18 April 2015

18. April, 2015  |  Wolfgang Stöckl & Jeremias Heppeler @WStckl @RisseimAsphalt


Playoffs, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt geht es ab diesem Samstag endlich ans Eingemachte. Sagt euren Familien 'Lebwohl', lasst euch krank schreiben, deckt euch mit Proviant ein und besorgt euch ein Sitzkissen... In den nächsten acht Wochen ist Basketball! Natürlich auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - ohne großes Geschwafel, straight auf den Punkt!


Entrée
Cleveland Cavaliers gegen Boston Celtics. Division-Champion gegen Team mit negativer Bilanz. 53 Siege gegen 40 Siege. Stars gegen Ergänzungsspieler… die Rollen sind klar verteilt.

Nachdem die Cavaliers etwas holprig in die Saison starteten, gehörten sie nach zwei separaten Januar-Trades zu den besten Teams der Liga. Die Celtics konnten nicht einmal die Hälfte ihrer Spiele gewinnen - legten in Saisonhälfte zwei und zahlreichen Trades aber ebenfalls gehörig zu und haben nicht mehr viel gemeinsam mit dem Kellerkind zu Beginn des Jahres.

LeBron James’ Cavaliers sind natürlich haushoher Favorit und jeder, der auf ein anderes Ergebnis als “Cavs in 4 oder 5” tippt, jagt einen Außenseitertipp. Dass die Celtics den Cavs ernsthaft gefährlich werden könnten, davon geht so gut wie niemand aus. Trotzdem gibt es Argumente, die dafür sprechen, dass es für das Nummer zwei Team schwerer werden könnte als gedacht.

Cleveland hat die klar besseren Einzelspieler. Wenn diese es schaffen, ihr volles Leistungsniveau abzurufen, werden die Cavaliers die Serie locker gewinnen. Die Celtics können ihnen dennoch wehtun, wenn sie die vorhandenen Schwachstellen des Gegners konsequent angreifen. Wichtig wäre dafür, gleich zu Beginn, also einer der ersten beiden Partien, Wirkungstreffer zu landen, um die Cavs aus ihrer Komfortzone zu holen.  



Warum Cleveland gewinnt
Zwei Worte: Individuelle Qualität. Die junge Boston-Truppe ist zwar homogen, macht unheimlichen Spaß und besitzt das urtypische Celtics Kämpferherz, aber nüchtern betrachtet ist das Team gegenwärtig „nur“ eine von Brad Stevens perfekt eingestellte Maschinerie aus Rollenspielern (abgesehen von Isaiah Thomas' Offensiv-Fähigkeiten).

Und genau das ist der Grund, warum man in Cleveland verdammt gut mit Boston als Erstrundengegner leben kann, beziehungsweise durch die beiden abgeschenkten Partien im Saison-Endspurt sogar gezielt die Celtics auf den 7. Rang hievte.


Die Cavaliers sind seit den dringend benötigten Kader-Nachjustierungen das wohl eindrucksvollste Ost-Team – Überraschungsei Timofey Mozgov verleiht dem Team defensive Stabilität, Iman Shumpert und J.R. Smith Qualität auf dem Flügel.

Und obwohl Kevin Love immer oft noch auf Sparflamme köchelt, rücken die Cavs mit einer offensiven Urgewalt an, welcher die tapferen Kelten schlicht und einfach nichts entgegenzusetzen haben. Gerade unter dem Korb werden sich die nicht gerade für ihre Rim-Protection bekannten Zellers, Sulingers, Olynynks und Basses dieser Welt immer und immer wieder mit der penetrierenden Dampfwalze LeBron James und seinem ebenfalls formidabel zum Korb ziehenden Co-Star Kyrie Irving konfrontiert und sich zusätzlich von eine Fülle an fähigen Schützen umstellt sehen.

Ein Horror-Matchup, obwohl mit Smart und Bradley bockstarke Perimeter-Verteidiger parat stehen. Offensiv fehlt es den Celtics (abgesehen von Duracell-Thomas) an echten Optionen, die auch auf Playoff-Niveau konstant gegen die Truppe aus Ohio punkten können.

