04 Mai 2015

4. Mai, 2015  |  Jan Wiesinger & Philipp Landsgesell @WiesiG @Phillyland


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
Cleveland gegen Chicago - das Duell auf das im Osten alle gewartet haben. Ohne Atlanta und Washington zu nahe treten zu wollen: diese beiden Teams sind die zwei besten an der rechten Küste, ihr Aufeinandertreffen bereits in Runde zwei das vorgezogene Conference Finale.

Chicago hat in den Playoffs noch nie gegen LeBron James gewonnen. Drei Aufeinandertreffen, drei Siege stehen für den komplettesten Basketballspieler im Game auf der Habenseite. Diesmal soll es anders laufen aus Bulls-Sicht. Die Chancen sind tatsächlich besser denn je.

Nicht nur, dass Chicago ironischerweise das gesündeste verbliebene Team in der Postseason ist. Auch qualitativ laufen die Bulls mit ihrer besten Lineup in der Ära Rose ein. Der wiedergenesen ex-MVP wird vom Most Improved Player Jimmy Butler, All-Star Pau Gasol und einer Armada von erfahrenen Veteranen auf allen Position flankiert.

Cleveland hingegen kommt gezeichnet in diesen Fight. Obwohl sich die Cavaliers in Runde eins gegen Boston keine Blöße gaben, verloren sie Kevin Love an eine Verletzung und J.R. Smith an die Dummheit. Ohne zwei ihrer vier besten Scorer werden sich die Edelmänner erheblich umstellen müssen, um eine der besten Defensiven der NBA zu knacken.



Warum Cleveland gewinnt
Breaking News: Das Rätsel um LeBrons abstinentes Headband ist endlich gelöst. Er trägt es nicht mehr, um auszusehen wie seine Teamkameraden. Irre, oder? Und jetzt geht es gegen die Bulls.

Es erscheint zunächst wie bittere Ironie: Kaum ein Team hatte in den letzten Jahren wohl größeres Verletzungspech als die Chicago Bulls. Stets zerschellte der Contender-Status des Teams schon vor Beginn der Playoffs. Auch im Vorfeld dieser Saison hatten nicht wenige Experten auf ein sicheres Duell mit den wiedererstarkten Cavaliers in den Finals der Eastern Conference gesetzt. Da aber beide Teams ihrerseits mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, liefen sie „nur“ auf Platz 2 und 3 ein, sodass das lang erwartete Duell bereits eine Runde früher zustande kommt.


Das Verletzungspech schlägt in diesem Jahr auf der anderen Seite zu: Die Cavaliers überrollten die Boston Celtics in Runde eins zwar glatt mit 4-0, verloren aber Power Forward Kevin Love mit einer Schulterverletzung. Auch wenn die Auswirkungen dieser Verletzung auf die Spielweise der Cavaliers beträchtlich sein dürften, werden die Siegchancen wohl weniger stark beeinträchtigt.


Zu oft wirkte Love im Spiel der Cavaliers wie ein Fremdkörper und wurde buchstäblich zu einer reinen Stretch-Vierer degradiert. Auch wenn Loves Feldposition Platz für Kyrie Irving und LeBron James schaffen konnte, hat Coach David Blatt in Tristan Thompson eine starke Alternative für die offene Stelle in der Starting-5 parat. Auch Small-Ball-Lineups mit Thompson auf der 5 und LeBron auf der 4 sind gegen die Bulls durchaus denkbar.


James und Irving standen bereits in Runde eins jeweils mehr als 40 Minuten pro Spiel auf dem Platz und werden offensiv eine enorme Last zu tragen haben. Sie werden neben dem eigenen Spiel vor allem auch ihre Mitspieler inszenieren müssen. Mit Mike Miller, James Jones und Shawn Marion stehen hier einige Role-Player mit gewaltiger Playoff-Erfahrung zur Verfügung. Zu Beginn der Runde wird vermutlich auch Iman Shumpert stärker in die Bresche springen müssen und auf der Shooting Guard Position starten.

Auch wenn hinter Shumperts Dreier nach wie vor ein großes Fragezeichen steht (34% in der Saison, 25% in Runde eins), prangt hinter seiner Defensive durchaus ein Ausrufezeichen. Ab Spiel 3 steht auch der offensiv beschlagenere J.R Smith wieder zu Verfügung, der für seinen Schlag ins Gesicht von Jae Crowder lediglich eine 2-Spiele-Sperre kassierte, die jedem Basketball-Fan die Tränen in die Augen treibt. 

Ein wesentlicher Faktor für die Cavaliers dürfte der Angriff gegen Chicagos Joakim Noah werden.

Während Noah noch in der letzten Saison den Titel des Defensive Player of the Year erringen konnte, erscheint er in dieser Saison anfällig. Neben seiner Minuten-Restriktion scheint Noah oft nicht auf der Höhe. In Runde 1 gegen die oft klein spielenden Milwaukee Bucks waren die Bulls mit Noah 5.1 Punkte pro Spiel schlechter als ohne ihn. Auch die längere Pause der Cavaliers, die sich aufgrund der zwei Spiele kürzeren Serie fünf Tage länger vorbereiten konnten, wird hier eine Rolle spielen.

Cleveland wird Chicago vor gewaltige Probleme stellen. Mit einer konzentrierten und griffigen Defensivarbeit lässt sich die stark von der Tagesform eines Derrick Rose abhängige Offensive der Bulls in den Griff bekommen. Am anderen Ende des Feldes haben die Cavs in den beiden Superstars Irving und James zwei praktisch unaufhaltbare Waffen, die aus jeder Situation scoren und kreieren können.

