13 März 2015

13. März, 2015  |  Güven Taş  @GuvenTas


Ein wahrer Ami hat es heuer nicht leicht. Als wäre die Bedrohung aus dem Norden nicht schon schlimm genug, droht jetzt auch noch Unheil jenseits des Atlantiks. Der schleichende Prozess der Internationalisierung hat die große NBA längst erfasst. Über 100 ausländische Spieler verdienen mittlerweile ihre Brötchen in der Association.

Elf dieser Gastarbeiter kommen aus Frankreich. Unser Lieblingsnachbar (nach Österreich natürlich) kann zu Recht stolz auf seine Legionäre sein. Mit der hohen Qualität der Franzosen können wohl nur die Spanier mithalten.

Der große Erfolg der Nationalmannschaft in den letzten Jahren unterstreicht die hervorragende Entwicklung des französischen Basketballs. Spieler wie Tony Parker, Nicolas Batum oder Joakim Noah sind aus der heutigen NBA nicht mehr weg zu denken. Folgend findet ihr kurze Porträts zu dieser vortrefflichen French Connection. (Political Correctness kann leider nicht gewährleistet werden.)

Tony Parker 
(28. Pick 2001)
Mittlerweile in seinem 27. Semester an der Popovich State University, ist der notorische Langzeit-Student längst ein zukünftiger Hall of Famer. Gemeinsam mit seinen ebenfalls unbelehrbaren Kommilitonen Timmy und Manu hat Tony eine der besten Dynastien in der NBA-Geschichte zementiert.

Außer dem ersten Titel (1999) war der mittlerweile 32-jährige Parker an allen Triumphen der San Antonio Spurs beteiligt. Mit vier Ringen (2003, 2005, 2007 & 2014) ist nicht mehr viel Platz an seinen Händen. Einmal wurde er dabei sogar Finals MVP (2007, beim 4-0 Sweep gegen LeBron und seine Cavaliers).

Zu seinen sportlichen Qualitäten muss man eigentlich nichts mehr sagen. Tony Parker spielt seit über einem Jahrzehnt auf konstant hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren (2013, 2014) wurde er zu Europas Basketballer des Jahres gewählt, eine überfällige Anerkennung für den fröhlichen Franzosen. Hoffen wir, dass er einen auf Tim Duncan macht und noch mit 46 auf dem Platz steht.



Boris Diaw
(21. Pick 2003)
Dieser Mann ist der beste Beweis für „IQ beats muscles“. Vor allem in den letzten Jahren verblüfft Boris Babacar Diaw-Riffiod die Basketballwelt. Seine Performance beim jüngsten Titel-Run San Antonios begeisterte nicht nur die Fans der Spurs. Die extrem teamdienliche und hocheffektive Spielweise des 32-Jährigen verzückt die Puristen unter uns. Beim fünften Titel der Franchise-Geschichte gehörte Diaw zu den Schlüsselspielern.

Der privat eng mit Parker befreundete Point Forward hat für einen Big Man exzellente Passfähigkeiten, besitzt einen hohen Basketball-IQ und gilt gemeinhin als ausgemachter Teamplayer. Insbesondere aufgrund seines jüngsten Erfolgs ist der 2,03 m lange „Athlet“ vielen Experten ein Rätsel. Denn eben diese (in seinem Fall fehlende) Athletik Diaws sorgt für ungläubiges Staunen. Dabei hätte er keine besseren Gene mit auf den Weg bekommen können.

Seine französische Mutter Élisabeth Riffiod war selbst eine erfolgreiche Basketballerin, der aus dem Senegal stammende Vater Issa Diaw gar Hochspringer. Aktuell genießt der gute Boris seine Zeit bei den San Antonio Spurs, gemeinsam mit seinem alten Kumpel Tony.

Ronny Turiaf 
(37. Pick 2005, Gonzaga)
Der sympathische Spaßvogel stammt von der schönen Insel Martinique, ein Übersee-Département Frankreichs in der Karibik. Turiaf ist als Basketballer allerhöchstens unterer Durchschnitt. Was ihn auszeichnet, ist sein Kampfgeist und sein Einsatz. Zudem schätzen ihn die Kollegen für seine ausgeprägte Frohnatur.

Bislang fiel der Absolvent der Gonzaga University (2001-2005) vor allem durch seine Reiselust auf. Nicht weniger als sieben verschiedene Teams beehrte Ronny in knapp zehn Jahren NBA. Aktuell steht er bei den Minnesota Timberwolves unter Vertrag, spielt jedoch in der Rotation von Coach Flip Saunders kaum eine Rolle.

