29 April 2015

29. April, 2015  |  Jeremias Heppeler  @RisseimAsphalt


Eins vorab: Ich hasse Mathematik. Zahlen sind meine Feinde. Noch heute sehe ich die mitleidigen, traurigen, leeren Augen meiner Mathe-Tutoren, die kopfschüttelnd signalisierten: Junge, du bist hier verloren. Keine Chance auf Überleben. Dann erfolgte der Gnadenschuss in Form einer binomischen Gleichung.

Auf meinem weiteren Lebensweg habe jeglichen Formen von Rechnungen und Zahlenkombinationen weitläufig umschritten und mich zunehmend Wörtern und Buchstaben gewidmet. Meine Interessen liegen im Bereich Kunst und Kultur. Am liebsten unterhalte ich mich über Musik und Filme. Und natürlich Sport!

Obwohl in süddeutschen Alltag vor allem Handball und Fußball omnipräsent waren, war es eine andere Sportart, die mich vollends in ihren Bann zog. Basketball. Genauer gesagt NBA Basketball. Das klassische Programm: Nachts aufstehen, während dem Spiel verpennen, Nachberichte pumpen, diskutieren. Podcasts, Blogs, Foren. Ihr kennt das!

Die spezielle Faszination dieser Sportart, der entscheidende Reiz, der diese Sportart von all den anderen Events unterscheidet, war für mich von Beginn an der Mythos, die Heldengeschichten, die die NBA stetig umwabern. Und tatsächlich gibt es wohl kaum eine Sportart, die so intensiv auf die eigene Geschichte rekurriert und diese vielleicht sogar zitiert, nachbildet, umschreibt.

Hier unterscheidet sich der NBA-Diskurs nur marginal von Hoch- und Popkultur, von griechischer Mythologie oder Mafia-Epen. Der Mythos ist allgegenwärtig, jeder kennt die Eckdaten, die legendären Schlachten, den ewigen Aufstieg und Fall. Wie einst ein Koloss namens Chamberlain Rekorde in Steintafeln meißelte. Die ewige Rivalität der beiden Titanen Bird und Magic. Michael Jordans Weg in den Olymp. Und wir hier in Basketball Deutschland haben zudem ein ganz eigenes Basketball-Märchen, den filmreifen und längst auf Zelluloid gebrannten Nowitzki-Epos – vom ewigen Verlierer auf den eisernen Thron.

Eines fällt hierbei ins Auge: Die meisten dieser Geschichten werden in den Playoffs geschrieben, in den Friss-Oder-Stirb-Zeiten. Das Playoff-System ist wie gemacht für die Heldengeschichten. Hier gibt es David gegen Goliath, hinfallen, aufstehen, Spiel 7, alles oder nichts. Der Verlierer wird vergessen oder mindestens gebrandmarkt. Nur dem Sieger gehört die Geschichte. Ein Wurf entfernt von der Ewigkeit. Merkt ihr, wie es kribbelt.

Soweit so gut, aber wohin jetzt mit diesem Text. Ich habe mich ein Stück weit in der Euphorie verlaufen, aber der Beginn mit der Mathematik kam eigentlich nicht von ungefähr. Denn eines Tages bin ich den Zahlen eben doch wieder ins Netz gegangen. Und zwar dort, wo ich es am wenigsten vermutete. Mitten im NBA-Kraftfeld.

Denn dieses und vor allem die deutschsprachige Community hat sich in den vergangenen beiden Jahren entscheidend gewandelt. Wo einst noch lineare Statistiken reichten, wo sich formidabel mit Points Per Game und Rebound-Raten argumentieren ließ, bist du heute auf verlorenem Posten, da wirst du und dein Wissen erbarmungslos den Löwen zum Fraße vorgeworfen.

Fortgeschrittener, tiefer, vielsagender müssen die Statistiken sein, Advanced Stats sind allgegenwärtig. Und das sowohl auf erster, wie auch auf zweiter Ebene. Nicht nur für die Video-Analysten und Hardcore-Spezialisten ist das Spiel heute pure Mathematik, nein, heute sind die wichtigsten Posten des NBA-Betriebs mit Nerds, mit Basketballbesessen besetzt, selbst für Gelegenheitsgucker sind Begriffe wie Player Efficiency Rating oder Usage Percentage kein Kauderwelsch, sondern einfaches Handwerkszeug.

