19 Mai 2015

19. Mai, 2015  |  Philipp Landsgesell & Marc Lange @Phillyland @godzfave44


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Der Siedepunkt ist fast erreicht, mit den Conference Finals im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
Die Eastern Conference Finals featuren die zwei bilanzbesten Ost-Mannschaften der regulären Saison. Cleveland hatten viele bereits vor dem Start der Runde hier erwartet. Auch wenn der Weg der Mannschaft aus Ohio geschlungener war als vermutet, stehen LeBron James & co. nur einen Schritt vor dem Einzug ins NBA-Finale - auch ohne den schwer verletzten Kevin Love und einen angeschlagenen Kyrie Irving.

Atlanta überraschte mit 60 Siegen und der besten Saison der Franchise-Historie. Der Basketball der "Spurs Ost" war phasenweise wie von einem anderen Stern und bescherte Head Coach Mike Budenholzer zurecht die "Trainer des Jahres" Auszeichnung. Seither ist der Motor zwar ein wenig ins Stocken geraten, aber niemand konnte ernsthaft erwarten, dass die Hawks weiterhin 90 Prozent ihrer Spiele gewinnen. Nach zwei umkämpften Serien gegen Brooklyn und Washington ist dieses Team bereit für den letzten großen Test: LeBron James.

Der führte eine dezimierte Mannschaft zu einem überraschend deutlichen Sieg gegen die als stärker eingeschätzten Chicago Bulls und spielt bereits in seinen siebten Conference Finals. Wie seine Nebenleute hier debütieren - beinahe die gesamte Rotation samt Head Coach stand noch nie so weit in der Postseason - und wieviel Unterstützung der vielseitigste Spieler der Liga hier erhält wird darüber entscheiden, wer den Osten ab Anfang Juni in den Finalspielen repräsentieren darf. 



Warum Atlanta gewinnt
Zugegeben, unschlagbar sehen die Hawks nicht mehr aus. So dominant sie in großen Teilen der regulären Saison (33-2 Siegeslauf nach Thanksgiving) auftraten, so gebrechlich scheint das Gebilde in den letzten Wochen und Monaten. Dennoch sind sie in den Conference Finals und haben auf dem Weg dorthin acht von zwölf Partien gewonnen. Doch auch die Cavs sahen schlagbar aus und jetzt haben wir das lang erwartete Duell zwischen der Nummer 1 und der Nummer 2 im Osten.

Unterschiedlicher könnten die Spielweisen der beiden Teams nicht sein. Während die Cavaliers einen Isolation-lastigen Basketball spielen, steht bei den Hawks der Teamgedanke im Fokus. Atlanta spielt nur etwa halb so häufig Isolation wie Cleveland.

Die Grundpfeiler der Offensive der Hawks sind Ballbewegung und Spacing. Einen wirklichen Star haben die Hawks nicht, doch sie haben fünf Starter, die in der regulären Saison alle jeweils zweistellig punkteten und dies auch in den bisherigen zwölf Playoff-Spielen tun. Während das Spiel der Cavs relativ vorhersehbar ist – wenn auch sehr effektiv – kann bei den Hawks jeder punkten. Knapp 70% der erzielten Körbe geht ein Assist voraus, alle Spieler sind zudem willige Passer. Die Defense der Cavaliers wird nach der relativ statischen Offensive der Bulls sich wieder mehr bewegen müssen.

Die Bank um Dennis Schröder, Pero Antic, Mike Muscala und Kent Bazemore ist variabel einsetzbar. Schröder kann das Pick & Roll laufen und Löcher reißen. Antic kann das Spiel breit machen und gegnerische Center nach außen ziehen. Doch vor allem Jeff Teauge wird nach durchwachsenen Leistungen wieder seine Bestform abrufen müssen, um mit Penetrationen Raum für die anderen Spieler zu schaffen. Da Al Horford aus der Mitteldistanz tödlich trifft, muss Mozgov bis an den Zonenrand und wird so als Korbbeschützer ausgeschaltet.

Obwohl DeMarre Carroll in den vergangen Serien hauptsächlich im Angriff auffiel, ist seine größte Stärke weiterhin die Defensive. Ähnlich wie schon gegen Jimmy Butler trifft James auch in diesem Duell auf einen fähigen Verteidiger, der ihn fordern wird. Carroll kann dank seiner Schnelligkeit und Kraft kann om Point Guard bis Power Forward alles effektiv verteidigen. Mit seinem verbesserten Offensiv-Repertoire muss er außerdem James zum Verteidigen zwingen, damit dieser hinten keine Verschnaufpausen bekommt. Buttlers Defense an James wird zwar schwer zu toppen sein, aber der „Junkyard Dog“ wird zumindest die Offensiv-Maschine-James ein wenig drosseln können.


Mit Mike Budenholzer haben die Hawks den Gewinner des Coach of the Year Awards, auf der anderen Seite steht ein Rookie-Coach, der von außen betrachtet von seinem eigenen Team nicht wirklich respektiert wird. David Blatt kann zwar ein guter Trainer sein, aber die Hawks haben einen Head Coach, der nur einen Telefonanruf von Gregg Popovich entfernt ist, um sich ein paar Informationen zu holen, wie James am besten zu neutralisieren ist.

