27 Februar 2015

27. Februar, 2015  |  Pascal Gietler  @PascalCTB


Wenn man als Point Guard in der NBA 21 Punkte und rund zehn Assists pro Spiel auflegt, dann darf man sich sicher sein, zu den Besten der Liga zu gehören. Doch im Zeitalters des Internets folgen auf einen Charles Barkley, der diese Zahlen für unumstößliche Beweise für Qualität hält, gefühlt fünfzig Hobby-Mathematiker, die diese Zahlen auf Grundlage diverser Formeln und Erweiterungen auseinanderrupfen. 

Deron Williams war anno 2011 auf Grundlage der oben genannten Zahlen für viele einer der zwei besten Point Guards in der NBA. Für viele andere war er allerdings "nur" ein guter Point Guard, der aufgrund eines günstigen Spielsystems seines Statline aufblähen konnte. "D-Will" durchquerte seit dem Jahr 2011 einige Karrierephasen, die man so nicht hätte vorhersagen können. Viele behaupten, dass er das gegenwärtige Schicksal einer ganzen Franchise indirekt so sehr beeinflusst hat, dass diese schon bald vor einem riesigen Scherbenhaufen stehen könnte. Daran werden vermutlich auch seine (traditionell) guten Werte seit der All-Star Pause nichts ändern. 

Akt I: Exposition
Im Februar 2011 wechselte der hochgelobte Deron Williams den Klub. Er ging von den Utah Jazz zu den New Jersey Nets, die kurz davor das Wettbieten um Carmelo Anthony an die New York Knicks verloren. Die graue Maus aus dem Garden State war zu diesem Zeitpunkt auch schlicht und ergreifend keine attraktive Destination für Spieler. In der Saison 2009/10 hatten die Nets niedrigsten Zuschauerschnitt der Liga, gewann lediglich historisch schlechte zwölf Partien und wurden am Ende der Spielzeit an den russischen Milliardär Mikhail Prokhorov verkauft.

Die New Jersey 'Nots' waren auch im Folgejahr sportlich absolut irrelevant und blieben, trotz des Trades, nur 24 Siegen aus 82 Spielen im Tabellenkeller. Doch nach dem Trade für den vermeintlich besten Point Guard der Liga und ausgetüftelten Plänen, die Franchise aus dem kleinen New Jersey in den Weltmarkt New York zu bringen, sollte alles besser werden.

Der Trade sorgte auf Seiten der Nets-Fangemeinde für eine Menge Freude. Zwar musste sich das Team vom damaligen Rookie und Top-3-Pick Derrick Favors trennen, doch außer dem Rookie, Devin Harris und zwei Draftpicks (einem eigenen und einem geschützten Erstrundenpick via Golden State) mussten die Nets lediglich ein wenig Kleingeld nach Salt Lake City überweisen, das ja spätestens seit dem Verkauf an den russischen Milliardär Prokhorov locker saß.

In einem Folgetrade schafften es die Nets sogar noch, Troy Murphy samt seines 11 Mio. $ Vertrages zu den Golden State Warriors zu verschiffen. New Jersey musste lediglich einen Zweitrundenpick drauf legen. General Manager Billy King hatte somit etwas mehr finanzielle Flexibilität, einen vielversprechenden Center mit Brook Lopez und einen elitären Point Guard in Williams. Die Voraussetzungen für eine Trendwende von der "grauen Maus" zum Contender schienen geschaffen worden zu sein.



