05 Mai 2015

5. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Die College Saison ist mittlerweile seit einigen Wochen beendet und der Meistertitel Dukes bis ins letzte Detail aus allen möglichen Blickwinkeln analysiert worden. Häufig präsentieren die großen Sportportale der USA bereits am Morgen nach dem Finale das neueste Powerranking für die kommende Saison. In diesen Vorhersagen wird bereits wild spekuliert, welche Freshmen nicht für ein zweites Jahr zurückkehren und sich stattdessen zum NBA Draft anmelden werden. Zwar ist in vielen Fällen bereits vorher absehbar, für welche Option sich die meisten Talente entscheiden, doch gerade das letzte Frühjahr hat gezeigt, dass selbst bei einem Team wie Kentucky Überraschungen eintreten können. Am vergangenen Wochenende lief die Anmeldefrist für die College-Athleten ab und mittlerweile herrscht Klarheit darüber, wer dieses Jahr sein Glück in der NBA suchen möchte. Höchste Zeit also, die Kandidaten und ihre Entscheidungen ein erstes Mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Traditionsgemäß war der Medienrummel in Kentucky am größten. Im Vorjahr hatten sich bereits einige Spieler überraschenderweise gegen das große Geld entschieden, da sie nach der Finalniederlage gegen UConn das Gefühl hatten, sich unter Wert verkauft zu haben. Nun stellte sich nach der erneut bitteren Niederlage im Final Four gegen Wisconsin die Frage, ob sich der eine oder andere Spieler wieder für ein zusätzliches College Jahr aussprechen würde. Insgesamt galten bei den Wildcats bis zu neun Spieler als potentielle NBA-Profis. Letzten Endes gaben sieben Akteure gleichzeitig auf der Pressekonferenz in der heimischen Trainingshalle ihre NBA-Ambitionen bekannt.

Bei Karl-Anthony Towns und Willie Cauley-Stein war bereits im Vorhinein klar, dass die Chancen auf eine (erneute) Rückkehr minimal waren. Auch Devin Booker und Trey Lyles sind aufgrund ihres Potentials (Booker ist mit Abstand der jüngste Spieler des Jahrgangs) Kandidaten für die Lottery Teams. Doch nach diesen ersten vier Namen gleicht sich das Maß an Contras gegenüber den Pros bereits stark aus. Dakari Johnson hätte ein weiteres Jahr mit Sicherheit nicht geschadet, da er bei größeren Einsatzzeiten seine Qualitäten im Lowpost und unter den Brettern flächendeckender demonstriert hätte. Nichtsdestotrotz sollte sich jedoch spätestens gegen Ende der ersten Runde ein Team seine Dienste gesichert haben, weswegen man ihm aus seiner Entscheidung im Grunde genommen keinen Strick drehen kann.

Im Hause Harrison wurde sicherlich am heißesten diskutiert. Die Zwillinge Aaron Harrison und Andrew Harrison galten als sichere Top-10 Picks, als sie aus der Highschool kamen. Mittlerweile können sie froh sein, wenn ein Team bereit ist, seinen Erstrundenpicks in einen der beiden zu investieren. Ihre Leistungen waren keinesfalls überzeugend, allerdings ist es nur schwer vorstellbar, dass eine Junior-Saison einen deutlichen Aufschwung bedeutet hätte. Von daher ist der Schritt in Richtung NBA vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung, sondern birgt die Chance auf einen Neuanfang.



Ähnlich faszinierend wie der Blick nach Lexington war die Situation bei den Duke Blue Devils zu beobachten. Jahlil Okafors Entschluss, Duke nach dem Meistertitel und einer sehr dominanten Saison zu verlassen, überrascht nicht. Spannender ist da schon eher die Frage, ob er bei den NBA-Klubs genug Standing genießt, um als Top Pick aus dem Draftabend hervorzugehen. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und Towns war in den letzten Saisonwochen eine Beobachtung wert.

Auch bei Justise Winslow standen die Weichen auf Abschied. Von der ersten Saisonwoche an überraschte er in chronologischer Reihenfolge die eigenen Fans, die gegnerischen Teams, die College Experten und schließlich auch NBA Scouts und NCAA Gelegenheitsgucker. Bis auf einen kurzen Durchhänger zu Beginn des neuen Jahres, als ihn kleinere Blessuren piesackten, lieferte er das Gesamtpaket ab und schaffte es trotz starker Leistungen, sich weiter zu steigern. Im März schien Winslow dann endgültig fehl am Platze. Seine unheimliche Physis wirkte schon unfair gegen die zum Teil deutlich älteren Gegenspieler. Seine spielerische Weiterentwicklung war eine nette Nebenerscheinung, die in Anbetracht seiner NBA-Zukunft noch von entscheidender Bedeutung sein könnte.

