16 Februar 2015

16. Februar, 2015  |  Philipp Landsgesell  @Phillyland


Die Trade-Deadline rückt mit großen Schritten näher. Nur noch bis Donnerstag können unter Vertrag stehende Spieler getauscht werden, traditionell erreicht das Feilschen und Tauschen in dieser Woche seinen Höhepunkt. Grund genug für die #NBACHEF-Redaktion, einen genaueren Blick auf mögliche Umzugskandidaten zu werfen.


Der seltsame Moment
Es war der merkwürdigste Moment am Abend des 26. Juni 2014 im Barclays Center in Brooklyn. Beim alljährlichen NBA-Draft dürfen die Philadelphia 76ers an zehnter Stelle ziehen und entscheiden sich für den Point Guard Elfrid Payton. Michael Carter-Williams, der auf derselben Position spielt, ist live vor Ort und schüttelt dem Rookie die Hand. Schüttelt hier der amtierende beste Rookie des vergangenen Jahrgangs die Hände seines Nachfolgers in Philadelphia? Nicht wenige dachten, dass „MCW“ während des Drafts getradet wurde. Die Gerüchte, dass er per Trade verfügbar ist, halten sich seitdem konstant.

Doch nicht er, sondern Payton wurde zu den Orlando Magic getradet. Die Sixers bekamen dafür Dario Saric und ihren eigenen Pick, der innerhalb des Andrew Bynum Trades nach Orlando gewandert war, wieder zurück. Obwohl Michael Carter-Williams eine sehr gute Rookie Saison spielte und den „Rookie of the Year Award“ gewann, ist er in Philadelphia nicht unumstritten. Das hat seine Gründe.

Can't teach height
Auch wenn der Spruch ursprünglich für die Big Men der Welt geschaffen wurde, trifft er doch auch auf den Sixer zu. Seine für einen Aufbauspieler außerordentliche Größe von knapp zwei Metern kann ihn zu einem interessanten Puzzlestück in der Zukunft der 76ers machen. Seine Größe hilft ihm dabei, offensiv wie defensiv. Defensiv erlaubt ihm seine Länge viele Turnover oder Deflections zu erzwingen, um dann mit dem Ball in der Hand sofort den Fastbreak einzuleiten.

Es ist nichts Ungewöhnliches für einen Rookie: MCW wirkte oft überfordert, ging öfter auf den Steal und entschied sich in den defensiven Rotationen falsch. In der aktuellen Saison hat er sich defensiv verbessert - von überall treffen die gegnerischen Spieler prozentual schlechter, wenn sie von Carter-Williams verteidigt werden. Seine Stärke liegt mehr in der Team-Defense als in der Eins-gegen-Eins Verteidigung. Hier ist seine Größe ein Nachteil.

Oft kann er mit den kleineren, wendigeren Spielern nicht mithalten. Im Pick & Roll kann er aber effektiv verteidigen. Er ist zwar nicht wendig genug, um den Pick schnell zu umgehen, doch er kann den Ballführer mit seinen langen Armen stören. Schafft er es einmal nicht um den Pick, kann er mit seiner Größe auch mal den Picksteller verteidigen. Seine Größe macht ihn außerdem zu einem guten Rebounder. Er sammelt sich die Rebounds von überall, nicht nur die Point Guard-freundlichen langen Rebounds, sondern kann auch ein Rebound-Duell mit einem Big Man für sich entscheiden.


Michael Carter-Williams musste vergangene Saison gezwungenermaßen zu viel Last auf seinen Schultern tragen, dazu auf einer Position, die am schwierigsten zu erlernen ist. Durch den kompletten Rebuild-Modus seiner Franchise musste Carter-Williams sofort Verantwortung übernehmen. „MCW“ war und ist dafür noch nicht bereit. Das mangelnde Talent und das nicht vorhandene Spacing bei den Sixers machen es einem Spieler unglaublich schwer, der vom Zug zum Korb abhängig ist. Wird Carter-Williams vorne die Scoring-Last von den Schultern genommen, kann er sich die Würfe besser auswählen und damit hochprozentiger abschließen. Er wird nie eine Scorer Mentalität entwickeln - er ist eher ein klassischer Aufbauspieler, der zum Scoren gezwungen wurde. Weitere Erfahrung auf dem Parkett wird ihn weiter reifen lassen.

