23 Februar 2015

23. Februar, 2015  |  Philipp Rück  @76ersDrJ


Wow, was war das für eine verrückte Trading Deadline. Während es in den letzten Jahren meist nur große Langeweile gab, brannte es dieses Mal lichterloh an den Telefonleitungen der General Manager. Teilweise wurde es so verrückt, dass sogar Brüder aktueller Spieler sich per Twitter erkundigen mussten:


Auch Sixers-GM Sam Hinkie fädelte drei Deals ein, bei denen zumindest zwei enorme WTF-Momente in der Basketballgemeinschaft auslösten. Hier die Analyse:

Deal 1
Sixers erhalten: JaVale McGee, die Rechte an Chu Chu Maduabum, einen First Round Draftpick (via OKC)
Nuggets erhalten: die Rechte an Cenk Akyol

Was wurde nicht alles geschimpft und gemeckert über diese 76ers, die im Sommer mit ihrem Cap Space keine Mittelklasse-FAs oder wichtige Verstärkungen wie Earl Watson verpflichtet haben. Was für einen Shitstorm gab es in den Mainstream-Medien darüber, dass dies nur geschah, damit man möglichst schlecht bleibt. Komischerweise wussten alle, die sich mit der Materie ein wenig mehr auseinandergesetzt haben, was sich dahinter verbarg: Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Team der Association sich eines leidigen Vertrages entledigen wollte.

So geschehen bereits im Sommer bei den Rockets, die den Lakers ihren First Round Pick gaben, wenn diese doch bitte Jeremy Lin und sein 15 Mio. $ Gehalt übernähmen. Gesagt, getan. Am gestrigen Donnerstag waren es nun die Denver Nuggets, die unbedingt JaVale McGee und seine ausstehenden 24 Mio. $ Gehalt loswerden wollten. Kaum ein Team hatte aber den Cap Space, um diese gigantische Volumen  aufzunehmen, ohne selbst finanziellen Gegenwert zurück zu schicken.

Auftritt Sam Hinkie. Der Spielraum, den man im Salary Cap hatte, half also nun beiden Teams. Die Sixers absorbieren McGees Vertrag (Laufzeit: bis 2016) ohne Probleme und ohne einen Spieler oder einen Pick nach Denver zu transferieren.  Die Nuggets wurden ihren Albatross und Shaqtin-A-Fool-MVP los. Der zu zahlende Preis dafür war ein Erstrundenpick, den die Goldstücke zu den Jungs an der Freiheitsglocke schickten. Der Pick stammt ursprünglich von den Thunder und ist diesem Jahr Top 18 geschützt (bleibt also wohl vorerst in Oklahoma), in den kommenden beiden Jahren Top 15 geschützt (Sehr wahrscheinlich, dass der Pick nach Philly geht). Die jeweils getauschten Rechte an den Spielern mit den wohl lustigsten Namen der Trade Deadline sind Makulatur und in der Bewertung völlig unwichtig.

First Rounder sind in Trades heutzutage (im Vergleich zu früher) ein selten übermitteltes Gut. Aus Sixers-Sicht also ein absolut fantastischer Move, weil das Team einen First Rounder für gar nichts bekommt. Well done, Sam.

Deal 2
(3-Team-Trade mit Phoenix und Milwaukee)
Sixers erhalten: Erstrundenpick der Los Angeles Lakers (von den Suns)
Sixers geben ab: Michael-Carter Williams (zu den Bucks)

WOW. Hier muss ich erstmal meine Emotionen sammeln, trennen, analysieren und wieder synthetisieren. Zunächst einmal möchte ich vorausschicken, dass ich Michael Carter-Williams als Menschen mochte und mag (von dem, was ich überhaupt beurteilen kann). Er zeigte stets vollen Einsatz, Stil und Klasse. So auch bei seinem Tweet nach dem Trade:


Den Basketball-Spieler mochte ich auch, weil ich lange Point Guards mit noch längerer Spannweite und Athletik mag. Aber trotzdem sollte man als Fan in der Lage sein, die eigenen Spieler objektiv und realistisch zu bewerten. Diese Realität sieht bei MCW sehr ernüchternd aus. Davon mal abgesehen, dass er bereits im Sommer auf dem Trading Block stand und sowieso nie nie nie nie nie nie nie nie Teil der langfristigen Planung war, ist MCW kein Spieler, um den man sein Team aufbauen sollte.

Es stellte sich bislang immer nur die Frage, wann das Front Office den Spielmacher abgeben wird und welchen Gegenwert es dafür erhält. Ideen von Sixers-Beatwritern und Analysten waren z.B., dass Hinkie ihn zusammen mit einem der First Round Picks gegen einen besseren jungen Point Guard tradet. Oder ihn benutzt, um sich im kommenden oder darauf folgenden Draft hoch zu tauschen. Viele dachten bereits, dass er am Draft-Abend 2014 transferiert wird. Oder im Sommer. Oder zum kommenden Draft. Und jetzt scheinen alle plötzlich überrascht?

