27 Januar 2015

27. Januar, 2015   |  nbachefsquad  @nbachefkoch


Halftime in der NBA. Was läuft bei den Contendern ab? Sind sie im Soll, oder laufen sie den Ansprüchen hinterher? Seb Dumitru, Daniel Schlechtriem, Sebastian Seidel, Torben Siemer und Jan Wiesinger haben fünf Western Conference Mannschaften unter die Lupe genommen. 


1. Golden State (36-6) ist in diesem Jahr das absolute Überteam - die Warriors repräsentieren den Westen im NBA-Finale.

Seb Dumitru @nbachefkoch: Ja. Nein. Beste Defensive, drittbeste Offensive, beste Punktedifferenz, bestes Net-Rating, MVP-Kandidat, Coach of the Year Kandidat, Most Improved Player Kandidat - Golden State spielt wie aus einem Guss und liegt zur Saisonhalbzeit bei der Siegesquote (85,7%) nur ganz knapp hinter dem besten Team aller Zeiten, den '96er Chicago Bulls (87,8%). Wer die Dubs zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht ernst nimmt oder sich fragt, ob dieses Team ein echter Titelanwärter ist, der sollte dringend seine NBA-Dosis hochschrauben. Aber: drei der sechs Niederlagen bisher kamen gegen Phoenix, San Antonio und Oklahoma City zustande - alles mögliche Gegner in Playoff-Runde eins. Wann hat ein Jumpshooting-Team zuletzt das Finale erreicht?

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Ihre Dominanz besonders im brutalen Westen ist schon sehr beeindruckend, dennoch tue ich mich schwer, ihnen jetzt schon die Krone zu überlassen. Zum einen ist da Boguts allseits bekannte Verletzungsanfälligkeit und ohne ihren australischen Center sind sie in der Zone hoffnungslos verloren. Zum anderen bin ich mir nicht sicher, ob sie das vorlegte Tempo halten können – man denke an die Pacers des Vorjahres. Außerdem ist da noch der Faktor Rookie Coach. Kerr ist bisher in den Genuss gekommen, eine eingespielte, intakte und hochqualitative Mannschaft zu übernehmen, doch wie sieht es aus, wenn es in den Playoffs auch auf die kleinen Kniffe von der Trainerbank ankommt? Der Weg in die Western Conference Finals ist derart unvorhersehbar, dass mehreren Teams – selbst den Warriors – ein Erstrundenaus ebenso zuzutrauen ist, wie der ganz große Griff.

Sebastian Seidel @Sebastianctcb: Auch wenn die Golden State Warriors natürlich eine überragende Saison spielen ist dies noch lange kein Abo auf die Finals oder sogar den Titel. Mit etwas Pech winkt den Warriors in der ersten Runde sogar schon eine schwierige Aufgabe mit den Oklahoma City Thunder. Der Westen ist viel zu tief um einer solchen Aussage zustimmen zu können. Die ersten sechs Teams haben alle mindestens zwei Drittel ihrer Spiele gewonnen. Dazu kommen noch die beiden Conference Finalisten des letzten Jahres. Ein weiterer Faktor ist schlichtweg die Playofferfahrung. Nur ein einziger Spieler der Warriors ist in seiner Karriere schon einmal über die zweite Runde hinaus gekommen: Leandro Barbosa. Auch wenn Steve Kerr in seiner Rookiesaison als Trainer einen überragenden Job macht, hat auch er noch nie eine Playoffserie gecoacht. Die Warriors sind natürlich der absolute Topfavorit. Aber in diesem starken Westen gibt es nicht mal ein Abo auf die zweite Runde.

Torben Siemer @lifeoftorben: Stand heute: Ja. Die Warriors haben eine Bilanz von 22-6 gegen die eigene Conference, zuhause steht man bei 21-1 über die Saison. Steph Curry und Klay Thompson spielen eine überragende Saison, Draymond Green hat sich vom Rollenspieler in die All-Star-Konversation gespielt. Steve Kerr wird als Rookie die Westauswahl beim ASG coachen, weil er neben der Defense endlich auch die Offense in Oakland entfesselt hat. Aber: Es ist Ende Januar, die Playoffs starten erst in knapp elf Wochen – und der Westen wird weiter eher stärker als schwächer.

