23 Februar 2015

23. Februar, 2015  |  Daniel Schlechtriem  @W14pick


Deadline-Daryl hat wieder zugeschlagen. Kurzzeitig musste man sich Sorgen um seine Quote machen, zu Unrecht. In den letzten zehn Minuten haben die Rockets zwei kleine aber feine Deals getätigt und weil die Sacramento Kings nicht involviert waren, profitieren die anderen Teams ausnahmsweise auch davon. Morey bleibt auch seiner Linie treu, einen Spieler nach Houston zu holen, den absolut niemand auf dem Zettel hatte.


Tausche Argentinien mit Russland 
HOU: Pablo Prigioni
NYK: Alexey Shved, 2017 2nd Round Pick (HOU), 2019 2nd Round Pick (HOU)

Der Abgang Prigionis wird in New York keine Tränen verursachen, nicht nur weil die Saison der Knicks so oder so gelaufen ist: Durchschnittlich 4,7 Punkte und 2,4 Assists  in 18 Minuten bei einem Net Rating von -7,2  sind zu verschmerzen. Phil Jackson hat im Madison Square Garden den Wiederaufbau angeordnet, da passt ein bald 38-jähriger ohnehin nicht mehr ins Gefüge.

In Alexey Shved erhalten die Knicks dabei einen der in dieser Phase eminent wichtigen auslaufenden Verträge. Das Qualifying Offer von knapp über vier Millionen Dollar wird der russische Aufbauspieler nicht in New York und auch sonst nirgends in der Liga erhalten, Jacksons einzige Motivation bei diesem Deal sind die gut drei Millionen Dollar, die er sich im Sommer vom Hals schafft. Shved bleiben also noch knappe zwei Monate, um sich für eine Weiterbeschäftigung in der NBA zu empfehlen. Zumindest wird es im dünnen Kader der Knicks nicht an Spielminuten mangeln. Die beiden Second Round Picks als Dreingabe sind eher zu vernachlässigen. Die Rockets haben nicht vor, sich in den kommenden Jahren zu verschlechtern, folglich werden sich die Picks ab #45 steil abwärts einpendeln.

Prigioni ist auf den ersten Blick nur eine Alibi-Verpflichtung für die Rockets: Alt, nicht-garantierter Vertrag, schlechte Saison bei einem schlechten Team. Aber: Einen solchen Spielertypen haben die Rockets bisher nicht im Aufgebot. Der Argentinier ist ein pass-first Point Guard mit klassischer Ausbildung und damit einem hohen Basketball-IQ, er sucht in erster Linie nicht selbst den Abschluss, sondern bringt die Mitspieler in Szene, läuft das Pick and Roll traumwandlerisch sicher.

Seine Assist/Turnover-Ratio befindet sich bei mehr als anständigen 2,21. Zudem trifft er zuverlässig von der Dreierlinie (oberstes Einstellungskriterium für den Backcourt in Houston): Die 37,4% der laufenden Spielzeit sind ein Karriereniedrigswert, allerdings auch den eher bescheiden talentierten Mitspielern in New York geschuldet. An der Seite der vielen Schützen in Houston werden sich für Prigioni Freiräume ergeben, die diese Quote gewiss in die Höhe treiben – so geschehen bei Corey Brewer und Josh Smith, seit sie in Rot tragen.


Insbesondere wenn die gegnerische Verteidigung James Harden teils mit mehreren Mann schon im Spielaufbau zustellt, bekommen die Rockets Schwierigkeiten. Beverley ist offensiv nur als Spot-Up Shooter effektiv (zur Zeit nicht mal das), Terry nebenbei als Slasher zwar noch zu gebrauchen, allerdings weniger für ein sauberes Anspiel oder ein überraschendes Moment. Josh Smith hat nach Harden noch die besten Passfähigkeiten im Team, ihm als Point Forward ergeben sich allerdings an der Dreierlinie und im Mid-Range mehr Freiräume, als für die Rockets gesund ist.

In genannten Situationen wird McHale zukünftig auf seinen neuen Argentinier setzen und gleichzeitig auf die Erfahrung des zweimaligen olympischen Bronzemedaillengewinners hoffen. Sollte Prigioni diese Erwartungen nicht erfüllen, kann Morey den nicht-garantierten Vertrag im Sommer einfach auflösen. Geringes Risiko, möglicherweise ein wenig kurzfristigen Ertrag.

