21 Mai 2015

21. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Kaum ein Spieler verkörperte im vergangenen Jahrzehnt besser, was eine komplette vierjährige Ausbildung am College für einen gewaltigen Unterschied ausmachen kann. Frank Kaminsky kam als schlaksiger Teenager auf den Campus in Wisconsin und schien mehrere Paralleluniversen davon entfernt zu sein, jemals auf einem NBA Parkett spielen zu dürfen. Vier Jahre später ist Kaminsky Spieler des Jahres und einer der vielseitigsten Offensivspieler dieses Draft-Jahrgangs. 

Bereits als Freshman gab ihm Trainer Bo Ryan regelmäßig Gelegenheiten in der rauen Big Ten erste Erfahrungen zu sammeln. Das ist keineswegs selbstverständlich, da Ryan ein Perfektionist ist, der keine Geduld für Freshman typische Fehler erübrigt. Schlechte Entscheidungen und Unkonzentriertheiten werden in der Regel ohne Umschweife quittiert. Von den üblichen Freshman Problemen konnte sich Kaminsky zwar nicht vollends freisprechen, dennoch zeigte er bereits eine gewisse Reife im Spiel. 

In seinem zweiten Jahr hatte der Hüne schon wesentlich effektivere Auftritte und konnte seine Produktivität steigern. Allerdings musste er sich immer noch mit der Backup Rolle hinter dem gestandenen Jared Berggren begnügen, wodurch seine Minutenzahl weiter beschränkt blieb. Dieser befand sich aber schon in seiner finalen Saison, sodass Kaminsky als Junior auf der Centerposition gesetzt war. Viele trauten ihm zu, die Lücke, die Berggren hinterließ, zufriedenstellend auszufüllen. Was dann jedoch folgte, hätten sich die kühnsten Optimisten wohl kaum ausmalen können. 

Im vierten Spiel als Starter ließ Kaminsky die Kinnladen aller Zuschauer, Experten und Analysten runterklappen. Er schoss North Dakota mit 43 Punkten im Alleingang aus der Halle. 16 von 19 Würfen fanden ihr Ziel, alle 6 Dreier rauschten durch das Netz. Plötzlich blickte die ganze Nation auf die Scoringmaschine aus Wisconsin, die aus dem Nichts ihren Turbo angeworfen hatte. Zur Einordnung: Zuvor hatte Kaminsky in zwei Jahren gerade 5 Mal zweistellig gescort bei einem Career-High von 19 Punkten. 

Von da an etablierte sich der Big Man als erste Option in der Swing Offense der Badgers und wurde zum Matchup Albtraum jedes Gegners. In dieser Konstellation führte er seine Farben bis ins Final Four. Im Elite Eight gegen Arizona demontierte er seine Gegenspieler nach Belieben und zelebrierte eine Galavorstellung, die auch die Scouts von seinen Qualitäten endgültig überzeugten. Doch statt sich nach der Final Four Teilnahme für den Draft anzumelden, entschied sich Kaminsky lieber dafür, sein letztes College Jahr anzutreten, obwohl er sicherlich in der ersten Runde gewählt worden wäre. Seine Begründung war simpel: Er liebe das Leben am College und wolle es in vollen Zügen genießen. Damit stieß er zunächst auf kritische Adern. Doch wer dem gewieften Ballkünstler daraus einen Strick drehte, musste sich spätestens nach den ersten Saisonwochen der abgelaufenen Spielzeit eines Besseren belehren lassen. 



Er setzte da an, wo er gegen Arizona aufgehört hatte und dominierte die Saison über jeden Gegner. Im März konnte er nochmals einen Zahn zulegen und war Wegbereiter zur Finalteilnahme der Badgers. Zwar fehlte im Endspiel dann die nötige Portion Glück, allerdings kann Kaminsky auf eine sehr erfolgreiche College Karriere zurückblicken.

