03 Februar 2015

3. Februar, 2015  |  Tiago Pereira  @24Sekunden


Stephen Curry spielt den Inbound Pass zu Jarrett Jack, der in der Spielhälfte der Miami Heat wartet. Jack sieht sich dem Finals-MVP LeBron James gegenüber stehen, gleichzeitig behält Dwyane Wade das jüngste Wurfwunder der Liga im Auge. Heat-Coach Spoelstra ordert seine Männer an, die Bewachung zu verschärfen, während sich die Shotclock der doppelten Null nähert. Curry und Klay Thompson können ihre Verteidiger trotz Slalomblockparcour nicht abschütteln, während die Uhr unerbittlich herunter läuft. Plötzlich feuert Jarrett Jack einen Steilpass durch die lichte Krone von King James. Der Pass findet Rookie Draymond Green, der sich aus dem Rücken der Verteidigung in das Herz der Zone stahl. Fassungslosigkeit trifft die Heat, als Green den Lay Up zum 97-95 Sieg verwandelt. Fahrlässig schenkten die Big Three einem Liganeuling keine Aufmerksamkeit, so dass Green mit dem Sieg durch die Hintertür entschwinden kann.

Es hätte keinen besseren Spielzug geben können, um den Namen Draymond Green in den Grauzellen der NBA Fans zu verankern. Einen Backdoor Cut zum Sieg, mehr braucht es nicht, um Greens Spieltstil zu charakterisieren. Stundenlange Mixtapes aus 360°-Dunks und Knöchel erzitternden Crossovern überlässt Green den athletischen Jungs, die sich in YouTube Klicks ausbezahlen lassen. Er hingegen pflegt die Highlights abseits vom Ball. Eine Kunst, die Green über vier Jahre in Michigan State gelernt hat. Auch wenn die Lehren von Coach Tom Izzo weder auf dem Freiplatz noch auf Sports Center zu finden sind, fand Draymond Green Dank ihnen den Weg auf das Parkett der NBA. Dabei wäre aus dem Spartiat mit Summa Cum Laude fast eine meisterliche Wildkatze geworden. 

Go White, Go Green
Wie kein Zweiter verinnerlichte Draymond Green die Michigan State University. Dass er auf dem Weg dorthin beinahe in Lexington abgebogen wäre lässt ihn wohl noch heute schmunzeln. Schließlich war nicht die MSU, sondern Kentucky seine erste Hochschulwahl. Doch als Tubby Smith seinen Trainerposten für den aus Memphis kommenden John Calipari frei räumte, entschied sich Green gegen das Dasein als Wildkatze. Nicht wenige Highschool-Talente hätten sich an Greens Stelle beide Beine ausgerissen, um ein Teil der legendären Recruitingklasse von 2008 zu sein (u.a. John Wall, Eric Bledsoe und DeMarcus Cousins). 

Eine Statistenrolle neben den One-and-Done Stars abzulehnen und ein Stipendium in Michigan State anzunehmen lässt sich im Nachhinein dennoch als richtig verbuchen. Dabei wäre auch die grün-weiße Romanze beinahe gescheitert, denn Coach Izzo konnte seinem Spartiat in Spe kein Stipendium anbieten. Glücklicherweise entschied sich Maurice Joseph gegen ein weiteres Jahr in Michigan, sodass Green seinen Platz einnehmen konnte. Es war die letzte Hürde die zwischen Green und seiner Alma Mater stehen sollte. Nach vier Jahren Grün und weiß schloss Green seine Karriere als bester Rebounder und einer der besten Spartans aller Zeiten ab. Auch wenn Green seiner MSU nie eine College-Meisterschaft schenken konnte, weint er dem NCAA-Titel keine Träne nach. Diese lässt sich schließlich auch in der NBA gewinnen. Vielleicht sogar schneller als gedacht.


Meisterstücke?
Der Traum von der Larry O’Brien Trophäe ist in Oakland seit der Ankunft von Stephen Curry längst kein Wunschdenken mehr. Doch auch mit der Mithilfe seines kongenialen Splash-Bruders Klay Thompson kam der beste Backcourt der NBA noch nicht an den Schwergewichten des Westens vorbei. Stets wurde das finale Saisonspiel auf fremden Untergrund abgegeben, so dass sich die Warriors in den letzten zwei Jahren spätestens nach der Hälfte aus den Playoffs verabschieden mussten.

Auch in diesem Jahr ist ein tiefer Postseason-Lauf nicht garantiert, doch die Ausgangslage der Dubs ist denkbar günstiger. Mit 39-8 Siegen stehen die Krieger auf Platz eins der Western Conference und halten gleichzeitig die beste Heimbilanz der Liga (23-2). Zu Recht werden deswegen viele Lobeshymnen auf das goldene Duo Curry/Kerr gesungen. Dass dem All-Star Coach und seinem legitimen MVP-Anwärter viel Tribut gezollt werden muss, wenn es um den Erfolg der Dubs geht, ist verständlich. Dennoch verliert kein Warrior bei den kalifornischen Festspielen das Gehör für den eigentlichen Herzschlag der Dubs.

Mit Leib und Seele
Steve Kerr nennt Draymond Green "Herz und Seele seines Teams." Vor dieser Spielzeit wären den meisten Fans auf Anhieb eher die Namen Curry oder Thompson in den Sinn gekommen. Vereinzelt hätten Andrew Bogut und Andre Igoudala Erwähnung gefunden, aber an Draymond Green hätten die wenigsten gedacht. Die meisten sahen Green als vorübergehenden Platzhalter für den verletzten David Lee an. Doch nachdem Green zu Saisonbeginn die Rolle des Starters erhielt, ist er nicht mehr aus der Anfangs-Fünf wegzudenken.

