15 Januar 2015

15. Januar, 2014   |  Rainer Ludwig  @Sly_S04


Die Atlanta Hawks fallen in diesen Wochen vor allem durch ihren hohen Basketball-IQ auf. Im Defensiv-Rating belegt die Truppe durch diese Eigenschaft einen famosen fünften Platz. Wenn man bedenkt, dass Atlanta bis auf Thabo Sefelosha über keinen überdurchschnittlich begabten Verteidiger verfügt, ist diese Platzierung umso bemerkenswerter.

Beim gegnerischen Angriff wird so wenig wie nötig ausgeholfen. Vor allem im Low-Post verteidigt Atlanta harmlose Riesen stets Eins-zu-Eins. Ungefährliche Schützen werden an allen Stellen offen stehen gelassen. Braucht der gegnerische Schütze eine lange Vorbereitungszeit für seinen Wurf, läuft Atlanta diesen aggressiv an und bringt ihn so aus seiner Komfortzone, damit er zum Korb ziehen muss. Die schnellen Slasher des Kontrahenten zwingt Atlanta fast immer zur eigenen Hilfe unterm Korb und kann so eigene Defizite beim Antritt kaschieren.

Bei der Verteidigung des Pick & Rolls ist das Team aus Georgia auch flexibel aufgestellt und passt sich dem Gegner an. Verfügen die Gegner über starke Schützen, werden sie mit Druck und nahe am Mann verteidigt. Bei athletischen Ballhandlern wählt Atlanta den konservativen Ansatz, indem der eigene Guard unter dem Block durchgeht und die Zone zustellt.

In der Transition-Defense ist kaum ein Team disziplinierter als die Atlanta Hawks. Statt unnötig oft am gegnerischen Brett auf Offensiv-Rebounds zu lauern oder sich bei dem Schiedsrichter über fehlerhafte Calls zu beschweren, laufen fast alle Spieler der Hawks zurück und verhindern somit hochprozentige Abschlüsse des Gegners.

Für diese starke Defensive sollte die Basketball-Welt sowohl Mike Budenholzer als auch den Spielern der Atlanta Hawks Respekt zollen. Dem Coach, weil er nicht auf ein einheitliches System pocht, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen; den Spielern, weil sie intuitiv sehr gute Entscheidungen treffen, da sich die von mir genannten Punkte fast immer in Sekundenbruchteilen abspielen.


In der Offensive nutzen die Hawks vor allem die Stärken von Kyle Korver und ihrer beiden Big Men Al Horford bzw. Paul Millsap. Korver trifft zur Zeit außerirdisch gut aus dem Feld. Er ist drauf und dran, der erste Spieler zu sein, der in einer Saison mehr als 50 Prozent aus dem Feld, 50 Prozent von jenseits der Dreierlinie und 90 Prozent von der Freiwurflinie trifft. Diese Potenz nutzen die Hawks, um Korver gezielt als Köder einzusetzen, um Platz für die eigenen Mitspieler zu schaffen.

Dabei läuft der Flügel um zwei oder drei Blöcke. Erscheint der Schütze aus dem Laufen an der Dreierlinie, laufen zur Zeit zwei oder drei gegnerische Verteidiger Korver an, um den Ball aus seinen Händen zu bekommen und den effektiven Wurf zu verhindern. Der momentan beste Shooter der Association zieht abseits des Balles mittlerweile fast so viel Aufmerksamkeit auf sich wie Dirk Nowitzki zu seinen besten Zeiten.

Al Horford und Paul Millsap gehören zu den unterbewertesten Vierern und Fünfern in der NBA. Beide füllen durch das selbstlose Spiel der Hawks die Statline nicht so wie andere Big Men der Liga. Allerdings verfügt kaum ein Team über zwei so vielseitige Akteure. Beide verfügen über ein Arsenal an Low-Post-Moves, können ihren Gegenspieler ins Face-Up zwingen, wenn sie einen Schritt zu weit raus machen und verfügen auch über einen akzeptablen Wurf aus der Distanz (Millsap hat sich sogar den Dreier angeeignet). Zuguterletzt finden beide fast immer den offenen Schützen und sind sicherlich solide Passgeber aus dem Low-Post.



Die Hawks nutzten diese Vielseitigkeit von Al Horford und Paul Millsap durch gezieltes Aufposten bis zur Perfektion. Mike Budenholzer predigt seinem Team deshalb ständig, dass die Wege der Verteidiger zu den Schützen nach einem Aushelfen im Post länger sind, als beim Blocken-und-Abrollen. Hinzu kommt auch hier wieder der hohe Basketball-IQ sämtlicher Akteure. Die Hawks bewegen sich ständig abseits des Balles, laufen in die sich bietenden Lücken und erkennen neue Spielsituationen. Das gute Ball-Movement trägt ihr übriges zur momentanen Situation bei.

Zwei Dinge bieten allerdings noch Grund zur Sorge:
1. Die Hawks bieten dem Gegner zu viele offene Dreier in den Ecken an, weshalb es nur eine Frage der Zeit ist, bis darunter die Defensive leidet. Zumal es in der Zone nicht besser aussieht, weil Atlanta über keinen guten Ringbeschützer verfügt und dadurch unterm Korb schlecht verteidigt.

2. In den Playoffs haben alle Mannschaften mehr Zeit, um sich auf die Hawks vorzubereiten. Zach Lowe warnte deshalb in seinem Podcast vor einer möglichen „Switch-Everything“ Taktik, durch die die Hawks weniger offene Würfe erhalten. Natürlich entstehen dadurch eigene positive Mismatches auf dem ganzen Feld, weil plötzlich kleinere Protagonisten größere Spieler verteidigen und umgekehrt. Allerdings ist der Kader der Hawks nicht darauf ausgerichtet, Mismatches effektiv auszunutzen (Korver, Sefelosha, Caroll). Umso wichtiger ist es deshalb, dass Al Horford sich bis zu den Playoffs wieder in seine bestmögliche Verfassung spielt, da er in Top-Form am ehesten solche Taktiken ausnutzen kann und der talentierteste Spieler der Atlanta Hawks ist. Andere Pseudo-Contender hätten allerdings gerne diese Sorgen.