Vier All-Stars im Team, der Topseed im Osten... und trotzdem sehen sich die Hawks selbst als klarer Außenseiter. Auch die Experten trauen ihnen nicht viel zu. Doch das könnte auch eine Chance sein. Die Serien gegen Brooklyn und die Wizards waren schwerer als erwartet, doch die Uhren sind auf null gestellt. Nach vier Jahren LeBron James im Finale um die NBA Meisterschaft ist es Zeit für einen Wechsel auf dem Thron im Osten. Während James schon fünf Mal in den Finals stand, wären es für die Hawks die ersten Finalspiele seit 1961! Die Zeit ist reif. 



Warum Cleveland gewinnt
No Love, no problem! Viele hatten die Cavs nach dem Ausfall ihres All-Star Power Forwards nicht mehr so wirklich auf der Rechnung. LeBron James beweist seitdem jedoch einmal mehr, dass er immer noch ein absolutes Alphatier der Association ist und zerrte sein geliebtes Cleveland seitdem durch die Postseason bis in die Conference Finals. Hier wartet nun der gefürchtete Teambasketball der Atlanta Hawks, auf den die Cavs in drei der vier Aufeinandertreffen in der regulären Saison keine Antwort hatten. Das hat sich mittlerweile allerdings geändert.

Wie sagt man so schön? James, Irving und der Rest haben im Laufe der Saison ihren Groove gefunden. Seitdem sind sie fast nicht mehr zu stoppen – egal ob mit Love oder ohne. Denn selbst ohne den verletzten Neuankömmling sind die Cavs ein exzellentes Rebounding-Team. Thompson, James und Mozgov attackieren seit seinem Ausfall die Bretter als gäbe es keinen Morgen. Das Trio griff sich in Spiel 6 gegen die Bulls ganze 31 Rebounds, über die komplette Serie teilten sie sich im Schnitt 25,2 Abpraller. Hier wird Atlanta, speziell in Form von Horford, Millsap und Carroll, ordentlich die Ellenbogen ausfahren müssen, um in Sachen Finals-Einzug ein Wörtchen mitzureden.

Apropos Ellenbogen: Diese wird vor allem Timofey Mozgov wieder einzusetzen wissen. Der bärige Center ist die Wand in der Cavs-Zone und beschützt den eigenen Ring mit Haut und Haaren. Gegnerische Teams kommen in diesen Playoffs lediglich auf eine Trefferquote von 34 Prozent in unmittelbarer Korbnähe, wenn der russische Panzer sich ihnen in den Weg stellt. Ist der Drive zum Korb nicht möglich, müssen sich die Hawks also auf einen Dreierregen verlassen – und das kann auch gerne mal schief gehen. Besonders in sechs oder sieben Spielen. Mozgov ist also essentiell für die Cavs-Defense und somit auch für einen Einzug in die Finals.

Bei dem Wort Finals darf natürlich nicht die Überleitung zu LeBron James fehlen. Der King ist – Überraschung – der wichtigste Schlüssel zum Weiterkommen für die Cavaliers. Ohne Love und mit einem angeschlagenen Kyrie Irving trägt James besonders viel Last auf den Schultern. Eine Situation, mit der er umgehen kann: Mit 26,5 PPG, 10,2 RPG und 7,9 APG kratzt er bisher jede Nacht am Triple Double.


Diese sagenhafte Statline wird lediglich von der schwachen Feldwurfquote getrübt: 42,4 Prozent ist der drittschwächste Wert seiner gesamten Karriere. Dies hängt vor allem mit James‘ neuem Hang zum Dreipunktewurf zusammen. Reduziert er diesen jedoch aufs Minimum und fokussiert sich weiterhin auf seinem unnachahmlichen Drive zum Korb, wird Atlanta vor massive Probleme gestellt – wie übrigens auch jedes andere Team auf dieser Welt.

Letztendlich wird auch das Angriffssystem der Cavaliers eine wichtige Rolle einnehmen. Das Team aus Ohio spielt sehr langsamen Basketball (niedrigste Pace in der Postseason) und setzt hauptsächlich auf Isolationen für James und Irving. Die kreieren dann ihren eigenen Wurf oder finden im Notfall J.R. Smith, Iman Shumpert oder Matthew Dellavedova, die offen an der Dreierlinie warten. Durch diesen Spielstil werden gegnerische Teams oft regelrecht „eingelullt“, kommen schwer in Fastbreak-Situationen und erzielen selten schnelle, einfache Punkte. Erschwerend kommt hinzu, dass James und Co. selten den Ball leichtfertig hergeben: Sie rangieren auf Platz 6 bei der Turnover-Rate.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Kontrollieren die Cavs die Geschwindigkeit des Spiels und machen die Zone dicht, werden es die Hawks trotz ihres hervorragenden Teambasketballs extrem schwer haben, dieser Serie ihren Stempel aufzudrücken. Knüpft LeBron James an seine bisherigen Leistungen an und holt zudem den angeschlagenen Kyrie Irving zurück ins Boot, könnte es vielleicht sogar unmöglich werden.



Die Rechnung bitte!