Nur ich stehe dazwischen, die Kinnlade klatscht auf meine Laptopleiste. Das habe ich nie gewollt. Versteht mich nicht falsch: Ich verstehe die Wichtigkeit der Stats und ihre spezielle Bedeutung für Basketball. Die Anzahl der Possessions und Abschlüsse, die Vielzahl an Faktoren, die auf den Ausgang einer Partie einwirken, vor allem aber auch die Masse an Zahlen, die sich über die ewig lange Regular Season ansammeln, eignen sich formidabel für detaillierte, vielschichtige Analyse.

Und ja, Sport ist berechenbar, Sport ist Wissenschaft. Mehr noch: Diese Zahlen faszinieren mich. Ich bewundere jeden Analysten, der diese Zahlennetze durchschaut und in der Lage ist, sind sich diese vollends und auch homogen anzueignen. Es bleibt aber ein Problem: Ich kann das nicht! Und vielleicht will ich das auch nicht. Und aus dieser Unfähigkeit heraus, wurzelte dieses kleine Plädoyer, das im Prinzip den Aufruf starten sollte, sich auf die Grundwerte zurückzubesinnen.

Legt die Taschenrechner kurz zur Seite! Am Ende gilt eben doch nur eine Zahl: Das Endergebnis, dieser eine Punkt, der die eine Mannschaft mehr erzielt. Der Buzzerbeater, der das Spielt in der letzten Millisekunde kippt. Denn: (Achtung, es folgt ein aus dem Kontext gerissenes Zitat) „Ball Don't Lie!“

Die Wahrheit ist auf dem Platz. Sport ist unberechenbar. Gefühlt rückt die Wichtigkeit der Zahlen in den Playoffs doch ohnehin zurück. Hier geht es um das gewisse Etwas, jenes undefinierbare Momentum, dass Paul Pierce vor wenigen Tagen den Toronto Raptors absprach. Jenes Gefühl, dieser Flow, welcher besagter Paul Pierce auch noch im Rentenalter definitiv besitzt und mit 20 Punkten in Spiel eins gegen besagte Raptoren nachwies.

Dieser Moment, in dem alle Zahlen nichtig und überflüssig werden und hilflos aus der Matrix tropfen. Und wahrscheinlich geht es hier tatsächlich um „The Truth“, um die ewig geltenden Wahrheiten des Spiels. Um Heldentaten. Um Ellbogenchecks. Um den Triumph in der letzten Sekunde. Um Emotionen. Um Trashtalk Um Tränen. Um Wut. Um Freude. Um Siege. Um Unsterblichkeit. Um Alles. Um Alles? Ohje.

Und plötzlich: Dünnes Eis. Ich höre es schon knacken. Während ich die obige Aufzählung tippe, wird mir diese schwammige Abhandlung selbst zu romantisch, verklärt und auch ein bisschen esoterisch und ich wünsche mir fast eine detaillierte, aus allen Richtungen statistisch untermauerte Abhandlung über die Clutch-Fähigkeitkeiten von Paul Pierce. Hier geht es ja immer noch um Sport. Nicht um Rosamunde Pilcher. Also zurück in die Gedankenmühle.

Wahrscheinlich gibt es einfach keine finale Lösung. Im Endeffekt liegt der NBA-Reiz in der Ambivalenz. In der Tatsache, dass das Spiel einerseits wissenschaftlich, mathematisch, analytisch in seine Einzelteile zerpflückt werden kann und Spieler als Tabelle der Wahrscheinlichkeiten verstanden werden, andererseits aber in Emotionen gründet und auf Rivalitäten basiert, stetig Geschichte und Geschichten schreibt, unsterbliche Legenden erschafft.

Es gibt kein 'Richtig' und kein 'Falsch'. Es gibt nicht einmal die goldene Mitte. Nur einen schmalen, grandiosen Grat. Und verdammt noch mal: Es sind Playoffs! Das ist die beste Basketball-Zeit des Jahres. Also genießt das Spiel... auf eure Art und Weise.