22 Mai 2015

22. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Energizer ist eines dieser Worte, die man als Basketballer nur schwerlich ins Deutsche übersetzen kann ohne dem Wort ein gewisses Maß an Schwung und Bedeutung zu nehmen. Mit diesem Begriff werden Spieler bedacht, die auf dem Parkett scheinbar nie still stehen können und stattdessen immer mittendrin im dichtesten Getümmel zu finden sind. Meistens sind sie dafür höchst selbst verantwortlich, indem sie sich einem fast unmöglich zu erreichenden Ball hinterher schmeißen. Eine treffendere Beschreibung gibt es für Montrezl Harrell nicht. In dieser Rolle befand er sich als Highschool Spieler. Dieser Ruf brachte ihm mehrere College Angebote und mehrfache Berufungen in diverse Juniorennationalmannschaften der USA ein. 

An der Highschool war das Kraftpaket seinen Gegenspielern physisch dermaßen überlegen, dass er teilweise öfter dunkte als richtig auf den Korb zu werfen. Besonders stolz ist Harrell selber auf eine 51-Punkte-Performance inklusive 18 Dunks. Diese Vielzahl an Ausrufezeichen machten ihn zu einem umworbenen Youngster, der sich vor Stipendien Angeboten kaum retten konnte. Seine Wahl fiel jedoch schon sehr früh auf Virginia Tech. 

Einer der Hauptgründe für seine Entscheidung war Virginia Tech Coach Seth Greenberg, den Harrell für einen geeigneten Lehrmeister hielt. Doch ausgerechnet Greenberg war der Grund, aus dem Harrell letztlich auf dem Campus in Louisville landete. Denn im Frühjahr vor Harrells Freshman Saison wurde Greenberg gefeuert. Daraufhin überdachte das Energiebündel seine Entscheidung nochmal und entschied sich für die Cardinals. Das sollte er nicht bereuen. 

Bereits als Neuling im Team sah Harrell regelmäßige Minuten als Backup und konnte für Dutzende Highlights sorgen. Zudem konnte er direkt im ersten Jahr an der Universität die Meisterschaft feiern und hatte daran auch einen gewissen Anteil durch gute Leistungen im Laufe des Tournaments. Honoriert wurde sein Engagement mit einer Einladung zur U19 Weltmeisterschaft im Sommer 2013. Dort nahm er eine wichtige Rolle ein und war der Topscorer der Vereinigten Staaten beim Finalsieg über Serbien. 

Gestärkt durch die gesammelten Impressionen und durch frei gewordene Spielzeit in der Louisville Rotation entwickelte sich Harrell als Sophomore auch bei den Cardinals zu einer wichtigen Stütze des Angriffs. Besonders das Zusammenwirken mit Guard Russ Smith klappte hervorragend. Viele Experten erwarteten nach seiner deutlichen Steigerung als Sophomore daher die Anmeldung zum Draft 2014. 

Doch Fehlanzeige: Auch für ein drittes Jahr streifte sich der Power Forward das Trikot der Cardinals über. Man merkte dem Junior an, dass diese dritte Spielzeit dazu gedacht war, die Lücken seines Spiels zu füllen. So war er zu Beginn der Saison zwanghaft darum bemüht, einen Dreipunktewurf zu entwickeln. Davon war gegen Ende der Saison zwar nicht mehr viel zu sehen, doch er streute zumindest Indizien, die belegen könnten, dass sein Handgelenk nicht so knirschend abklappt wie ein Zementmischer. Nach dem verpassten Einzug ins Final Four gegen Michigan State entschloss sich Harrell nun doch dazu den Sprung in den Profibereich zu wagen.



Die Karten stehen nicht schlecht für Harrell. Denn einerseits verfügt er über Fähigkeiten und Eigenschaften, mit denen er seinem neuen Club direkt dienlich sein kann. Andererseits hat man aber auch, trotz seines verhältnismäßig fortgeschrittenen Alters, das Gefühl, dass sich der Rohdiamant noch weiter schleifen lässt und auf eine ordentliche Karat Zahl kommen kann. 