Es gab zwar vor der Deadline keine Spekulationen, aber das ist bei Hinkie nichts Neues. Der Erstrundenpick, den Philly von den Suns bekommt, ist das Draft-Recht der Lakers, in diesem Jahr Top-5 geschützt. Das heißt wohl, Stand heute, dass die Lakers ihren Pick heuer behalten. In den kommenden beiden Jahren ist der Pick nur noch Top-3 geschützt, was ein Wechsel des Wahlrechts nach Philly sehr wahrscheinlich macht.

Schlussendlich wird daraus also höchstwahrscheinlich ein Top-10-Pick im Jahr 2016. Das man sich mal vorstellen. Einen Pick mit so hohem Value bekommt man heute einfach nicht mehr. Für Stars oder junge Talente ist das bisweilen möglich, aber für einen der schlechtesten Offensivspieler der Liga? Das ist ein absoluter No-Brainer. Für einen Spieler, den Hinkie eh loswerden wollte. Wahnsinn. Wenn mich jemand vor einem Jahr gefragt hätte, ob ich MCW für einen Top 10 Pick hergeben würde, wäre ich nackt vor Freude strahlend und springend durch eine deutsche Großstadt eurer Wahl gelaufen.

Die Argumentation „man muss erstmal einen besseren Spieler als MCW mit diesem Pick bekommen“ zählt aus zwei Gründen nicht. Erstens: Der Point Guard der Zukunft kann auch mit dem eigenen Pick in diesem Jahr oder per Free Agency oder Trade in Zukunft kommen. Zweitens: Es ist nicht so schwer, einen besseren Point Guard als Carter-Williams zu finden. Damit kommen wir auch zur Salz in meiner Standpunktssuppe, die erklären soll, warum man nicht um einen Spieler wie Michael Carter-Williams aufbauen kann.

Zunächst einmal ist er als Sophomore schon 23 Jahre alt. Das mutmaßliche und oft angepriesene Upside hält sich dadurch massiv in Grenzen. Grundsätzlich gilt in der NBA: je jünger du bist, desto größer ist dein möglicher Entwicklungssprung. Zum Vergleich ein paar Spieler, die ungefähr so alt sind wie er: Brandon Knight, Eric Bledsoe, Kemba Walker, Damian Lillard, Kyrie Irving, John Wall, Jrue Holiday. Alle die genannten Playmaker sind bessere Spieler mit mehr Erfahrung. Wo soll die „Upside“ denn herkommen? Das Alter ist also sehr wohl relevant.

Darüber hinaus ist MCWs Wurf „mechanisch“ kaputt. Wer mir das nicht glaubt, soll mal bei zwei Experten nachfragen, die definitiv und eindeutig mehr Ahnung haben als ich und du. Rich Hofmann (phillyvoice.com) und Derek Bodner (libertyballers.com) haben beide im Sommer unabhängig voneinander Artikel zu diesem Problem veröffentlicht. Da geht es nicht um Feinjustierungen, sondern um massive Umwälzungen einer Wurfmechanik, die komplett erneuert werden muss.

Natürlich gab es Fälle in der NBA, bei denen das geklappt hat. Aber auf jeden Jason Kidd folgen ca. fünf Rajon Rondos oder Michael Kidd-Gilchrists. Ferner ist eine der wichtigsten „Regeln“ in der NBA, dass die erste Offseason eines Spielers in der Liga die wichtigste seiner Karriere ist. Für MCW hätte dies aufgrund der genannten Problematik umso mehr zugetroffen. Leider konnte er wegen einer Schulter-OP den gesamten Sommer über nicht an seinem Spiel feilen. Rosige Aussichten, nicht wahr?

Lasst uns nun ein wenig in die Tiefen der Zahlen eintauchen, um zu zeigen, wie „gut“ Michael Carter-Williams als Spieler tatsächlich war und ist (aktuelle Saison, via basketball-reference.com; letzter Aufruf: 21.2.15).




Um diese Zahlen auch in Relation setzen zu können, vergleichen wir alle NBA-Spieler, die pro Spiel mindestens zehn Mal auf den Korb werfen, mindestens 40 Spiele absolvierten und eine Nutzungsrate von mindestens 20% aufweisen: Dabei findet man 83 Spieler. MCW ist Letzter beim Offensiv-Rating (mit 4 Punkten Rückstand auf den vorletzten Platz und bereits 10 auf Platz 80), Letzter bei den Offensiv Win Shares, Letzter bei der Turnover-Quote und Letzter bei der True Shooting-%.

