18 April 2015

18. April, 2015  |  Marc Lange & Mattis Nothacker @godzfave44


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
Wie wichtig die reguläre eben doch ist, zeigt das Beispiel dieser Erstrundenserie zwischen zwei der besten Mannschaften im gesamten Playoff-Feld: Los Angeles trifft als Drittplatzierter auf den amtierenden Champion San Antonio Spurs.

Die Texaner nutzten einen furiosen Schlussspurt, um sich vor dem letzten Spieltag die Chance auf Setzplatz zwei zu erkämpfen - was ebenfalls ein mögliches Aufeinandertreffen dieser beiden Teams angesetzt hätte, wenngleich eine Runde später.

San Antonio verlor sein letztes Saisonspiel gegen New Orleans, was die Wasservögel bekanntlich in die Playoffs bugsierte, die Spurs aber hinab auf Rang sechs beförderte. Von dort aus starten die also zu ihrer Titelverteidigung.

Die Clippers hätten es nicht viel schwerer erwischen können. Lohn für die Mühen sieht sicherlich anders aus, aber der Weg ins mögliche Conference- oder sogar NBA-Finale wäre für die Mannen von Doc Rivers ohnehin nur durch San Antonio gegangen. Ob jetzt oder eine Runde später, spielt im Endeffekt keine Rolle.

Die direkten Duelle während der regulären Saison endeten Unentschieden, zwei zu zwei. San Antonio gewann die ersten beiden Partien, L.A. die nächsten beiden. Interessant: Die Spurs traten nur einmal in Bestbesetzung an - und wurden prompt mit 20 Punkten aus der Halle geballert.



Warum Los Angeles gewinnt
Jetzt oder nie! Die Clippers spielen, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen, 2015 verdammt guten Basketball. "Lob City" startet mit 14 Siegen aus den letzten 15 Spielen in die Postseason. Sie haben das beste Offensiv-Rating der gesamten Liga (112.4) und eine deutlich verbesserte Defensive seit dem All-Star Break.

Hinzu kommt ein überragender Chris Paul. Der kleine General wirkt diese Saison so angestachelt wie noch nie. Zum ersten Mal in seiner Karriere hat CP3 alle 82 Spiele auf dem Buckel und spielt zudem seit Monaten auf MVP-Niveau. Er ist bereit. Seine Mitspieler sind es auch. Und dieses Jahr wird San Antonio die Clippers nicht aufhalten.

Die Offensive wird der Schlüssel zum Erfolg sein: Die drei wichtigsten Angreifer spielten in den letzten 15 Partien der regulären Saison wie entfesselt: Paul, Blake Griffin und J.J. Redick erzielten in diesem Zeitraum jeweils mehr als 20 Punkte im Schnitt, und das bei über 50% aus dem Feld.

Damit wird San Antonio zu kämpfen haben. Hinzu kommt, dass niemand geringeres als die personifizierte Mikrowelle rechtzeitig zum Start der Playoffs seinen Platz als sechster Mann wieder einnehmen wird: Jamal Crawford.


Als Einheit funktioniert dieses Gespann, dank Pauls Playmaking-Künsten und Doc Rivers‘ gutem Auge, nahe an der Perfektion. Jeder Cut ist pfeilschnell, jeder Block millimetergenau gestellt. Paul organisiert seine Kameraden makellos. Es herrscht ständige Bewegung. Jeder Spieler erfüllt bedingungslos seine Aufgabe – auch, wenn er während der gesamten Angriffssequenz nicht einmal das Spielgerät in die Hände bekommt.

Genau diese Disziplin wird auch nötig sein, um über das eher schwache Perimeter Shooting hinwegzutäuschen. Redick ist in dieser Kategorie zwar einer der Besten der Liga, aber der Rest ist, abgesehen von Paul, höchstens Durchschnitt, meist darunter.

Natürlich stellen die alten Hasen aus San Antonio immer noch eine der besten Defensiven (Platz 3) in der NBA. Aber kann sich diese gegen die Offensive der Clippers, die präzise wie ein Schweizer Uhrwerk läuft, wirklich behaupten? Ein Blick auf die nackten Zahlen wird selbst die Altstars aus Texas leicht nervös werden lassen: die Clippers haben in drei der vier direkten Aufeinandertreffen in dieser Saison durchschnittlich 114 Punkte erzielt.

Obwohl hier der Dritte auf den Sechsten trifft, sehen viele Experten die Spurs als den eigentlichen Favoriten an. Nicht ganz zu unrecht. Immerhin sind sie amtierender Meister. Zur richtigen Zeit hat Coach Pop seine Veteranen (mal wieder) wachgerüttelt und den Schalter von „nun sind sie wirklich zu alt“ auf „oh nein, sie sind immer noch nicht zu alt“ umgelegt.

Allerdings darf nicht vergessen werden, dass den Spurs hier nicht das gleiche Matchup wie 2012 bevorsteht. Auch die Clippers verfügen mittlerweile über viel Playoff-Erfahrung und mussten bereits äußerst schmerzhaftes Lehrgeld zahlen. Doch das hat sie auch reifen lassen: Paul ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens angekommen, DeAndre Jordan spielt wie ein legitimer Defensive Player of the Year und Griffin hat sein Repertoire im Angriff enorm verbessert.

Ein sang- und klangloses Ausscheiden wie vor drei Jahren wird definitiv nicht passieren. Viel mehr wird es dieses Mal den amtierenden Champion treffen. Denn die Zeit der Clippers ist jetzt. Oder nie.  



