21 Februar 2015

21. Februar, 2015  |  Anno Haak  @kemperboyd


Wir machen mal ein Experiment. Wir nehmen alle guten Argumente, die ich zu den gestrigen Trades der Sixers gelesen habe, und unterstellen sie als absolut wahr (PoohPooh, der nächste Absatz gehört Dir).

"McDaniels ist talentiert, aber längst nicht ausgereift. Selbst wenn er ausgereift sein wird, ist er allenfalls ein solider Rotations- bis Bankspieler. Genau wie Canaan, der aber einen länger günstigen Vertrag und einen Zweitrundenpick im oberen Bereich im Umzugskarton aus Houston mitbringt. MCW war RoY, weil der Draftjahrgang schwach war. Seine Zahlen waren aufgepumpt durch die mindere Qualität der Mannschaft um ihn herum. Er war sowieso limitiert und die Entwicklung lief sogar rückwärts. Dafür einen Top-10-Draftpick? Nobrainer."

Ich komme da trotzdem nicht mit.

Lass gut sein/Der Plan
Das Bessere ist der Feind des Guten. Das ist wahr und das verstehe ich so gut wie jeder andere. Aber irgendwann muss es einfach mal gut sein. Auch wenn es nicht zu 100 % gut ist, irgendwann muss man es gut sein lassen. Auch wenn es noch besser geht. Es geht immer besser. Perfektion ist eine Blume, so blau wie der Sixers-Schriftzug. Die Sixers wirken wie jemand, der ein Haus sanieren will, aber jahrelang nur an dem perfekten Gerüst vor der Fassade arbeitet.

Natürlich: in der NBA ist Stillstand Rückschritt. Es geht weiter, immer weiter. Höher, schneller. Nichts bleibt, niemand ist safe. Alle sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Upgrade und den Werkzeugen, die man zur Installation braucht. Picks, Trades, Cap Space. Ein Karrussell, das niemals hält. Kaum ist die Deadline rum, hyperventilieren alle über die Rausgekauften. Niemand setzt sich hin und sagt: der Status quo ist heilig. Die 12 Spieler unter Vertrag sind mein Team für die nächsten fünf Jahre. Niemand. Teams im Rebuild schon gar nicht.

Aber ein paar Gewissheiten braucht es doch. Ein paar Felsen, um den die Wellen des täglichen Wahnsinns toben. Irgendwann muss es doch mal reichen. Irgendwann muss man eine Mannschaft doch zur Ruhe kommen lassen. Irgendwann muss man sich festlegen: Das ist mein Kern, er soll wachsen, er soll blühen, er soll gedeihen. Er ist keine blaue Blume, aber er ist die Tulpe, die die Blüten in alle Richtungen streckt. Die steht. Die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, die ihren Kopf formen. Die Teile, die man jedes für sich upgraden könnte, bis ein Stiel mit einem Monsterkopf überbleibt.

Hinkies Gebaren erscheint mir nicht monströs, aber ich finde es unklug. Wir nageln sie an die Wand, die Nuggets und die Kings dieser Welt. Warum hält der verdammte Laienowner sich nicht raus?, wollen wir wissen. Was für einen Basketball wollen sie denn verdammt nochmal spielen?, fragen wir. Oder kurz: Was um Gottes Willen ist der Plan? Was ist denn der Sixers-Plan?


