06 März 2015

6. März, 2015  |  Wolfgang Stöckl @WStckl


Das Schöne am Sport und am Basketball im Speziellen ist unter anderem, dass er nicht immer vorhersehbar ist und regelmäßig Überraschungen bereit hält. Insbesondere beim jährlichen Draft wimmelt es von Analysen und Prognosen über die Entwicklung der verschiedenen Spieler. Und wenn die Experten immer richtig liegen würden, dann wäre Kwane Brown wohl jetzt auf dem Weg in die Hall of Fame und Manu Ginobili würde wohl in der argentinischen Liga das Handtuch wedeln. 

Auch über den 6. Pick des diesjährigen Jahrgangs wurden viele Analysen geschrieben und Prognosen über seine Rookie-Saison getroffen. Vor dem Draft wurde er in etwa so eingeschätzt:

Stärken:
Defense
sehr starke Physis
Zug zum Korb
Postup
zieht enorm viele Fouls

Schwächen
mangelnde Spielübersicht
durchschnittliches Ballhandling
eigensinnig
schlechte Wurfauswahl
Jumpshot
Jumpshot 
Jumpshot



Wenn man Marcus Smarts Leistung als Celtics-Rookie bisher in ihrer Gesamtheit beurteilt, haben ihn die Fachmänner schon ungefähr dort gesehen, wo er aktuell steht. Im Detail aber, insbesondere in der Offensive, hat er sich dann doch etwas anders entwickelt, als erwartet. Schauen wir mal, wie er sich in den ersten rund 50 Spielen so gemacht hat. 

Defense
Einer der Hauptgründe warum die Celtics Smart ausgewählt haben, war seine exzellente Defensivarbeit am College. Selbst wenn sich alle Befürchtungen über sein Offensivspiel bewahrheiten sollten, mit seiner Verteidigungsarbeit würde er es immer schaffen ein wertvoller Spieler zu sein - so der Tenor vor seinem Eintritt in die NBA. 

Und hier trafen die Experten voll ins Schwarze. Smart hatte überhaupt keine Anpassungsschwierigkeiten und war eigentlich vom ersten Spiel an der beste Verteidiger im Team. Er ist körperlich sehr robust, verfügt über eine gute Beinarbeit und ein vor allem für sein junges Alter außergewöhnliches Spielverständnis.

Am meisten sticht hier seine Pick & Roll Defense heraus. Seine Gegenspieler erzielen gerade mal 0,67 Punkte pro 100 Possessions. Das ist gut genug für Rang 11 ligaweit. Noch beeindruckender ist dieser Wert wenn man bedenkt, dass es bei den Celtics keine Big Men gibt, die das Pick & Roll besser als durchschnittlich verteidigen können. 

Ein Grund für seine guten Werte ist, dass Smart fast immer über den Screen geht, also keine freien Jumpshots (insbesondere Dreier) im Pick & Roll abgibt. In 87% aller Fälle geht Smart über den Block oder direkt durch den Block hindurch. Wenn er dies nicht macht, switcht er meistens. Er hat die Physis und den Einsatzwillen, um auch gegen größere und stärkere Spieler im Post um die Position zu kämpfen und sorgt damit dafür, dass diese es nicht leicht haben, das vermeintliche Mismatch auszunutzen. 


Im ausgewählten Beispiel kann man sehr gut erkennen, dass Smart den ersten Screen von DeAndre Jordan einfach neutralisiert und sein Gegenspieler Jamal Crawford keinen Platz hat, eine Offensivaktion zu starten. Beim zweiten Screen geht Smart ausnahmsweise mal unter dem Block durch, dadurch hätte Crawford eine Zehntelsekunde Platz für einen Wurf gehabt, aber Smart ist trotzdem sehr schnell wieder am Mann. Jordan versucht noch einen dritten Block zu stellen, Smart geht wieder drüber und gibt Crawford keinen Raum. Olynyk erhöht den Druck, indem er Crawford doppelt, der dann, weil kein Spieler in guter Position ist, einen Turnover verursacht. Besonders interessant an dieser Szene ist, wie Smart es schafft, 3 Mal das Pick & Roll fast perfekt zu verteidigen, ohne dass Olynyk irgend etwas tun muss. Er greift zwar aktiv ein, indem er Crawford am Ende den Weg abschneidet und gut doppelt, es wäre aber auch möglich gewesen, bei Jordan zu bleiben, da Smart nahe genug an Crawford dran war.  

Allerdings existieren auch Schwächen in Smarts Defensivspiel. Seinen direkten Gegenspielern erlaubt er im Schnitt eine FG-Quote von 47% und von der Dreier-Linie sogar 44%, was miserabel ist. Wie kann das sein, wenn er seine Gegenspieler regelmäßig im Pick & Roll kalt stellt und dort nur sehr wenige Punkte zulässt? Der Grund: Smart übertreibt es gerne mit der Help-Defense, versucht immer in den Passwegen zu stehen. Dadurch vernachlässigt er öfter seinen eigenen Mann, der dann offen ist. In einer Liga, in der Guards dominieren und fast jeder von ihnen über einen guten Distanzwurf verfügt, ist das natürlich fatal. In diesem Bereich muss Smart disziplinierter werden.



