09 März 2015

9. März, 2015  |  Güven Taş  @GuvenTas


12. Juli 1998. Bis tief in die Nacht feiert ganz Frankreich seine Helden. Soeben hat die Équipe Tricolore im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft die großen Brasilianer vorgeführt und die Seleção mit einer 3:0-Packung wieder an den Zuckerhut geschickt.

Die Stadt Paris und die gesamte Grande Nation befinden sich im Ausnahmezustand. Erwachsene Männer lassen sich die Zinedine-Zidane-Mönch-Friese rasieren. Nach der Gala von Thuram gegen die bärenstarken Kroaten wird jedes dritte Neugeborene auf den Namen Lilian getauft. Und die Glatze von Fabien Barthez plus Laurent Blanc machen den Bruderkuss erstmals seit dem Untergang der Sowjetunion wieder salonfähig.

In Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts jubelt ein knapp 70 Jahre alter Ex-Basketballer mit den Franzosen. Dieser freundliche Herr ist ein sogenannter Franko-Amerikaner. Seine Eltern waren arme französische Einwanderer aus der Upper East Side in Manhattan, New York City. Bis zu seinem fünften Lebensjahr spricht er hauptsächlich seine Muttersprache Französisch. 

Der Jubel kommt also vom Herzen. In der NBA gehört er noch heute zu den größten Idolen. Diesem einst so begnadeten Spielmacher haben wir es zu verdanken, dass "Schlands" Erzrivalen, die Franzosen, heute mit stolzen elf Athleten in der NBA vertreten sind. Dankschreiben sind zu adressieren an Herrn: Bob Cousy.   


Bruder Saint-Jean 
An dieser Stelle muss ich meine Einleitung etwas relativieren. Der erste Erbfeind …äähh… Franzose kam erst schlappe 34 Jahre nach Bob Cousys Karriereende in die NBA. 1997 meldete sich ein junger Flügelspieler von der San Jose State University zum Draft an. Er stammt aus der Pariser Vorstadt Maisons-Alfort im Département Val-de-Marne. Sein Name ist Olivier Michael Saint-Jean. Französischer geht’s also kaum.

Geoff Petrie, der damalige GM der Sacramento Kings, folgte dem Rat seiner frankophilen Ehefrau und wählte an elfter Stelle den Defensivspezialisten Saint-Jean. Ein Spieler mit diesem Namen wird jedoch nie ein Match für Sacramento bestreiten. 

Kurz nach dem Draft konvertiert der 22-Jährige nämlich zum Islam und ändert seinen Namen in Tariq Abdul-Wahad. Nach nur sechs Jahren mit vier verschiedenen Teams endet seine wenig erfolgreiche NBA-Karriere. Heute ist der mittlerweile 40-jährige Abdul-Wahad Trainer der Lincoln High School in seiner Wahlheimat San Jose, Kalifornien.



Mr. Moïso’s stat beat
Der NBA Draft 2000 gilt (zurecht) als einer der schlechtesten aller Zeiten. Top-Pick wird Kenyon Martin von der University of Cincinnati. Auf den Plätzen zwei bis vier ziehen die General Manager unvergessliche Legenden wie Stromile Swift (Vancouver Grizzlies), Atomphysiker Darius Miles (Los Angeles Clippers) und „god sent“ Marcus Fizer (Chicago Bulls).

Der einzige Spieler des Jahrgangs, der es neben K-Mart zum Allstar schafft, ist niemand geringeres als Jamaal Magloire, eine weitere unsterbliche Legende des Games. Nach dem unter anderem noch Mike Miller (5. Pick der Orlando Magic) und Jamal Crawford (8. Pick der Cleveland Cavaliers, im Tausch für Chris Mihm nach Chicago gesendet) ihre Abnehmer finden, sind an elfter Stelle die Boston Celtics an der Reihe. 

In dieser Sternstunde des Sports lassen sich die Neu-Engländer natürlich nicht lumpen und zaubern ebenfalls eine Basketball-Ikone aus dem Hut. Sie entscheiden sich für den gebürtigen Pariser Jérome Moïso, einen 22-jährigen Power Forward von der UCLA Universität.

In seinen fünf Jahren in der NBA spielt der damalige französische Nationalspieler bei ebenso vielen Teams. Ab 2005 begibt sich Moïso auf eine basketballerische Weltreise, spielt in Italien, Spanien, Russland, China und in der Ukraine. Aktuell steht er in Puerto Rico unter Vertrag, beim Verein mit dem schönen Namen Piratas de Quebradillas.