Den Rahmenplan erkenne ich. Schlecht werden, um gut zu werden, ok. Die einzelnen Moves sind klüger als die meisten in Kaliforniens Hauptstadt oder der Mile high City. Aber ein Plan ist das noch nicht. Jeden einzelnen Spieler dauernd auf dem Tradeblock zu halten und immer nach der nächsten Einzelteilverbesserung zu schnüffeln, ist kein Plan. Und selbst wenn das anders wäre: Dieser "Plan" ist die Selbsternährung eines Verhungernden. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

McDaniels und Carter-Williams sind gute Beispiele dafür. Was ist denn der Plan hinter der dauernden Akquirierung von Zweitrundenpicks? Man findet dort ohnehin kaum brauchbare Spieler. Der Großteil derer, die dort gewählt werden, schaffen es gar nicht in die NBA. Dann findet man dort jemanden wie McDaniels (Chapeau dafür), um ihn dann zu traden für Canaan und... einen Zweitrundenpick. Das ist Autoerotik zum eigenen Konto. Das ist wie Autoquartett mit echten Menschen zu spielen. "Ich habe den Trade gewonnen, weil ich Bankspieler für Bankspieler getauscht, aber einen Second Rounder oben drauf bekommen habe." Die Wahrscheinlichkeit, dass Canaan oder der Zweitrundenpick ein besserer Spieler als McDaniels werden, ist nahe null. Das macht auf Sicht, auf die Hinkie doch angeblich fährt, erkennbar keinen Sinn.

Carter-Williams mag ja Schwächen haben. Carter-Williams mag ja nicht der perfekte Point Guard sein. Man bekommt wahrscheinlich 2016 einen Top-10-Pick. Der Trade ist gewonnen, jubilieren die Sixers. Und jetzt? MCW und Noel für Holiday war angeblich auch gewonnen. Es reichte nicht. Wie geht's jetzt weiter? Sie draften 2016 an vier einen Point Guard und fangen nach sechs Monaten an, zu nölen? Der kann dies nicht, der lernt das nicht schnell genug. Mimimi. Schnüffelt Hinkie dann wieder? Zur Deadline 2018 tradet er dann den Pick von 2016. Vielleicht kriegt er dann wieder einen First Rounder und einen brauchbaren Rollenspieler. Dann messen wir wieder Genitalien und dann hat Philly wieder den Längsten. Aber nochmal: ein Plan ist was anderes.


Gordon Gekko
"Ich produziere nichts, ich erschaffe gar nichts. Ich handele." Trade für Trade. Bei jedem einzelnen kriegt man mehr als man investiert. Der Kontostand wächst. Pick für Pick. Immer mehr, immer weiter. Genug ist zu wenig. Aber es entsteht absolut nichts.

Ich würde das alles noch mitgehen, wenn ich ein Ziel, wenigstens eine Zeitschiene erkennen könnte. Ein Seil, an dem ich mich festhalten kann. Ein Seil, an dem entlang man sich zieht. Ein Seil, dessen Ende am Sommer 2016 befestigt ist. Das mir sagt, wenn Noel, Embiid und der/die Picks von 2015 ein Jahr gespielt haben, geht es aufwärts. 2016 wollen wir ein gefestigtes Team haben. Ich sehe nichts davon. Bei der PG-Suche sind sie keinen einzigen Schritt vorangekommen in den letzten zwei Jahren. Nicht einen. Sie haben heute so wenig einen Franchise Point Guard wie 2013. Obwohl sie Cap Space ohne Ende haben und die Leistungsdichte auf Point Guard nie so hoch war wie im Moment. Welche Art von Basketball sie eigentlich mal spielen wollen, steht ohnehin völlig in den Sternen.

Noel, Wroten und Embiid lernen Basketball auf einem Trümmerhaufen. Wenn überhaupt. Unantastbar ist ja niemand. Wer sagt, dass nicht 2016 ein verzweifelter Contender auf der Suche nach Ringschutz irgendetwas Unvernünftiges für Noel bietet? Was dann? Machen, Trade gewinnen. Picks sammeln. Noel, MCW vs Holiday war gewonnen. Noel vs. X schon wieder gewonnen. Philly hat den Längsten. Und außerdem: Noel ist offensiv limitiert. Noel und Embiid hätte eh nicht funktioniert. Noel wäre in anderthalb Jahren RFA und überteuert geworden. Guck mal, wir haben einen First Rounder 20XX dafür bekommen.