Als letzter im Bunde ließ sich auch Floor General Tyus Jones nicht lumpen und erklärte seine Bereitschaft für die nächsten Herausforderungen auf der Bühne NBA. Der abgezockte Guard drehte im Finalspiel auf und führte seine Farben (nicht das erste Mal) zum Sieg. Da der diesjährige Jahrgang auf der Aufbauposition auch nicht allzu tief besetzt ist, stehen die Chancen auf eine Draftposition in der ersten Runde gar nicht schlecht. So gut wie im Moment werden seine Draftaussichten in zukünftigen Jahren nicht mehr sein.

Nicht nur die Blue Devils und Wildcats aus Kentucky mussten ihre talentierten Underclassmen ziehen lassen. Von den größten Talenten der Jungjahrgänge entschieden sich die meisten für die NBA. Zwar ließen sich beispielsweise D'Angelo Russell (Ohio State) und Stanley Johnson (Arizona) gefährlich lange Zeit, bis sie ihre Konklusionen aus mehrwöchiger Beratung verkündeten, doch noch rechtzeitig vor der abgelaufenen Deadline trugen sie ihre Namen auf die Wahlliste ein. In beiden Fällen absolut nachvollziehbar. Russell legte unter allen Talenten den größten medialen Sprung hin und hat es soweit gebracht, dass es legitim für NBA General Manager ist, bereits ab dem dritten Pick über die Sicherung seiner Dienste Gedanken zu verlieren. Johnson ist jetzt schon besser gebaut als 95% aller NBA Spieler, weswegen er einem Team sofort helfen kann, aber auch über genügend Spielraum für einen spielerischen Quantensprung verfügt.



Die Freshmen Kelly Oubre Jr. (Kansas) und Myles Turner (Texas) sind zwar bei weitem nicht so weit und ihre Entwicklungsgrenzen sind vielleicht schneller erreicht als bei den beiden Letztgenannten, doch auch diesen beiden Frischlingen kann man eigentlich nicht den Vorwurf machen, verfrüht oder unbesonnen gehandelt zu haben. Oubre wurde zu Beginn der Saison auf die Bank gesetzt und Coach Self erhöhte nur ganz behutsam seine Minutenzahl. Das lag an der Defense des Jungspunds. Doch selbst gegen Ende der Saison hatte man bei beiden Parteien nicht das Gefühl, dass sie einander das nötige Vertrauen entgegenbrachten. Für Oubre war es daher nur folgerichtig den Campus zu verlassen und ein Lottery-Team könnte durchaus Gefallen an dem Scorer finden.

Turner bringt ein sehr einzigartiges Skillset mit, das sich in vielen Belangen nur sehr schwer mithilfe von weiteren Collegejahren verfeinern lässt. Dafür werden ihm die erfahrenen Ratschläge von NBA Athletiktrainern gute Dienste leisten und seinen Bewegungsradius deutlich erweitern. Kevon Looney (UCLA) weist viele Parallelen zu Turner auf. Sollte er in der NBA gezielter eingesetzt werden und seinem Körper noch den nötigen Feinschliff verpassen, kann er eine gute Addition für seinen kommenden Arbeitgeber darstellen.

Montrezl Harrell fühlt sich bereit, um mit ebenbürtigen Giganten in der NBA den Kampf um die Rebounds anzunehmen. Nach seinem dritten Collegejahr ist Harrell weiterhin der beste verfügbare Energizer der Draftklasse und hätte sich wahrscheinlich schon vor einem Jahr anmelden können. Immerhin gelang es dem Power Forward in dieser Saison, eine Verbesserung seines Wurfes zu erzielen. Ein viertes Jahr am College hätte wahrscheinlich nur marginale Verbesserungen bedeutet, die auf seinen Wert aber kaum einen positiven Einfluss ausgeübt hätten. Insofern ist die Wahl, das College zu verlassen, verständlich.

Für Sam Dekker wäre es wahrscheinlich sogar fahrlässig gewesen, sich nicht diesen Sommer dem Auswahlverfahren auszusetzen. Denn noch schwimmt er auf der Euphoriewelle, die seine bestechenden Leistungen während des NCAA Tournaments auslösten. Diesen Eindruck einer aggressiven und selbstbewussten Ausgabe Dekkers sollte der Junior in den Köpfen der GMs möglichst bis zur Draftnacht konservieren, ehe sich doch wieder Zweifel in Hinsicht seiner Konstanz einstellen.

Auch von kleineren Colleges beendeten einige interessante Prospects ihre Studentenlaufbahn frühzeitig, um sich künftig in den Kader eines NBA Teams zu spielen. Der interessanteste Name ist sicherlich Cameron Payne. Der Linkshänder führte Murray State tonangebend zu einer der besten Bilanzen der NCAA. Allerdings verlor Murrays Team im entscheidenden Conference Finalspiel gegen Belmont und musste aufgrund von fehlenden Prestigesiegen gegen größere Colleges am Ende im NIT antreten. So blieb Payne es zwar verwehrt, auf der ganz großen Bühne für Furore zu sorgen. Doch auch so hat er sich auf den Notizzettel der Talentspäher gespielt und könnte in Form von guten Workouts einen ähnlich rasanten Aufstieg in Sachen Aufmerksamkeit und öffentlicher Wahrnehmung erleben, wie im letzten Jahr Elfrid Payton.