Der Drive ist offensiv seine größte Waffe. Über zwölf mal zieht er pro Spiel zum Korb und kann sich so seinen eigenen Wurf am Ring kreieren. Fast sieben Punkte erzielt er durch Drives pro Spiel, die er auch per Dunk mit Körperkontakt abschließen kann. Der Zug zum Korb ist seine einzige Möglichkeit, verlässlich und effektiv zu punkten. Von überall sonst auf dem Parkett sieht es sonst sehr dunkel aus.

Das große Fragezeichen
Während seine Statistiken aus der vergangenen und dieser Saison auf den ersten Blick wirklich gut aussehen, sind seine Wurfquoten inakzeptabel. Von seinen insgesamt 519 Sprungwürfen traf er nur 104 (20%)... Zahlen, die einen Josh Smith wie einen Ray Allen aussehen lassen.

Knapp die Hälfte all seiner Wurfversuche kommt dabei aus dem Sprungwurf, was seine schwache Wurfquote aus dem Feld erklärt. Die Anzeichen dafür waren bereits im College in Syracuse zu erkennen. In seinem zweiten Jahr traf er dort nur 39% aus dem Feld. Sein Wurf bleibt das größte Fragezeichen in seinem Spiel. Auch in seiner zweiten Saison scheint es nicht besser zu werden. Wegen einer hartnäckigen Schulterverletzung im Sommer konnte er nicht an seinem Wurf arbeiten. Bis November durfte er überhaupt nicht trainieren und hemmte so seine Entwicklung enorm, denn während der Saison ist kaum Zeit für Training.

Noch weniger Zeit ist für gezieltes Training am Sprungwurf, das bei „MCW“ so dringend nötig wäre. So haben nur Lance Stephenson oder Rajon Rondo eine schwächere True Shooting Quote unter allen Spielern, die ähnlich lange wie Carter-Williams auf dem Parkett stehen. Sicherlich spielen auch die Rahmenbedingungen bei den Sixers eine Rolle, doch sein Wurf wird darüber entscheiden, wie wertvoll er als Spieler sein kann.

Kommt ein Trade?
Das Wurfproblem ist signifikant. Es wird entscheidend sein, wie die Verantwortlichen in Philadelphia die Situation langfristig einschätzen - bei den Sixers geht es nur um den langfristigen Erfolg. Ist Carter-Williams' Wurf reparierbar? Inwieweit kann „MCW“ in einer Offensive um Joel Embiid den Aufbau geben? Michael Carter-Williams ist der amtierende „Rookie of the Year“ und dürfte einen gewissen Wert haben. Aber welche Franchise würde einen jungen Spieler plus Picks für ihn abgeben wollen?

Auch die anderen Teams werden das Wurfproblem erkannt haben und werden deshalb keine astronomischen Angebote einreichen, vor allem da die NBA mit guten Point Guards sehr gut aufgestellt ist.

Dass der verletzungsanfällige Carter-Williams laut Gerüchten per Trade verfügbar sein soll, heißt natürlich nicht, dass er auch tatsächlich wechselt. Die Sixers sollten sich wie jede gut geführte Franchise die Angebote anhören und dann entscheiden. Ein Trade zur Deadline scheint angesichts der Situation nicht wirklich realistisch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit dürfte nach der Saison in Richtung Draft-Abend aber wieder steigen. Mit Emmanuel Mudiay und D'Angelo Russell sind dann höchstwahrscheinlich vielversprechende Aufbautalente verfügbar. Muss Michael Carter-Williams dann vielleicht wirklich seinem Nachfolger die Hand schütteln?