Irving konnte den Eindruck seines irren Auftritts aus dem WM-Finale auch während der Saison immer wieder untermauern und schoss auch in der ersten Playoffrunde seiner Karriere die Lichter aus (48% Dreierquote). LeBron James scheint ohnehin in jeder Situation immer in der Lage zu sein, noch eine Schippe drauf zu legen und seine Mitspieler immer zu pushen. Und jetzt sieht er dabei auch noch aus wie sie. Irre, oder? 



Warum Chicago gewinnt
Die Bulls sind inkonstant wie kein anderes Team in der Liga. Auf eindrucksvolle Siege kamen Niederlagen gegen tankende Teams. Wir wissen wenig über die existente Stärke der Bulls. Doch Spiel sechs in Milwaukee gab Grund zur Hoffnung.

Endlich spielten die Bulls den Basketball, den es braucht, um als Contender ernst genommen werden zu können. Die defensive Maschine lief wie zu alten Thibodeau-Zeiten und erlaubte den Bucks nur 33 Punkte in der ersten Halbzeit. Spielen die Bulls ähnlich guten Basketball, kommen sie auch gegen die Cavs weiter.

In keinem der vier Aufeinandertreffen mit Cleveland während der regulären Saison konnten die Chicago Bulls ihre eigentliche Starting-Five aus Derrick Rose, Jimmy Butler, Mike Dunleavy, Pau Gasol und Joakhim Noah aufbieten. Kein Lineup der Bulls spielte insgesamt über 20 Minuten gegen die Cavs. Das bedeutet, dass die bisherigen Aufeinandertreffen nur sehr wenig über das kommende Duell aussagen können.


Bei beiden Spielen in Chicago stand ein gewisser Jimmy Butler nicht auf dem Parkett. Butlers harte Defensivarbeit gegen LeBron James machte in beiden Spielen in Cleveland einen enormen Unterschied: James warf über 26 Mal auf den Korb, plus fast 8 Freiwürfe pro 36 Minuten, wenn Butler nicht auf dem Parkett stand. Wenn Butler James verteidigte, schrumpfen die Zahlen auf  nur noch 19.8 Würfe und 3.6 Freiwürfe pro 36 Minuten.

Auch wenn James in den Playoffs einen Gang höher schalten wird, kann ihn Butler zumindest teilweise neutralisieren. Durch das recht erfolgreiche Comeback von Rose ist Butler auch nicht mehr gezwungen, zu viel Last in der Offensive zu übernehmen, kann sich also primär auf das Verteidigen von „The Chosen One“ konzentrieren.

Chicago wird James keine einfachen Punkte erlauben und ihn, falls nötig, mit harten Fouls stoppen. Die Bulls sind eine Truppe, in der alle Spieler bereits ihre Erfahrungen in der Postseason gemacht haben und all die kleinen, fiesen Tricks auf Lager kennen, die den Cavs wehtun werden.

Auch defensiv wird James arbeiten müssen, und das vor allem im Low Post, gegen die großen Jungs der Bulls. Die Cavs haben hier generell Probleme. Mit Mozgov und Thompson sind nur noch zwei große Spieler gesund. Gasol sollte mit seinem versierten Offensivspiel keine Schwierigkeiten haben, gegen die Big Men der Cavs zu Punkten zu gelangen.

Gibson wird ihnen dank seiner Athletik und Toughness das ein oder andere Foul anhängen können. Kommt dann Mozgov in Foulprobleme, haben die Cavs keinen Spieler mehr, der den eigenen Ring auch nur ansatzweise beschützt. Das hat dann zur Folge, dass die Bulls-Guards nach Wunsch zum Korb ziehen können. Tristan Thompson ist ein energischer Rebounder, sonst aber kaum gefährlich, schon gar nicht in der Defensive. Alles in allem hat Cleveland zu viele defensive Schwächen, die Chicago gnadenlos ausnutzen wird. Die Bulls sind an der Reihe, eine Mannschaft um LeBron James zu schlagen.



Stat-Salat
Die Bulls sind nur 19. im Defensivrebound (DREB% 74.4%), obwohl sie als eines der wenigen Teams nahezu immer groß spielen. Pau Gasol greift sicht zwar insgesamt die meisten Rebounds (11.8 pro Spiel), steht er auf dem Parkett, sinkt die DREB% aber auf 73.7%.

In den vier Spielen gegen die Cavs beträgt die DREB% der Bulls insgesamt 68.4% (mit Gasol nur 65.2%). In Anbetracht dass Tristan Thompson durch den Ausfall von Love deutlich mehr spielen wird, könnte es noch schlimmer kommen.

Seit den Trades im Januar kommen die Cavs ohne J.R. Smith und Kevin Love auf dem Parkett in insgesamt 592 Minuten offensiv auf gute 108.1 Punkte pro 100 Ballsitze. Das Defensiv-Rating beläuft sich jedoch auf maue 106.2.

Die Paarung Mozgov/Thompson spielte insgesamt 274 Minuten mit einem Net-Rating 8.9. Davon fallen ganze 33 Minuten auf Partien gegen die Bulls.

In drei Partien gegen die Bulls nahm J.R. Smith 10.3 Dreier pro Spiel... und traf 48.4%.


(Stat-Salat via @TwoWayGame)



Die Rechnung bitte!