Über die Jahre waren seine signifikanten Verbesserungen in der Offensive die größte Errungenschaften Kaminskys. Mit seiner nun erreichten Variabilität ist der 7-Footer nicht nur auf NCAA Ebene eine überragende Instanz. Selbst im Vergleich zu den meisten NBA Spielern verfügt Kaminsky über ein derart gut sortiertes Arsenal, dass er offensiv viele Rollen bekleiden kann, um seinem künftigen Arbeitgeber weiterzuhelfen. Als Go-to-Situation hat sich für Kaminsky das Pick & Pop herauskristallisiert. Er setzt dabei am liebsten den Block zu Baseline um dann frontal vor dem Korb an der Dreierlinie den Ball zu erhalten. Nach dem Passerhalt lässt Kaminsky seiner Kreativität freien Lauf. Er verfügt über ein sehr gutes Gespür über Situationen und liest die Defense ausgezeichnet. 

Sinkt der Verteidiger beim Close-Out sofort ab, um den Drive zu verhindern, netzt Kaminsky ganz lässig den Dreier ein. Dabei macht es für ihn auch keinen Unterschied, aus welcher Distanz, ob NCAA oder NBA, er abdrückt. Hat er erstmal einen oder zwei solcher Würfe getroffen, offenbart er seine wahre Stärke: Das Playmaking als Center. Schlechte Close-Outs attackiert Kaminsky sofort und schonungslos. Dabei ist ihm egal, ob er über seine rechte oder linke Hand zum Korb zieht. Er bevorzugt sogar eher seine schwächere linke Hand, die bei ihm genauso gut funktioniert, wie die rechte Wurfhand. 

Kommt keine Helpside oder ist die Hilfe verspätet, kann er mit Autorität abschließen. Sollte ihn doch jemand früh genug am direkten Zug zum Korb hindern können, folgt meist ein Spinmove. Dieser Pirouette schließen sich meist entweder ein hochprozentiger Abschluss, ein Foulpfiff oder ein präziser Pass auf die Weakside zum freien Schützen an. Kaminsyks Passgenauigkeit und Ballhandling rühren daher, dass er in der Highschool lange als Aufbauspieler durch die Hallen marschierte, ehe ihn ein später Wachstumsschub auf die Centerposition bugsierte. 

Doch nicht nur als Faceup Big Man kann Kaminsky im Pick & Roll/Pop nutzbringend sein. Über die letzten Jahre konnte er auch seine Schüchternheit im Lowpost ablegen und benutzt endlich seine hervorragende Fußarbeit und seinen guten Touch, um seinen Gegner mit Fakes und schnellen Bewegungen aussteigen zu lassen und anschließend dank seines weichen Handgelenks per Jumphook oder Fadeaway abzuschließen. 

Offensiv bietet Kaminsky also das komplette Paket. In den vergangenen Monaten konnte er zusätzlich auch noch einen Entwicklungssprung in Sachen Rebounding und Teamdefense hinlegen. Zwar sind beide Facetten des Spiels immer noch nur maximal durchschnittlich im Verhältnis zu anderen NBA Talenten ausgeprägt, doch man kann mittlerweile getrost sagen, dass er sein Team damit nicht mehr aus der Bahn wirft.



Nichtsdestotrotz stehen hinter Kaminskys Namen weiterhin einige Fragezeichen. Offensiv ist immer noch nicht ersichtlich, wie gut der ehemalige Dachs sein Spiel auf NBA Level adaptieren kann. Eine feste Position, auf die Kaminsky im Zweifelsfall immer gesetzt werden kann und ein wenig das Risiko mit ihm auf dem Feld hemmt gibt es nicht. Das scheint auf den ersten Blick bei den immer gelösteren Positionsbindungen in der NBA kein entscheidender Faktor zu sein, würde dem Rookie dennoch ein gewisses Maß an Rückhalt liefern. 

Die zweite Schwierigkeit, die seine Effizienz in einigen Bereichen des Angriffs einschränken wird, ist die wesentlich athletischere Spielweise der NBA. Auch wenn Kaminsky keineswegs fuß lahm ist, wird er dennoch nicht so leicht an seinen Gegenspielern vorbeiziehen können, wie noch am College. Damit entsteht eine weitere Problematik. Bereits in der NCAA hatte Kaminsky Probleme, stark abzuschließen, wenn er seinen Gegenspieler nicht vollständig hinter sich lassen konnte. Ihm fehlt noch die nötige Hüftstabilität, um Kontakt des Gegners ignorieren zu können. Daher wird er auch im Lowpost keine gute Angriffsoption darstellen, solange er nicht deutlich an Muskelmasse gewinnt. 

