28 Februar 2015

28. Februar, 2015  |  Anno Haak  @kemperboyd


So schließt sich der Kreis. Ein Kreis, der um den halben Erdball führte. Ein Kreis, der immer wieder aufging und sich immer wieder schloss. Bis zum bitteren Ende. Das Ende war eine Herzkrankheit, ausgerechnet. Das Schicksal hat einen merkwürdigen Humor. Das Schicksal des Anthony Mason.


If you make it there...
Wenn Fans der orangenen Kugel Anthony George Douglas Mason mit einem Wort hätten beschreiben sollen, es wäre wohl "Herz" gewesen. Er hatte soviel davon, es war so groß, als bestünde er nur daraus. Dieses Herz schüttete Willen und Leidenschaft aus und es barg eine so unerschütterliche Liebe zu dem Spiel in sich, die es ihm dereinst zurückgab. In New York, der Stadt des großen Geldes, die trotzdem oder gerade deswegen die Underdogs, die es unter die Reichen und Schönen schaffen, besonders liebt.

Die Reise in die Hauptstadt der Welt und auf den Höhepunkt seiner Karriere begann in Miami. Dort wurde er geboren, dort sollte er später den individuell größten Erfolg seiner Karriere feiern. Die Kreise, die er schloss. Sie führte auf eine Highschool in Queens/NY, auf ein kleines, unbeachtetes College in Tennessee. Als sich "Mase" 1988 zum Draft anmeldete, hatte dieser noch drei Runden. Er schöpfte den Weg aus. Das Leben stellte ihn auf eine erste Probe. 52 Namen rief David Stern vor Mason auf, der keine sechs Jahre später das Gesicht und - ja, das Herz - des meistgehassten Teams der NBA sein sollte.

Die Portland Trail Blazers erbarmten sich des Forwards, den keiner wollte, und... hatten keine Verwendung für ihn. Traum realisiert, Traum geplatzt. Das nimmt kein Ende. Vom gefeierten High School Talent zum irrelevanten Universitätsspieler zum Fast-NBA-Pro, in die Türkei. Nach Venezuela und in irgendwelche Minor Leagues, deren klägliche Existenz von der D-League verdrängt und heute vergessen ist. Auftritt Pat Riley.

Der Mann mit dem gelackten Haar hat vermutlich die Träume vieler junger Afroamerikaner ein Stück weit mit zu realisieren geholfen. Dass er einmal Anthony Masons gute Fee würde... only in America. 1991 soll der Showtime-Architekt New York auf die Höhen bugsieren, auf die es nach seinem Selbstverständnis immerzu gehört. Ausgerechnet den "journeyman" aus Miami hat er sich als Handlanger ausgeguckt. Bei irgendeinem dieser Sommerevents, die in den gleichen Geschichtsschluchten versanken wie die CBA, in Philadelphia, sieht Riley, wie Mason Leute durch die Zonen schiebt, die anderthalb Köpfe größer sind als er, und verliebt sich auf der Stelle. Keine Analysen, keine metrics, keine Stats. Er kann passen, er wirft sich in jedes Getümmel, fast rücksichtslos gegen sich und andere, bei einem Event zum Vorspielen, bei dem die meisten in erster Linie darauf achten, zu punkten, ohne sich zu verletzen. Gekauft.



Die Knicks sind Patrick Ewings Team. Der Star, der go-to Spieler, der Heiland aus Georgetown überstrahlt sie alle. Aber die Knicks der frühen 90er sind mindestens genauso Anthony Masons Team. Niemand verkörpert die harte, manchmal schmutzige Art dieser Mannschaft hochbegabter Arbeiter, Basketball zu spielen wie der Mann mit den lustigen Bildern in der Frisur. Der Mann, der für die Drei zu breit und für die Vier zu klein war, machte aus seinem Tweenerdasein ein Markenzeichen. Er machte filigranen Flügeln wie Pippen das Leben so schwer wie Mensch gewordenen Kipplastern á la Karl Malone. Mason war der Mann, gegen den keiner spielen wollte, genauso wie die Knicks das Team waren, auf das keiner treffen wollte.

Dieses Team war die Knicks wie kaum ein Team davor und ganz sicher keines danach. Es war nichts für Ästheten, es lebte vom Zusammenhalt, von der Wagenburgmentalität und von der Physis. In der Hässlichkeit, der Härte, lag die Schönheit des Moments. Dieses Team war wie New York, aber es war eben auch wie Anthony Mason. Es war und er war der Beweis, die Inkarnation der These, dass jeder ein Star sein kann, wenn er hart dafür arbeitet und die Neinsager schlechte Männer sein lässt.

