06 Mai 2015

6. Mai, 2015  |  Mattis Nothacker


Vor der Erstrundenserie zwischen den Clippers und den Spurs erklärte Charles Barkley: „Wenn die Clippers dieses alte Spurs-Team nicht besiegen, dann wird man die Mannschaft neu aufbauen“. Ich war genau derselben Ansicht. Seit vier Jahren spielt Chris Paul inzwischen an der Westküste, seit fünf Jahren ist Blake Griffin ein NBA-Profi.

In jeder Saison wurde der Kader weiter verstärkt, mit Doc Rivers sitzt seit der vergangenen Spielzeit ein renommierter Trainer an der Seitenlinie. Was sollte noch kommen? Wenn die Clippers nun zum zweiten Mal in vier Jahren an San Antonio gescheitert wären, dann hätte sich die Führungsetage wohl ernsthafte Gedanken gemacht, ob die Mannschaft in der Konstellation wirklich den Titel holen kann.

Ich habe geglaubt, dass genau das passiert. Ich habe geglaubt, dass die Clippers in der ersten Runde scheitern und anschließend eine große Diskussion ausbricht, ob die Mannschaft das Zeug zum Titel hat. Ich war der Überzeugung, dass das Team im Sommer auseinander genommen wird. Dass Chris Paul oder DeAndre Jordan getradet werden.

Ich gebe zu: ich bin kein großer Clippers-Fan. Mein Team sind die L.A. Lakers, und noch immer bin ich nicht über den verhinderten Trade hinweg gekommen, der Paul zu den Lila-Goldenen gebracht hätte. Doch in den vergangenen Jahren beruhigte mich, dass es die Clippers trotz ihrer starken Mannschaft nie in die Conference-Finals schafften.

Ich musste mich damit abfinden, dass die Clippers das neue Aushängeschild L.A.s waren. Doch ich konnte mich damit trösten, dass ihnen wenigsten der Titel verwehrt blieb. Ich war der festen Überzeugung, dass es auch so bleiben würde. Doch das hat sich geändert. Seit gestern sind die Clippers für mich Titelkandidat Nummer eins.

Es klingt unwahrscheinlich, dass sich meine Meinung innerhalb nur weniger Spiele um 180 Grad dreht. Doch das hat sie getan. Ich habe enormen Respekt davor, wie die Clippers mit dem Rücken zur Wand Spiel sechs und sieben für sich entschieden haben. Ich habe gesehen, dass die Clippers nicht mehr das Team der vergangenen Jahre ist, das irgendwann aufgibt, das schlimme Fehler begeht.


Die Spieler haben an Erfahrung gewonnen und waren abgezockt genug, um den Titelverteidiger in die Knie zu zwingen. Vor allem hat die Mannschaft den besten Anführer der NBA. Chris Paul, der in Spiel sieben trotz Oberschenkelverletzung die Clippers zum Sieg trug und den Gamewinner verwandelte, bringt alles mit, um sein Team zur Championship zu führen.

„Diese Leute, das sind Legenden – ernsthaft“, erklärte der Point Guard der Clippers, als er auf die Spurs angesprochen wurde. „Von Pop über Tim und Tony bis zu Manu. Dieses Team wird sich nicht selber besiegen – das haben wir die ganze Serie lang gesagt“. Nun hat Paul sein Angstgegner endlich bezwungen, der Gegner, der ihm zwei Mal – erst mit den New Orleans Hornets, dann mit den Clippers - das Playoff-Aus bescherte.

Plötzlich scheint der Weg bis in die Finals gar nicht mehr so weit. Die Houston Rockets werden ein harter Gegner, doch sie sind noch nicht die erfahrene, in sich geschlossene Mannschaft, wie es die Clippers sind. Auch die Golden State Warriors werden überschätzt. Die Abhängigkeit von Currys unglaublichen Würfen wird sie noch einholen. Allein die Memphis Grizzlies könnten für die Clippers zum Stolperstein werden – ein Stolperstein auf dem Weg zum lang ersehnten Titel.