01 April 2015

1. April, 2015  |  Tiago Pereira  @24Sekunden


Tyreke Evans steht allein an der linken Ecke der Freiwurflinie. Der Aufbau der New Orleans Pelicans sieht sich dem kleinerem Denver Nuggets Guard Garry Harris gegenüber. Der Spielzug ist klar als Isolation für Evans gedacht.

Evans Blick sucht aber nicht den Korb, sondern seinen Mitspieler - und findet diesen. Dank eines Blocks von Asik kann Anthony Davis unbedrängt in die rechte Ecke sprinten. Tyreke zögert keine Sekunde und spielt den Pass auf den freistehenden All Star. Kaum kommt der Spalding bei Davis an, steigt dieser zum Sprungwurf hoch.

Es ist der Moment, indem die Basketballwelt den Atem anhält. In einer perfekten Wurfform nimmt Davis den zehnten Dreier seiner Saison. Erst ertönt ein *klong*, als der Ball hart vom Ring abprallt, dann ein Seufzen der Erleichterung. Noch beherrscht Anthony Davis den Distanzwurf nicht.

Das Talent
Vor drei Jahren schrieb sich Anthony Davis für den NBA Draft ein, als einer der hochdekoriertesten Collegeabgänger aller Zeiten. In seinem einzigen Jahr an der University of Kentucky wurde Davis zum besten Freshman, Verteidiger und Spieler der SEC gewählt. Im März gewann er mit den Wildcats die Collegemeisterschaft und wurde im Sommer 2012 Olympiasieger mit der US-Nationalmannschaft in London. 

Zu diesem Zeitpunkt war Anthony Davis 19 Jahre jung. Während die meisten seiner Altersgenossen mit gefälschten Personalausweisen aus Bars geworfen wurden, trat Davis in Late Night Shows auf, schüttelte dem Präsidenten die Hand und machte ein modisches Fauxpas zur Kultbehaarung. 

Davis war der dominanteste Collegespieler seit Kevin Durant. Ein Ausnahmetalent ohne Starallüren, ohne Auserwählten-Tattoo und ohne Makel. Er galt als kommender Defensivanker mit einem offensiven Arsenal, welches Nostalgiker schwärmen ließ von Hakeem Olajuwons spielerischer Reinkarnation, gemischt mit einer Prise Kevin Garnett. 



Der Name Anthony Davis fiel selten ohne den Vergleich zu einem Hall of Fame Spieler. Dabei hatte der Frischling weniger Lebensjahre absolviert als die Veteranen NBA Spielzeiten. Dennoch sollte mit seinem Eintritt in die NBA eine neue Zeitrechnung beginnen.

Über 6000 Minuten auf dem Hardwood der besten Basketballliga der Welt liegen nun zwischen dem Jahr null und heute. Seit drei Jahren erwächst aus der Vorstellung „Anthony Davis“ ein Spieler. Es sind nicht nur Anzeichen von Dominanz, die wir sehen, wenn die Nummer 23 der New Orleans Pelicans über das Parkett gleitet. Es sind Signale – Warnsignale! 

Werfen wir alle Vergleiche über Bord, streichen wir jedes „Best-Case“ Szenario aus unserem Kopf, denn es ist sinnlos Anthony Davis einen Zenit zu geben. Die kommenden Worte beziehen sich auf einen 22-jährigen All Star, der diese Saison zu den zehn besten Spielern der Liga gehört. Einem Star, der erst in sechs Jahren in seiner physischen Blütezeit ankommen wird. Anthony Davis Entwicklung ist rasant, unaufhaltsam und schlichtweg atemberaubend.

Die Entwicklung
Das Spiel von Anthony Davis wirkt zeitlos, unorthodox und auf den ersten Blick verwunderlich. Davis bewegt sich wie ein Guard auf dem Feld. Seine Laufwege ziehen ihn nicht zwangsläufig zum Korb. Nicht aus Angst vor dem, was dort auf ihn wartet, sondern weil er mehr sieht, als nur die positionelle Komfortzone. 