Der Trade, den keiner kommen sah 
HOU: K. J. McDaniels
PHI: Isaiah Canaan, 2015 2nd Round Pick (DEN/MIN)

Etwas überraschend und zu nicht wenig Verärgerung im Fan-Lager der 76ers schickt Sam Hinkie seinen Rookie K. J. McDaniels nach Houston, auf der immerwährenden Suche, den Rest der Liga zur zweiten Draft-Runde nach Hause zu schicken und sie alleine zu absolvieren. Mit dem neu hinzugewonnen, dem der Nuggets oder der Wolves – wer auch immer im Draftboard schlechter platziert ist (also die Nuggets) – hat Philadelphia beim diesjährigen Draft ganze vier Second Round Picks. Darüber hinaus wechselt in Isaiah Canaan ein Wunschspieler Hinkies in die Stadt der brüderlichen Liebe.

Warum der Sixers GM den vielversprechenden McDaniels nach nur einer halben Saison abgibt, erschließt sich aus dessen Vertragssituation: Aus dem Selbstverständnis heraus, frühzeitig mehr Geld und Sicherheit angeboten zu bekommen, verzichtete Hinkies 32. Pick auf den Standard Rookie-Vertrag eines Second Rounders, der zwar vier Jahre läuft, allerdings ungarantiert ist und finanziell wenig ersprießlich (vgl. Chandler Parsons' erster Vertrag).

Daher wird der gerade 22 Jahre alt gewordene Flügelspieler bereits im Sommer Restricted Free Agent: Für die Sixers eigentlich kein Problem, nach einem Jahr kann und wird ihn niemand überverhältnismäßig überbezahlen und Cap Space ist in Philadelphia ebenso massig vorhanden wie Frischkäse. Jedoch hat McDaniels - ebenso wie seine nähere Verwandtschaft - ehrgeizige Pläne, offenbar zu ehrgeizig für die Sixers, die nur zu genau wissen, dass ihr Rebuild noch mehrere Jahre dauern wird.


Das wiederum eröffnet zwei problematische Szenarien für Hinkie: Entweder ein Team bietet McDaniels im Sommer einen langfristigen Vertrag an, der nicht in die Planungen passt. Oder aber er selbst spielt Katz und Maus mit der Führungsriege, indem er lediglich das Qualifying Offer unterzeichnet, wegen der speziellen Vertragskonstruktion im Sommer 2016 dann wieder Restricted Free Agent wäre und das Spiel von vorne losgeht. Sein Trade Wert wäre gegen Null gesunken.

In Isaiah Canaan erhält Philadelphia nach Robert Covington einen weiteren talentierten Spieler aus Houston, der bei den Rockets nicht zum Zuge kam und im Wells Fargo Center frei aufspielen kann, Entwicklungszeit en masse erhält. Canaan hat seine Klasse in Texas zwar mehrfach aufblitzen lassen, sich aber aufgrund einer Verletzung zum ungünstigsten Zeitpunkt sowie der fehlenden Spielmacherfähigkeiten (s.o.) nie durchgesetzt.

Canaan ist robust, schnell, ein guter Schütze und Dribbler, allerdings lediglich 1,83m groß. Houstons Rookie Nick Johnson ähnelt Canaans Spielertyp, ist aber mit 1,91m deutlich größer und über die nächsten Jahre auch vom Vertrag her günstiger (er unterzeichnete einen solchen Kontrakt, den McDaniels ablehnte). Offenbar sehen die Rockets in Johnson ähnliches oder höheres Potential, weswegen Canaan entbehrlich wurde und nun bei den Sixers einen riesige Karrierechance bekommt.

McDaniels darf derweil nun in Houston nicht allzu viel erwarten. Die Flügelpositionen sind mit Harden, Ariza, Brewer und Terry mehr als gut besetzt, bekanntermaßen hält Coach McHale zudem wenig davon, Rookies früh ins kalte Wasser zu werfen. Wenngleich dem Neuzugang dies als Brüskierung vorkommen mag, ist ein Engagement in Rio Grande Valley bei den Vipers nicht unwahrscheinlich. McDaniels scheint eher in den Langzeitplänen vorgesehen sein. Wäre man sich nicht sicher, den ACC Defensive Player of the Year 2014 über den Sommer hinaus zu halten, hätte man kaum Canaan und einen Pick abgegeben. Sein geringer Cap Hold wird den Rockets im Juli zugute kommen, wenn die Jagd auf Free Agents anbricht.

