihm aber dennoch verwehrt bei im Schnitt 6.8 Turnovern pro Spiel.

In den drei Saisonspielen, in denen auch die Starter der Hawks aufliefen, hatten die Hawks im Schnitt mehr Steals (12.3) als Turnover (11.3). Carroll (3.0), Teague (3.0) und Millsap (2.3) waren dabei die aktivsten Balldiebe.

Keine Post-ups für die Hawks: Die Hawks schlossen in der Saison nur 5.0% ihrer Angriffe mit einem Post-up ab. Kein Team nutzte diese Abschlussart weniger. Passend dazu haben auch die Wizards den geringsten Post-up-Anteil aller Teams in der Defensive mit 7.0%.


(Stat-Salat via @TwoWayGame)



Die Rechnung bitte!