Jeder würde erwarten, dass man einen knapp 2,10 Meter großen Spieler so nah wie nur möglich in der Korbnähe platziert, damit dieser seine physischen Vorteile ausspielen kann. Dies tun die New Orleans Pelicans auch, nur nicht mit Anthony Davis. Denn mit Ömer Asik befindet sich ein weiterer Riese im Kader von Monty Williams. Asik ist bei weitem kein offensiv vielseitiger Basketballspieler und seine Fertigkeiten im Abschluss der Innbegriff von grobmotorig. 

Was in früheren Generationen als Twin-Towers gefeiert wurde und als Garant für Dominanz galt, ist im heutigen Basketball der Tod des Spacings. Damit den Guards der Pelikane der Weg zum Korb nicht versperrt wird, spielt sich Davis' Arbeitsalltag nicht primär im Post ab. 

Malone ohne Stockton
Die einfachste Möglichkeit, einen Big Man abseits vom Korb in die Offensive zu integrieren, ist mittels Pick & Roll. Davis ist aufgrund seiner Physis und Athletik prädestiniert für diesen Spielzug und obendrein der Traum jedes Lob-freudigen Aufbaus. 

Mit 381 erzielten Punkten ist Davis mit weitem Vorsprung der erfolgreichste Abroller der Liga. Von 25 Spielern, die in dieser Saison mehr als 160 Mal als „roll man“ eingesetzt wurden, hat niemand einen besseren Punkteschnitt (1.19 Punkte pro Play) oder eine bessere Wurfquote (57,9 FG%) als Anthony Davis.

Das besondere daran ist, dass Davis nicht zwangsläufig zum Korb zieht, sondern vermehrt aus der Mitteldistanz abschließt. Sein Mitteldistanzwurf, besonders aus dem Catch & Shoot, hat sich innerhalb von drei Jahren von grauenhaft (28,1 FG% in der Saison 2012/13) zu äußerst respektabel (41,4 FG%) entwickelt. Ligaweit zählt er mittlerweile zu den wurffreudigsten Schützen von außen.


Auch wenn Davis noch nicht in die elitärsten Shooterkreise gezählt werden darf, ist sein Fortschritt erstaunlich. Diese Entwicklung ist es, die die GMs der Liga in Angstschweiß ausbrechen lässt. Davis ist erst 22 Jahre alt, aber schon jetzt der beste Big Man aus dem Pick & Roll heraus, ohne langfristig ein dazu gehöriges All Star Pendant gehabt zu haben.

Wenn die Entwicklung seines Sprungwurfs weiterhin derartig drastisch verläuft, sehen wir in 2-3 Jahren einen Spieler, der wie ein junger Dwight Howard zum Alley-Oop abhebt und á la Dirk Nowitzki drei Finger in die Luft strecken kann. 

Für immer Guard geblieben
Das wahre Genie hinter Anthony Davis Spiel befindet sich jedoch nicht in seinem Handgelenk oder in seinen Sprungfedern, sondern hinter seiner Augenbraue. Schon in Kentucky wurde Davis ein hoher Basketball IQ angedichtet, denn ihm scheinen der Blick und die Denkart eines Guards nie abhanden gekommen zu sein. 

Zwar sind seine Assistzahlen (2.0 APG) oder auch die ermöglichten Würfe für seine Mitspieler (3.7 Assist Opportunities) nicht sonderlich bemerkenswert, jedoch dafür die Tatsache, dass Davis die drittmeisten Pässe der Pelikane spielt (35.2). Davis wird nicht zum Ballstopper, sondern ermöglicht einen Fluss innerhalb des Offensivgeschehens. 

Auch wenn der Ball nicht durch Davis' Hände geht, weiß der Forward sich in das Spielgeschehen einzubringen. Mit Jrue Holiday und Tyreke Evans finden sich zwei aggressive Guards in der Rotation der Pelikane, die bei ihrem Zug zum Korb stets ein Auge für den freien Mann haben. Davis positioniert sich exzellent, um im richtigen Moment den Durchstecker seines Mitspielers zu verwerten. 

1.49 Punkte erzielt Anthony Davis pro Cut und befindet sich damit auch in dieser Kategorie an der Spitze der Rangliste. Besonders bemerkenswert ist, dass Davis bei jedem vierten seiner Cuts gefoult wird und dank seiner starken Freiwurfquote (81.2 FT%) auch abseits des Balles zum Punktegarant der Pelicans wird.