In diesem Beispiel kann man erkennen, wie es Smart mit der Help-D übertreibt. Schon am Anfang des Spielzugs steht er am Ellbogen und mehrere Meter von seinem Mann Ray McCallum (oben hinter der Dreierlinie) entfernt. Zeller verpasst es, McLemores Drive abzuschneiden und zur Außenlinie zu dirigieren, gleichzeitig bleibt Bradley am Screen von Cousins hängen und McLemore nähert sich relativ unbehelligt der Freiwurf-Linie, wo er 1-zu-1 auf Zeller treffen würde. Smart nimmt ihm durch das Aushelfen zwar die Möglichkeit, mit der rechten Hand weiter Richtung Korb zu penetrieren, lässt dabei aber seinen Mann völlig blank in der Ecke stehen. Er versucht zwar mit allem Einsatz den Schützen zu stören, aber selbst für einen durchschnittlichen Shooter ist das ein ziemlich hochprozentiger Wurf. Der erste Fehler war natürlich die Pick & Roll Verteidigung von Bradley und Zeller, aber Smart hätte bei seinem Mann bleiben sollen. Zeller hätte immer noch absinken, den Weg zum Korb erschweren und damit McLemore zu einem Mitteldistanzwurf oder einem schwierigen Abschluss am Korb zwingen können. Smart muss lernen, dass er nicht jedes Problem in der Defensive seiner Mannschaft selbst lösen kann und gute Verteidigung auch mit Disziplin verbunden ist. (Möglich wäre natürlich auch noch gewesen, dass Smart genauso verteidigt wie er es getan hat, Turner zu McCallum rotiert und Smart dann Landry übernimmt, aber sowas kann man von Evan Turner einfach nicht erwarten).

Offense
Die meisten Experten waren sich vor dem Draft einig, dass Smart in der NBA offensiv zunächst Probleme bekommen würde. Im Prinzip wurde er als "Chucker" bezeichnet, der oft mit dem Kopf durch die Wand will, keinen verlässlichen Jumpshot hat und trotzdem viele schlechte Würfe nimmt. Sein Zug zum Korb und die Fähigkeit, an die Freiwurf-Linie zu kommen, waren die Eigenschaften, die gelobt wurden. Seine Fähigkeiten als Spielmacher wurden als mittelmäßig bewertet, ein ganz passabler Passer zwar, der aber häufiger mal den Überblick verliert und sehr anfällig für Ballverluste ist. 

Shooting
Hier kommt gleich die größte Überraschung: Smarts Quoten sind im Prinzip in dem Bereich, wo man sie erwartet hatte und nicht außergewöhnlich gut (38% FG; 35% Dreier, 65% FT). Allerdings ist seine Wurfauswahl viel besser und disziplinierter, als sein Ruf es vermuten ließ. Zwei Drittel seiner Würfe sind Dreier, die verwandelt er mit einer durchaus akzeptablen Quote von 35 Prozent. 

Besonders hochprozentig schießt er, wenn der Ball zu ihm gepasst wird und er Raum zum Werfen hat. Sein Wert von 1,355 Punkte pro Play war zum All-Star Break der zweitbeste Wert der Liga hinter Kyle Korver. Ein Blick auf seine Collegewerte zeigt, dass er schon dort zumindest im seinem Sophomore-Jahr ein guter Werfer aus dem Catch & Shoot war, wenn er offen stand und der Ball zu ihm gepasst wurde (1,286 PPP). Probleme hatte er dagegen, wenn er enger verteidigt wurde. Hier hat er sich gegenüber seiner Collegezeit am meisten gesteigert. Seine Werte sind nur noch geringfügig schlechter, wenn er gedeckt wird.



Zusammenhängen könnte diese positive Entwicklung auch mit seiner gegenüber dem College veränderten Rolle. Er hat nun bei den Celtics einige Spieler mehr im Team, die Offensivaktionen einleiten und punkten können. Es ist also nicht mehr wie Oklahoma State nötig, dass fast alle Offensivaktionen ausschließlich über ihn laufen. Das zeigt sich auch in der veränderten Nutzungsrate, die von 28,2% in seinem letzten College-Jahr auf 15,2% bei den Celtics gesunken ist - also sich fast halbiert hat.

Playmaking und Pick & Roll
Im Vorfeld des Drafts wurden auch seine Fähigkeit, die Offensive eines NBA-Teams zu führen, in Frage gestellt, da er im College diese Aufgabe nicht immer zufriedenstellend erfüllen konnte. Vielen Würfen und häufigen Turnovers standen wenige Assists gegenüber. 

Die Frage ist natürlich, ob es wirklich notwendig ist, dass er alleine die Offensive eines NBA-Teams führt. Die Entwicklung der Liga geht derzeit ein wenig weg vom klassischen Spielmacher, der jede Offensivaktion initiiert. Viele Teams spielen mittlerweile mit mehreren Ballhandlern, um flexibler und variabler reagieren zu können, wenn die erste Aktion nicht zum Abschluss kommt. 