Akt II: Peripetie
Der Weg in eine glanzvolle Zukunft war geebnet. Deron Williams drehte anfangs in New Jersey voll auf. Am 5. März 2012 erzielte 'D-Will' sage und schreibe 57 Punkte gegen die Charlotte Bobcats - Franchise-Rekord und persönliche Bestleistung. Ein paar Wochen später folgte jedoch der erste schwere Fehler der "Williams-Ära" - die Nets waren auf dem Flügel dezimiert, mussten mit DeShawn Stevenson auf der Drei die Halle betreten. Dieser Missstand brachte General Manager King zu einem der schlechtesten Trades der jüngeren NBA-Geschichte: King sendete einen (Top-3-geschützten) Draftpick zusammen mit Mehmet Okur und Shawne Williams nach Portland, um Gerald Wallace zu akquirieren. Die Begründung damals, sinngemäß: "Mit einem Record von 15-29 können wir ja noch die Playoffs schaffen und falls nicht? Auch egal. Im Draft gefallen uns eh nur Anthony Davis, Michael Kidd-Gilchrist und Thomas Robinson - der Rest kann uns eh nicht helfen.

Schon zum damaligen Zeitpunkt sorgten Kings Rechtfertigungen für Verwirrung. Die Verwirrung brachte die Gerüchteküche wiederum zum brodeln: Es hieß, dass Billy King seinem Point Guard Deron Williams etwas beweisen wollte. "Hey Deron. Guck mal...wir können Talent holen und das Team konkurrenzfähig halten." Hintergrund dieser Gerüchte: Williams wurde am Ende jener Saison Free Agent, die Dallas Mavericks scharrten schon mit den Hufen, um den in Texas aufgewachsenen Williams in den 'Lone Star State' zurückzuholen. 

Die Verschwörungstheoretiker in der brodelnden Gerüchteküche sollten im folgenden Juli noch mehr Zutaten für ihr Süppchen bekommen: In einem Trade mit den Atlanta Hawks lachten sich die Nets All-Star Joe Johnson samt seines Vierjahresvertrag an, der dem Swingman schlappe 89 Mio. $ garantierte. Auch hier hieß es wieder, dass es primär darum ginge, Deron Williams vom Verbleib bei den Nets zu überzeugen. Billy King nahm nämlich auch abseits des Johnson-Deals Geld in die Hand, um die Verträge seiner Free Agents Lopez (Maximalvertrag), Wallace (4 Jahre/40 Mio. $) und Kris Humphries (2 Jahre/24 Mio. $) zu verlängern. 

Finanzielle Flexibilität war Geschichte - alles war darauf ausgerichtet, direkt in der ersten Saison in der neuen Heimat Brooklyn den Weg zurück in die Playoffs zu schaffen. Was einst so vielversprechend aussah, glich auf einen Schlag einer riesigen Geldverbrennungsanlage. Selbst wenn die folgenden Trades mit Boston und Cleveland in den Folgejahren nicht mehr ganz so katastrophal gewesen sind, gleicht es einem Wunder, dass es bis dato im Front Office keine gravierenden Veränderungen gegeben hat.


Akt III: Katastrophe
Die Nets hatten einen Fünfjahresplan, der sang- und klanglos gescheitert ist. Lediglich eine Conference Semi-Final-Teilnahme erreichten die Nets bisher in der "Ära Williams". Trotz gigantischer Gehaltsausgaben droht erneut der Abstieg in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Was wäre passiert, wenn die Nets damals nicht für Deron Williams getradet hätten? Wären die Folgedeals mit Portland und den Hawks wirklich so über die Bühne gegangen? Hätte Billy King, Mikhail Prokhorov oder irgendein Mensch mit einem Hauch von Basketball-Ahnung im Jahr 2011 eine funktionierende Glaskugel gehabt, dann sicherlich nicht. 

Rollen wir das Feld mal von hinten auf: Utah erhielt damals im Zuge des Trades Derrick Favors. Favors ist ein athletischer Spieler, der mit Brook Lopez einen netten Frontcourt hätte bilden können, der mindestens überdurchschnittlich ist. Die Nets hätten einen etwas kleineren Athleten mit gutem Rebounding und einem soliden Two-Way-Game, dazu einen wahren "Sevenfooter", der - wenn fit - einer der besten Offensivcenter der Liga ist und den eigenen Ring einigermaßen gut beschützt. Auf dem Papier klingt das schon mal nicht verkehrt. 

