28 Mai 2015

28. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Wegen seiner athletischen und körperlichen Ausstattung war Justin Anderson schon länger ein sehr interessanter Spieler, für den jedoch die NBA immer ein Stücke außer Reichweite zu sein schien. Grund dafür war der fehlende Wurf. Nachdem Anderson vergangenen Sommer intensiv daran arbeitete, diese Schwachstelle zu beseitigen und seinen verbesserten Wurf über die Saison konservieren konnte, scheint die NBA nun in Griffnähe für den Junior zu sein.

In jungen Jahren fiel Anderson früh durch seine überragende Sprungkraft auf. Während andere Jungen gerade den Korbleger beidseitig sicher beherrschen, versuchte sich Anderson lieber daran, den Ball zu dunken. Wie üblich ließ die erste Hypewelle nicht lange auf sich warten und etliche Beobachter redeten auf ihn. Sie überhäuften ihn mit Luftschlössern, was für eine grandiose Zukunft er doch vor sich habe und was für ein Star er einmal sein werden. 

Dem jungen Anderson gefielen diese Vorstellungen und aufgebauschten Szenarien, sodass er es verpasste, weiter an seinem Spiel zu arbeiten und stattdessen weiter durch Highlights und pure Körperkraft auffiel. Als es dann an der Zeit war, ein geeignetes College auszuwählen, legte sich der Flügelspieler zunächst auf Maryland fest. Dort jedoch gab Trainer Gary Williams kurze Zeit später seinen Posten auf. Das veranlasste auch Anderson dazu seine Entscheidungen nochmal zu überdenken. Seine zweite Wahl war Virginia. 

Unter Coach Tony Bennett durchlebte Anderson zunächst einen Kulturschock. Denn der resistente Übungsleiter der Cavaliers war in keiner Weise bereit, seinem Neuling Privilegien einzuräumen. Eher das Gegenteil war der Fall. Anderson war gezwungen, sich durch harte Arbeit das Vertrauen seines Trainers zu sichern. Im ersten Jahr tasteten sich beide Seiten noch ab, weshalb Anderson zwar Teil der Rotation war, aber noch keine allzu große Rolle spielte. 

Im zweiten Jahr konnte man schon Fortschritte erkennen, da Bennett nun Anderson Vielseitigkeit nutzte und ihn als sechsten Mann und Energizer installierte. Somit nahm der Linkshänder eine Schlüsselposition beim einigermaßen überraschenden Titelgewinn der ACC ein. Der endgültige Durchbruch erfolgte dann in der abgelaufenen Saison. Über den Sommer hatte Anderson massiv an seinem Distanzwurf gearbeitet, der bis dahin noch die größte Schwachstelle gewesen war. Doch mit teils überragenden Wurfleistungen und der Berufung in die Starting Five im Rücken überforderte er gegnerische Teams und Gegenspieler. 

In den ersten Saisonmonaten schienen sie keine Antwort auf die Leistungsexplosion des Studenten im dritten Jahr zu haben. Erst eine Fingerfraktur an der Wurfhand konnte Anderson stoppen und zwang ihn zu einer Auszeit. Gerade als die Verletzung ausgeheilt war, warf den Cavalier eine Blinddarmentzündung zurück. Dadurch verzögerte sich seine Rückkehr auf das ACC Tournament, in dem er aber noch sichtlich nicht in Wettkampfverfassung war. Nach nur zwei Spielen war für Virginia Schluss und Anderson blieb ohne Korberfolg. Knapp eine Woche später in der ersten Runde gegen Belmont blitzte nochmals Andersons Können auf, ehe in der zweiten Runde gegen Michigan State Schluss war. 



Andersons beste Trumpfkarte ist und bleibt seine atemberaubende Kombination aus Sprungkraft und körperlicher Stärke. Seine Arme und sein Oberkörper sind muskelbepackt und jederzeit gefechtsbereit, um jeden Gegenspieler an dessen physische Leistungsgrenze zu drängen. Auch im Rumpfbereich ist Anderson sehr stabil. Damit können vielleicht noch relativ viele NBA Spieler mithalten, allerdings sorgen die zeitgleich vorhandene Explosivität und Sprungkraft für ein Überraschungsmoment. 

All diese Tools haben unterschiedlichste Auswirkungen auf das Geschehen im Spiel. Defensiv ist er ein unangenehmer Kontrahent, der wegen seiner schnellen Füße selten zu überwinden ist. Aufgrund seiner Kraft ist lässt er sich auch nicht so einfach aus dem Weg schieben, wie so manch anderer Rookie. Im Angriff nutzt Anderson seine natürliche Anlagen, um bei Drives auch von härterem Körperkontakt nicht aus der Bahn geworfen zu werden. 

Unter Coach Bennett lernte Anderson sein Potential in der Verteidigung, das sich aus den beschriebenen anatomischen Gegebenheiten ableiten lässt, wirkungsvoller zur Entfaltung zu bringen. Im 1-1 ist Anderson nicht so leicht zu überwinden. Das kann für jeden noch so talentierten Offensivspieler eine sehr zähe Angelegenheit werden. 

Schnelle Füße, lange Arme, aktive Hände, ehrgeizige Einstellung: so liest sich das Einsatzpaket Andersons für die Verteidigung, das synonym für die Wunschliste eines Trainers verwendet werden kann. Besonders die Variabilität des Linkshänders kann ein entscheidender Vorteil sein. Am College verteidigte er die Positionen 1 bis 4 ohne Probleme. Zumindest auf den Außenpositionen sollte er auch in der NBA gute Karten haben. 

