26 Mai 2015

26. Mai, 2015  |  Rainer Ludwig  @Sly_S04


Man kann die Finalserie der Eastern Conference zwischen den Cleveland Cavaliers und den Atlanta Hawks bisher im Prinzip in zwei  Teile gliedern: die beiden Heimspiele der Falken, in denen die Hawks unter den Erwartungen agierten (Teil 1). Und die dritte Begegnung, bei der eine dezimierte Hawks-Truppe die Cavs am Rande einer Niederlage hatte und viele Dinge richtig machte, die zuvor falsch liefen (Teil 2). 


Teil 1 (Das Ding ist durch)
Die Cleveland Cavaliers scheinen ihre Identität endlich gefunden zu haben. Die Formel für den Erfolg dürfte eigentlich jedem langjährigen Cavaliers-Fan noch bekannt sein: Die Malocher kämpfen in der Verteidigung um jeden Screen und sind sich für keinen zusätzlichen Meter zu Schade. Die großen Jungs dominieren die Bretter, beschützen den Ring. Zur Sicherheit hat man gleich zwei. Falls einer ins Pick & Roll mit eingebunden wird und somit die Zone nicht weiter bewachen kann, steht ein zweiter an der Baseline, um im Notfall als Shotblocker zu fungieren.

Am offensiven Brett sollen die Riesen für die nötigen zweiten Chancen sorgen, wenn der beste Spieler der Welt bei seinen Wurfabschlüssen so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Vor allem aber sollen Dreipunkteschützen das Feld breitmachen und sich abseits des Balles gut bewegen. Den Rest besorgt LeBron James mit seinem Scoring, Passing, Post-Spiel und Decision-Making. Willkommen bei den Cleveland Cavaliers 2007, Version 2.0.

Allerdings scheint es, als sei dieses dezimierte Cavs-Team jenem von 2007 deutlich überlegen. James kann seit 2012 mit Post-Moves die Defensive sezieren und auf fast jede Strategie die richtige Antwort finden. Kein Flügelspieler der "alten Cavaliers", die damals im Finale gegen San Antonio keine Chance hatten, verfügte über das offensive Arsenal eines J.R. Smith. Kein Flügelspieler konnte den Cavs den Two-Way-Impact (Passing, Shooting, Defense) geben, den Iman Shumpert an vielen Abenden bereitstellt.


Anderson Varejao, Drew Gooden und Zydrunas Ilgauskas mögen damals zwar solide Rebounder gewesen sein. Jedoch vermochte niemand der Pivoten eine Defensive mit seinem unermüdlichen Einsatz am offensiven Brett so zu frustrieren wie der athletische Tristan Thompson, der sowohl gegen die Chicago Bulls als auch die Atlanta Hawks die Zone absolut dominiert. Hinzu kommt seine Fähigkeit, hinten nach einem Switch vor kleineren Gegenspielern bleiben zu können. 'Big Z' brachte zwar viel von der Länge eines Timofey Mozgov mit, allerdings ist Mozgov der weitaus bessere Ringbeschützer.

In den ersten beiden Spielen hat Cleveland die Atlanta Hawks vor allem mit einer Strategie zermürbt: sie respektierten den Wurf von Dennis Schroeder und Jeff Teague nicht, sanken vor deren möglichen Drives sehr weit ab und bildeten in der Zone mit den langen Armen eine Art Wand. Dadurch fehlte der Hawks-Offensive der nötige Punch, um die notwendige Überzahl zu kreieren, die das tödliche Ball-Movement in Bewegung bringt. Teague und Schröder hatten zusätzlich jedes Vertrauen in ihren Wurf aus der Mitteldistanz und von jenseits der Dreierlinie verloren, so dass sie den Platz, den ihn die Cavaliers-Defense gab, nicht bestrafen konnten.

