12 Januar 2015

12. Januar, 2015   |  Rainer Ludwig  @Sly_S04


Die meisten Fans assoziieren den Namen Dominique Wilkins vor allem mit krachenden Dunks und den legendären Duellen mit Michael Jordan beim alljährlichen Dunk-Contest. Doch spricht man über die besten Spieler der 80er und 90er, wird der Name Dominique Wilkins nur sehr selten genannt. Vermutlich wäre er ohne seine krachenden "In-Game Dunks", die sich in den Köpfen der Zuschauer festgesetzt haben, noch schneller in Vergessenheit geraten, so wie es vielen seiner alten Widersacher ergangen ist: Alex English, Fat Lever, Sidney Moncrief, Mark Price, Larry Nance, Marquez Johnson usw.

Der Small Forward gehört definitiv zu den konstantesten Punktesammlern in der Geschichte dieses Sports. Gleich zehnmal sollte er in seiner Karriere über eine Saison gesehen mehr als 25 Punkte pro Spiel erzielen. Jerry West, Karl Malone, Michael Jordan und Kobe Bryant sind die einzigen Akteure, den dieses Meisterwerk häufiger gelungen ist. Solch ein potentes Scoring über einen derart langen Zeitraum zeugt von einer unglaublichen Haltbarkeit.

1992/93 erzielt der Forward 29,9 Punkte im Schnitt, pflückt 6,8 Rebounds von den Brettern und verteilt 3,2 Vorlagen, bei Quoten von 47 Prozent aus dem Feld und 38 Prozent von der Dreierlinie. Mit Sicherheit darf man diese Saison zu den besten individuellen Leistungen zählen, die je ein Spieler über den Zeitraum einer ganzen Saison zustande gebracht hat. Nur sechs Ausnahmespieler legten jemals in einer Saison mindestens 28 Punkte auf bei Quoten von mindestens 45 Prozent aus dem Feld und 35 Prozent von der Dreierlinie: Jordan, Bryant, Larry Bird, Tracy McGrady, Kevin Durant, und eben Wilkins. Zu seinem Résumé zählen auch die Scoring-Krone und drei zweite Plätze in dieser Komponente. In seinen besten Jahren war er zwar kein super effizienter Scorer wie LeBron James, Jordan oder Durant. Andernfalls muss sich 'Nique vor Elite-Punktesammlern wie Kobe und Carmelo Anthony nicht verstecken - Spieler, die für ihr Scoring von der Öffentlichkeit zum größten Teil gefeiert werden. 

Effizienz
Mangelnde Effizienz legen die "Experten" dem wohl besten Hawks-Spieler aller Zeiten häufig zu last, wenn es um den Vergleich mit anderen großen Spielern geht. Für den Beginn seiner Karriere mag dieser Vorwurf sicherlich zutreffen und durchaus angebracht sein, wie man anhand seiner True-Shooting-Quote im Vergleich zum Ligaschnitt sieht:

1985: Ligadurchschnitt 54,3% TS; Wilkins 51,2% TS; Differenz -3,1%  
1986: Ligadurchschnitt 55,3% TS; Wilkins 53,6% TS; Differenz -1,9%

Es ist immer problematisch, wenn die erste Option mit der größten Verantwortung und Usage Rate ineffizient agiert, egal wie viel weniger talentiert die Teamkollegen sind. Nach logischem Denken wäre die Offensive durch mehr Touches und Abschlüsse für die Teamkollegen besser gestellt, wenn diese Kameraden in etwa dem Liga-Durchschnitt entsprechen, was bei den Hawks ungefähr der Fall war. In den ersten Jahren muss sich Wilkins also zurecht den Vorwurf gefallen lassen, keinen sonderlich großen Mehrwert für die Offensive der Hawks dargestellt zu haben. In den nächsten Jahren agiert er unter der langsamen und klar strukturierten Offensive von Coach Mike Fratello, die dem schnellen und wendigen Wilkins nicht entgegenkommt, in etwa auf Ligadurchschnitt. 

1987: Ligadurchschnitt 53,7% TS; Wilkins 54,3% TS; Differenz +0,6%
1988: Ligadurchschnitt 53,7% TS; Wilkins 53,4% TS; Differenz -0,3%
1989: Ligadurchschnitt 53,6% TS; Wilkins 52,8% TS; Differenz -0,8%

Die Hawks sind unter Fratello ein klares Defense-First-Team, welches mit guten Verteidigern gespickt ist, die ihre Stärke natürlich in der Defensive haben. Wilkins stellt nun ein klares Plus für die Offensive dar. Durch die hohe Anzahl der Abschlüsse nimmt er automatisch Würfe, die sonst weniger talentierte Spieler nehmen müssten. Es ist immer vorteilhafter für eine ideenlose, eintönige Offensive, die wenige offene Würfe herausarbeitet, wenn der talentierteste Spieler die schwierigen Würfe nimmt. Es ist eine formidable Leistung, in einer langsamen, unkreativen Offensive, bei derartig viel Verantwortung, so "effizient" zu punkten, da theoretisch die größte Stärke des Teams in der Verteidigung liegt. 