Points per Possession: 0,80 (via nbawowy.com)
(im Vergleich: Brandon Knight 1,04)

Via nba.com/stats:
PnR-Ballhandler PPP: 0,58 (16. Perzentil)
Isolation PPP: 0,76 (40. Perzentil)
Spot-Up PPP: 0,77 (20. Perzentil)

Team-Offensive On/Off: 89,3/94,1 (nba.com)
Offensiv Real Plus Minus: minus-3,28 (Platz 78 von 79 unter allen PGs, via ESPN)

Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass fast alle Werte im Vergleich zur Rookie-Saison schlechter wurden. Wurfquoten schlechter, Turnover höher, ORtg & Win Shares runter.

Carter-Williams ist de facto einer der schlechtesten Offensivspieler der NBA. Das ist nicht meine Meinung, sondern eine Tatsache, die sich mit Hilfe der gezeigten Stats subsumieren lässt. Da kann und darf man sich auch nichts schönreden. In Kombination mit seinem für einen Sophomore hohen Alter und seinem „kaputten“ Wurf macht dies den Trade für einen mutmaßlich ziemlich hohen Pick zu einem echten Steal. Wer das rein auf den Trade-Value bezogen anders sieht, verfolgt die Liga noch nicht lange genug und soll mal schauen, wann es zuletzt ein solcher Pick über die Ladentheke gewandert ist.

Zu Guter Letzt sollte man eben auch den „Fit“ nicht vernachlässigen. Das Team soll langfristig um 2 Big Men aufgebaut werden (Embiid + X). Damit eine solche Lineup im Angriff effizient funktionieren kann, braucht Philadelphia nicht nur auf dem Flügel Shooter, sondern auch als Playmaker jemanden, der Spacing generiert. Ob Carter-Williams in einem anderen Team mit besserem Spacing auch bessere Offensivwerte auflegen kann? Da kann man sehr wohl von ausgehen. Aber in diesem Team ist er der falsche Point Guard. Bei dem defensiven Potential, welches der Kader birgt, passt ein Spielertyp Marke „Steve Nash“ viel eher.

Deal 3
Sixers erhalten: Isaiah Canaan, Zweitrundenpick 2015 (via Denver)
Rockets erhalten: KJ McDaniels

Bei diesem Trade fällt die Bewertung deutlich am schwersten. Im Vakuum betrachtet ist es ein schlechter Tausch. McDaniels war im Sommer ein Erstrundentalent und hat dieses Potential auch bislang angedeutet. Im Gegenzug erhalten die Sixers ein interessantes Talent und einen frühen Zweitrundenpick, mit dem sie aber garantiert nicht wieder ein McDaniels-ähnliches Talent ziehen.

Klar, McDaniels gewinnt keine Spiele und wird kein All-Star, aber ein legitimer Starter, Three-And-D-Spezialist und All-NBA-Defender? Ja, das wäre definitiv möglich. Seine Treffsicherheit von der Dreierlinie ist in den letzten Wochen sehr stark zurückgegangen und er ist nicht nur Sixers-intern hinter Jerami Grant in der Hierarchie zurück gefallen.

Ob er den Rockets direkt helfen kann? Daran muss man doch stark zweifeln. Sein Spiel wird ob der Highlight-Dunks und seiner spektakulären Blocks besser gesehen als es schon ist. Er ist eben ein Rookie. Nichtsdestotrotz ein eher schwacher Deal aus 76ers-Sicht.


Erklären kann man ihn aber dennoch.
Philly hätte mit ihm ein wenig Redundanz auf dem Flügel gehabt. Covington, Grant & Hollis Thompson haben alle ähnliche Fähigkeiten wie McDaniels, und so gibt es für die verbliebenen mehr Spielzeit und mehr Entwicklungsraum.
Der Vertrag: Im Gegensatz zu den genannten Konkurrenten (günstige 4-Jahres-Verträge) wird McDaniels im Sommer Restricted Free Agent. Ein Jahr ist ein viel zu kleiner Zeitraum, um Spieler angemessen zu evaluieren. Es ist nahezu unmöglich, dann schon sichere Prognosen zu treffen. Es ist anzunehmen, dass Hinkie bei einem möglichen 4 Jahre/30 Mio. $ Offer Sheet nicht gleichgezogen hätte, weil das Risiko hierbei viel zu hoch wäre, dass er diesen Vertrag nicht wert ist. McDaniels wäre in diesem Fall ohne Gegenwert verloren gegangen.

Streng genommen ist der Wert von Rookie-Deals eben genau diese 4-Jahres-Struktur (und mit ein Grund, warum First Rounder so begehrt sind). Hinkie wird es von Anfang an gestunken haben, dass McDaniels andere Pläne hatte.

Ich hätte das mögliche Risiko eines zu hohen Offer Sheets in Kauf genommen und ihn notfalls ohne Gegenwert gehen gelassen. Der jetzt erhaltene Gegenwert ist quasi nicht so viel mehr als „nichts“. Ich hätte wahrscheinlich angesichts des gigantischen Cap Spaces auch ein hohes Offer Sheet gematcht. Die Gründe für Hinkies Entscheidung kann ich verstehen, teile sie aber nicht.