R.J. Hunter sorgte für die beiden Szenen des März. Nach dem Conference Finale freute er sich so sehr über den Einzug ins Tournament, dass er seinen Vater und Coach in Personalunion über den Haufen rannte und dieser eine Woche später mit Gips von einem Scooter thronend coachte. Mit dem Gamewinner im ersten Turnierspiel gegen Baylor stellte Hunter auch seine Qualitäten als eiskalter Scharfschütze unter Beweis. Da er sein Spiel während seiner drei Jahre am College deutlich erweitern konnte und gute Anlagen mitbringt, ist nun die Zeit gekommen, ein Domizil in der NBA zu suchen.

Die wohl meist diskutierte Entscheidung traf Providence Guard Kris Dunn. In einem Jahrgang, der arm an Aufbauspielern ist, entschied sich Dunn gegen eine Anmeldung zum Draft, obwohl er mit großer Wahrscheinlichkeit mitten in der ersten Runde gezogen worden wäre. Doch nicht nur das gibt Anlass zum Stirnrunzeln. Dunns Krankenakte ist schon etwas dicker als bei den meisten anderen NBA-Kandidaten seines Alters. So verpasste er während der ersten zwei Jahre am College haufenweise Spiele und musste sich zwei Mal einer Schulteroperation unterziehen. Daher besteht das Risiko, dass Dunn durch eine weitere Verletzung als zu fragil eingestuft werden könnte. Zudem steht bei seinen Friars ein Umbruch bevor. Topscorer LaDontae Henton ist altersbedingt nicht mehr im Kader. Gleiches gilt für Center Desrosiers, mit dem Dunn wunderbar im Pick & Roll harmonierte. Zudem entschied sich der sechste Mann der Friars, Tyler Harris, zum Wechsel der Uni.

Es ist daher schwer vorstellbar, dass Providence mehr erreichen wird als in der just abgelaufenen Saison. Um das zu kompensieren, müsste sich Dunn erneut gewaltig steigern. Dabei gibt es kaum Bereiche, die er noch nicht abdeckt. In der Verteidigung gibt es für ihn kaum Raum für Verbesserungen, die seinen Wert signifikant steigen lassen würden. Offensiv stände ihm ein noch konstanterer Wurf gut zu Gesicht, allerdings hat er sich hier immerhin in einen stabilen Bereich entwickelt. Dennoch gelang es Trainer Ed Cooley, seinen Floor General zurück zu den Friars zu lotsen. Nun setzt sich Dunn großem Druck aus. Sollte der Teamerfolg ausbleiben oder er sich in einem gerade ausgebesserten Bereich wieder verschlechtern, werden die NBA GMs eher von ihm abrücken, als sie es dieses Jahr getan hätten.

Neben Dunn entschied sich mit dem österreichischen Center Jakob Pöltl ein weiterer potentieller Lottery Pick für die Rückkehr ans College. Seine Situation erinnert ein wenig an die Lage von Elias Harris nach dessen Freshman-Jahr. Pöltl verhalf Utah zum Einzug ins Sweet Sixteen, ehe gegen Duke Schluss war. Mit einer raren Kombination aus Größe, Athletik und guten Händen machte er etliche Scouts auf sich aufmerksam. Durch sein junges Alter und vielversprechende Ansätze in der Offense wäre ihm ein Platz unter den ersten 20 Talenten sicher gewesen. Will er diesen Status im nächsten Jahr bestätigen, muss nun im zweiten Jahr eine deutliche Entwicklung folgen, denn sonst werden Zweifel aufkommen, ob und wenn ja in welchem Maße sich der junge Big Man noch verbessern kann. Bei Harris blieben damals die erwarteten Entwicklungsschritte aus, weshalb er nie wieder in dem Draft Bereich landen konnte, in dem ihn diverse Scouts nach als Freshman sahen.

Kurios war die Entscheidungsfindung bei Sophomore Christian Wood von der UNLV. Der talentierte Sophomore besitzt gute Anlagen und könnte aufgrund seines Potentials Mitte der ersten Runde seinen Namen gerufen hören. Daher verwirrte die Meldung um eine Rückkehr zunächst ein wenig. Am folgenden Tag verkündete Wood jedoch per Videobotschaft, dass er dem College zugunsten der NBA den Rücken kehrt. Eine richtige Entscheidung. Zumal sie auch sportlich für ihn Sinn macht. UNLVs Trainer Rose ist eher weniger für Spielerentwicklung bekannt. Wood selber konnte sich im Vergleich zu seinem Freshman Jahr nur sporadisch verbessern und besonders an seinem wunden Punkt, der Zunahme an Masse, änderte sich vergleichsweise wenig. Hier sollten die Fitness und Athletik Gurus der NBA Clubs Wunder bewirken und Woods physische Reifung fördern. Außerdem hätte Wood eventuell weniger Spielzeit gesehen, da der Frontcourt der Rebels deutlich aufgestockt wurde und nun sehr tief besetzt ist.