Jan Wiesinger @WiesiG: Der Basketballer-Kopf sagt, dass es wohl grob fahrlässig wäre, bei dieser irre engen Leistungsdichte eine Aussage über den Conference-Sieger des Westens zu treffen. Matchups in den Playoffs seien entscheidend, ein Erstrundenaus müsse im Westen für wirklich jede Franchise mal durchgedacht werden. Schluss mit den Konjunktiven! Das Basketballer-Herz hingegen schreit laut auf, wenn es die Jungs aus Oakland ballern sieht: Der neue Kerr’sche Offensiv-Basketball inszeniert die Fähigkeiten des Kaders perfekt. Nacht für Nacht setzen diese Warriors neue Rekorde und Meilensteine. Was willst du noch mehr, Kopf? Wer soll dieses Team stoppen? Auch der mächtigste Frontcourt oder das beste Counter-Coaching werden die Gelb-Blauen in den Playoffs nicht stoppen können. Und wer sagt eigentlich, dass ein Rookie-Coach in der Postseason einen erheblicheren Nachteil darstellen würde, als er es eigentlich in der Regular Season tun sollte?



2. Portland (32-13) ist in diesem Jahr tief genug, um die vielen Verletzungen zu kompensieren und den Heimvorteil zu verteidigen.

Seb Dumitru: Nach Jahren des Darbens, sobald die Starter das Feld verlassen mussten, ist diese Rip City Edition breiter, tiefer und zumindest respektabel, wenn die Ersatzmännchen drauf sind. Der Ausfall von Robin Lopez war kein Problem, und auch die Bilanz ohne LaMarcus Aldridge in dieser und der letzten Saison (11-8) gibt keinen Anlass zur Sorge. PDX hat die meisten Comeback-Siege auf dem Konto und ist eine der besten vier Crunchtime-Mannschaften der Liga. Ich hab gehört, Damian Lillard könnte etwas damit zu tun haben. Aber: selbst der Gewinn der Northwest-Division garantiert nur einen Platz unter den Top-4, nicht jedoch den Heimvorteil in Runde eins. Der geht immer an die Mannschaft mit der besseren Bilanz.

Daniel Schlechtriem: Hängt davon ab, wer sich verletzt. LaMarcus Aldridge spielt mit einem gebrochenen Daumen, der eigentlich operiert werden müsste. Verschlimmert sich der Zustand, sind die Blazers in Schwierigkeiten, denn Aldridge ist nicht zu ersetzen – von Leonard, Freeland, oder Robinson schon gleich gar nicht. Die Rotation auf dem Flügel haut auch keinen vom Hocker, insbesondere weil Batum schon länger weit unter seinen Möglichkeiten spielt. Der Heimvorteil ist in Portland dennoch nicht in Gefahr, weil ihre Division die mit Abstand einfachste des Westens ist (vier Spiele gegen Utah, Minnesota, Denver) und weil Lillard bewiesen hat, dass er dieses Team im Zweifelsfall zu tragen imstande ist.

Sebastian Seidel: Was mich bei den Blazers in dieser Saison am meisten beeindruckt ist die starke Defensive. Die Neuverpflichtungen in der Offseason (Chris Kaman/Steve Blake) sprechen beide nicht unbedingt für ein defensives Upgrade, dennoch haben sich die Blazers im Defensivrating vom 16. Platz auf den dritten verbessert. Vor allem die viel gescholtenen Backup-Big Men der letzten Jahre Thomas Robinson und Joel Freeland machen hier einen hervorragenden Job. Mit Freeland auf dem Feld haben die Blazers ein Defensivrating von 93.9, mit Robinson 95.2. Trotz deutlich verbesserter Bank könnten sie eine Verletzung von Lillard oder Aldridge vor allem offensiv nur schwer kompensieren. Sollte einer der beiden längerfristig ausfallen würden sie sicherlich auf Rang sechs zurückfallen.

Torben Siemer: Die Blazers hatten bisher durchaus Glück mit dem Spielplan, nur 24 ihrer 45 Spiele waren gegen den Westen – die Bilanz von 14-10 in diesen Spielen ist akzeptabel, mehr aber auch nicht. Viel hängt jetzt wohl am Daumen von LaMarcus Aldridge. Sechs bis acht Wochen waren für die Zeit nach der OP einkalkuliert, er versucht es mit dem guten alten „playing through injury“. Die Big Men-Rotation in Portland ist eh schon ausgedünnt, ein weiterer Ausfall bei härterem Spielplan könnte für ein Abrutschen sorgen.

Jan Wiesinger: Daran glaube ich nicht. Dass sich die gute letzte Saison in Portland, die nicht zuletzt durch eine absolute Verletzungsfreiheit der Starter begünstigt war, nicht wiederholen würde, war doch abzusehen. Auch wenn Portland seine Bank rudimentär aufgewertet haben dürfte, sind Verletzungen von Lillard, Batum oder Aldridge nicht zu kompensieren. Diese Erkenntnis dürfte den Verantwortlichen in Portland spätestens dann bewusst werden, wenn es auf die Zielgerade im Rennen um den Heimvorteil im Westen geht. Um die Blazers-Fans allerdings zu beruhigen: Die Playoffs sind nicht in Gefahr. Und Heimvorteil wird sowieso überbewertet – Fragt mal in Houston nach!