Zusätzlich kann wohl auch argumentiert werden, dass für ein Team wie Cleveland und vor allem für LeBron James, die Saison erst in den Playoffs beginnt. Die Cavs sind, ähnlich wie die Heat in den vergangenen Jahren, vor allem für die Postseason auf- und zusammengestellt worden. James selbst ist die zentrale Spielfigur, die Schachkönigin, der Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, seine Mitspieler haben klar definierte und zugewiesene Rollen.

Innerhalb dieses Systems funktionierten insbesondere Smith und Irving, die in der Vergangenheit auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen Probleme mit zu viel Verantwortung hatten, zuletzt extrem effektiv. Beide sind jederzeit für eine Computerspielmäßige Scoring-Explosion gut. Sollte Kevin Love in den Playoffs aus seinem Winterschlaf erwachen, wird es sogar einen Sweep hageln. Realistisch ist den Celtics nicht mehr als ein Sieg zuzutrauen.



Warum Boston gewinnt
Oft wird vergessen, dass die Mannschaft der Celtics eigentlich so erst seit Anfang Februar steht. Davor sah dieses Team noch komplett anders aus. Seit in die Rotation und den Kader der Celtics Konstanz gekommen ist, hat die Mannschaft eine sehr respektable Bilanz von 24-12. Die Cavaliers sind mit 26-10 im gleichen Zeitraum gar nicht so viel besser.

Die meisten Spieler bei den Celtics spielen ihre ersten Playoffs oder haben wenig Erfahrung, aber sie haben auch nicht den Druck, dass alle einen klaren Sieg von ihnen erwarten. Natürlich hat LeBron James schon jetzt mehr Playoffspiele absolviert als der durchschnittliche NBA-Spieler in einer ganzen Karriere, aber er kann die Serie nicht im Alleingang gewinnen.

Besonders Kyrie Irving und Kevin Love werden gefragt sein, die beiden wissen noch nicht wie sich Playoffs anfühlen. Gerade für Irving haben die Celtics zwei perfekte Kettenhunde im Kader. Avery Bradley und Marcus Smart gehören zu den besten On-Ball Verteidigern der Liga, sie werden Irving unter Druck setzen wo es nur geht und ihm das Leben schwer machen.

Bei Love bleibt den Celtics die Hoffnung, dass die Cavs ihn weiterhin als reinen Spot-up Shooter nutzen und sein Einfluss dadurch beschränkt sein wird.  Der Druck auf Irving und Love wird sehr schnell sehr groß werden, wenn es nicht von Beginn an gut läuft - insbesondere wenn eines der ersten beiden Spiele nicht gewonnen wird. Gut möglich, dass sie dann verkrampfen.

Nach nur zwei Saisons besitzt Brad Stevens schon den Ruf einer der besten Coaches der Liga zu sein. Aktuell wird er mit Lob überhäuft, weil er eine Mannschaft, die eigentlich bestimmt war, in der Lottery zu landen, in die Playoffs geführt hat. Seine Spielzüge nach Auszeiten werden schon jetzt von vielen Experten als Lehrbeispiele verwendet. Schon als Coach bei Butler war es Stevens' Spezialität, mit einem Underdog die etablierten Unis zu schocken und weiter zu kommen, als ihnen zugetraut wurde.


Die Cavs sind am besten über ihre Defensive zu knacken. Zwar haben sie sich nach der Verpflichtung von Mozgov etwas verbessert, aber sie erlauben ihren Gegnern immer noch eine Quote von rd. 62% direkt am Korb - viertschlechtester Wert der Liga. Irving, Smith und Delladova sind nicht in der Lage gute Guards am Zug zum Korb zu hindern. Mozgov ist zwar kein schlechter Rim-Protector (46,6% Opp. FG), aber außer ihm ist kein Spieler weit und breit in der Lage den Gegner am Korb zu stören.