Vom späteren Trainerwechsel, von Fratello auf Bob Weiss, profitiert vor allem Wilkins. Weiss richtet seinen Fokus voll und ganz auf die Offensive, gewährt seinen Spielern mehr Freiheiten und erhöht nebenbei noch das Tempo. Urplötzlich gehört Dominique zu den effizientesten Forwards der Liga:

1990: Ligadurchschnitt 53,6% TS; Wilkins 55,6% TS; Differenz +2,0%
1991: Ligadurchschnitt 53,4% TS; Wilkins 55,5% TS; Differenz +2,1%
1992: Ligadurchschnitt 53,1% TS; Wilkins 55,2% TS; Differenz +2,1%
1993: Ligadurchschnitt 53,6% TS; Wilkins 57,0% TS; Differenz +3,4%
1994: Ligadurchschnitt 52,7% TS; Wilkins 52,9% TS; Differenz +0,2%

Die zwei ineffizienten Saisons zu Beginn seiner Prime sollten also nicht seine ganze Karriere definieren. Der Kontext ist hier wichtig. Mit dem richtigen Trainer wusste auch 'Nique in Sachen Effizienz zu überzeugen. Zu seinen besten Zeiten gehörten die Hawks regelmäßig zu den besten Offensiv-Teams, trotz nur mittelmäßiger Mitspieler. Atlanta belegte in der Kategorie Offensiv-Rating die Plätze 11, 4, 5, 4, 4 und 8. Als Wilkins in der Saison 1991/92 verletzt nicht zur Verfügung stand fielen die Hawks auf Platz 16 ab. Wilkins' hohe Anzahl an Würfen hat dem Team also nicht geschadet, sondern sich - ganz im Gegenteil - positiv auf die Offensive ausgewirkt.

Immer wieder kommt heutzutage auch der Vorwurf auf, Wilkins habe es an Vielseitigkeit gemangelt. Dabei gehört der Star  zu den unterschätztesten Reboundern der NBA. Über seine gesamte Karriere weist er eine ähnliche Reboundrate auf wie Scottie Pippen (10,4%), dem attestiert wird, auf seiner Position zu den besten Reboundern der Geschichte zu gehören. Zu seinen Glanzzeiten sprang für den Hawks sogar eine Reboundrate von 13% heraus.



Defense
Die defensive Komponente war bei ihm zwar nie sonderlich ausgeprägt, aber Beobachter hatten nie den Eindruck, er würde seinem Team an dieser Seite des Feldes extrem schaden. Gleichwohl wird ihm oftmals zu Recht von Kritikern vorgeworfen, sein volles Potenzial in der Team-Verteidigung nie ausgeschöpft zu haben. Durch seine Athletik, furchtlose Herangehensweise und die langen Arme, brachte er das notwendige Rüstzeug mit, um zu einem der besten Verteidiger der 80er zu avancieren. Bill Russell nannte ihn immer den Anti-Bird. Larry Legend wusste immer alles über seinen Gegner: Vorlieben, Schwächen, Spielzüge und psychologische Aspekte. Durch dieses Wissen konnte er seinen Gegner oft vom Ball weghalten, da er genau wusste, wann der Block kommt, um rechtzeitig auszuweichen. Im besten Falle hatte er durch seine Antizipationsgabe die ersten zwei Optionen weggenommen, wenn sein direkter Gegenspieler den Ball in seinen Händen hielt. Der musste Bird also mit seiner dritten oder vierten Waffe im Wurf-Arsenal schlagen. Bird fehlte aber die nötige Athletik, um zum Elite-Verteidiger aufzusteigen.

Wilkins brachte dagegen all diese körperlichen Voraussetzungen mit, informierte sich aber zu wenig über den Gegner und andere Mannschaften. Das Resultat: Vielmals blieb er an Blöcken hängen, die er nicht kommen sah, rotierte stupide durch die eigenen Reihen, beging dumme Fouls, weil er zu hektisch zur Sache ging. Wilkins war solide, nicht mehr und nicht weniger. Auf die Defensiv-Ratings der Hawks hatte er wenig Einfluss. Unter dem Defensiv-Fanatiker Fratello und mit Elite-Verteidigern wie Eddie Johnson, John Battle, Dan Roundfield, Cliff Levingston, Stacey Augmon und Tree Rollins gehörten die Hawks zu den besseren Verteidigungen der Liga. Nach dem etliche dieser Spieler in die wohlverdiente Rente gingen, alterten oder die Franchise verließen, brach die einst so gute Verteidigung zusammen. Daran hätte auch ein All-Defensive Teamer Wilkins nichts geändert. 