3. Oklahoma City (23-22) legt nach dem All-Star Break einen furiosen Run hin und holt sich noch die Northwest Division.

Seb Dumitru: Ja. Nein. Der Run kommt. Das ist so sicher, wie dass OKC besseren Basketball spielt, wenn Durant auf der Platte steht als wenn nicht (14-7 mit ihm, 9-15 ohne). Außerdem mussten die Thunder bisher den schwersten Spielplan aller Mannschaften absolvieren, die in den erweiterten Contender-Kreis gezählt werden dürfen. Mein Kreis ist zwölf tief. Ehe die Thunder aber über die Division nachdenken, sollten sie eher zusehen, dass es mit den Playoffs überhaupt hinhaut. Dallas brauchte vergangene Saison 49 Siege. OKC muss also die Durant-in-der-Lineup-Schlagzahl (67%) überbieten, um die 50 zu knacken. Für Division-Titel braucht es in neun von zehn Fällen weit mehr als das.

Daniel Schlechtriem: Bevor wir über Platz eins im Nordwesten und damit Portland sprechen, müssen wir Phoenix erwähnen. OKC stagniert, schafft es nicht, Druck auf die Suns und damit auf Platz acht aufzubauen. Dem Ehrgeiz Durants und Westbrooks ist zwar ein Lauf zuzutrauen, der auch unbedingt nötig sein wird, um für die Postseason überhaupt infrage zu kommen. Dann muss aber auch der Rest mitziehen – und das ist von Personal wie Perkins, Roberson, Morrow, Lamb oder Neuzugang Waiters nicht unbedingt zu erwarten. Außerdem hängt die ungeklärte Frage nach Reggie Jacksons Zukunft in der Luft. Ob OKC überhaupt Platz acht erreicht (und das beantwortet obige These), wird davon abhängen, wie weit Presti im Februar bereit ist zu gehen, um seinen All-Stars die notwendige Unterstützung zu stellen.

Sebastian Seidel: Selbst wenn die Thunder einen furiosen Run hinlegen wird es schwer die Portland Trailblazers noch abzufangen. Selbst wenn die Thunder auf Golden State Niveau agieren und 30 ihrer verbleibenden 38 Spiele gewinnen, dürften die Blazers nicht mehr als 20 ihrer restlichen 38 Spiele gewinnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Thunder noch die Suns abfangen, denn das Team verfügt über zu viel individuelle Qualität, um wirklich die Playoffs zu verpassen. Für den Division-Titel wird es in diesem Jahr allerdings nicht mehr reichen.

Torben Siemer: Auf den ersten Run warten wir doch schon länger, oder? Nach dem Sieg gegen die Wolves steht OKC ein Spiel über .500 und neun Spiele hinter den Blazers. Das erste Mal bei .500 war OKC bei 17-17. Russ und KD spielen zwar phasenweise auf MVP-Level, bisher aber gab es keine fünf, sechs aufeinanderfolgende überzeugende Auftritte der Thunder. So wird der Run nach dem All-Star Break wohl mal 14 Siege in 16 Spielen oder ähnliches produzieren müssen – und das sehe ich beim aktuellen Auf und Ab nicht.

Jan Wiesinger: Ich dachte hier soll es um streitbare Thesen gehen? Natürlich starten die Thunder diesen Run, wenn sie ihn denn jetzt nicht schon längst begonnen haben! Mit Kevin und Russ hat OKC zwei Top-10 Scorer in den eigenen Reihen, welche den in diesem Jahr nicht uneingeschränkt überzeugenden Rest des Kaders problemlos an die Spitze der Northwest Division bugsieren werden. Interessant dürfte die Frage sein, ob noch ein Trade vor dem All-Star Break kommt, der die bekannten Probleme der Thunder (namentlich Perkins + Brooks) ausmerzen oder vermindern kann und somit das bestehende Regular-Season-Gefüge zum Wohle der Playoffs zerschießen würde. Kommt dieser Trade nicht, werden wir von den Thunder eine zweite Saisonhälfte sehen, die ihres gleichen sucht: Jede dritte Nacht 50 von Durant, jede dritte Nacht 40 von Westbrook, und jede dritte Nacht bringt Dion Waiters mindestens 30 von der Bank. Zumindest diese These ist streitbar.