Warum San Antonio gewinnt
2012 standen sich die San Antonio Spurs und die L.A. Clippers zuletzt in den Playoffs gegenüber. Das Ergebnis der Serie: 4-0 San Antonio. Viele mögen meinen, dass sich das anstehende Duell nicht mit dem vor drei Jahren vergleichen lässt. In Wirklichkeit hat sich aber seitdem gar nicht so viel geändert.

Auf Seiten der Clippers bilden nach wie vor Paul, Griffin und Jordan die Korsettstangen. Pauls Leistungen sind auf dem gleichen Level geblieben, Griffin trifft den Jumper nun ein bisschen besser und Jordan ist weiterhin der Defensiv-Anker, der sein Freiwurf-Problem einfach nicht in den Griff bekommt.

Die Ergänzungsspieler sind nun andere. Für die wilden Aktionen ist Crawford statt Nick Young zuständig. Für die harte Arbeit unterm Brett opfert sich heute Glen Davis anstelle von Kenyon Martin. Den Edel-Shooter gibt nicht mehr Caron Butler, sondern Redick.


Bei den Spurs spielt Tim Duncan auch mit fast 39 Jahren noch auf All-Star-Niveau. Manu Ginobili und Tony Parker sind nicht mehr so schnell wie früher, doch in ihre Fußstapfen ist Kawhi Leonard getreten, der sich auf dem Sprung zum Superstar befindet. Stephen Jackson, DeJuan Blair und Gary Neal haben das Team verlassen, dafür sind nun Marco Belinelli und Aron Baynes an Bord.

Klar, es wird eine andere Serie sein als vor drei Jahren. Die Spieler haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt, die Kader sehen etwas anders aus. Zudem sitzt bei den Clippers mit Doc Rivers ein anderer Trainer auf der Bank.

Letztendlich hat sich aber zu wenig verändert, als dass Los Angeles die Serie dieses Mal für sich entscheiden könnte. Der Heimvorteil und die unstetigen Leistungen von Parker spielen den Clippers in die Karten, aber sonst? Nach wie vor lastet viel zu viel auf den Schultern von Paul, der als einziger die Spurs-Defensive wirklich ins Schwitzen bringen kann.

Was den Ballvortrag angeht, wird er im Grunde nur von Crawford unterstützt, der jedoch oft übereilte Würfe nimmt und alles andere als ein Pass-First-Spieler ist. Redick hat sich bei den Clippers hervorragend entwickelt und floriert in Rivers Spielsystem, wo er wie einst Ray Allen bei den Celtics um Blöcke läuft und dann Dreier einnetzt. Doch um konstant in die Zone zu penetrieren, fehlt ihm die Schnelligkeit und Athletik. Von Barnes darf man offensiv nicht mehr erwarten als den einen oder anderen Dreier oder Fastbreak-Korbleger. Jordan ist, was das Punkten angeht, ebenfalls enorm limitiert und wird wohl immer wieder in „Hack-a-Jordan“-Phasen ausgewechselt werden müssen.

Die Spurs können weiterhin auf ihre Big-Three zählen. Duncan ist in bestechender Form und ist sogar einer der Favoriten auf den Defensive Player of the Year Award. Ginobili geht gesund und ausgeruht in die Playoffs. Parker brennt darauf, allen zu zeigen, dass er nach wie vor ein Elite-Point-Guard ist.

Die paar Prozent, die durch den Alterungsprozess von Parker und Ginobili verloren gegangen sind, werden von Leonards unglaublicher Entwicklung locker wettgemacht. Der als „LeBrons Kryptonit“ bekannte Small Forward hat sich schon längst einen Namen als gefürchteter Verteidiger gemacht.

In dieser Saison aber hat er endgültig bewiesen, dass er auch offensiv ein Superstar sein kann. Wenn es bei den Spurs mal nicht mit den Systemen klappt und der Ball nicht so laufen will, wie er es sonst tut, dann kann Gregg Popovich heute beruhigt ein Isolation-Play für Leonard laufen lassen, um zu Punkten zu gelangen.

Die Clippers mögen sich seit 2012 verbessert haben. Die Serie wird also sicherlich knapper ausfallen als letztes Mal. Doch um den Titelverteidiger zu schlagen, reicht es für L.A. immer noch nicht.



Stat-Salat
1217 Minuten mit einem hervorragenden Net-Rating von plus 17.7 spielte die Starting Five der Clippers zusammen. Keine 5-Mann-Lineup spielte mehr Minuten.

Sortiert man alle Teams der Liga nach der durchschnittlichen Punktedifferenz, treffen hier das zweitbeste (Clippers) und das drittbeste (Spurs) Team der Liga bereits in der ersten Playoff-Runde aufeinander.

Die Clippers erzielen mit 24.0 Punkten pro Spiel durch Pull-up Shots die meisten der Liga.

Seit dem Allstar-Break stellen die Spurs die beste Offensive und die viertbeste Defensive der Liga und sind in beiden Kategorien sogar besser die Warriors. Upset-Potenzial!

In keiner Offense wird mehr Wert auf Player-Movement gesetzt als bei den Spurs. Bei der Durchschnittsgeschwindigkeit belegen die drei Spurs Point Guards die Plätze eins, zwei und drei von allen Spielern mit mindestens 20 absolvierten Partien.


(Stat-Salat via @TwoWayGame)



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