In der Defense wird Kaminsky besonders im 1-1 und bei der Bekämpfung des Pick & Rolls seine Schwierigkeiten haben. Speziell als Center aufgestellt wird Kaminsky in solche Situationen verwickelt werden. Im Lowpost ist er seinen Gegenspielern meistens hoffnungslos unterlegen, da seine physischen Nachteile viel zu offensichtlich herausstechen und seine wunden Punkte offenliegen. Mit viel Herz und Geschick kann er hier zwar phasenweise gut gegenhalten, doch für längere Phasen ist diese Konstellation ungünstig. 

Beim Pick & Roll muss man ein wenig abwarten, welche Verteidigungsstrategie sein neues Team bevorzugt nutzt, allerdings wird Kaminsky hier anfällig für Fouls sein, da er nicht die Schnelligkeit besitzt, die explosiven Guards der Liga vor sich zu halten. Doch selbst wenn er es schaffen sollte, mit diesen auf Tuchfühlung zu bleiben und sich nicht schon nach dem ersten schnellen Schritt geschlagen geben zu müssen, ist er als Rimprotector in etwa so furchteinflößend wie DeAndre Jordan von der Freiwurflinie. Hin und wieder kann er ein arglosen Guards zwar doch irgendwie überraschen und dessen Wurf abfälschen, doch von konstantem Ringschutz darf man nicht sprechen.


Aufgrund seiner ungewöhnlichen Spielweise ist es nur sehr schwer einen passenden Spieler zu finden, mit dem sich Kaminsky gut vergleichen lässt. Eine annähernd treffende Beschreibung gibt es wahrscheinlich nicht. Ein wenig erinnert Kaminsky an Brad Miller, der sich ebenfalls durch harte Arbeit zu einem sehr vielseitigen und schnörkellosen Spieler entwickelte. Allerdings kann Kaminsky wesentlich besser mit dem Ball umgehen und verbucht seine Assists eher durch lückenreißende Drives als durch geschickte Pässe vom Highpost wie Miller seinerzeit. 

Daher lohnt es sich eher den Blick auf europäische Spieler zu richten. Andrea Bargnani ist da schon ein treffenderer Vergleich. Bargnani ist (theoretisch) ein variabler Offensivspieler, der das Pick & Pop liebt, Dreier daraus trifft und mit Wurftäuschungen arbeitet, um anschließend zum Korb ziehen. Dem Italiener fehlt die Pass-Dimension und die Arbeitseinstellung Kaminskys, dafür ist er deutlich kräftiger und mit längeren Armen ausgestattet. 

Als Quintessenz müssen die GMs in der Draftnacht sehr genau abwägen, welche Seite der Ambivalenz sie stärker gewichten. Mit seiner offensiven Vielseitigkeit ist Kaminsky der Traum eines jeden Teams, das den gepflegten Small Ball praktiziert und einen vielseitigen 5er integrieren kann.  Doch selbst wenn er bei einem Team eher klassisch im Pick & Roll und Lowpost eingesetzt werden sollte, ist er nicht auf verlorenem Posten. Richtig eingesetzt sollte Kaminsky also auf jeden Fall mindestens ein solider Rollenspieler für die Offensive werden. 

Um es zu mehr zu bringen, muss Kaminsky entweder bei einem Team landen, das seine defensiven Schwierigkeiten kaschieren kann, oder er verbessert seine Verteidigungsleistung soweit, dass ein Team ihn bedenkenlos auf das Feld schicken kann. Letzteres ist mit seinen körperlichen Voraussetzungen verbunden, sodass er leider immer limitiert in Bezug auf seine Schnelligkeit und Sprungkraft sein wird. Zudem bleibt abzuwarten, inwieweit der College Senior noch an Gewicht zulegen kann und damit seine Stabilität erhöht.