Da hat der Rasta-Mann also viel Zeit, um sich einer seiner vielen Interessen abseits der Halle zu widmen. Der bekennende Bücherwurm Ronny Turiaf spricht fünf Sprachen fließend: neben seinen Muttersprachen Französisch und Antillen-Kreolisch spricht er Englisch, Spanisch und Italienisch. Und einen NBA-Titel hat der Schlingel auch schon, 2012 mit den Miami Heat.

Ian Mahinmi 
(28. Pick 2005)
Der Center der Indiana Pacers wurde wie Ronny Turiaf bereits im Draftjahrgang 2005 gepickt. Damals sicherten sich die Spurs an 28. Stelle die Dienste des 2,11 m langen Pivoten. (Zwischen 2001 und 2005 zog San Antonio übrigens gleich vier Mal an Position 28, siehe u.a. Tony Parker)
Zum ersten Einsatz in der NBA kam Mahinmi jedoch erst zwei Jahre später am 30. Oktober 2007 im Spiel gegen die Portland Trailblazers.

Neben den Spurs spielte der Sohn eines Beniners und einer Jamaikanerin auch für die Dallas Mavericks (2010-2012). Aber weder bei den Mavs noch bei seinem aktuellen Arbeitgeber kann der 28-Jährige so recht überzeugen. Auch wenn er hin und wieder mit starker Defensivarbeit auf sich aufmerksam machen kann, fehlt dem Spiel des Nordfranzosen einfach die nötige Konstanz.

Im Gesamtpaket ist Mahinmi aber ein durchaus fähiger Backup-Center. Wie Landsmann Turiaf hat auch er bereits einen Titel, mit Dirk und den Mavericks 2011.

Joakim Noah
(9. Pick 2007, Florida)
Die vergangene Saison verlief äußerst erfolgreich für den Center der Chicago Bulls, zumindest individuell. Er wurde zum zweiten Mal All-Star, wurde ins All-NBA First Team gewählt und erhielt die begehrte Auszeichnung zum Defensive Player Of The Year.

Einer der Gründe für seinen Höhenflug war seine stabile Gesundheit. Auch wenn er erneut wieder von kleinen Wehwehchen geplagt wurde, konnte der gebürtige New Yorker die letzte Saison mit 80 Spielen beenden. In den vier Jahren davor hatte er in keiner Spielzeit mehr als 66 Einsätze.

Joakim Noah ist das Herz der Bullen aus der Windy City. Seine Leidenschaft und sein unbändiger Einsatzwille suchen ligaweit ihresgleichen. Der Filius des ehemaligen französischen Tennis-Stars Yannick Noah und der „Miss Sweden 1978“ Cécilia Rodhe hat sich längst in der Center-Elite der NBA etabliert. Neben seiner schier unerschöpflichen Energie zeichnen ihn vor allem seine überragenden Passfähigkeiten und seine Spielübersicht aus.

Die vergangene Saison schloss der zweimalige NCAA-Champion (2006 & 2007 mit den Florida Gators) mit durchschnittlich 5,4 Assists ab, der höchste Wert eines Pivoten seit 1980. Im Spiel gegen die New York Knicks am 2. März 2014 legte Noah unglaubliche 14 Assists auf. Seit fast 30 Jahren war dies keinem Center mehr gelungen. Eine Leistung, von der sogar viele Point Guards nur träumen können.



Alexis Ajinça
(20. Pick 2008)
Der in Saint-Étienne geborene Ajinça ist ein wahrer Wandervogel. Seit dem Sommer 2013 steht er bei den New Orleans Pelicans unter Vertrag. Es ist bereits sein neuntes Team im neunten Profijahr.
Seine Laufbahn begann der 2,18 lange Center zur Saison 2006-07 bei Pau-Orthez in der französischen Eliteliga LNB. Im NBA-Draft 2008 wurde er in der ersten Runde von den Charlotte Hornets (damals noch Bobcats) an Position 20 gepickt.

Allein im Jahr 2011 spielte der erst 26-Jährige für vier verschiedene Teams. Ein echter Durchbruch ist ihm bis heute nicht gelungen. Die vergangene Saison verlief zumindest recht vielversprechend für Ajinça. In 17 Minuten Einsatzzeit legte er solide sechs Punkte und fünf Rebounds im Schnitt auf für seine Pelikane. Die Stats in diesem Jahr sehen ähnlich aus.