Meistens dribbelten die Aufbauspieler verzweifelt vor der Cavaliers-Defensive hin und her, versuchten es mit roher Gewalt gegen die Ringbeschützer der Cavs, übersahen wertvolle Mismatches für Al Horford und fielen durch schlechte Entscheidungen auf.

Kyle Korver war der Hawks-Akteur, auf den sich die Truppe von David Blatt am besten vorbereitet hatte. Iman Shumpert verfolgte ihn um jeden Screen, hatte immer noch eine Hand vor seinem Gesicht und meist war eine zusätzliche Hilfe in der Nähe, falls Shumpert am Block hängen blieb. Die beste Option der Hawks ist und bleibt allerdings Al Horford. Der talentierteste Spieler der Atlanta Hawks, der das vielseitigste Skillset mitbringt, ist von keinem Gegenspieler der Cavaliers im Low-Post und mit seinem butterweichen Sprungwurf zu stoppen, wird allerdings von Schroeder und Teague viel zu selten angespielt, oft sogar eklatant übersehen.

Horford muss sich vielleicht auch den Vorwurf gefallen lassen, selbst zu passiv zu agieren und den Ball zu oft in aussichtsreichen Positionen wieder abzugeben. Es gilt: Wenn Al Horford aggressiv zu Werke geht, passieren fast immer gute Dinge für die Hawks-Offensive.

Paul Millsap spielte in den ersten beiden Spielen dieser Serie fast überhaupt keine Rolle. Es gibt immer wieder Phasen, in denen man überhaupt nicht bemerkt, dass er auf dem Feld steht. Ihm scheint vor allem die Länge von Mozgov, die Härte von Thompson und die mangelnden Lücken in der Cavaliers-Defense zu schaffen zu machen, die durch das schlechte Ball-Movement der Hawks und die mangelnde Potenz der Schützen, die nicht Kyle Korver heißen, ausbleiben.

Von der einst so cleveren Verteidigung der Hawks war auch wenig zu sehen. Da wurde LeBron James mal unnötig weit draußen am Perimeter gedoppelt, obwohl er keine Anstalten machte in die Zone zu ziehen. Diese Strategie mag ja ganz praktikabel sein, sofern die Dreipunkteschützen kein Scheunentor treffen. Wenn LeBron James aber Probleme mit seinem Wurf hat und die Schützen die offenen Würfe en Masse versenken, ist dies die absolut falsche Strategie, die den Cavaliers vollkommen in die Karten spielte und es immer noch tut.

Beinahe erschreckend ist vor allem mit anzusehen, wie selbst einigermaßen erfahrene Spieler wie Kyle Korver oder Jeff Teague in der Verteidigung durch Ball-Watching negativ auffallen oder auf Steals spekulieren, dabei ihren Gegenspieler aus den Augen verlieren und am Ende zu spät die freien Dreipunkteschützen anlaufen. Dies sind Disziplinlosigkeiten, die man sich in einem Conference-Finale gegen ein Team um LeBron James nicht leisten kann.

Nach zwei Partien wussten alle, was sie von den Cavaliers Abend für Abend erwarten konnten. Es lag an den Hawks, cleverer zu agieren, ihr Spiel auf ein neues Level zu heben und an beiden Enden des Feldes zu dem zurückzukehren, was die Truppe bis zum All-Star Game so stark gemacht hatte. Isolationsspielzüge gehörten definitiv nicht dazu.

Teil 2 (Geht doch noch was?)
Durch den Ausfall von Kyle Korver (der vielleicht ein halbes Jahr pausieren muss) musste die Atlanta Hawks notgedrungen Kent Bazemore in die Starting Five beordern. Bazemore genießt in der NBA sicherlich den Ruf eines passablen Verteidigers, strahlt aber nicht annähernd die Gefahr von jenseits der Dreierlinie aus, die gegnerische Verteidigungen erschaudern lässt.