Passing
In den USA wird Wilkins oft attestiert, er sei zu balldominant gewesen und habe den Ball schlichtweg zu lange in seinen Händen gehalten. Beim Schauen einiger Hawks-Spiele aus der damaligen Zeit ergibt sich mir aber ein ganz anderes Bild von Dominique Wilkins. Er fällt eigentlich immer dadurch auf, dass er die Defensive schnell attackiert, wenn sie noch nicht vollständig geordnet ist. Im Falle eines Double-Teams kommt fast immer der öffnende Pass auf die Teamkollegen. Einzig bei Ablauf der Shotclock reagiert er das ein oder andere Mal zu egoistisch und verpasst es, die immer noch offenen Teamkollegen zu finden. Am Ende des Tages stellen die Hawks mit Wilkins dreimal die viertbeste Offensive der Liga, so dass sich eigentlich jegliche Form der Kritik erübrigt. 'Nique gehört nicht zu begnadetsten Ballverteilern, jedoch ist er in dieser Facette mehr als solide. 


Impact
Folgende Statistik sollte mehr als genügen, um seinen eindrucksvollen Impact auf die Atlanta Hawks zu demonstrieren:

Saison 1991/92
Bilanz mit Wilkins: 22-20 (52,3%)
Bilanz ohne Wilkins: 16-24 (40,0%)

Saison 1992/93
Bilanz mit Wilkins: 39-32 (54,9%)
Bilanz ohne Nique 4-7 (36,6%)   

Gesamt         
Bilanz mit Wilkins: 61-52 (53,9%)
Bilanz ohne Wilkins: 20-31 (39,2%) 

Hawks Punkte pro Spiel ohne Wilkins: 101,PPG
Hawks Punkte pro Spiel mit Wilkins: 110,6 PPG (+9,0)
(Ligadurchschnitt: 105,0 PPG)

Nicht schlecht für einen Akteur, der oftmals mit dem Stigma in Verbindung gebracht wurde, seine Teamkollegen nicht besser machen zu können. Ohne ihn gehörten die Hawks damals zu den schlechtesten Offensiven der Liga. Mit ihm stellten sie einen der besten Angriffe der Liga. 

Auszeichnungen/Fakten    
- gewann mit seinem Team von 1986-1988 dreimal hintereinander mehr als 50 Spiele, als so viele Stars wie noch nie in der Liga verweilten. Bird, Magic und Thomas waren auf ihrem Höhepunkt. Moses agierte immer noch auf einem hohen Niveau und die jüngere Generation mit MJ, Hakeem und Malone erreichte gerade ihren physischen Höhepunkt. Bis auf MJ hatte zu diesem Zeitpunkt jeder dieser Stars mehr Hilfe als Wilkins
- inoffiziell bester in-game Dunker aller Zeiten. Keiner stopfte so oft und brutal über gegnerische Center wie der Forward mit der Nummer 21. Keiner konnte die eigene Menge so elektrisieren und anheizen. Die gegnerischen Coaches mussten meistens nach einem spektakulären Play eine Timeout nehmen, da sich die Truppe, angestachelt von solch einer Aktion, jederzeit in einen Rausch spielen konnte. 
- seine besten Teamkollegen waren Doc Rivers, Kevin Willis, Antoine Carr, John Battle, Spud Webb, Mookie Blaylock (noch nicht in seiner Prime), Moses Malone (mit 33-35 Jahren längst über seinem Zenit)
- in seiner gesamten Prime (1985 bis 1994) wurde nur einer seiner Teamkollegen für ein All-NBA-Team nominiert: Kevin Willis 1992 
- seine Turnover-Rate ist für so eine hohe Usage-Rate sehr gering. Das bedeutet weniger Fastbreak-Möglichkeiten für den Gegner und eine besser gestellte Defensive. Durch diese konservative Offensive beeinflusste er die Defensive durchaus positiv. 
- fünfmal beim MVP-Voting unter den Top-10 (2.,6.,8., 5. und 5.)
- siebenmal ins All-NBA-Team und neunmal ins All-Star-Game gewählt. 
- einmal Scoring Champ
- war viel mehr als der Vince Carter seiner Zeit (Carter: 2xAll-NBA-Team, 0x Top 10 im MVP-Voting, galt nie als einer der besten fünf Spieler der Liga... im Gegensatz zu Wilkins).
- erreichte nie eine Conference-Finale... War allerdings gegen die Dynastien aus Chicago, Boston und Detroit meist unschuldig am frühzeitigen Ausscheiden in der Postseason. Es mangelte schlichtweg an Unterstützung. Ausgerechnet als Jordan zum ersten mal eine Pause einlegte, die Pistons und Celtics unten waren und jeder behauptete, dies sei nun Wilkins' Jahr (1993/94), verschifften ihn die Hawks zu den Los Angeles Clippers. Die Chance, ein Finale zu erreichen, war nie so groß wie 1994.