Harrell ist wahrscheinlich schon seit seiner Highschool Zeit auf dem körperlichen Niveau, um sich mit den Athleten des NBA Alltags zu beschäftigen. Zwar ist er relativ klein für seine Position, doch die fehlenden Zentimeter in dieser Hinsicht macht er durch andere Eigenschaften wett. 

Da sind zunächst seine Krakenarme, die ihm beim Kampf um Rebounds und beim Shotblocking gute Dienste leisten. Unter den Talenten seines Jahrgangs ist seine Spannweite die drittgrößte. In Kombination mit seiner Athletik, seinem Timing und seinem unbändigen Willen machen ihn seine langen Arme zu einem Biest am Brett, das sich jeden Rebound in einem lächerlich großen Radius zu eigen macht. Hat sich Harrell erstmal wie ein Berserker den offensiven Rebound gesichert, ruht er nicht, bis die Murmel durch die Reuse rutscht. Vorzugsweise hinterlässt Harrell dabei gerne ein schepperndes Geräusch und versetzt die gesamte Korbanlage in Erschütterung. 

Doch auch sein Touch bei Jumphooks hat sich gebessert und sie finden mittlerweile unter Bedrängnis ihr Ziel. Auch defensiv weiß Harrell seine physischen Eigenschaften zu nutzen. Mit allem was er hat, hechtet er Loseballs hinterher. Bei der Deny-Verteidigung im ersten Passweg leistet er zumeist hervorragende Arbeit. Seine Mobilität erlaubt es ihm zudem, bei Pick & Rolls zu switchen und Guards vor sich zu halten. 

Außerdem lernte Harrell in seiner Funktion als Verteidigungsadmiral auch, seine Nebenleute durch Kommunikation in Alarmbereitschaft zu versetzen und eine Defense zu koordinieren. Mit Harrell als Anker der Defense kam es kaum zu Missverständnissen bei der komplexen Matchup Zone der Louisville Cardinals. 

Falls doch mal ein Schlupfloch entstand, war der Power Forward stets zur Stelle und konnte als Helpverteidiger in Erscheinung treten. In der Lowpost Defense ist seine geringe Körpergröße ebenfalls kaum aufgefallen, da er über so viel Kraft im Rumpfbereich verfügt, dass ihn kein Gegenspieler wegschieben konnte. Seine langen Arme taten das Übrige.

Offensiv waren bei Harrell über die Jahre in einigen Belangen Fortschritte zu verzeichnen. Eine häufig unterschätzte Wendung zum Guten nahm dabei sein Passspiel. Vom Highpost aus ist der bullige Big Man in der Lage den Lowpost sehr gefühlvoll in Szene zu setzen. Doch nicht nur Lobanspiele auf Frontcourt Partner liegen mittlerweile im Bereich des Möglichen, auch präzise Backdoorpässe oder öffnende Zuspiele auf die Weakside kann Harrell anbieten. 

Das Projekt des finalen College Jahres, der Sprungwurf, war in Teilen erfolgreich. Zwar ist der Wurf noch weit von dem Niveau einer prototypischen Stretch 4 entfernt, doch sah man zumindest Besserung. Die Wurfform sieht technisch besser aus und kann bei weiterer gezielter Bearbeitung wahrscheinlich noch einen technischen annehmbaren Bereich erreichen. Aus der Halbdistanz kann Harrell jetzt schon an guten Tagen zwei, drei Würfe in Folge einstreuen und damit die Defense auf sich ziehen.




Doch bei all den Verbesserungen und Vorzügen des Hustleplayers gibt es ganz klare Schwächen, die sich nicht wegdiskutieren lassen und dessen Einflussmöglichkeiten beschränken. Sollte es Harrell nicht gelingen, sich einen soliden Jumper anzutrainieren, wird ihm seine mangelnde Größe noch arge Probleme bereiten. Denn in der NBA werden ihm seine langen Arme nicht oft genug aus der Bredouille helfen und bei 82 Spielen ist auch nicht davon auszugehen, dass er weiterhin so kompromisslos Loseballs nachgeht. 

