01 März 2015

1. März, 2015  |  Anno Haak  @kemperboyd


Ich muss zugeben, ich hatte mich bis vor wenigen Wochen nicht näher mit Larry Sanders beschäftigt. Was ich wusste, ließ mich zu Klischeealarm auslösenden Bewertungen kommen. Eine weitere Geschichte von dem Jungen, den man aus dem Ghetto kriegt, aber in dem die prekären Lebensverhältnisse, aus denen er kommt, wohnen, bis das Herz zu schlagen aufhört. Wieder einer, der mit frühem, großem Reichtum nicht umgehen kann. Wieder einer, für den das Gras im eigenen Papier grüner ist als die Hoffnung, All Star zu werden. Wieder einer, der sich nicht beherrschen kann, wenn in einer Bar ein Internettroll seinen – alkoholgesenkter Hemmschwelle sei Dank – realilfe-Pöbelmut zusammennimmt und einen NBA-Spieler mit dem Wintervorrat an Verbalinjurien eindeckt.

Als er wochenlang abwesend war und seine Franchise merkwürdig verschwurbelte Erklärungen über seinen Verbleib abgab, als klar wurde, Sanders will nicht mehr Basketball spielen, fiel der Boulevard-Hammer auch in meinem Kopf. Mitte 20, mittlerer achtstelliger Dollar-Betrag dafür, Basketbälle in einen Korb zu dreschen und er will nicht mehr? Wie kann man nur? Den Traum Millionen Jugendlicher aus reiner Larmoyanz in den Mülleimer des eigenen Lebens dunken. Wenn ich groß bin, möchte ich so jämmerlich wie Larry Sanders werden. Oder eigentlich nicht.

Die Scham
…stieg in mir auf, als ich mich etwas näher mit Larry Sanders befasste, mit seiner psychologischen Erkrankung. Ich verstehe nicht viel davon, aber eines habe ich mitbekommen: Depressionen oder seelische Ermüdung haben wohl nur wenig mit äußeren Lebensumständen zu tun. Manche Lebensweisheit, die in Omas altem Schrank neben dem verstaubten Porzellan vergammelt, hat mehr wahren Kern, als man zugeben möchte: Geld macht nicht glücklich. Nicht zwingend jedenfalls. Die vielen Dollars und die Rundumbetreuung, die NBA-Franchises einem in fast jeder Hinsicht bieten, mögen das Leben erleichtern. Sie sind kein Allheilmittel. Larry Sanders machten sie nicht glücklich.

Sanders hat jetzt bekanntgegeben, dass er sich stationär wegen Depressionen und Erschöpfungszuständen behandeln ließ. Bekannt wurde auch, dass er den Bucks gegenüber schon im Zuge der Vertragsgespräche 2013 von mentalen Problemen berichtet hatte und der Vertrag entsprechend gestaltet wurde. Der regelmäßige Marihuana-Konsum war eben nicht eine dieser schlechten Angewohnheiten aus "Hood"-Zeiten, sondern setzte erst nach seiner Augenverletzung ein, war nach seinen Angaben ein (wohl untauglicher) Versuch der Selbstmedikation aus Angst vor Abhängigkeit von den verschriebenen Schmerzmitteln.

Das Geld half nicht. Es vergalt eben nicht, dass sich Millionen Menschen in Sekundenschnelle ein Urteil über jeden Schritt bilden, den er unternimmt. Sie waren keine ausreichende Kompensation für den Spott und den Hass, dem NBA-Pros ausgesetzt sind. Es war – natürlich – keine Therapie gegen die Zweifel und die Verzweiflung, die in Larry Sanders wohnten, die er nicht empfand, obwohl, sondern gerade weil er auf höchstem Niveau Basketball spielte. Er ließ nicht egoistisch sein Team im Stich. Er war kein Fall willkürlicher Insubordination. Es machte ihn einfach nicht glücklich.

Schlimmer noch als für jeden Normalarbeitnehmer ist die vermeintliche Unmöglichkeit für Berufsbasketballspieler, das offen zu kommunizieren. Die NBA ist eine der Spitzen dessen, was der Stereotypenhandel als "Leistungsgesellschaft" im Dauerangebot auf dem Grabbeltisch liegen hat. Höher, schneller, weiter. Ein Leistungsdruck, wie man ihn sonst nur für Maschinen aufbaut, kennzeichnet eine Liga, die Milliarden mit der täglichen Messung von Stärke verdient. The winner takes it all, ist das unausgesprochene Motto. Überragende Basketballer wie Dirk Nowitzki sind plötzlich "soft", weil sie in den NBA-Finals (!) zwei Spiele weniger gewinnen als der Gegner. Wenn LaVine in die Vertikale geht, um irgendeine Reuse zu vergewaltigen, hebt der Testosteronspiegel gleich mit ab. Eine Welt der Stärke, physisch, mental, geistig. Er ist stark, Du bist stärker, ich bin der Stärkste. Eine Stärke, die Schwäche zeigen ausschließt. Wer meint, das sei Klischee, der erinnere sich der "Vagina-Zerrung"-Kommentare, als Derrick Rose trotz Freigabe der Ärzte nicht spielen wollte.