#14
Wenige Kilometer Luftlinie von der Schule in Queens entfernt, in der aus dem Starspieler ein Underdog wurde, lieben sie ihn dafür. Wie er sich nicht darum schert, ob er Jordans Bulls oder hoffnungslose Expansionsteams beackert, mit der immer gleichen Leidenschaft Bällen nachtaucht, Ellenbogen einfängt, verteidigt, passt und macht, was sonst keiner machen will. Wie er Drecksarbeit, die nicht nur keiner machen, sondern von der auch niemand etwas wissen will, sichtbar und feierbar macht. Dafür, dass sein großes Herz das Herz der Knicks wir, feiern sie ihn, dafür übersehen sie ihn.

Die Leute können sich kaum satthören an den Geschichten über John Starks, der wenige Monde vor seiner Knicks-Zeit im Supermarkt Regale einräumte. Die Judasgeschichte um Ex-Bulle Charles Oakley sind schneller gestrickt als ein Handschuh für den New Yorker Winter. Und wenn gar nichts geht, mit Ewing verkauft man immer noch Zeitungen in NYC. Wenig beschreibt den Respekt und den totalen Mangel an Star-Appeal des Anthony Mason wie jene Begebenheit aus dem Sommer 1995, die Mike Vaccaro in seinem Nachruf zum Besten gab.



Auf dem Maurice-Stokes-Game erschien Mason damals. Dem damals amtierenden sechsten Mann des Jahres riefen zwei Fans "We love you, Mase" nach, der eine trug ein Oakley-Trikot, der andere ein Jersey mit der unvermeidlichen 33. "Then where's your number 14?", gab Mason zurück. Und lachte. Er kannte seinen Platz, er machte seine Arbeit, er beschwerte sich nicht. Naja zumindest selten. Offenes Visier bis zur eigenen Erblindung.

Nummer 14 ist dennoch das Zentrum der Mannschaft, die 1994 die NBA-Finals erreicht. 21 Jahre davor und 21 Jahre seither waren die Knicks nie näher an einem Ring. Mason hustlet Horry hinterher, schieb Thorpe vom Zonenrand, boxt Olajuwon aus, über sieben lang(weilig)e Spiele. Er holt den Rebound vor dem Outlet, er spielt den Pass vor dem Assist. Er tut, was er kann. Am Ende ist es nicht genug. Als des Mentors Zeit in New York endet, endet auch die Zeit von Mason in New York. Riley geht nach Miami. Mason nach Charlotte.

All Star for a day, Knick for a lifetime
1996 sind die Hornets sein vierter Stopp in der NBA. Das blau-orange weicht dem merkwürdigen türkis. Individuell hat er seine produktivsten Jahre in North Carolina, für die Fans bleibt er ein Knickerbocker. New York ist Jahre später längst der Witz geworden, den Thomas zu immer neuen Pointen steigert, da wird Mason immer noch bei jedem Gastauftritt gefeiert wie ein guter Geist aus der Vergangenheit, die so unwiederbringlich verloren ist wie Larry Johnsons Gesundheit. Johnson, für den die Knicks einst ihr Herz hergaben.


Sechs Jahre nach den Finals schließt Mason die letzten offenen Kreise seiner Karriere. Die Rückkehr in seine Geburtsstadt bringt ihn wieder mit dem Mann zusammen, dem er es verdankte, eine NBA-Karriere zu haben. Riley holt ihn als Rollenspieler eines Contenders nach Miami, das Schicksal und Alonzo Mournings Nieren machen aus Mason den Franchise-Player eines Playoffteams. Mit 34 wird er 2001 zum ersten und einzigen Mal All Star. Ein stiller Arbeiter unter den schrillen Iversons und Kobes der Basketballwelt, aber auch der verdiente Lohn für eine Karriere, die größer war als das Talent, die erarbeitet wurde von schierem Willen, unerschütterlichem Glauben und von diesem Herz, das man nicht kaufen und nicht lernen kann. Das Herz, das Anthony Mason zu dem machte, was er war. Das Herz, das mich die Knicks respektieren ließ, obwohl ich nicht viel mit ihnen anfangen konnte. Das Herz, das - ausgerechnet - im Alter von nur 48 Jahren den Dienst versagte. Das den Kreis viel zu früh schloss. Den Kreis des Anthony Mason. RIP, big fella!