Lernkurve?
Zurück zum Lernen. Trümmern unter den Füßen, das Klima der Angst im Kopf. Wenn ein discounterbilliger Zweitrundenschnapper und der Rookie of the Year nicht safe sind, wer denn dann? Wieso soll Embiid mehr als Dienst nach Vorschrift machen, wieso? Hinkie würde seine Mutter für eine andere verdealen, vorausgesetzt sie ist genauso talentiert und er kriegt einen Pick oben drauf. Und lernen? Was denn und vor allem von wem? Klar können sie an ihren individuellen Skills arbeiten und Muskeln draufpacken. Aber ein System lernen sie nicht. Sich in einem solchen zu bewegen auch nicht. Was für ein System auch? Es lohnt sich ja nicht, eins zu entwickeln, es würde ja nur in der ewig rotierenden Spielerdrehtür im Weg rumliegen.


Ja, es sind Stand heute erst 20 Monate, das stimmt. Aber "Zeit rennt" ist nicht nur ein großmütterlicher Kalenderspruch. Der Trademarkt ist für knapp fünf Monate zu, fast genauso lange dauert es bis zur Draft. Zwei Jahre. Tick-tack. Bis ein halbwegs ernst zu nehmendes Sixers Team ein reguläres Saisonspiel macht, ist der Sommer um und die Blätter fallen schon wieder. Weihnachten. Zweieinhalb Jahre. Tick tack. Die nächste Deadline ist im Februar 2016. 32 Monate. Tick tack. Realistisch passiert bis Sommer 2016 nichts. Drei Jahre. Der Zeitraum, den die gern als Vorbild hergenommenen Thunder von der Durant-Draft bis zur ersten Playoffteilnahme gebraucht haben. Und was soll im Sommer nächsten Jahres passieren, das die Dinge schlagartig verbessert? Saric? Ich darf doch bitten.

Kann man den großen Knall kaufen? Cap Space ist ja da. Zwei, drei zu Embiid passende Free Agents und die Chose rollt. Nur: Glaubt jemand ernsthaft, es verläuft sich in den nächsten fünf Jahren irgendein (Restricted) Free Agent nach Philadelphia? Jimmy Butler!? Sie scherzen. Ihr glaubt, Spieler merken sich sowas nicht? Ihr glaubt, Spieler laufen Geld und sportlicher Perspektive hinterher, egal was war? Ich glaube nicht. Hinkies Lehrmeister, der ihm McDaniels aus den Rippen geleiert hat, kriegt das jetzt zu schmecken. Morey hatte kaum einen Pick aus dem Schrank geholt, da spuckte Dragic mehr als dass er es sagte. "Thanks, but absolutely f**king no, thanks!"

Geld ist nicht alles
NBA-Pros vermieten Ihre Dienste mehr als dass sie sie verkaufen. Sie binden sich an fast nichts, sie wissen, sie könnten mehrmals pro Saison den Arbeitgeber wechseln müssen. Aber wenn sie das Gefühl kriegen, sie werden nur als Verhandlungsmasse geholt, sie nichts sind als die Basis, von der man auf das nächste Level springen kann, sie nur Elemente in einer Versuchsanordnung sind, die gefühlt alle 14 Tage abgebaut und ersetzt wird, gerät der Zynismus der Selbstverkaufe an Grenzen. Das wird sich freiwillig für noch so viel Geld niemand antun.

Und die, die müssen, weil sie nicht anders können, stumpfen ab. Together we build? "Build" ja. Immerzu. Aber "we" und "together"? Wer ist denn "We"? Nichts als eine amorphe Masse, deren Bestandteile rotieren wie in einer Bande hoffnungsloser Wanderarbeiter. Turner, Hawes und Young habe ich mit Magengrimmen mitgemacht. Mit diesen Deadline-Deals haben sie mich endgültig verloren. Auch wenn alles, was dafür spricht, unwiderleglich wahr wäre.