25 Mai 2015

25. Mai, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Es gibt kaum einen Spieler in diesem Jahrgang, der körperliche und athletische Voraussetzungen mit vielfältigen Skills in einer Person vereint wie Christian Wood. Wood kombiniert das Können eines Flügelspielers mit dem Körper eines Innenspielers Der schlaksige Power Forward verbrachte zwei Jahre an der Universität in Las Vegas, wo ihm im zweiten Jahr der Durchbruch gelang. So verlockend all dies klingt, Wood hat vielleicht das größte Bust-Potential aller in der ersten Runde gehandelten Spieler.

Wood stammt ursprünglich aus Kalifornien. Doch verbrachte er auch die Anfänge seiner Highschool Zeit, ehe er ein Angebot der Findlay Prep aus Las Vegas erhielt und sich zum Wechsel dorthin entschied. Die Findlay Prep ist eine Talentakademie, an der Highschool Talente der gesamten Westküste und teilweise sogar aus anderen Regionen Amerikas gesammelt werden. Dort werden sie bereits unter sehr professionellen Bedingungen an das Top Niveau der NCAA herangeführt und sogar für die ersten Karriereschritte vorbereitet. Mit einer 35-1-Bilanz schloss das Team die Saison und Wood entschied sich dieses Mal, nicht den Wohnort zu wechseln und schrieb sich an der UNLV ein. 

Dort schien zwar durch die Draft-Anmeldung von Anthony Bennett jede Menge Spielzeit frei zu werden, allerdings waren Khem Birch und Roscoe Smith auf den großen Positionen gesetzt. Immerhin konnte Wood in seinen Minuten als Backup gute Ansätze zeigen und erste wichtige Erfahrungen sammeln. Größere Spielanteile hätte Wood aufgrund seines fragilen Körperbaus ohnehin kaum bekommen. Birch und Smith meldeten sich jeweils vorzeitig zum NBA Draft 2014 an. Da auch andere Spieler sich zu einem Schulwechsel entschieden, wurden mit einem Schlag sehr viel Spielzeit und auch viel Verantwortung frei. 

Wood war als Sophomore fast schon der alte Hase des Kaders, da viele Freshmen wichtige Rollen übernahmen. Als Starter auf der Position 4 konnte Wood seine Narrenfreiheit ausleben, weil Alphatiere im Kader gänzlich fehlten. Als Konsequenz daraus konnte Wood sehr viele Würfe in der Offensive nehmen und dort mit sehr viel Selbstvertrauen agieren. Da allerdings viele Spieler des Kaders eine ähnlich unverblümte Sicht auf die Dinge hatten, entwickelte sich das Thema Wurfauswahl schnell zu einem Kernproblem. Coach Rice schob diesem Verhalten keinen Riegel vor, sodass man - abgesehen von einem Sieg über Arizona, an dem Woods mit seinen individuellen Fähigkeiten den größten Anteil trug - keine sonderlich erfolgreiche Saison abliefern konnte. 

Stattdessen krebste das Team in der mäßig besetzten MWC durchs Mittelfeld und verpasste die Qualifikation zum NCAA Tournament. Wood schaffte es in keinem seiner beiden Jahre in die Postseason des College Basketballs, was ihm ein wenig als Makel anheftet. Für ihn persönlich war die Entscheidung, nun dem College den Rücken zu kehren, jedoch vernünftig. 

Einerseits kann er sich aufgrund seines Potentials noch eines einigermaßen sicheren Platzes im Draft sicher sein. Andererseits hätte sich auch die Situation für ihn am College nicht verbessert. Rice ist kein Trainer, der Spieler verbessert, die Teamchemie stimmte letzte Saison in weiten Teilen nicht und mit Stephen Zimmerman kommt ein Freshman für das kommende Jahr, der Wood Spielzeit streitig gemacht hätte.



Doch worin spiegelt sich Woods Potential genau wieder? Schließlich ist das ein sehr weitreichender Begriff, der viel Spielraum für Interpretationen aller Art zulässt. Nun zunächst ist Wood für einen Sophomore noch verhältnismäßig jung. Er wird erst unmittelbar vor der NBA Saison 20. Dazu bringt Wood sehr verlockende körperliche Voraussetzungen mit, die ihn vom Gros der anderen Youngster abspalten. Wood ist 2,11m und hat extrem lange Arme. 

Gleichzeitig ist er jedoch äußerst koordiniert in seinen Bewegungsabläufen und weist eine hohe Beweglichkeit und gute Mobilität auf. Ein hohes Tempo ist für ihn kein Problem, es spielt ihm sogar eher in die Karten. Fügt man dann noch als letztes Teil des Puzzles hinzu, dass Wood basketballerisch bisher sehr rudimentär geschult wurde und trotzdem bereits ein effektiver Scorer und Shotblocker sein kann, blitzt im Auge jedes General Managers die pure Gier im Auge auf.

Offensiv ist Wood sehr vielseitig veranlagt. Am liebsten erhält er am Highpost den Ball und attackiert seinen Gegenspieler im 1-1 aus dem Faceup heraus. Am College waren die meisten Gegenspieler deutlich kleiner, was Wood geschickt ausbaldowerte. Seine einfachste Lösung war der Mitteldistanzwurf, den er recht sicher verwandeln kann. 

Gefährlicher wird es für die Defense jedoch, wenn Wood seinen schnellen ersten Schritt und anschließend sein Bewegungstalent ausspielt. Oft dribbelt Wood mit der rechten Hand mitten in die Zone, um sich mit einem Spinmove den nötigen Platz zum Abschluss zu verschaffen. Genau auf diese Weise gewann er für UNLV das Spiel gegen Arizona im Alleingang, da es keinen Gegenspieler gab, der ihn effektiv stoppen konnte.