4. Die L.A. Clippers (31-14) stecken Ende Januar immer noch auf #5 im Westen fest und sind deshalb die größte Enttäuschung der Saison.

Seb Dumitru: Die Bank ist mies und die Defensive eine Baustelle, aber die Clippers zu unterschätzen oder gar als Enttäuschung zu bezeichnen, wäre dämlicher als Glen Davis nachts besoffen in der Motellobby. Los Angeles hat seit Weihnachten zwölf von 16 gewonnen und dabei die Warriors, Suns, Mavs und Blazers zerpflückt. Ihre Bilanz gegen die sieben Playoff-Teams im Westen ist die zweitbeste innerhalb der Conference. Ihre Offensive ist die Beste der Liga. Ihre Punktedifferenz (+7.2) wird ligaweit nur von Golden State (+11.9) und Atlanta (+7.3) getoppt. Ihre Starting Five ist die mit Abstand verheerendste Big Minute Lineup der Liga. Und jetzt ratet mal, wer in den Playoffs auf dem Parkett stehen wird, wenn es darauf ankommt? Sicher nicht Austin Rivers. Oder Glen Davis...

Daniel Schlechtriem: Auch wir haben sie ja zum Favoriten erkoren, so richtig in Fahrt kommen die Clippers aber bisher nicht. Gründe dafür gibt’s zuhauf – die fehlende Wing Defense und die Schwierigkeiten in der Verteidigung allgemein, das unverhältnismäßig schwache Rebounding, der fehlende Backup für Chris Paul. Sie als Enttäuschung zu bezeichnen wäre aber übertrieben, dafür steht der Westen viel zu eng beisammen und die Entfernung der Clippers auf Platz vier und damit Homecourt ist ebenfalls überschaubar. Viel mehr ist auch gar nicht nötig, denn – wie schon mehrfach betont – wird es in diesem Jahr eher um die Matchups als um die Platzierung gehen. Wer will schon gegen einen Achten aus Oklahoma City oder einen Siebten aus San Antonio spielen?

Sebastian Seidel: Die Clippers hatten in der letzten Saison eine Siegesquote von 69.5 Prozent. In dieser Saison liegen sie bisher bei 68.2 Prozent. Das Team hat sicherlich einige Problemstellen, gerade die Backups auf der Eins (Austin Rivers) und Drei (CJ Wilcox) sollten kritisch beäugt werden. Ein weiteres Problem ist, dass Spencer Hawes und Blake Griffin nebeneinander überhaupt nicht funktionieren. Stehen die beiden gemeinsam auf dem Feld machen die Clippers auf 100 Possessions knapp 6 Punkte weniger als ihr Gegner. Das Offensivrating sinkt auf ein katastrophales Netrating von 98.3. Es gibt dennoch sicherlich Teams die mehr enttäuschen als die Clippers. Der Blick geht da vor allem in Richtung der beiden New Yorker Teams

Torben Siemer: 32-12 auf Platz zwei, 30-15 auf Platz sechs – im Westen liegen aktuell 2,5 Spiele zwischen diesen Plätzen, die Clippers sind gemeinsam mit den Grizzlies, Blazers, Rockets und Mavericks mittendrin im Rennen um die besten Plätze. Was den Clippers meiner Meinung nach fehlt, sind Spacing in der Offense und Perimeter-Defense. Austin Rivers mag zwar im Vorjahr durchaus passabel von Downtown getroffen haben, defensiv jedoch… naja. Enttäuschung ist aber etwas anderes, als bei Saisonhalbzeit eineinhalb Spiele hinter Platz zwei zu liegen.

Jan Wiesinger: Ich bin kein Freund der Clippers, schaue ihre Spiele aber gern. Guter Basketball mit spektukulären Flugelementen, der in der regulären Saison auch durchaus effektiv ist. Insofern bin ich keinesfalls enttäuscht, zudem geht es im Westen wirklich eng zu. Die Clippers haben zu viele bekannte Schwächen, die ihr Upside-Potenzial stark mindern. Auch die kleineren Modifikationen am Kader hatten hierauf kaum Einfluss. Die Dominanz der letzten beiden Saisons, bei der man die Gegner reihenweise verprügelte, Kinder zum Weinen brachte, Freundschaften, Ehen und Brandon Knight zerstörte, sind vorbei. In den Playoffs ist dann auch wieder spätestens in Memphis Schluß, wenn Z-Bo und Marc den Herren Jordan und Griffin erneut ihre Grenzen aufzeigen werden.

5. Trotz Memphis, Houston oder Dallas, die allesamt besser da stehen: San Antonio (29-17) ist das beste Team in der Southwest Division.

