30 April 2015

30. April, 2015  |  Axel Babst & Torben Adelhardt @CoachBabst @Torben41


Billy Donovan heißt seit heute der neue Head Coach der Oklahoma City Thunder. Die trennten sich nach sieben Jahren von Scott Brooks und ersetzen ihn an der Seitenlinie mit einem der erfolgreichsten und respektiertesten College-Trainer weit und breit. Wer ist Billy Donovan, was zeichnet seinen Coaching-Stil aus, und wie hilft er den Thunder weiter? NCAA-Cracks Axel Babst und Torben Adelhardt geben ein paar erste Antworten.


1. Wer ist Billy Donovan? Wie passt sein Coaching-Stil in die NBA und zu den Oklahoma City Thunder?

Torben Adelhardt: Donovan lernte sein Coaching-Fachwerk unter Rick Pitino und gehört ebenfalls eher der Kategorie "autoritärer Trainer" an. Er wäre nicht der erste Coach, der mit diesem Stil in der NBA scheitern würde. Die Thunder haben in den letzten Jahren eine klare Hackordnung um ihre Stars entwickelt, da muss Donovan sich auch erstmal zurechtfinden. Aus taktischer Sicht ist er jemand, der großen Wert auf die Defensive legt, dürfte also vor allem in diesem Bereich den Thunder einen wichtigen neuen Input liefern.

Axel Babst: Sein Coaching-Stil passt in der Offensive sehr gut zur NBA. Donovan lässt gerne und viel Pick & Roll laufen, weiß Schützen gezielt einzusetzen, lässt nicht viel Schnickschnack machen. Er versteht auch hervorragend, die Big Men in aussichtsreiche Position zu bringen. All das passt, denke ich, sehr gut zur Achse Westbrook-Durant-Ibaka. Donovan kann da sehr gut Plays aufziehen, die die Stärken aller drei Thunder-Stars hervorheben. Insgesamt ist
er eher ein Coach, der ein Spiel über die Defensive gewinnen will. Er hat bei Florida viel pressen lassen und eine gute 2-3-Matchup-Zone gespielt. Auch da passen die Thunder denke ich sehr gut zu ihm, weil er mit Russ und KD viel Länge hat, mit er arbeiten kann, und hinten Ibaka gezielt als “Torwart” eingesetzt wird.

2. Wie sieht's offensiv aus - ist er ein X & Os Upgrade gegenüber Brooks? Kann er das eindimensionale Offensivspiel der Thunder beleben?

Adelhardt: Ich glaube schon. Donovans Teams bestachen in der Offensive immer durch viele Screens (on/off-ball) und generell "Selbstlosigkeit" in der Abschlusssuche. Er könnte dem Angriff mehr Variabilität verleihen und für mehr off-ball Aktionen sorgen. Die Frage: Inwieweit wird er seine offensiven Vorlieben an das starlastige Spielermaterial in Oklahoma City anpassen. Er ist eigentlich kein Fan von ISO-Plays. Vielleicht sehen wir aber auch da eine leichte Abkehr und Anpassung bei ihm - es wäre nur konsequent, bei Spielern wie Kevin Durant und Russell Westbrook im Kader.

Babst: Donovan kann die Stärken seiner Mannschaft gut einschätzen und gezielt zur Entfaltung bringen. Davon wird die Thunder-Offense profitieren. Er lässt sehr einfache Sachen spielen, die aber immer so konzipiert sind, dass der richtige sSpieler am Ende den richtigen Abschluss bekommt. Er nutzt oft Horns Spielzüge, wobei er daraus dann verschiedenste Ausstiege wählt. Das kann ein Pindown für einen Schützen sein, ein Pick & Pop mit dem Aufbauspieler und einem Stretch Viere, ein Curl Play für einen athletischen Wing oder simple Pick & Rolls mit geschicktem Spacing. Auch Lob-Anspiele sind in seinem Repertoire. Durch all das werden Durant und Westbrook einerseits entlastet, müssen nicht alles selbst kreieren, sondern das System kann auch mal den Rollenspielern zu leichten Punkten verhelfen. Gleichzeitig besteht dennoch immer die Möglichkeit, dass die Ballhandler ihre individuelle Klasse ausleben.


3. Was ist Donovan für ein Typ? Wird er vor allem mit dem enigmatischen Russell Westbrook klarkommen - oder fliegen die Fetzen?

Adelhardt: Ich sag mal so: Ich sehe Donovan als einen Coach, der für seine Prinzipien einsteht und von seinen Spielern, hart formuliert, "Gehorsam" und Einsatzbereitschaft einfordert. Er ist vielleicht nicht ganz so ein Hardliner wie Coaching-Ziehvater Pitino, der mit seinem Stil in der NBA damals bei den Boston Celtics gescheitert ist. Er wird sich auch auf den eigenwilligen Menschen Westbrook einlassen und ihm in verschiendenen Bereichen sogar entgegen kommen. Ist Konfliktpotential vorhanden? Definitiv. Aber ich würde nicht im Vorfeld davon sprechen, dass uns zwangsläufig eine Situation wie bei Carlisle/Rondo bevor steht.