Sanders verweigerte die Aussage und zog sich zurück. Er schämte sich nicht, aber er verkroch sich mit der Scham, die ich und viele andere empfinden sollten, die "44 Mio./4Y" und "auf der inactive list, aber nicht verletzt" und "Marihuana" lesen und "Was hat er jetzt wieder?" ranten.

Religion orange
Das Geld hilft nicht gegen Depressionen. Es garantiert die beste Behandlung, es vereinfacht manches, aber es ist nicht die Lösung. Wie eine Grippe ausgeschwitzt werden muss, auch wenn Millionen auf dem Konto schlummern, müssen Depressionen professionell behandelt werden. Aber die fundamentale Wahrheit des "Fall Larry Sanders" ist eine andere, die das Verständnis des "Fall Larry Sanders" erschwert und zugleich ermöglicht. Basketball ist nicht alles und schon gar nicht für jeden.


Uns Fans, Bloggern und Zuschauern mag es schwerfallen das einzusehen. Aber zu den Null-komma-irgendwas Prozent zu gehören, die es unter den Millionen Spielern weltweit in die beste Liga des Planeten schaffen, macht nicht automatisch zufrieden. Larry Sanders hat bekundet, Basketball ist nicht seine Religion, ist nicht sein Leben, nicht sein Ein und Alles. Er hat angegeben, dass Basketball nie sein Vehikel zur Flucht aus der Realität war, in der er aufwuchs. "For me, it was 'paint a picture'", sagte er jüngst. Die romantische Geschichte vom Jungen, der den Drogen und den Waffen und dem ewigen Kreislauf aus Armut und Gewalt, Gefängnis und noch mehr Armut entkam, indem er Tag und Nacht auf Freiplätzen und in Turnhallen zubrachte, sie passt nicht auf Larry Sanders.

Er malt, er schreibt, um sich auszudrücken, er nennt sich selbst einen Künstler, er ist eher introvertiert. Der Basketball war und ist ein Spiel für ihn. Eines, das er erst spät zu spielen begann, weil er erst spät schneller wuchs als viele andere. Eines, das ihm Spaß brachte und das er lieben lernte und das doch nie Religion oder nur wichtigster Lebensinhalt für ihn wurde. Und das ihn in Kombination mit dem Druck und dem Spott und der Häme letztlich vielleicht nicht depressiv machte, aber unglücklich. Ein Spiel, dem er sein Leben nicht widmen möchte. Er will nicht alle statistischen Grenzen durchbrechen und sechs Würfe pro Spiel blocken. Er möchte nicht 15 Stunden seines Tages der Aufnahme in die Hall of Fame Klasse 2041 widmen.

Er hat den Mut gefunden, darüber offen zu sprechen. Er hat den Mut zur Gleichgültigkeit gefunden. Es ist ihm gleichgültig, ob die Menschen ihn verstehen oder sein vorläufiges Karriereende mit weit unter 30 für eine Verschwendung von Talent halten. Er hat den Mut gefunden zu sagen, was ihn glücklich macht und dass es nicht Basketball ist, obwohl er mit dem Spiel Millionen verdient hat. Es könnte ihm vermutlich nicht gleichgültiger sein, aber er hat mir etwas beigebracht: Dass ich, wenn auch nur als Beobachter, Teil der Welt der Stärke bin, die die NBA ist, Teil einer Welt, die viel zu schnell und viel zu apodiktisch urteilt.

Die ein Abweichen von der Michael-Jordan-Ehrgeiz-win-it-all-Norm für ein Zeichen von Undankbarkeit gegenüber dem eigenen Talent und Ketzertum an der Religion orange hält. Er hat der NBA den Spiegel vorgehalten und damit mehr für Basketball getan als ein Eastern-Conference-Finals-Run der Bucks unter seiner Führung es hätte tun können. Ein NBA-Titel ist nicht alles im Leben und nicht jeder, der sich auf den Weg dahin aufmacht und von ihm abkommt, ist ein unbelehrbarer Pothead mit zu vielen Flausen im Kopf.

Er wird es nicht lesen, aber mir tut es leid, dass ich Larry Sanders abgeurteilt habe, ohne ihn oder wenigstens seine Geschichte zu kennen, auch wenn er es gar nicht mitbekommen hat. Er wird es nicht lesen, aber ich wünsche Larry Sanders, dass er die Erfüllung findet, die ihm Basketball nicht geben konnte.