Seb Dumitru: Auch hier trügt der Schein des Tabellenlichtes, das auf den amtierenden Champ an Nummer 7 schimmert. Die Spurs mussten unzählige Verletzungen ihrer wichtigsten Spieler verkraften. Der mit Abstand wichtigste heutzutage: Finals-MVP Kawhi Leonard. Beweis gefällig? Das Net-Rating der Spurs sinkt von +11.6 auf minus-0.5, wenn Leonard nicht auf dem Parkett steht. Die Defensive fällt von Rang eins ins untere Mittelfeld ab. Immer noch zu kompliziert? Dann eben so hier: Spurs mit Kawhi 20-8, Spurs ohne Kawhi 9-9. Im Klartext: San Antonio ist zusammen mit Memphis das beste Team in der Southwest Division.

Daniel Schlechtriem: Definitionssache. Den Südwesten gewinnen werden sie nicht, denn je länger die Saison dauert, desto eher wird Pop die alten Herren noch mehr schonen und entsprechend Niederlagen in Kauf nehmen. Für den vierten Platz müssten sich Duncan und Ginobili erheblich strecken, das wird Pop unter allen Umständen verhindern. Folglich ist es egal, ob sie die Saison auf Rang fünf oder acht beenden, denn Pop weiß genau, dass niemand in der ersten Runde auf seine Spurs treffen möchte. Nach dieser Perspektive macht das San Antonio zum besten Team im Südwesten. Ob ihre Macht real ist oder nur noch vom Namen lebt, wird sich allerdings erst im April zeigen. Bis dahin kämpfen Memphis und Houston um den Spitzenplatz in der härtesten Division der NBA.

Sebastian Seidel: Hier bin ich geteilter Meinung. Obwohl Popovich auch in den vergangenen Jahren Spieler geschont hat oder Leistungsträger über einen längeren Zeitraum verletzt ausgefallen sind waren die Spurs meiner Ansicht nach in den letzten beiden Jahren auf einem deutlich höheren Niveau unterwegs. Tony Parker kommt nach seiner Verletzung einfach nicht in Schwung und ist nicht mehr ganz so schnell und agil wie in den letzten Jahren. In fast identischer Spielzeit wie im letzten Jahr legt er nur noch 14.4 Punkte und 4.7 Assists auf. Kawhi Leonard war ebenfalls verletzt und versucht in eine größere Rolle reinzuwachsen. Sein Punkteschnitt ist gestiegen, seine Quoten allerdings deutlich schlechter geworden. Wurfquote, Dreierquote und True Shooting befinden sich alle bei Karrieretiefstwerten und zwar deutlich unter dem was man von ihm gewohnt ist. Vor allem diese beiden müssen sich wieder steigern, wenn die Spurs in den Playoffs noch einmal einen Angriff auf die Meisterschaft starten möchten.

Torben Siemer: 46 Spiele haben die Spurs bisher absolviert, 29 gewonnen und 17 verloren. Kawhi Leonard hat 18, Tony Parker 14, Tiago Splitter 21 davon verpasst, Patty Mills gar erst 15 Spiele überhaupt absolviert. San Antonio ist gewissermaßen jetzt, Ende Januar, erstmals vollständig und fit. Im Vorjahr hatte man Glück mit Verletzungen, jetzt war außer Tim Duncan jeder mal ein paar Tage raus. Und für Pop zählen eh nur die Playoffs – und da hängt im Westen fast alles am Matchup. Das beste Team der Southwest Division sind aktuell übrigens die Pelicans, die mit 6-4 als einziges eine positive Bilanz in Spielen untereinander haben.

Jan Wiesinger: Hier ist er: Der 354. Abgesang auf die Spurs. Die Spurs sind zu alt, die Spurs sind überholt, die Spurs-Ära geht zu Ende. Und wie bei den 353. Abgesängen zuvor ist nichts von alledem der Fall. Popovich kennt seine Spieler, deren Stärken und mögliche Problemherde bestens. San Antonio braucht diese reguläre Saison in erster Linie zu Versuchszwecken. Welches Lineup kann ich in welcher Sitaution aufs Feld stellen? Welcher Spieler kann den Altstars um Parker, Duncan und Ginobili wie viele Minuten abnehmen? Pop und sein Coaching-Team sind dabei allerdings keine Schüler der 8. Klasse, die wahllos Reagenzgläser ineinander kippen und abwarten was passiert, sondern bestens ausgebildete Chemieprofessoren. Ob sie am Saisonende vor oder hinter den Teams aus Dallas, Houston oder Memphis stehen, dürfte allen Spurs egal sein.