Der Pick, den die Nets damals aus der eigenen Taschen nach Utah schickten, wurde zu Enes Kanter. Das reißt auf dem ersten Blick niemanden vom Hocker, jedoch hätten die Nets mit zwei jungen Big Men im Kader (Lopez/Favors) sicherlich nicht noch einen weiteren Big Man gezogen. Andere Optionen im 2011 wären gewesen: Brandon Knight, Kemba Walker oder Klay Thompson. Autsch! Der andere Pick, den die Nets via Golden State draufgelegt hatten, wurde im Draft 2013 zu Gorgui Dieng und schmerzt (noch) nicht ganz so doll.

Indirekte Konsequenz des Williams-Trades war der Deal, der einen Zweitrundenpick nach Golden State schickte, um den Vertrag von Troy Murphy loszuwerden. Die Warriors entschieden sich 2012 in der zweiten Runde für... Draymond Green. AUUUUTTTSCH!!!!

Jetzt wo der Stein mal im Rollen ist geht es direkt mit dem größten AUTSCHGOTTVERDAMMTESCH*** - AUTSCH weiter: Dem Gerald Wallace Debakel. Wallace war absolut irrelevant in seiner Zeit als Net. Schlimm genug, dass ihm King on-top einen lächerlich hohen und langen Vertrag gab, aber der sechste Pick, den die Nets damals nach Portland schickten, toppt in der Retrospektive wirklich alles. 

Man stelle sich vor, die Nets hätten einen guten Frontcourt aus Brook Lopez und Derrick Favors, plus dazu den sechsten Pick im Draft 2012: Damian Lillard. Der zweimalige All-Star und Rookie of the Year 2013 war eindeutig der beste Point Guard der Klasse 2012, die Nets hätten zu diesem Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Point Guard mit All-Star-Potenzial unter Vertrag gehabt. Daran zu denken, tut weh.



Als ob die bisherige Vergangenheit aber nicht schon schlimm genug wäre - es könnte rückblickend betrachtet noch schlimmer werden. Im Joe Johnson-Trade gingen damals laut Pressemittteilung vom 11. Juli 2012 folgende Picks nach Georgia: ein Erstrundenpick via Houston und ein Zweitrundenpick der Nets im Jahr 2017. Ein kleines Detail steht jedoch nicht in jener Pressemitteilung: Die Atlanta Hawks waren schlau genug, Billy King zu einer kleinen Klausel im Vertrag zu überreden, der es ihnen erlaubt, 2015 ihren eigenen Pick mit dem der Nets zu tauschen. 

Das bringt uns ins Hier und Jetzt. Die Nets sind aktuell nicht auf einem Playoff-Platz, die Atlanta Hawks sind das zweitbeste Team der Liga. Atlanta ist in der damaligen Transaktion nicht nur den monströsen 89 Mio. $ Vertrag von Joe Johnson losgeworden und hat durch das verfügbar gewordene Geld einen der tiefsten Kader der Liga zusammengestellt. Die Hawks haben obendrein sogar noch gute Chancen auf einen Lotterie-Pick im kommenden Draft. 

In der Theorie könnten die Nets aktuell mit einem jungen und günstigen Team aus Damian Lillard, Brook Lopez, Derrick Favors und Draymond Green die Liga aufmischen und könnten sich darüber hinaus mit ihrem eigenen Pick im Draft verstärken. Was wäre das für eine Lineup! 

Die Nets wollten damals viel zu viel in einer zu kurzen Zeit und bewiesen der Liga aufs Neue, dass eine Fokussierung auf einen einzigen, vermeintlich elitären Spieler immer auch ein gewissen Risiko mit sich bringt. Der damalige Nets-Coach Avery Johnson sagte nach dem Trade von Williams: "We know we had to give up a lot to get him, but we felt it was worth it..." - Nein, Avery. Das war es bei aller Liebe nicht!