Babst: Donovan macht klare Ansagen und fordert auch, dass die Spieler sie einhalten. Das lässt sich vielleicht ganz gut am Beispiel Scottie Wilbekin illustrieren. Wilbekin war der kreative Kopf der Gators, hat sich abseits des Courts aber gerne mal daneben benommen. Das hat Donovan gnadenlos sanktioniert und ihn mehrfach während der langjährigen Zusammenarbeit suspendiert. Das hat wilbekin aber irgendwann angenommen und sich spielerisch extrem verbessert. Wilbekin ist kein Einzelfall. Donovan belohnt harte Arbeit (hat den ehemaligen Student-Manager Jacob Kurtz mit einem Stipendium ausgestattet und in die Rotation aufgenommen) und weist auch hochbetuchte Talente gerne mal in die Schranken. Das Zusammenspiel mit Westbrook wird also sehr interessant zu beobachten sein. Wenn Westbrook sich an Donovans vorgaben hält, werden sicher beide davon profitieren. Die frage ist, ob Westbrook sein Ego hinten anstellen kann bzw. inwieweit Donovan bereit ist, Eingeständnisse zu machen. Durch seine langjährige Arbeit mit NBA-Talenten unterschiedlichen Charakters sollte es Donovan aber vergleichsweise geschickt gelingen, da eine gute Beziehung zu seinem Star aufzubauen.

4. Sind die Thunder mit Donovan potentiell besser als mit Brooks? Ist der Titel drin?

Adelhardt: Just for the Record: Miese Frage, Seb. Aber ich versuch trotzdem mal die positiven Vorzüge, die mit der Verpflichtung einhergehen, zu nennen. Donovan ist ein herausragender Coach, wenn es um die Entwicklung junger Talente geht. Das hat er bei Florida jahrelang bewiesen und hier ist er Brooks deutlich voraus. Die Thunder haben noch einige junge/interessante Spieler in ihren Reihen, denen Donovan vielleicht ein besserer Übungsleiter sein kann, als es Brooks gewesen ist. Er könnte in der Offensive für mehr Variabilität, aber besonders auch in der Defensive für Aufschwung sorgen. Aus rein taktischer Sicht ist er mit Sicherheit ein Upgrade. Wie aber sieht es mit den anderen Faktoren aus? Er ist in der kommenden Saison ein Liganeuling und wird auch erst mal seine Eingewöhnung im NBA-Alltag brauchen. Auch ein so qualitativ hochwertiger Kader ist Neuland, so dass nicht alles gleich perfekt laufen wird.

Babst: Die Championship ist sicher möglich. Donovan konnte am College aus überdurchschnittlichem Spielermaterial mit viel Erfahrung eine Fast-Meistermannschaft (2013) formen. 2006 und ’07 hatte er eine NBA-würdige Starting Five und konnte Back to Back Champ werden. Zudem konnte er in den vergangenen Jahren mit diversen Jugendnationalmannschaften überragend souverän inernationale Titel einheimsen. Dabei musste er auch aus talentierten und teils arroganten Einzelkönnern in kürzester Zeit eine Einheit formen. Der Knackpunkt wird wohl tatsächlich sein, inwiefern er mit Russell Westbrook zurecht kommt. Sollten die beiden harmonieren, sollte einer Meisterschaft nichts im Wege stehen (die Gesundheit aller Stars vorausgesetzt).

5. Unterm Strich: Gute Entscheidung also für OKC?

Adelhardt: Aus meiner Warte heraus: Ja, ich mag die Entscheidung. Donovan ist ein absoluter Mann vom Fach, der mit einem  (fitten!) OKC-Kader großartige Dinge erreichen kann. Es wird am Anfang auch bestimmt Schwierigkeiten geben, doch Stand heute steh ich dem Pick positiv gegenüber.

Babst: Von allen College Coaches ist Donovan sicherlich die beste Option für einen NBA Club. Sein Stil ist dem der NBA insgesamt sehr nah, er hat bereits viele NBA Talente gecoacht (Horford, Noah) und auch international Erfahrungen sammeln können. Seine Offense passt gut zum Personal der Thunder, sodass sie sehr gut funktionieren sollte. In der Defense muss man ein wenig abwarten, wie stark Donovans Einfluss ohne Presse und Matchup Zone sein kann, aber auch hier schätze ich Donovan so ein, dass er Mittel und Wege finden wird. Durant scheint ja auch ein Befürworter Donovans zu sein. Also eine gute Entscheidung, sofern die Kombination mit Westbrook funktioniert.