Auch defensiv kann Wood seinem Team helfen. Mit seinen langen Armen und seinem guten Timing stechen besonders zwei zentrale Teilaspekte der Verteidigungsleistung hervor: Das Rebounding und das Shotblocking. Beim Rebound nutzt Wood seine Krakenarme und seine guten Hände sehr zielgenau. Meistens tippt er den Fehlwurf aus dem Getümmel nach oben greifender Arme in sichere Gefilde, wo nur er eine Chance hat, den Ball zu sichern. 

Als Verteidiger unter dem Korb lauert Wood darauf, dass ein Guard verwegen genug ist, einen Abschluss zu versuchen. Korbleger finden in der Regel ihr Reiseziel in den Armen des langen Forwards. Wood hat ein gutes Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zum Verlassen des Bodens und weiß genau, wie er seine Gliedmaßen zur Geltung bringen muss. 

Sehr interessant ist generell, dass Wood alle Anlagen mitbringt, um ein moderner Vierer in der NBA zu werden. Er weiß genau, wie er mit dem Leder umgehen muss und könnte durchaus zu einem tödlichen Schützen aus dem Dreipunktebereich reifen.

Allerdings ist keineswegs gewiss, ob Wood wirklich in der Lage ist, solche Leistungssprünge zu vollführen. Denn man kann seine Zeit am College kaum zu Rate ziehen. Im Prinzip hat er sich spielerisch und körperlich zwischen seinem Freshman und Sophomore Jahr kaum verbessert. Seine stärkeren Statistiken sind vorwiegend auf die deutliche größere Minutenzahl zurück zu führen. 

Die Frage lautet natürlich, ob er schlicht nicht fähig war, sich zu verbessern, oder es dafür in diesem Umfeld keinerlei Möglichkeiten gab. Auf dem Feld schien Wood jedenfalls nicht besonders lernfähig zu sein, da er im März noch die selben Fehler beging wie im Dezember. 

Was jedoch jedem klar sein sollte ist, dass Wood auf Anhieb keinem NBA Team wirklich helfen wird. Dafür ist er körperlich einfach noch viel zu schwach. Bevor sein künftiger Trainer ihn in das Haifischbecken NBA schubsen kann, muss Wood erst noch genug Muskelmasse aufbauen, um seinen Kontrahenten Paroli bieten zu können. 


Auch in Sachen Explosivität gibt es für den eher schmächtigen Draftkandidaten noch viel Nachholbedarf. Auf NBA Ebene wird jede Aktion deutlich schneller durchgeführt, weshalb Wood hier oft das Nachsehen haben würden, da er selbst am College teilweise ein Schritt zu langsam war. Sobald er jedoch mit einem gut trainierten Körper das Parkett betritt, sollte sich dieser Nachteil in Wohlgefallen auflösen. 

Was das Spielverständnis des Sophomores anbelangt, so lässt sich auch hier festhalten, dass Wood noch sehr viel Routine und Spielerfahrung sowie lehrreiche Tipps sammeln muss, damit er seinem Team nicht schadet. Er hat immer wieder Aussetzer, die dem Gegner einfache Körbe ermögliche. Das geht von verpassten Boxouts über allzu optimistische Blockversuche bis hin zu simplen Tiefschlafphasen bei der Verteidigung des Pick & Rolls oder der Defense im Teamverbund. Zudem muss sich Wood angewöhnen mit wesentlich mehr Härte auf dem Court seinen Aktionen nachzugehen.

Im Angriff täte der 2,11m-Mann ebenfalls gut daran, seine Fehlerquote drastisch zu reduzieren. Seine Bemühungen sind noch zu oft mit wilden Einzelaktionen und halsbrecherischen Drives übersät. Damit stört er den offensiven Fluss eines Teams und sorgt für viele verlorene Angriffssequenzen. Auch sein Jumper ist noch nicht konstant und verkümmert ungenutzt zu einer rein ästhetischen Grunderscheinung.

Eine einigermaßen ähnliche NBA Entsprechung zu finden, ist im Fall von Christian Wood gar nicht mal so einfach, da er einerseits als Spielertyp sehr unkonventionell geprägt ist und andererseits aufgrund seiner unsteten College Karriere in einem seltsamen Umfeld kaum zu bewerten ist. Am ehesten erinnert mich Wood an Donté Greene, auch wenn er eher als Small Forward auflief. Dieser war ebenfalls mit sagenhaften körperlichen Grundlagen ausgestattet und sogar noch beweglicher und explosiver als Wood. Allerdings konnte er das auf dem Feld nicht richtig demonstrieren und versteifte sich stattdessen lieber auf Jumper aus acht Metern, was ihn relativ zügig aus der Liga beförderte. 

Ob Woods weiterer Werdegang einen ähnlichen Verlauf nimmt, muss man abwarten. Man sollte Wood, weder positiv noch negativ, nach den ersten ein, zwei Jahren in die eine oder andere Ecke stellen. Sowohl verfrühter Hype (den ich aber für unwahrscheinlich halte), als auch harsche Kritik sollte man sich zunächst sparen.  Tendenziell ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Marschrichtung die gleiche wie bei Greene sein wird, jedoch leider sehr hoch. 

NBA-Teams sollten sehr vorsichtig bei seiner Wahl sein, da sie sich im Vorfeld genau überlegen müssen, welche Fähigkeiten des Forwards wirklich adaptiv auf die NBA sind und welche potentiellen Ressourcen er wirklich ausschöpfen kann. Bust und Senkrechtstarter liegen in seinem Fall eng beieinander.