Bei den Celtics wird Smart als Teilzeitspielmacher eingesetzt. Mal läuft der Angriff über ihn, mal über Evan Turner und in Zukunft sicher oft über Isaiah Thomas. Für Smart ist das eine positive Entwicklung, wenn die Spielmacher-Last nicht komplett auf seinen Schultern liegt. Seine Assist-zu-Ballverlust-Rate liegt diese Saison bei 2,5-zu-1, was ein sehr respektabler Wert ist. Die besten Guards der Liga liegen meistens bei 3-zu-1 oder drüber.

Ein Grund für seine moderaten Zahlen ist aber auch, dass er im Pick & Roll bisher das Risiko scheut. Meistens agiert er sehr zurückhaltend, zieht kaum zum Korb, nimmt selbst sehr selten einen Wurf. Oft passt er weiter zu einem Teamkollegen, der dann einen eigenen Spielzug initiiert. 

Die zweite Variante ist ein Pick & Pop, oft mit einem Midrange-Wurf für Spieler wie Sullinger, Bass und Zeller ausgeführt. Das kann man schon einmal machen, sollte aber nicht die einzige Variante im Pick & Roll sein, sonst kreiert man damit nicht besonders viele Punkte, insbesondere wenn der Gegner weiß, dass der ballführende Spieler weder werfen noch zum Korb ziehen will. So überrascht es auch nicht, dass Smart derzeit zu den schwächsten 10% der Liga als Pick & Roll Ballhandler gehört. Gerade einmal 0,52 PPP produziert er als Ballführer.



Ein kurzes Bespiel für ein Pick & Roll von Smart: Sullinger stellt den Block, Smart hat nun einige Möglichkeiten. Er kann aggressiv auf Horford zudribbeln und entweder versuchen, über die Grundlinie zum Korb durch zu kommen. Oder aber Richtung Seitenlinie weiter dribbeln, den Ball kurz halten und abwarten, was Sullinger macht, wenn Carroll Smart verfolgt. Wenn Sullinger zum Korb rollt, kann er entweder frei sein oder es kreiert weitere Freiräume für die anderen Spieler wenn z.B. Millsap oder Korver ihn übernehmen. Auch ein Pick & Pop wäre in der Situation denkbar. Smart entscheidet sich in dem Fall für eine der schlechtesten Varianten: er passt sofort wieder raus zu Bass, der zwar frei, aber im Niemandsland steht und überhaupt nichts mit dem Ball anzufangen weiß, außer direkt in das Double-Team der Hawks hinein zu ziehen. 

Im Pick & Roll hat Smart also noch eine Menge Luft nach oben. Trotzdem ist es grundsätzlich löblich, dass er geduldig bleibt und versucht zu lernen, anstatt mit dem Kopf durch die Wand zu gehen oder wild rumzuballern. Ein wenig mehr könnte er sich aber trotzdem trauen. Mit seinen körperlichen Fähigkeiten muss er mehr zum Korb ziehen. Im College hat er das halbe Spiel an der Freiwurflinie verbracht, in Boston bringt er es gerade mal auf zwei Freiwurfversuche pro Spiel und das nicht, weil nie für ihn gepfiffen wird, sondern weil er es einfach nicht versucht.

Mehrwert
Den Wert, den Marcus Smart schon jetzt für die Boston Celtics besitzt, kann man ganz gut daran ablesen, wie die sich schlagen, wenn er nicht auf dem Platz steht. Diese Zahlen sind auch relativ aussagekräftig, da er zwischendrin mal ein paar Spiele verletzt war und gar nicht gespielt hat. Er war zu Beginn noch Reservespieler, mittlerweile aber schon seit geraumer Zeit Starter. Es ist also nicht so, dass er von einer sehr starken Bank oder Starting Five profitiert oder umgekehrt. 

Die Boston Celtics erzielen ohne Smart rund fünf Punkte weniger, als mit ihm. Auch defensiv sind sie fast einen Punkt besser mit ihm. Hier kann er aber, wenn er weniger spekuliert, sicher noch zulegen. Auch beim +/- gehört er zu den stärksten Spielern der Mannschaft. Bei einem Team, das insgesamt 62 Punkte im Minus ist, hat er einen Wert von +40. 

Auch wenn in der Saison noch einige Spiele zu absolvieren sind, kann man schon jetzt feststellen, dass Smart die Erwartungen erfüllt hat. Wenn er in der Sommerpause speziell an seinem Wurf aus dem Dribbling arbeitet und sich vielleicht noch ein paar Wurfvarianten am Korb aneignet, kann er ein noch wertvollerer Spieler für die Celtics werden.

Mit seinem Start ist man in Beantown auf jeden Fall sehr zufrieden. Kein Spieler im Kader hat einen ähnlich hohen Preis auf dem Trade-Markt - auch weil man in Boston weiß, dass Smart eine einwandfreie Arbeitseinstellung hat und hart dafür arbeiten wird, um sich weiter zu verbessern.