Tony, der Exilfranzose
Die meisten von uns kennen „Scarface“ von 1983 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Bei diesem Gangsterklassiker spielt Ausnahme-Akteur Pacino die Figur des legendären Antonio Raimundo Montana, besser bekannt als Tony Montana.

Dieser furchtlose Draufgänger aus Kuba erobert in bester „American Dream“ Manier die Krone in seinem Game, dem Kokainhandel. Zugegeben, eine nicht ganz so vorbildliche Laufbahn. In moralisch fragwürdigen Maßstäben ist es jedoch eine herausragende Leistung.

Der Querulant hat diesen Erfolg Fidel Castro zu verdanken. Der 'Máximo Líder' macht mit verschlagenen Gaunern wie Tony Montana kurzen Prozess und schickt Sie ins Exil nach Florida, um dem geliebten Nachbarn USA eins auszuwischen.

Frankreich im Jahr 2001. Präsident ist seit sechs langen Jahren die sprechende Karikatur Jacques Chirac. Wie man unschwer an Monsieur Chirac’s „Gesicht“ erkennen kann, legt das Staatsoberhaupt der Franzosen großen Wert auf Gemächlichkeit. Sei es nun das Wirtschaftswachstum, dringend benötigte soziale Reformen oder Schaffung von Arbeitsplätzen für die entfremdete Jugend. Onkel Jacques lässt sich Zeit, viel Zeit. Das gilt auch für Basketball.

Chirac ist bekennender Gegner von blitzschnellen Ball-Stafetten, welche in Systemen von Ketzern wie Mike D’Antoni gespielt werden. Aus diesem Grund, munkelt man, ist ihm ein gewisser Tony Parker a.k.a. „Tony die Klinge“ ein Dorn im Auge.

Der 19-jährige Point Guard vom vierfachen französischen Meister Paris Basket Racing (heute Paris-Levallois Basket) spielt in einem schwindelerregenden Tempo. Der damals 115-jährige Chirac lässt die politischen Muskeln spielen und schickt diesen unverschämt schnellen Tony ins Exil nach Texas. 14 Jahre später steht der Geächtete in den Geschichtsbüchern der NBA.



Tony, der Internationale
Als Teenager aus der Heimat verbannt zu werden ist ein harter Schlag. Im Falle von Tony Parker ist es aber ein Segen für den Basketballsport. San Antonio und Chef-Instandhalter Gregg Popovich stibitzen ihn beim NBA Draft 2001 an 28. (!) Stelle. Verantwortlich für diesen genialen Steal: der ebenso geniale Robert Canterbury „R.C.“ Buford. Der heutige General Manager ist damals (1997-2002) Leiter der Scouting-Abteilung der Spurs.

Buford hatte aber die Wette gegen einen seiner Pokerkumpel verloren. Die Wette: „Beeindrucke mich beim Draft." Sieger: Michael Jordan. Seine Wahl: Kwame Brown… mit dem ersten Pick. Mit dem ALLERersten Pick! You serious, Mike? Damit hatte His Airness seinen Kumpel R.C. definitiv „beeindruckt“.

Geboren wird der hochtalentierte Exilant als William Anthony Parker, Jr. am 17. Mai 1982 im belgischen Brügge. Sein afro-amerikanischer Vater Tony Parker, Sr. ist ebenfalls Basketballer. Die Mutter, ein Model aus den Niederlanden, trägt den sensationellen Namen Pamela Firestone.

Gemeinsam mit seinen Brüdern Terence und Pierre besucht der junge Tony häufig Spiele seines Vaters. Dadurch entfacht auch in ihm eine Begeisterung für den Basketballsport. Bei seinem Jungendverein in Paris entwickelt sich Parker zum pfeilschnellen Spielmacher. Bereits Jahre vor seiner Verpflichtung 2001 wird er beschattet von den Spionen der Spurs, ehe er schon bald die beste Liga der Welt aufmischen wird.

Während Parker in der Fremde seine Bestimmung findet, verfolgt man in Frankreich seinen Erfolg im Exil mit zunehmendem Interesse. 2003, also nur zwei Jahre nach Parkers Aufbruch in die Staaten, zieht es die Landsleute Antoine Rigaudeau (Dallas Mavericks), Mickaël Piétrus (Golden State Warriors) und Parker’s dicken Kumpel Boris Diaw (Atlanta Hawks) ebenfalls ins gelobte Land.

Insgesamt werden 21 Spieler mit französischem Pass in der NBA gespielt haben. Aktuell sind es derer elf, die in der Liga unter Vertrag stehen.


To be continued…