27 Mai 2015

27. Mai, 2015  |  Torben Siemer  @lifeoftorben


„Die Hawks spielen großartig. Aktuell sind sie das Maß der Dinge in der Eastern Conference. Aber: Der Tag ist noch lang…“ – diese Worte wählte Cavaliers-Coach David Blatt am 30. Januar 2015, nachdem die Atlanta Hawks zwischen dem 27. Dezember und eben jenem Tag ihre Bilanz von 21-8 auf 39-8 Siege geschraubt hatten. Einen Tag danach gelang der 19. Sieg in Serie und damit ein Monat ohne Niederlage.

Als Anerkennung für diese Leistung ernannte die NBA die komplette Starting Five der Hawks zu Spielern des Monats im Osten. Wenige Tage später schlugen sie die Warriors in eigener Halle, gegen die Rockets und Clippers wurden sogar jeweils beide Spiele gewonnen. Die Season Series gegen die Cavaliers endete 3-1 für das Team von Coach Mike Budenholzer. Wenn es phasenweise so aussah, als würde Atlanta dominieren - dann weil es so war.


Die Vorsaison beendete das Team ohne einen verletzten Al Horford mit einer Bilanz von 38 Siegen und 44 Niederlagen, in der ersten Runde zwang es die top-gesetzten Indiana Pacers in ein siebtes Spiel. Im Sommer blieben die großen Änderungen aus – Backup-Guard Lou Williams wurde abgegeben, Dennis Schröder rückte in der Guard-Rotation auf den Platz hinter Jeff Teague, Kent Bazemore wurde für die Bank geholt. Thabo Sefolosha sollte die Defensive auf dem Flügel verstärken, fiel aber nach einem noch immer nicht ganz aufgeklärten Zwischenfall in einem New Yorker Nachtclub aufgrund eines gebrochenen Knöchels für den Rest des Jahres aus. Der wichtigste Neuzugang aber war Al Horford, der nach einem Brustmuskelriss aufs Feld zurückkehrte.

60 Siege und 22 Niederlagen. Mit dieser Bilanz endet für die Hawks die Regular Season 2014/15, macht 22 Erfolge mehr als im Vorjahr und die insgesamt zweitbeste Bilanz der Liga. Sieben Spiele Vorsprung sind es auf die zweitplatzierten Cleveland Cavaliers – und dennoch gilt das Team von LeBron James als Favorit auf den Gewinn des Ostens. Das Problem: Atlanta entfernt sich Richtung Saisonende immer weiter von seinem besten Basketball.

In den letzten sechs Saisonwochen ist die Bilanz nur noch 12-10, einer Serie von vier Siegen in Folge stehen zweimal drei aufeinander folgende Niederlagen gegenüber. Im Februar stellen die Hawks mit Jeff Teague, Kyle Korver, Paul Millsap und Al Horford noch vier All-Stars, Dennis Schröder wird für seine Steigerung im zweiten Jahr mit einer Einladung zur Rising Stars Challenge belohnt. Coach Mike Budenholzer erhält am Saisonende die Auszeichnung als Coach of the Year.

Dennoch geht Atlanta mit ein paar Fragezeichen in die Playoffs – die letzte Saisonphase war mehr von .500-Basketball geprägt. In der ersten Runde setzten sich die Hawks nur bedingt souverän mit 4-2 gegen die Brooklyn Nets durch. In den Conference Semifinals treffen sie auf die Washington Wizards, bei denen sich John Wall in Spiel zwei fünf Brüche in der linken Hand zuzieht – Spiel drei gewinnen die Wizards noch, dann folgen drei knappe Hawks-Siege.

Zum ersten Mal seit dem Titel der St. Louis Hawks in der Saison 1957/58 gewinnt die Franchise zwei Playoff-Serien in einer Saison, zum ersten Mal seit 1970 erreicht sie die Vorstufe der NBA Finals. Dort wird es hässlich: Die Cleveland Cavaliers spielen trotz des Ausfalls von Kevin Love und eines angeschlagenen Kyrie Irving ihren besten Ball der Saison – LeBron James steht einmal mehr über den Dingen, am Ende stehen vier Niederlagen, das entscheidende Spiel endet aus Hawks-Sicht mit minus-30 Punkten Unterschied.

„Enttäuschende Playoffs“ ist an vielen Ecken zu lesen, ganz falsch ist das nicht: Für einen Nummer-eins-Seed spielt Atlanta wenig ansehnlichen Basketball. Auch der eigene Anspruch dürfte nicht erfüllt sein – geprägt ist das Hawks-Spiel von der Bewegung des Balles sowie der Spieler, ein guter Wurf soll dabei für einen noch besseren aufgegeben werden – in der Postseason aber werden die Pässe immer seltener, vor allem Kyle Korver leidet unter der erhöhten Defensiv-Intensität und die Zahl der untypischen Isolationen steigt von Runde zu Runde.


Dennoch: Die Atlanta Hawks haben sich innerhalb eines Jahres ohne den großen Umbruch im Kader von Platz acht auf Platz eins gesteigert, die Eastern Conference deutlich für sich entschieden und mit 22 Siegen mehr als im Vorjahr einen der größten Umschwünge der NBA-Historie aufs Parkett gezaubert. Die Feel-Good-Story der Saison wurde jetzt zwar abrupt beendet, für mich bleibt trotzdem ein positives Fazit.

Die Atlanta Hawks haben eine alles in allem hervorragende Saison gespielt. 60 Siege sind neuer Franchise-Rekord, zwei Playoff-Serien wurden gewonnen und damit die Eastern Conference Finals erreicht. Hier unterlag Atlanta dann einem Team um LeBron James - dem besten Spieler seiner Generation. Ein Sweep ist zwar besonders bitter, aber LeBron James geht inzwischen wohl als Nemesis für den gesamten Osten durch. Mit ein bisschen Abstand dürften alle rund um die und in der Philips Arena mit großer Zufriedenheit auf dieses Jahr zurückschauen.