Besonders offensiv bedarf es noch eines gewissen Feintunings, ehe der Rollenspieler Status als gefestigt betrachtet werden kann. Denn auf solide Postmoves wartet man vergeblich, was für einen Spieler ohne validen Sprungwurf problematisch ist. Dennoch versteht es Harrell noch nicht, Situationen richtig einzuschätzen. 

Zu oft will er noch mit dem Kopf durch die Wand und stößt dabei auf Granit. Man kann häufig beobachten, wie er gegen zwei oder mehr größere Gegenspieler versucht einen unkontrollierten Wurf im Korb unterzubringen. Hier fehlt ihm anscheinend noch die Einsicht, dass Einsatz zwar lobenswert ist, aber nicht solche kopflosen Abschlüsse rechtfertigt, die den Aufwand im Nu zunichte machen. 

Diese Problematik lässt sich auch in anderen Situationen auf Harrells Entscheidungsverhalten übertragen. Viel zu häufig lässt sich das Energiebündel von seinen Emotionen leiten und fängt an die Dinge zu forcieren. Dadurch ist er anfällig für unnötige Ballverluste, schnelle Fouls in vermeidbaren Momenten und überhastete Hilfestellungen in der Defense, die seinem Team wertvolle Punkte kosten können. Gerade bei vielen Passentscheidungen schwankt er zwischen Genie und Wahnsinn. Seine Anspiele sind nie ohne Risiko behaftet und lassen die eigenen Fans gerne mal die Luft anhalten. 


In der Verteidigung muss man abwarten, wie gut Harrell mit den Prinzipien der NBA Teams zurecht kommt. Louisvilles Verteidigung besteht grob gesagt aus konsequentem Switchen, das mittels ständiger Kommunikation angesprochen wird.

Viele standardisierte NBA Konzepte werden daher Neuland für ihn sein und ihn unter Umständen eine Weile kosten, ehe er einem Team wirklich weiterhelfen kann. Im Lowpost wird er zudem die fehlenden Zentimeter zu spüren bekommen, da viele Gegenspieler gar nicht versuchen wollen, Harrell in die Zone zu schieben, sondern viel lieber Fadeaways über ihn hinweg werfen. Dagegen kann Harrell wenig ausrichten ohne zu foulen.

Sucht man in den Reihen das NBA Kader nach einem passenden Pendant, springt einem direkt der Name Kenneth Faried ins Auge. Ähnlich wie Faried, ist Harrell begierig darauf, mit atemberaubendem Fokus für Highlight Putbacks und Double-Doubles in spektakulärer Manier zu sorgen. 

Beide lieben es, sich im Kopf des Gegners einzunisten und diesen solange zu bearbeiten und zu malträtieren, bis dieser die weiße Fahne hisst. Technisch sind beide eher rudimentär ausgestattet, strahlen aber genug Gefahr aus, um ernstgenommen zu werden. Mit der positiven Energie, die sie auf das Spielfeld bringen, können sie ein Spiel zugunsten ihres Teams kippen und alle Mitspieler anstacheln.

Die NBA Fans dürfen sich also auf eine weitere Highlightmaschine freuen, die zugleich aber nicht davor zurückscheut, harte, ehrliche Arbeit zu verrichten. Harrell besitzt alle nötigen Eigenschaften, um mindestens ein solider Rollenspieler zu werden. Gerade für ein Playoffteam kann Harrell Gold wert sein, da er einer Partie in wenigen Sekunden seinen Stempel aufdrücken und den Ton angeben kann. Bei optimalem Entwicklungsverlauf in Sachen Wurf und offensivem Repertoire winkt sogar mehr als ein Starterposten. Das wäre die sprichwörtliche Sahne auf der Torte.