Vor der Begegnung gingen deshalb im Netz bereits Statistiken herum, die bewiesen, wie schlecht die Hawks in der regulären Saison ohne Korver auf dem Spielfeld agierten. Es war deshalb schwer vorstellbar, wie ein bereits in den ersten beiden Begegnungen unterlegenes Falken-Team ohne ihren vielleicht wertvollsten Akteur auch nur den Hauch einer Chance in der dritten Begnung haben sollte.

Es kam anders, weil Jeff Teague ganz anders als zuvor agierte. Er attackierte die Verteidigung der Cavaliers pausenlos, riss dadurch Löcher, zog einen zweiten Verteidiger, nahm endlich mit letzter Konsequenz den offenen Wurf von der Dreipunktelinie, den ihm die Cavs-Defensive gestattete.


Spiel drei war ein ganz anderer Auftritt des talentierten Aufbauspielers, der an guten Tagen mit den besten Point Guards der Liga mithalten kann. Das nicht mehr gehemmte und verzögerte Decision-Making färbte auf die Mitspieler ab, die sich von der aggressiven Spielweise anstecken ließen und die Cavs vor ganz andere Probleme stellten, als noch zuvor. Phasenweise sah man sogar den ein oder anderen Backdoor-Cut, für den die Verteidigung des Teams von David Blatt so anfällig ist.

Al Horford wurde konsequent in der Zone gesucht, wann immer die ersten Aktion der Hawks im Angriff von den Cavs gestört wurde und dominierte bis zu seiner umstrittenen Tätlichkeit gegen Matthew Dellavedova im Low-Post nach Belieben. Er wurde schließlich für sein Vergehen des Feldes verwiesen.

Umso erstaunlicher, dass die Hawks danach trotzdem mithalten konnten, obwohl sie ihren einzig fähigen Ringbeschützer gegen LeBron James verloren, welcher danach pausenlos die Hawks-Defense attackierte (zuvor stand er phasenweise dank Horfords Einfluss unter dem Korb bei 0/10 aus dem Feld). Jeder Run der Cavs wurde mit einem eigenen Lauf gekontert. Mit einer ähnlichen engagierten Vorstellung und der neuen Rotation wäre in den ersten beiden Begegnungen wohl deutlich mehr möglich gewesen.



Dazu muss man aus deutscher Sicht leider auch die drastische Minutenkürzung gegenüber Dennis Schroeder zählen, welcher trotz solider Boxscore-Stats dem Team mit seinen falschen Entscheidungen zuvor mehr schadete als weiterhalf. Das Mehr an Minuten für den soliden Veteranen Shelvin Mack, der vielleicht nicht so talentiert wie Schröder ist, bei dem man aber weiß, was man bekommt, tat dem Team merklich gut. Schroeder wird mit Sicherheit aus diesen Erfahrungen und seinen schlechten Leistungen lernen. Bisher mussten schon Akteure von ganz anderem Kaliber in solch jungen Jahren Lehrgeld zahlen und gingen folglich gestärkt aus dieser Misere hervor.

Besonders bitter dürfte den Hawks geschmeckt haben, dass sie ausgerechnet in den Minuten wertvolle, entscheidende Punkte abgeben mussten, als LeBron James sich auf der Bank eine Verschnaufpause gönnte.

Bei allem Lob für die bisherigen Auftritte der Cleveland Cavaliers: sollten sie in den NBA-Finals ähnlich lustlos bzw. gemütlich in die Partie starten wie im dritten Aufeinandertreffen der beiden Teams und danach LeBron James die gesamte Verantwortung in der Offensive aufdrücken - der dadurch bis an die Grenze der völlig Erschöpfung gehen musste - droht der Truppe in zwei Wochen ein möglicherweise böses Erwachen. Umso wichtiger wird es sein, Kyrie Irving zu den Finalspielen wieder fit zu bekommen. Nur er kann den Cavs die Balance geben, die notwendig sein wird, um ein dann viel besseres Team als Atlanta schlagen zu können. Spiel vier der Eastern Conference Finals steigt in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Keine Mannschaft hat je einen 0-3 Rückstand wett gemacht.