Er wirkt als offensive Konstante hinter den Splash Brothers, denn mit seinem Distanzwurf kreiert Green das nötige Spacing für die Drives seiner Teamkollegen. Der Dreier ist bei Draymond zwar noch nicht ganz so stark ausgeprägt (1.5 Dreier pro Spiel bei 34,2%) wie bei Curry oder Thompson. Dafür kann sich Green auf weitere Stärken verlassen, falls der Wurf an einem Abend nicht fällt. Im Pick & Roll harmoniert Green perfekt mit jedem Ballführer und kann dank seiner exzellenten Passfähigkeiten jederzeit den freien Mann an der Dreierlinie finden. Kein Warrior außer Curry kreiert für seine Mitspieler mehr Wurfgelegenheiten als Green. Besonders Thompson profitiert von Greens Pässen, denn geht seinem Wurf ein Pass von Green voraus, verwandelt er weit mehr als die Hälfte seiner Wurfversuche.

Neben der Funktion als Schaltstelle im Warriors-Angriff steht Green gleichzeitig neben Bogut als zweite Stütze in der Verteidigung. Seine Mobilität erlaubt es ihm, fast jeden Spieler zu verteidigen, was es für den Gegner unmöglich macht, ein Matchup zu kreieren, in dem Green ein Mismatch hat. Auch größere Power Forwards haben es schwerm gegen Green zu Punkten zu kommen, denn Green erweist sich als herausragender Korbverteidiger. Im Zusammenspiel mit Andrew Bogut stellt das Duo eine der am schwersten zu knackenden Verteidigungsreihen.

Auch bei den Rebounds macht Green seine Größennachteile mit Einsatz und einem perfekten Stellungsspiel wieder gut. Greens Spiel ist zwar in keiner Facette perfekt, doch die Vielzahl seiner spielerischen Anlagen macht ihn einzigartig. In der aktuellen Saison können nur Green, Tim Duncan, Blake Griffin und Joakim Noah mehr als 10 PPG, 7.5 RPG und 3.5 APG vorweisen. Aber nur Green kann dazu noch je 1.5 Blocks, Steals und Dreier auflegen. Ob als Splash-Bruder oder Verteidigungsanker, Green passt sein Skillset perfekt jeder Formation an, welches ihm ein Alleinstellungsmerkmal in der Liga verschafft.


Kohle her!
Diese Anpassungsfähigkeit macht Green für die Warriors unersetzlich. Leider ist diese Unentbehrlichkeit mit großen Kosten verbunden, denn Green befindet sich in seinem letzten Vertragsjahr und wird im Sommer Restricted Free Agent. Dies würde bedeuten, dass - wenn die Warriors nicht tief genug in die Spardose greifen - Green sich einer anderen Franchise zuwenden könnte.

Dazu ließ Greens Leistungssprung bei einem Contender seinen Marktwert in schwindelerregende Höhen schnellen. Mit jedem Sieg in Oakland wird der Lockruf des Max-Contracts lauter. Nichts könnte die Warriors mehr erschrecken, als einen weiteren achtstelligen Betrag vom Konto abbuchen zu müssen. Zumal die Warriors nach der Vertragsverlängerung von Klay Thompson in ihrem finanziellen Spielraum stark eingeschränkt sind. Aber gäbe es überhaupt einen General Manager, der wagemutig genug wäre, einem Zweitrundenpick derartig viel Geld vor die Füße zu legen? 

Die Vergangenheit zeigt, dass von 30 Managern mindestens einer immer mit schweren Geldsäcken vor der Tür wartet. Wäre es für Phoenix oder Sacramento abwegig, Green einen Max-Contract zu unterbreiten, wenn dieser damit die größte Schwäche des eigenen Teams bereinigen könnte? Würde Detroit bei dem Verlust von Greg Monroe mit Scheinen vor Greens Nase wedeln, besonders bei Stan van Gundys Affinität für Big Men mit Wurf und Verstand? Stans Bruder Jeff van Gundy schätzt die positive Entwicklung von Green im Wertbereich von knapp 10-12 Mio $. ein.

Dilemma
Wenn dies der „logische“ Preis für Greens Qualitäten ist, dann wäre eine Überbezahlung für den Restricted Free Agent nicht unwahrscheinlich. Auf dieses Szenario müssen sich die Warriors gefasst machen, denn sie werden nicht als einzige um Greens Gunst buhlen. Dieser ließ zwar verlauten, dass er sich in Oakland sehr wohl fühlt und der erste Ansprechpartner Bob Myers sei, doch der GM muss erst einmal Millionen freischaffen, um Greens Platz zu sichern. Das Salary Cap der Warriors ist in den nächsten Jahren mit dicken Verträgen eingedeckt, es sei denn David Lee oder Andre Igoudala werden noch vor der Trade Deadline aus der Bucht verfrachtet.

Es mag zwar etwas risikoreich wirken, Green gegenüber zwei ehemaligen All-Stars den Vorzug zu geben, aber die erste Hälfte der Saison spricht Bände für einen Verbleib von Draymond Green in Oakland. Adäquater Ersatz findet sich kaum billiger auf dem kommenden Free Agent Markt, sodass die Devise der Warriors sein muss, Draymond mit allen Mitteln und Geldern in Oakland zu halten.

Dass sich eine Entscheidung für Green langfristig auszahlen kann, dürfte nun bekannt sein. Aufgrund der Vertragssituation von Green und dem Erfolg der Warriors bisher sind beide Seiten mit einer Vertragsverlängerung gut beraten. Bob Myers, Jerry West und den Teambesitzern obliegt es folglich, der steuerfreien Komfortzone zu entfliehen und den letzten nötigen Schritt in Richtung des langfristigen Titelangriffs zu gehen. Denn mit Draymond Green steht und fällt der Traum von der Championship in Oakland.