Außerdem steht Mozgov nur rund 25 Minuten auf dem Feld. In der restlichen Zeit ist freie Selbstbedienung in der Cavs-Zone angesagt. Eine Situation, wie gemalt für einen pfeilschnellen Guard wie Isaiah Thomas, der zu den Besten seiner Zunft beim Pick & Roll, dem Zug zum Korb und bei den Freiwurfversuchen gehört. Sicherlich werden die Cavs sehr schnell Shumpert gegen ihn stellen, aber damit schwächen sie gleichzeitig ihre Offensive. Und ob Shumpert Thomas wirklich aufhalten kann, ist auch fraglich.

Auch Love ist ein mieser Verteidiger. Ihn kann Stevens immer wieder in eins-gegen-eins Situationen gegen Brandon Bass bringen - einen athletischen Vierer mit explosivem Zug zum Korb und sicherem Mid-Range-Jumper. Er kann auch Jonas Jerebko (40% Dreier) oder Kelly Olynyk (35% Dreier) gegen Love stellen, um ihn aus der Zone zu ziehen. Wenn er Mozgov auch noch loswerden will, kann er auch beide gleichzeitig aufstellen.

Generell ist zu erwarten, dass Stevens Flexibilität über Positionen stellen wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir auf der Vier ausschließlich Bass, Jonas Jerebko und viel Jae Crowder sehen wird. Auch sporadische Minuten für Gerald Wallace sind aufgrund seiner immer noch guten Defensive möglich. Da die Cavs über viele gute Dreier-Schützen verfügen und besonders James diese in jeder Pick & Roll Situation sicher findet, wird Stevens so oft es geht versuchen, zu switchen und damit leben, wenn James dann eins gegen eins geht.

Auch Irving ist mit einem schnellen Power Forward besser in den Griff zu kriegen, als wenn z.B. Olynyk, Jared Sullinger oder Tyler Zeller im Pick & Roll übernehmen müssen. Diese drei werden voraussichtlich wenig bis gar nicht zusammen auf dem Feld stehen. Spacing und erhebliche Probleme in der Pick & Roll Defense sprechen eindeutig dagegen. Gut möglich, dass Stevens zwischendurch sehr klein spielt und z.B. Bass auf die Centerposition stellt, um jedes Pick & Roll zu switchen.

Diese Flexibilität im Kader ist eine große, kaum beachtete Qualität der Celtics. Stevens hat so viele unterschiedliche Spielertypen, die er je nach Bedarf einsetzen kann und die vor allem regelmäßig im Einsatz waren. Gar nicht auf dem Zettel dürften die Cavs zum Beispiel einen Spieler wie Luigi Datome haben, der wenig Einsatzzeit bekommt, aber der beste Schütze bei den Celtics ist (47% Dreier). Gut möglich also, dass Stevens ihn reinwirft.



Stat-Salat
Bei keinem Team bewegen sich die Spieler in der Offensive weniger als bei den Cavaliers. Auch beim Ball Movement sind die Cavs im hinteren Bereich der Liga angesiedelt. Macht die wenige Bewegung die Cavs zu ausrechenbar?

Die Cavs lassen von allen Playoff-Teams die höchste Trefferquote in Ringnähe zu (62.0%). Mit Mozgov auf der Fünf trifft der Gegner 59.2% seiner Würfe aus bis zu drei Fuss Entfernung. Tristan Thompson auf der 5 lässt im gleichen Zeitraum 65.1% zu.

Sixth Man of the Year? Wenn Isaiah Thomas auf der Bank sitzt, kriegen die Celtics in der Offensive nichts gebacken: Offensiv-Rating 98.8. Steht Thomas auf dem Parkett, springt der Wert auf fantastische 109.2 Punkte pro 100 Ballbesitze.

Direkt hinter den Offensiven der Hawks, Warriors und Clippers, die für ihre Ballbewegung und hohen Assistzahlen bekannt sind, findet man die Celtics, die sowohl beim Anteil der assistierten Würfe als auch beim Assist-zu-Ballverlust-Verhältnis auf dem vierten Platz rangieren.


(Stat-Salat via @TwoWayGame)



Die Rechnung bitte!