Noch kein Fels in der Brandung
Anthony Davis' Offensive hat sich in den letzten drei Jahren stark verbessert. Derartig stark, dass fast vergessen wird, dass Davis primär als Verteidigungsmonster bekannt war. Denn in Lexington hatte sich der heutige All Star mehr durch seine Blockrekorde und Reboundarbeit einen Namen gemacht. 

Auch in New Orleans werden die Gegner der Pelikane Zeuge der langen Pranken von Davis. Die schieren Steal- (1.5 SPG) und Blockzahlen (2.9 BPG) lassen den Eindruck erwecken, dass Anthony Davis bereits der erwartete Anker in der Verteidigung ist. Leider sind diese Zahlen das Resultat vieler riskanter Versuche. Davis spekuliert zu oft darauf, dass er mit seinen langen Pranken dem Gegner den Ball aus den Händen schlagen kann, anstatt ihm einfach den Weg zum Korb zu versperren.

Besonders fällt Davis risikoreiche Verteidigung bei den geblockten Würfen auf. Mit 2.9 Blocks pro Spiel führt Davis zwar die Liga an, aber die meisten dieser Blöcke spielen sich nicht - wie bei anderen Shotblockern üblich - am Ring ab, sondern in der Mitteldistanz. Nur 30% der von Davis verteidigten Würfe finden in Korbnähe statt. Das ist deutlich weniger, als bei typischen Verteidigungsankern wie Andrew Bogut (61,3%) oder Roy Hibbert (54,9%). 

Leider lässt die Quantität der Blöcke von Davis ebenso wenig auf die Qualität seiner Verteidigung am Ring schließen. Denn dort punkten die Big Men der NBA gegen Anthony Davis mit 48,5% FG noch zu leicht, um ihm den Stempel "herausragender Verteidiger" zu verleihen. 

Wer unter den Davis-Anhängern gar schon den Defensive Player of the Year Traum für seinen Lieblingsspieler geträumt hat, dem verleiht Seth Partnow von Nylon Calculus mit seiner Statistik „Points Saved“ einen herben Dämpfer. Partnow vergleicht den Einfluss, den ein Spieler auf die verhinderten Punkte am Korb hat.

Das Resultat: Davis' Name findet sich nicht unter den besten zehn oder gar 20 Spielern der NBA. Mit minus-0,66 gesicherten Punkten ist Davis deutlich abschlagen hinter den besten Ringverteidigern der Liga. Was unter anderem auch daran liegt, dass Davis sich noch zu leicht und oft vom Korb wegziehen lässt. Um den eigenen Korb besser zu verteidigen, mangelt es Davis auch noch an der entsprechenden Physis. Mit seinen 100 Kilogramm verteilt auf über 2,08m Körperlänge zählt er immer noch zu den Fliegengewichten der NBA.

Der Weg führt zum Ziel

Das fantastische und zugleich Aberwitzige an Anthony Davis ist: trotz aller Kritik ist es verdammt schwer, Makel in seinem Spiel zu finden. Die Verteidigung bedarf sicher der größten Aufmerksamkeit, und der Wurf ist noch nicht dort, wo er sein könnte, aber wer erwartet die Perfektion nach nur drei Jahren? 

Ähnlich wie Durant machte auch Davis in seinem dritten Profijahr den Sprung zum Star, weswegen er zurecht in den Dunstkreis der besten Spieler der Liga gehört. Es ist atemberaubend, ihn zu diesem Zeitpunkt in einen Topf mit Westbrook, Harden, Paul, LeBron und Curry werfen zu können, obwohl wir nur einen Bruchteil von Anthony Davis' Können gesehen haben. 

Das Warten auf den Sprung zum Superstar ist das spannendste an Spielern dieses Kalibers. Der Moment, indem sie sich vom All Star zum Superstar entwickeln. Möglicherweise erhaschen wir in ihn in den diesjährigen Playoffs und mit ihm eine Kostprobe vom kommenden dominantesten Spieler der Liga.