Ein Bereich, den Anderson eminent verbessern konnte, sind seine Closeouts. Als Freshman ließ er sich hier noch verhältnismäßig oft schlagen, da er zu ungestüm und ohne jegliche Technik auf die Schützen hinaus ins Leere stürmte. Doch mittlerweile ist Anderson ein Meister darin, guten Werfern die entscheidende Sekunde zum Abdrücken zu rauben, sie gleichzeitig aber auch nicht zu einem Drive einzuladen. Eine wichtige Eigenschaft für einen künftigen NBA Spieler.

In der Offensive ist Anderson nicht sonderlich wählerisch. Er nimmt, was die Verteidigung bietet. Das liest er oft sehr schnell und trifft folgerichtige Entscheidungen. Im Idealfall zieht er über seine linke Hand und schließt kraftvoll per Slam Dunk ab. Allerdings ist der Allrounder flexibel genug auf Hilfen zu reagieren, indem er beispielsweise Kickouts auf die Weakside, Durchstecker auf die Innenspieler oder aber akrobatische Abschlüsse als mögliche Antworten in Erwägung zieht. 

Die erstaunlichste Entwicklung war jedoch die rapide Verbesserung des Dreiers. Von knapp 30% in den ersten beiden Jahren steigerte sich Anderson in den ersten Saisonmonaten auf über 50% bei mehreren Treffern pro Spiel. Die technische Sauberkeit des Wurfes stieg in diesem Zeitraum massiv an, wodurch sich das konsequente Wurftraining über den Sommer auszahlte. Viele kleine Fehler konnte Anderson abstellen. Seine Hände sind nun stets bereit für den direkten Wurf nach Ballerhalt, er verzögert den Abwurf nicht mehr, indem er den Ball ein kleines Stück zurückzieht. 

Besonders letzteres tat er früher sehr gerne, was den Wurf gelegentlich wie ein unkontrolliertes Schleudern aussehen ließ. Zwar sank gegen Ende der Saison seine Quote, allerdings muss man hier zwei Dinge bedenken. Erstens hatten es die ACC Gegner irgendwann verstanden sich auf diese neue Dimension in Andersons Spiel einzustellen. Dadurch bekam Anderson ungewohnt wenig Zeit und Platz zum Sprungwurf. Dieser Umstand sollte sich durch häufige Wiederholung als Faktor verflüchtigen. 

Zweitens kann man die Quoten ab der Handverletzung nicht mehr hinzuziehen, da Anderson offensichtlich gehandicapt war und noch nicht die Sicherheit zur vollständigen Nutzung der Hand aufbringen konnte.

Sollte sich der Wurf verfestigen, gibt es kaum noch erkennbare Macken im Spiel des ehemaligen ACC Sixth Man. Doch dahinter verbirgt sich auch eine gewisse Problematik. Denn im Gegensatz zu so manch anderem Wing dieses Jahrgangs ist das Potential bei Justin Anderson allem Anschein nach fast ausgereizt. Er wird nie über den Status eines Rollenspielers hinauskommen, weswegen er zwar ein grundsolider Pick sein kann, allerdings wenig Hoffnung auf einen echten Steal birgt.


Im Wesentlichen sind noch zwei größere Kritikpunkte in seinem Spiel vorhanden, die einer Ausbesserung bedürften. Zum einen ist das Ballhandling des Dunkexperten noch nicht so erlesen, wie es sein könnte. Zu oft bremst ihn noch der Ball bei seinen Drives. 

Außerdem fehlt ihm die Option, mittels schnellem Crossover den Verteidiger aussteigen zu lassen. Das macht ihn für die Verteidiger sehr berechenbar. Daher steigt die Gefahr eines Turnovers mit jedem weiteren Dribbling. Gerade die rechte Hand könnte noch mehr Routine vertragen und auch beim Abschluss öfter zum Einsatz kommen. Um Offensivfouls zu verhindern wäre es außerdem gut, wenn der Athlet Ratschläge zu den Themen Stepbacks und Backup Dribblings erhalten würde.

Dem Junior fehlt noch etwas die Konstanz. Speziell offensiv wünscht man sich eigentlich mehr Zuverlässigkeit für einen Spieler seines Alters und seiner Fertigkeiten. Hin und wieder taucht Anderson einfach ab. Unauffällige Offensivleistungen können sich auch schnell auf seinen Fokus in der Verteidigung auswirken.

Auf rein körperlicher Ebene weist Justin Anderson sehr große Parallelen zu P.J. Tucker von den Phoenix Suns auf. Anderson ist jedoch ein bisschen größer und athletischer, hat dafür aber etwas weniger Kraft zur Verfügung. Auch spielerisch ähneln sich die beiden. Sie sind gute Rebounder für ihre Position, treffen den offenen Dreier und können mit ihren Drives Lücken reißen. Dazu kümmern sie sich mit Vorliebe über den besten Perimeter-Spieler des Gegners.

Anderson ist also ein sehr vielseitig veranlagter Spieler, der schon viel erlebt hat. Er kann einem NBA Team sofort helfen und als typischer 3-and-D-Spieler sollte Anderson auch einigermaßen sicher dank seines Profils unterkommen können. Eine länger andauernde NBA Karriere als Rollenspieler und Verteidigungsspezialist ist realistisch.