Ob er sich langfristig in der NBA durchsetzen kann, ist schwer zu sagen. Im besten Falle wird Ajinça ein ordentlicher Backup-Center. Für höhere Ziele fehlt es schlicht an Talent.

Nicolas Batum 
(25. Pick 2008)
Über Talent verfügt dieser Mann hier reichlich. Nicolas Batum ist der Traum eines jeden Trainers: schnell auf den Beinen, elend lange Arme, exzellente Defense, großartige Passfähigkeiten, teamdienliches Spiel und den Dreier trifft er auch noch.

Der 26-jährige Small Forward von den Portland Trail Blazers gehört zu den besten Allroundern in der NBA. Die vergangene Saison 2013/14 war die erfolgreichste für die Franchise seit dem Jahr 2000. Einen gewichtigen Anteil daran hatte Rip City‘s Nummer 88. Seine eindrucksvolle Statline der regulären Saison: 13 Punkte, 7,5 Rebounds und 5,1 Assists pro Spiel. Auch in den Playoffs legte er diese starken Zahlen auf.

Der Sohn einer Französin und eines Kameruners ist ein echtes Schweizer Taschenmesser. Am 16. Dezember 2012 lieferte er beim Sieg seiner Blazers gegen die New Orleans Pelicans eine besondere Leistung ab. Er war der erste Spieler seit Andrei Kirilenko (2006) mit einem sogenannten 'five-by-five', d.h. mit mindestens fünf Einheiten in den relevanten Kategorien. Batum beendete die erwähnte Partie mit 11 Punkten, 10 Assists, 5 Rebounds, 5 Steals und 5 Blocks.

Diese beeindruckende Leistung gelang in den letzten 30 Jahren nur acht weiteren Spielern in der NBA. Nicht verwunderlich also, dass Portland seine Allzweck-Waffe mit einem langen (und ziemlich dicken) Vertrag ausgestattet hat. Mit 26 hat Nic-Nac seine besten Jahre sogar noch vor sich. Die Trail Blazers dürfen sich also freuen, seine armen Gegner eher weniger.

Kevin Séraphin
(17. Pick 2010)
Kräftiger, recht eindimensionaler Big Man, der ursprünglich mal in der ersten Runde (2010) von den Chicago Bulls gedraftet wurde. Heute verdient Backup Séraphin zu viel Geld bei den Washington Wizards.

Evan Fournier 
(20. Pick 2012)
Der Flügelspieler aus der französischen Hauptstadt ist zwar erst 22, spielt aber bereits seine sechste Profisaison. Seinen ersten Profivertrag unterschrieb der Pariser im zarten Alter von 16 beim JSF Nanterre, einem damaligen Zweitligisten aus seiner Heimatstadt. Nach nur einem Jahr wechselte Fournier in die erste Liga, zum Aufsteiger Poitiers Basket 86.

Seine zwei Spielzeiten in Poitiers verliefen sehr erfolgreich. Ihm gelang in dieser Zeit ein wahres Kunststück: Fournier wurde gleich zwei Mal in Folge (2011, 2012) zum Most Improved Player der französischen Elite-Liga LNB gewählt.

Beim NBA Draft 2012 pickten ihn die Denver Nuggets an 20. Stelle. In der Mile High City zeigte er immer wieder seine Qualitäten, konnte sich jedoch gegen die Konkurrenz auf seiner Position nicht durchsetzen. Im vergangenen Sommer wurde er im Tausch für Arron Afflalo zu den Orlando Magic geschickt.

In Florida legte er famos los. Mit ausgezeichneten Trefferquoten und einem weichen Handgelenk zeigte er ein ausgereiftes Angriffsspiel. Besonders aus der Distanz zeigte er starke Vorstellungen. Auch wenn sich seine Stats mittlerweile relativiert haben und er nur noch von der Bank kommt, gehört Fournier zur festen Rotation der Magic.

Der erst 22-jährige Sohn eines Franzosen und einer Algerierin hat sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Mit seinem sicheren Wurf, der guten Athletik und seiner Länge (2,01m) kann sich Evan Mehdi Fournier zu einem exzellenten Rollenspieler auf dem Flügel entwickeln, der seiner Mannschaft die nötigen Punkte liefert. Bewiesen hat er es bereits mehr als nur einmal.