Spannend ist diese Akquisition nicht nur wegen der erwähnten Vertragssituation, sondern auch, weil McDaniels nicht so recht ins Schema des bekannten Houstoner Spielstils – Dreier und Zonenwürfe, kein Mid-Range – passt, denn: Seine zwei große Schwächen sind der Wurf und die Court Vision. Diese gleicht er aber mit extremer Athletik aus, zudem kann er dank seiner Flügelspanne mehrere Positionen verteidigen. Mit erwähntem Ehrgeiz und den deutlich sichtbaren Verbesserungen zu College-Zeiten geht eine entschlossene Arbeitsmoral einher, die vermutlich ausschlaggebend für diesen Trade war.



Sixers
Neben dem großen um Michael Carter-Williams ein kleiner Zug, der aber ein zusätzliches Puzzlestück in Sam Hinkie Langzeitplan einbringt. Es wird spannend sein zu sehen, was er mit den zahlreichen Draft Picks im Juni anstellt. Die Sixers haben inklusive JaVale McGee für das nächste Jahr lediglich sechs garantierte Verträge in den Büchern stehen, wobei davon auszugehen ist, dass sie die nicht-garantierten von Covington und Neuzugang Canaan behalten. Das ermöglicht dennoch zumindest theoretisch genug Platz für eine ganze Bootsladung von Rookies. Andererseits wird es niemanden verwunden, wenn Hinkie die Masse an Picks zu bewegen versucht, um den ein oder anderen Platz im Draft Ranking nach oben zu klettern und höhere Qualität an die Seite von Nerlens Noel und Joel Embiid zu stellen.

Knicks
Kurz und knapp: Prigioni ist abkömmlich, Shveds Vertrag läuft aus, dazu zwei Draft Picks, von denen man in der näheren Zukunft nicht allzu viele hat. Alles richtig gemacht.

Rockets
Es sollte der große Wurf gelingen und mit dem Pelicans Pick, auslaufenden Verträgen und vielversprechenden Youngstern hatte Morey die Waffen für eine hochkalibrige Akquisition. Spätestens mit Goran Dragics ominöser Liste respektive Houstons Fehlen auf dieser wurde ein solcher Zug jedoch schwieriger, Dragic war bekanntermaßen schon länger das Hauptziel der Verantwortlichen. Ob diese überhaupt Interesse hatte an den vielen anderen Point Guards, die an diesem Tag weitergereicht wurden – Reggie Jackson, Brandon Knight, Isaiah Thomas, Michael Carter-Williams – darf bezweifelt werden.

Wenngleich die Deadline aus Houstons Sicht etwas enttäuschend lief, ist sie kein Rückschlag. Die Rockets haben sich zwar nicht unmittelbar verstärkt, aber sie sind immer noch eins der besten vier Teams im Westen und haben, ohne Nennenswertes zu verlieren, in McDaniels ein vielversprechendes, wenngleich nicht risikofreies Zukunftsprojekt und in Prigioni einen Spielertypen, der ihnen bisher fehlte, gewonnen. Davon abgesehen haben sie sich mit oben erwähnten Corey Brewer und Josh Smith schon vor der Deadline qualitativ wesentlich verstärkt, sodass ein größerer Deal am vergangenen Donnerstag nicht zwingend notwendig wurde.

Der Pelicans Pick wird spätestens am Draft Abend wieder in den Fokus geraten und interessierten Teams für den richtigen Preis zur Verfügung stehen. Nachdem Dragic für Houston vom Markt ist, erscheint Ty Lawson als offensichtlichste Lösung der Probleme im Spielaufbau. Im Sommer, wenn sein Vertrag nur noch ein Jahr läuft und die Situation in Denver unverändert schlecht, die Fronten zwischen dem Aufbauspieler und seinem Team weiter verhärtet sind, entschließt sich Nuggets GM Connelly womöglich eher, den 27-jährigen ziehen zu lassen. Ein Engagement in Denver über den Sommer 2016 hinaus erscheint Stand heute undenkbar.

Apropos Sommer 2016: Auf diesen hat Morey ohnehin längst seinen Fokus gerichtet, weil dann ein gewisser Kevin Durant Free Agent werden wird – und aus Rockets Sicht nur zu gerne Wiedervereinigung mit seinem früheren Teamkameraden James Harden feiern sollte.