Rudy Gobert
(27. Pick 2013)
Der zehnte Franzmann in der Liste ist ein hochinteressanter Spieler. Bereits vor seinem Debüt in der NBA sorgte der schlaksige Center der Utah Jazz für Furore. Im Draftcamp ergab die Messung seiner Spannweite den monströsen Wert von 7‘9‘‘ (2,36 Meter). Sein Standing Reach, d.h. die vertikale Reichweite aus dem Stand, betrug sogar unfassbare 9‘7‘‘ (2,92 m). Damit könnte der gute Rudy theoretisch einen ausgewachsenen Eisbären aus dem Stand blocken.

Diese körperlichen Vorzüge machen den Nordfranzosen zu einem hervorragenden Rim Protector, mit reichlich Luft nach oben. Seine Qualitäten bringt der erst 22-Jährige in der aktuellen Spielzeit immer besser zur Geltung. In Salt Lake City bekommt der Sophomore von Coach Quin Snyder deutlich mehr Spielzeit als noch in seiner Rookie-Saison.

Diese Extraminuten weiß der Youngster gut zu nutzen. Seine sieben Punkte, sieben Rebounds und zwei Blocks in nur 22 Minuten Einsatzzeit zeigen das Potenzial von Rudi Goldbär. Zudem überzeugt er mit der starken Trefferquote von 63% aus dem Feld.

Enes Kanter, sein ärgster Konkurrent in Utah, wechselte zur Trade Deadline nach Oklahoma City. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Jazz in Zukunft auf ihren französischen Kraken setzen wollen. Nach den jüngsten Vorstellungen Goberts eine weise Entscheidung.

Rudy Gobert hat mit 2,16m Gardemaße für einen Center, ist sehr mobil und gilt als äußerst lernwillig. Gute Voraussetzung also, um in der NBA Fuß zu fassen. Der Mann aus Saint-Quentin hat natürlich auch seine Schwächen. Seine recht dünnen Ärmchen bräuchten dringend ein Upgrade im Kraftraum. Ein Paar Übungseinheiten mit Hakeem würden ihm auch gut tun. Zeit dazu hat der Junge mit seinen 22 Jahren genug. Ich persönlich freue mich sehr auf seine Entwicklung.

Joffrey Lauvergne
(55. Pick 2013)
Zur Trade Deadline verpflichteten die Denver Nuggets den elften Franzosen im Bunde. Der 23-Jährige aus dem elsässischen Mulhouse, nahe der deutschen Grenze, wurde in der NBA-Draftklasse 2013 von den Memphis Grizzlies gepickt.

Ein Spiel in der NBA hatte Lauvergne bis dieses Jahr nicht bestritten. Erst am 22. Februar 2015, im Spiel gegen die Oklahoma City Thunder, gab der Big Man sein Debut in der Association.

Die letzten drei Spielzeiten absolvierte Mile High City‘s neue Nummer 77 in verschiedenen Ligen Europas. In Serbien gewann er mit Partizan Belgrad zwei Mal die Meisterschaft. Sein letzter Arbeitgeber vor dem Wechsel zu den Goldklumpen war das russische Schwergewicht BC Khimki.

In einem Nuggets-Team, das in dieser Saison früh die Segel auf Rebuildkurs setzte, könnte der 2,11m lange Rookie zum Nutznießer werden und ordentlich Spielzeit abstauben.



Die Erben Napoléons sind mittlerweile zu einer wahren Basketball-Macht in der NBA geworden. Dank der hervorragenden Jugendarbeit in Frankreich wird es auch in naher Zukunft nicht an Nachschub mangeln. Mit Tony Parker und Gefolge gelang dem französischen Basketball der Durchbruch in der besten Liga der Welt. Parker spielt dabei eine ähnliche Rolle wie Steve Nash in Kanada.

Noch nie war die NBA so bunt wie heute. Die alte Garde der Kommentatoren darf sich auf zungenbrechende Namen á la Chukwudiebere Maduabum freuen. Joffrey Lauvergne ist der neueste Soldat Napoléons. Die schleichende Eroberung der alten Kolonie besitzt für Präsident François Hollande oberste Priorität. Frankreich will die Vereinigten Staaten wieder unter die Hoheit der Tricolore setzen.

Die Franzosen aus dem alten Europa und die Kanadier aus dem kalten Norden, nehmen die USA langsam aber sicher unter Beschuss. Aber dieser interessante Konflikt findet ja zum Glück auf sportlicher Ebene statt. Daher dürfen wir uns ohne jegliche Sorgen oder Hinterdanken auf den B-Ball aus der Grande Nation freuen. In diesem Sinne: 'Allez Les Bleus!'